Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Bauchschmerzen:
persönliche, politische, interkulturelle oder beziehungsmäßige?

von Renate Zwicker-Pelzer

Wie und welcher Art denn immer sie, die Bauchschmerzen, waren: in einer deiner vielen Umbruchsituationen begegneten wir uns zum ersten Mal.

Ich erinnere mich an eine Begegnung bei der Bundesstelle, wo du (nach Paulo Freire) zur Bildungsarbeit mit spanischen Gastarbeiterkindern gerade eine eindrucksvolle gebundene Ausgabe veröffentlicht hattest. Über diese Begegnung entstand ein fachlich wie menschlich interessanter Kontakt. Bald blühte uns das erste gemeinsame Seminar der Europäischen Freire-Arbeitsgemeinschaft in der Jugendakademie Walberberg. Mit Veranstaltungstiteln wie "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans doch noch" und "Du weißt mehr, als du weißt" wirbelten wir die gemäßigt angepassten TeilnehmerInnen auf aus manch einer persönlichen und politischen Schläfrigkeit.

Dein didaktisches Mittel funktionierte super: Kodierungen in Geschichten, Dekodierung einzeln und in der Gruppe. Mal waren es die "Parabel der Enten", mal die "Geschichte zu den Bauchschmerzen". Die letztere ist auf 1978 als Entstehungsjahr datiert.

So fanden unsere dichtesten Begegnungen zwischen diesem Jahr und 1983 statt; meine Familiengründungsphase verlief ziemlich zeitgleich mit der deinigen; wir lernten Tine kennen und hatten nach Eurem Wechsel nach Spanien zwischendurch und sporadisch gemeinsamen Kontakt halten können.

1994 begegneten wir uns in den jeweils neuen beruflichen Rollen: du als Hochschullehrer, ich als Hochschullehrerin beim European Social Work Symposium in Bournemouth/England. Diesem neuen und sehr anderen Kontakt folgten weitere kollegiale Treffen. Insgesamt dürfte unsere Kontakt-Geschichte so 20 bis 25 Jahre zusammenbringen, immerhin ein Drittel deiner Lebensgeschichte.

Für diese Festschrift habe ich die "Geschichte der Bauchschmerzen" suchen und finden können. Mit einer hohen Sensibilität beschreibst du die sehr persönliche Dimension von Leiden und die akribische Sehnsucht und Suche nach verbesserten Lebensumständen; vom Elend der "Pädagogen" oder "Helfer", Menschen vom Guten und Lebenswerten mehr oder weniger überzeugen zu können. Das Verhaftetsein von Menschen in gesellschaftlichen Verkettungen und oft seltsamen kollektiven Meinungsbildungsprozessen wird darin sehr deutlich.

Jesús Hernández, Mai 1978

Die Bauchschmerzen

Es drängt mich schon lange, die Geschichte jenes Stammes zu erzählen, der im Urwald wohnte, umgeben von stämmigen Fruchtbäumen, reich an Gewässern, Hölzern und Edelsteinen. Mitten in ihrer Siedlung sprudelte die Quelle, aus der alle frisches Wasser schöpften. Die Quelle war für die Einwohner des Urwaldes so etwas wie ein Denkmal ihres Reichtums und des Lebens geworden. Die Nahrung war für sie ein ständiges Geschenk der Natur. Ihre Beschäftigung war Fischen, Jagen und Wetteifern. Dafür war es notwendig, körperlich auf der Höhe zu sein, kräftige Muskeln und schnelle Reaktionen zu besitzen, die Kunst des Speerwerfens und des treffsicheren Bogenschießens zu beherrschen, flinke Beine zu haben.

Wer dieser körperlichen Verfassung nicht entsprach, musste ein langweiliges ausgestoßenes Dasein fristen. Am schlimmsten betroffen waren diejenigen, die an Bauchschmerzen litten. Bauchschmerzen haben, bedeutete Verkümmerung aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Wenn es anderen Stammesangehörigen bekannt wurde, dass jemand von diesem Bauchleiden befallen war, musste dieser mit den höchsten Strafen des Stammes rechnen. Es gab sogar vom Stamm auserwählte Männer, die das Urteil der Verbannung aussprachen in Fällen, die besonders offenkundig geworden waren. Und die Frauen, die sich regelmässig zum Stammesklatsch trafen, wussten genau, bei welchen Einwohnern Anzeichen der Krankheit erkennbar wurden.

Es gab bestimmte Merkmale, auf die besonders geachtet wurde: So waren Verlangsamung beim Aufstehen, gebeugter Rücken beim Gehen oder Spielen, blasses Gesicht und lautes Sprechen beim Träumen deutliche Beweise für das Vorhandensein der Krankheit. Es gab manche Einwohner jenes Stammes, die ein feinfühliges Gespür zur Wahrnehmung des Leidens entwickelt hatten. Auf diese wurde besonders gehört, denn Bauchschmerzen zu haben hieß bei jenem Stamm Schande und Makel.

Die Krankheit war allerdings weiter verbreitet, als man gerne zulassen und zugeben wollte, und die ganze Anstrengung des Stammes ging dahin, mit allen Mitteln die äußeren Anzeichen des Leidens zu verbergen. So gab´s manche kranke Bewohner jener Siedlung, die raffinierte Körperhaltungen einübten, bis es ihnen gelang, die normalen Bewegungen beim Fischen, Jagen und Wetteifern einzuhalten, so dass niemand die Krankheit zu erkennen vermochte. Es gab Volksrichter und Klatschweiber, gute Jäger und Fischer, die ständig von Bauchschmerzen geplagt waren. Aber keiner wusste davon, denn Bauchschmerzen zu haben hiess in jenem Stamm Schande und Makel.

Eines Tages kam aus dem Nachbarstamm ein Medizinmann, getrieben von der Nachricht der Bauchkrankheit. Es interessierte ihn überhaupt alles, was Menschen Schaden zufügt. Sein einziges Anliegen war die Beseitigung aller Krankheiten, die Menschen plagen, die sie in Krüppel verwandelten und sie zunichte machten.

Zunächst wurde er mit einem gewissen Misstrauen aufgenommen. Gab´s nicht genug Kranke in seinem eigenen Stamm? Und überhaupt: Sein Auftreten war so ganz anders, er benutzte andere Strauchblätter als Lendenschurz und die Säfte und Öle, die er aus Pflanzen und Kernfrüchten gewann, unterschieden sich doch etwas in der Dichte und im Duft von jenen, die von den Bewohnern der Siedlung zur Pflege und Stärkung ihrer Glieder verwandt wurden. Aber die Neugierde war größer als das Misstrauen und ... wer wusste, ob das neue Stammesmitglied dazu beitragen könnte, aus den Buschbewohnern einen Stamm heranzubilden, der an Geschick im Jagen, Fischen und Wetteifern alle anderen im Urwald überragte.

Der Medizinmann nutzte jede Gelegenheit, die sich ihm anbot, um sein Wissen und Können anzubieten. Den mit Pfeil und Bogen spielenden Kindern brachte er bei, wie sie aus großer Entfernung exakt zielen konnten. Solche Kinder unterschieden sich bald von anderen, die mehr sich selbst überlassen waren oder nach althergebrachter Weise mit Pfeil und Bogen umgingen. Bald wurde der Medizinmann auch von gestandenen Jägern und Fischern, von Volksrichtern und Frauen, die ihre Leistungen beim Wetteifern steigern wollten, aufgesucht. Es gab sogar welche von ihnen, die nachts zu ihm schlichen. Dies waren die Bauchkranken. Sie wagten sich nur nachts zu ihm, denn Bauchschmerzen zu haben hieß in jenem Stamm Schande und Makel. Die Zahl der heimlichen Besucher nahm ständig zu. Sie waren überhaupt diejenigen, die (bei) ihm die meiste Zeit in Anspruch nahmen, denn es waren sehr viele, die in jenem Stamm an Bauchschmerzen litten.

Der Medizinmann machte sich sehr viel Gedanken darüber, woher die Krankheit kommen könnte. Gedanken machte er sich, denn darüber sprechen durfte er nicht. Jeder Kranke verbot ihm nach seinem Besuch, darüber zu reden, denn Bauchschmerzen zu haben hieß in jenem Stamm Schande und Makel.

Eines Tages machte er eine Entdeckung. Es waren viele Jahre vergangen, Pflanzen hatte er nach giftigen Substanzen untersucht; Extrakte von würzigen Kräutern den Kranken gegeben; körperliche Übungen, Fasten und Geisterbeschwörung, alles half nur vorübergehend oder gar nicht. Aber jetzt hatte er es. Einige seiner Kranken wurden gesund. Es waren diejenigen, die nicht mehr das Wasser aus der geheiligten Quelle inmitten der Siedlung tranken. Die Krankheit wurde einzig und allein vom frischen Wasser verursacht, das aus jener Quelle sprudelte. Er war überglücklich, dies herausgefunden zu haben und mit seinen "Geheilten" plante er, statt der krankmachenden Quelle einen Brunnen anzulegen, aus dem der Stamm klares und heilsames Wasser schöpfen könnte. Dann und wann träumte er sogar von einem Stamm, dessen Gesundheit und Kraft im ganzen Urwald dank des heilbringenden Brunnenwassers gerühmt wurde. Jedem Kranken, der ihn heimlich aufsuchte, empfahl er, nicht mehr aus der Quelle zu trinken. Nur wenige befolgten seinen Rat, denn die meisten wollten ihm nicht glauben, dass es an dem Wasser lag, das aus der Quelle inmitten der Siedlung sprudelte. Nein, das Wasser durfte es nicht sein! Nein, das Wasser war es auch nicht! Volksrichter, Klatschweiber, geschickte Jäger und Fischer, die davon gehört hatten, hielten Rat. – "Unser Volk ist in Gefahr", sprachen sie, "wenn dieser Wahnsinnige weiter seinen Unsinn verbreitet. Er muss verbannt werden, bevor der Zusammenhalt unseres Stammes verloren geht. Er ist dem Wahnsinn verfallen."

Und so kam es: Die Kinder mieden ihn, die Kranken suchten ihn nicht mehr auf, Fischer und Jäger kehrten zu ihrer alten Technik des Speerwurfes und Bogenschießens zurück. Und mit den Bauchkranken nahm es kein Ende. Und wer der Krankheit verfallen war, musste mit dem Schlimmsten rechnen, denn Bauchschmerzen zu haben, hieß in jenem Stamm SCHANDE UND MAKEL.



Ressourcenorientierung und Entwicklungsorientierung: sich in Grenzen Raum geben!

Politisierte Enten, widerständige Enten, hierarchisierte bis angepasste Enten; davon handelt wiederum eine kleine Parabel – von dir geschrieben und 1977 veröffentlicht. Abgesehen davon, dass diese Entenwelt noch keinen Fernseher, Computer und andere lebenszeitfüllende Ablenker kannten, die Geschichte ist - heute neu gelesen - eine Chance, sich selbst neu zu orten und den ein oder anderen institutionellen wie gesellschaftlichen Freischwimmer zu machen.


 
 

Jesús Hernández, 1977

Parabel der Enten

  1. In einem kleinen Park wohnten einmal 10 bunte Enten. Sie hatten ihr größtes Vergnügen daran, in den drei kleinen Teichen, die ihre Vorfahren im Park ausgegraben hatten, tagsüber zu schwimmen, im Schlamm gründeln und mit ihren breiten Schnäbeln nach Schnecken, Würmern, Fröschen und kleinen Fischen zu suchen.

  2. Wenn sie dann vom Wasser müde wurden oder die Bäuerin Körner auf den Boden streute, watschelten die Enten zum hölzernen Stall, der mitten im Park stand.

    Der Park wurde von einem Bretterzaun umgrenzt. Wenn sie, was nicht oft vorkam, durch die Zwischenräume der Bretter hinauslugten, konnten sie einen Bach vorüberfließen sehen. Es gab sogar ein Parktor, durch das die Enten zum Bach gelangen konnten. Dahin gingen sie sehr selten und nur dann, wenn sie etwas brauchten, denn sie schämten sich etwas ihres unbeholfenen Ganges.

  3. Im Bach wohnten nämlich andere Enten, die sich selbst Bachenten nannten. Die Bachenten unterschieden sie äußerlich von den Parkenten eigentlich nicht. Sie waren selbst auch einmal Parkenten gewesen, hatten aber schon lange die Bachprobe überstanden.

    Die Bachprobe mussten alle Parkenten machen. Die Bachprobe war sogar sehr wichtig, denn dadurch entschied sich, ob eine Ente Parkente blieb, oder zur Bachente wurde.

    Wie schwierig die Bachprobe wurde, hing davon ab, wieviele Enten im Bach nötig waren. Die Bachenten führten nämlich ein hochorganisiertes Leben. Sie brauchten nicht mehr zu watscheln und viel weniger zu gründeln. Sie bewegten sich äußerst schnell mit Binsenbooten fort, die technisch perfekt gebaut waren. Zum Antrieb genügte die Strömung des Wassers und die Kraft des Windes.

    An den Ufern des Baches hatten sie ihre Würmer- und Froschzucht angesiedelt, die dank der Nahrung einer spezifischen Kombination von Bachpflanzen und Wurzeln sich so in Überfluss vermehrten, dass die Bachenten sich entschlossen hatten, die Überproduktion in Konservendosen zu lagern, ohne dass deswegen die Würmer und Frösche etwas von ihrer Frische und ihrem Geschmack verloren.

    Es gab sogar Bachenten, die nicht mehr im Bach wohnten, sondern sich frei im Fluss bewegten, der bekanntlich ins Meer mündete.

  4. Die Bachenten sprachen miteinander nicht mehr das eintönige "Quack-Quack" der Entensprache. Sie hatten so sehr die Entensprache entwickelt, dass die gewöhnlichen "Quack-Quack-Laute" selten vorkamen, und wenn, dann wohl mit dem spezifischen Akzent der Bachenten.

    Aber von all diesen Dingen hatten die 10 Parkenten eigentlich kaum eine Ahnung. Sie fühlten sich ziemlich wohl in ihrem Park mit den drei Teichen und dem hölzernen Stall.

    Sicherlich, im Winter waren Frösche und Würmer knapp, und wenn die Bäuerin mit den Körnern sparsamer wurde, musste manch eine Parkente hungern. Und dann diese eintönige "Quack-Quack"-Sprache ..., und immer der gleiche Zaun und die gleichen Teiche und die gleichen Parkenten. Dies alles machte das Leben im Park schon schwer. Und wenn es im Frühjahr nicht genug regnete, machte das Schwimmen im seichten warmen Wasser überhaupt keinen Spass.

    Um all diesen Nachteilen zu entgehen, hielten die Parkenten Rat und überlegten sich, wie sie ihr Leben etwas abwechslungsreicher gestalten könnten.

    So kamen sie auf die glorreiche Idee, Bachenten anzusprechen, die ihnen in wichtigen Lebensfragen Rede und Antwort stehen sollten. Sie legten ein paar hochaktuelle Themen fest:

    - "Wie man von einer Parkente zur Bachente werden kann?"
    - "Was gibt es hinter dem Zaun?"
    - "Ist das Überleben der Entenrasse durch Würmer- und Froschzucht gefährdet?"
    - "Ist das Watscheln und Gründeln noch modern?"

    Von den 10 Parkenten wurde eine dazu bestimmt, qualifizierte Bachenten für die Themen zu gewinnen, einen entsprechenden Raum im Park für die Zusammenkünfte zu finden und evtl. andere interessierte Parkenten aus der Nachbarschaft dazu einzuladen.

    Die beauftragte Parkente wurde ab sofort Oberparkente genannt. Sie nahm ihren Auftrag sehr ernst. So kam es, dass die Bachenten über die verschiedenen Themen mit viel "Quack-Quack" grosse Laute von sich gaben, bei denen die Parkenten manchmal Schwierigkeiten hatten, ihr gewöhnliches "Quack-Quack" herauszuhören.

    Aber trotzdem fanden sie es abwechslungsreich und sahen drin eine Möglichkeit, von Dingen zu hören, zu denen eine Parkente eigentlich nicht kommt. Sie freuten sich auch darüber und fanden es nett, sich bei dieser Gelegenheit wiederzusehen.

  5. Sicher gab es im Laufe der Zeit Parkenten, die zu den Zusammenkünften nicht mehr kamen, die keine Zeit mehr hatten.

    Es gab sogar welche, die heimlich Bachenten am Zaun trafen und gemeinsam den Zaun einzureissen versuchten.

    Manche Parkenten aber nahmen regelmässig teil und gaben in den Diskussionen den Bachenten tüchtig kontra.

    Auf diese Getreuen war die Oberparkente besonders stolz und sie verstand nicht, warum eigentlich manche Parkenten nicht mehr kamen.

    Dass manchmal die Bachenten schwer zu verstehen waren, und dass im Winter die Nahrung in den Teichen noch immer knapp war, und im Sommer der Wassermangel das Schwimmen unmöglich machte – das gab sogar die Oberparkente zu. Aber trotzdem, - meinte sie – müsste man sich mit solchen Themen auseinandersetzen, wolle man nicht eine dumme Ente bleiben.

    So übersahen Park- und Bachenten, dass der Zaun nicht mehr so fest war, dass es in jedem Teich Würmer und Frösche gab, an manchen Stellen Binsen hochwuchsen, und dass die drei Teiche leicht miteinander zu verbinden wären, ja sogar, dass die Teiche an dem Bach anzuschließen wären, der bekanntlich in den Fluss fliesst, dessen Wasser ins Meer mündet.

(in: Jesús Hernández: Pädagogik des Seins, Lollar 1977 (vergriffen)



Mein Dank dir, Jesús, für viele wertvolle und kritische Diskurse, für freundschaftliche Verbundenheit.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!


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