Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Mein Weg mit Jesús

von Lothar Krapohl

Meinem Freund Jesús zum 60-Jährigen Geburtstag
mit den herzlichsten Glückwünschen
und den besten Wünschen für eine gesunde Zukunft.

Es waren zwei Systeme, in denen ich auf Jesús Hernandéz Aristu Anfang der 70iger traf:

Das erste System war die Regionalstelle Aachen. Im Rahmen meines Praktikums, das ich dort, bzw. am Katholischen Bildungswerk als angehender Sozialpädagoge absolvierte. Ich wirkte mit bei den von Kuni Bahnen initiierten und gemeinsam mit Jesús konzipierten Elterntrainings nach Thomas Gordon. Hier fiel mir dieser charismatische Spanier zum ersten Mal auf und faszinierte mich mit seiner scheinbar spielerisch-leichten Art und Weise, auf Menschen zuzugehen und mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Das zweite System war die Hochschule. Hier entwickelten sich – wie sich später zeigen sollte – die intensiveren Begegnungen ab 1974 im Rahmen unseres gemeinsamen Diplompädagogik Studiums an der Pädagogischen Hochschule Rheinland in Aachen, die noch im Laufe unseres Studiums zum Fachbereich 9 der RWTH wurde. Hier stritten wir uns gar trefflich in den so genannten Oberseminaren bei den Professoren Pöggeler und Leirman und philosophierten über den Sinn des Lebens, die gesellschaftspolitische Relevanz von Bildungsarbeit und eine wirklich emanzipatorische Didaktik der Erwachsenenbildung. Es waren die Nach-68iger Jahre, eine hoch politisierte Zeit! Wir wollten selbstverständlich die Welt verändern, verbessern, neu gestalten.

Let's make the world a better place! So dachten wir. Da wir beide parallel zu unserer jeweiligen Berufstätigkeit in der pastoralen und andragogischen Arbeit tätig waren, konnten die sauberen theoretischen Konzepte immer direkt in der schmuddeligen Praxis überprüft werden. Eine wichtige, viel diskutierte, gemeinsame Leitfigur zu jener Zeit war Paulo Freire mit seinem Konzept einer emanzipatorischen Bildungsarbeit und den faszinierenden Erfolgen in der Alphabetisierungsarbeit in Lateinamerika.

Als dann 1977 das vielbeachtete Buch von Jesús "Pädagogik des Seins – Paulo Freires praktische Theorie einer emanzipatorischen Erwachsenenbildung" erschien, waren wir als seine KommilitonenInnen stolz darauf, einen so berühmten Menschen unter uns zu haben.

Überhaupt war es in unseren Breiten schon etwas besonderes, einen Menschen zum Freund zu haben, der J E S U S heißt. Rief man ihn in Aachen, so flogen die Köpfe der Passanten herum und man erntete verwunderte oder sogar blasphemische Blicke. Ganz anders als in Spanien: Ruft man dort z.B. im Fußballstadion laut "Jesús", dreht sich zwar auch die Hälfte der Zuschauer um, aber dort deswegen, weil diese Leute alle Jesús heißen – die andere Hälfte hört übrigens auf den Namen José!!!

Unvergessen bleiben auch die gemeinsam vorbereiteten und durchlebten aufregenden gruppendynamischen Leirmanseminare in Veurne und Wegberg.

Es war eine spannende Zeit, in der unsere Freundschaft über Dialog, Meditation und Kontemplation wuchs und wichtige Weichen für unsere Zukunft stellte.

Vertieft wurde unsere Beziehung dann in den nächsten Jahren durch die gemeinsamen Kurse und Urlaube im Heimatland von Jesús, in Navarra.

1979 startete Kuni Bahnen zusammen mit Jesús ein Bildungsseminar mit deutschen TeilnehmernInnen in Eguiarte in Navarra. Hier begegnete ich Jesús zum ersten Male in seinem Heimatland. Ich konnte einen deutlichen Temperamentszuwachs bei ihm verzeichnen und bekam über ihn Zugang zu Land und Leuten. Ich war so beeindruckt, dass ich im Jahr darauf eine 2 wöchige Fortbildung für ehrenamtliche MitarbeiterInnen in der kirchlichen Jugendarbeit im Rahmen meiner Tätigkeit als Bildungsreferent für Jugend- und Erwachsenenbildung der Region Aachen Stadt organisierte, geleitet von Jesús, Michael Teichert und mir. Es folgten viele weitere Kurse in Eguiarte in den nächsten Jahren sowie Seminare für StudentInnen der Katholischen Fachhochschule NW, Abteilung Aachen, an der ich dann inzwischen lehrte.

Unvergessen und unübertroffen waren dabei die Spanisch-Kurse, die Jesús frei nach Freires Alphabetisierungsmethode gestaltete. Sein Witz, Engagement, Temperament und pädagogisches Geschick kamen hier voll zum Tragen. Als gelehrige Schüler hingen wir an seinen Lippen und lernten eifrig, doch konnten wir es nicht lassen, das spanische "ce" oder "Z" (wie das englische "th" ausgesprochen) bewusst falsch zu pronounziieren, um dann treffsicher aus seinem Munde zu hören: "Määänschen!!! Ssssunge raus!!"

Wer Jesús richtig kennenlernen will, der muss es erlebt und überlebt haben, mit ihm – will heißen: unter ihm – zu kochen. Hier entstand damals die Idee zu dem noch nicht geschriebenen Buch: "Kochen mit Jesús, ein baskisch-narzistisch-tyrannisch-hysterisches Weltereignis! Ein Alptraum in nicht enden wollenden Akten, erlitten von Lothar Krapohl."

Mit der Rückkehr von Jesús in sein Heimatland entwickelten sich weitere vielfältige Kontakte. Die Kommunikationsanschlüsse bildeten nun Familie, Hauskauf in Navarra und der Neubeginn einer steilen beruflichen Karriere von der Universitätsschule zur Professur an der Universidad Publica de Navarra, Pamplona.

Die Unbeschwertheit unserer tiefen Begegnungen und Freundschaft der vergangenen Jahre wich nun mehr und mehr einer Freundschaft, die strenger, wissenschafts- und arbeitsbezogener wurde. Dennoch ließen wir uns den Spaß nicht nehmen. Wir reisten viel in Sachen Wissenschaft um die Welt, besonders seit dem TEMPUS-Projekt SWEEL, in das Heinz Kersting uns alle einband. Den Antrag hierzu hatte Heinz – wie könnte es anders sein - übrigens in unserem gemeinsamen Haus in Muez in Navarra geschrieben, das es ohne unsere Freundschaft als Initialzündung wohl nicht geben würde.

Gegenseitige Ermutigung, Förderung und Unterstützung verband und verbindet Jesús und mich, ob privat, bei unserer Hochschultätigkeit, unseren Gründeraktivitäten wie dem Institut IBS in Aachen und Mitxelena in Larraya, den zahlreichen internationalen Sozialarbeitssymposien, Jornadas de Supervision oder den entsprechenden Veröffentlichungen, um nur das Wichtigste zu nennen.

Das Wesentliche unserer Freundschaft lässt sich ohnehin nicht benennen, denn es ist all das, was hier beschrieben ist und gleichzeitig doch viel mehr; Freud und Leid, Fiestas, guter Wein und leckeres Essen, Jotas und encierro!

Es ist schon ein ansehnliches Stück gemeinsamen Weges, das ich mit Jesús zurückgelegt habe. Auf diesem Weg haben wir viel voneinander und aneinander gelernt und waren uns gegenseitiger Ansporn. Ich hoffe, dass sich unsere Wege noch oft kreuzen werden.

Cumple an(j)os, un abrazo muy fuerte, hasta la vista! Agur!


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