Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Schreiben als Theoriegenese
oder:
Vom Staunen über die Selbstverständlichkeiten der Anderen

von Heiko Kelve

Einleitung

Lutz von Werder und Barbara Schulte-Steinicke (siehe ganz aktuell dies. 2003), zwei Berliner Schreibforscher, führen seit einigen Jahren in jedem Semester eine hochschulübergreifende Ringvorlesung zum wissenschaftlichen Schreiben durch; im Sommersemester 2003 nannten sie ihre Vorlesung "lust & frust des wissenschaftlichen Schreibens". Mit diesem Titel klingt eine Methode an, die ich in diesem Beitrag bezüglich des wissenschaftlichen Schreibens stark machen möchte, und zwar die Inszenierung von Ambivalenz.

Bezüglich des Titels der genannten Ringvorlesung wird deutlich, dass es sich beim wissenschaftlichen Schreiben um einen ambivalenten Prozess handelt, der zugleich Lust und Frust erfahrbar machen kann. Wissenschaftliches Schreiben scheint in dieser Hinsicht etwas Zweischneidiges, Widersprüchliches, Janusköpfiges, kurz: etwas Ambivalentes zu sein. Es ist aus der Perspektive der Veranstalter der Ringvorlesung – so zumindest lässt der gewählte Titel der Veranstaltung vermuten – sowohl lustvoll als auch frustrierend. Das wissenschaftliche Schreiben ist also, wie möglicherweise die gesamte Wissenschaft, ein höchst ambivalentes Unterfangen. Diese These wird auch von Friedrich Nietzsche in Die fröhliche Wissenschaft (1882, S. 383, erstes Buch 10-12) vertreten, dort heißt es: "Vom Ziele der Wissenschaft. – Wie? Das letzte Ziel der Wissenschaft sei, dem Menschen möglichst wenig Unlust zu schaffen? Wie, wenn nun Lust und Unlust so mit einem Stricke zusammengeknüpft wären, daß, wer möglichst viel von der einen haben will, auch möglichst viel von der anderen haben muß – daß, wer das 'Himmelhoch-Jauchzen' lernen will, sich auch für das 'Zum-Tode-betrübt' bereit halten muß?'"

Nietzsche inszeniert hier die Ambivalenz, die Gleichzeitigkeit der Gegensätze, er meint, wer das eine haben will, die Lust, der muss zugleich, das andere, das Gegensätzliche, die Unlust, den Frust, akzeptieren, beides kommt gleichzeitig. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die Inszenierung solcher Ambivalenzen, solcher Gleichzeitigkeiten des Gegensätzlichen eine Methode für das wissenschaftliche Schreiben sein kann. Genauso wie die anderen Methoden, die Lutz von Werder in seinen Büchern vorschlägt (z.B. 1993; 2003), eignet sich diese Methode dazu, Ideen für wissenschaftliche Texte zu formen und zu strukturieren.

Ich werde in vier Schritten vorgehen, um die Methode der Ambivalenzinszenierung vorzuführen: Zunächst erzähle ich in einem ersten Schritt, wie ich zur Idee gekommen bin, die Inszenierung von Ambivalenzen als methodisches Prinzip meines wissenschaftlichen Schreibens zu wählen. Zweitens versuche ich zu verdeutlichen, dass die Inszenierung von Ambivalenzen eine bestimmte Haltung voraussetzt und diese Haltung verstärkt und vertieft: nämlich das Staunen über die Selbstverständlichkeiten der anderen. Drittens komme ich zurück zur Methode der Inszenierung von Ambivalenzen und stelle sie etwas genauer vor. Dazu werde ich eine kurze Geschichte der sozialwissenschaftlichen und sozialphilosophischen Inszenierung von Ambivalenzen erzählen. Schließlich möchte ich in einem vierten Schritt die Methode noch einmal knapp zusammenfassen.

1. Ambivalenz als zentrales Merkmal Sozialer Arbeit

Als ich 1996 anfing, mich mit dem Thema meiner Doktorarbeit zu beschäftigen, wusste ich zunächst nur, dass ich eine theoretische Arbeit schreiben wollte. Denn schon früh begann ich, mich für Theorien zu interessieren. In meiner Familie wurde ich von einem Bruder meiner Mutter, meinem Onkel Udo, sehr geprägt, der sich mit den unterschiedlichsten philosophischen, soziologischen und psychologischen Theorien beschäftigte und mich oft einlud, mit ihm zu diskutieren. Bei diesen Diskussionen ging es zumeist um die soziale Wirklichkeit des Landes, in dem wir lebten, um die Realität der DDR. Mein Onkel tat in unseren Diskussionen zumeist etwas, was ich damals noch nicht verstehen konnte, was mich mitunter auch wütend machte: Er blendete Sichtweisen ein, die normalerweise in der Welt, in der ich lebte, ausgeblendet waren, nämlich Sichtweisen, die die verdeckten Schattenseiten und Widersprüchlichkeiten des Systems vorführten, in dem wir lebten.

Spätestens, als ich einen von der marxistisch-leninistischen Philosophie durchtränkten Staatsbürgerkundeunterricht genießen konnte, wurden die Diskussionen mit meinem Onkel – auch in theoretischer und philosophischer Sicht – heftiger. Wir stritten uns beispielsweise über die vermeintliche Grundfrage der Erkenntnistheorie, ob nun die Materie oder das Bewusstsein primär sei. Ich konnte sehen und erleben, wie er den Kopf schüttelte und sich wunderte über meine Selbstverständlichkeiten und die meiner Lehrer und wie er das aufzeigte, was mir bis dahin eher verdeckt blieb.

In den Gesprächen mit meinem Onkel lernte ich also bereits eine Haltung kennen, auf die ich noch näher eingehen werde: die Haltung des Staunens über die Selbstverständlichkeiten der anderen. Vor allem aber erfuhr ich, welchen Spaß und welche Lust Theorien und theoretische Diskussionen bereiten konnten.

Deshalb war mir 1996 wahrscheinlich sehr schnell klar, dass ich eine theoretische Dissertation schreiben, dass ich theoretisches Denken in meiner Arbeit inszenieren wollte.

Nur, wie konnte ich dies tun? Hatten nicht bereits viele versucht, die Sozialarbeit theoretisch zu fundieren? Es gab bereits die unterschiedlichsten theoretischen Deutungen der Sozialen Arbeit – klassisch geisteswissenschaftliche, marxistische, kritisch-theoretische, kritisch-rationalistische oder systemtheoretische. Frustrierend erschien mir, dass diese Arbeiten zumeist nur von einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern oder Studenten gelesen wurden. Die Praxis blieb eigentümlich theorieresistent, ließ sich kaum verstören von Theorien. Die Sozialarbeitstheoretiker sind möglicherweise vergleichbar mit Philosophen, denen von Odo Marquart, selbst Universitätsprofessor für Philosophie, vorgehalten wird (vgl. Herwig-Lemp 2003, S. 16), dass sie sind wie Sockenfabrikanten, die Socken lediglich für Sockenfabrikanten produzieren.

Ich hatte zumindest den Anspruch, in meiner Dissertation theoretische Fragmente zu generieren, die auch dafür taugen sollten, der Praxis Brauchbares zu sagen. Aber wie war dies möglich? Auf jeden Fall schien mir, dass es nicht darum gehen durfte, eine neue Theorie der Sozialen Arbeit zu produzieren, die sich lediglich neben die anderen Theorieansätze gesellte, die eine neue Socke nur für andere Sockenfabrikanten anbot. Ich wollte etwas anderes machen, etwas, das imstande sein konnte, auch die Praxis konstruktiv zu irritieren.

In einer Zeit, in der ich mich mit dieser Frage herumschlug, und zwar im September 1997, nahm ich an einem von Prof. Dr. Heinz J. Kersting vom Institut für Beratung und Supervision Aachen (IBS) organisierten Workshop teil, den Prof. Dr. Hans-Christoph Vogel in Düsseldorf durchführte. Danach veränderte sich alles. Denn Vogel beeinflusste mich durch seinen Vortrag maßgeblich, plötzlich wurde mir klar, wie ich meine Arbeit schreiben wollte.

Er referierte über systemische Verfahren der Problemlösung in Organisationen und sprach sehr häufig von Paradoxien und Ambivalenzen. Zentral für systemische Verfahren der Problemlösung schienen paradoxe und ambivalente Prozesse zu sein, z.B., dass ein Ereignis in einer Organisation zugleich beides, zugleich Problem und Lösung sein könne. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los, ich hatte den Eindruck, etwas Entscheidendes über die Soziale Arbeit gelernt zu haben, obwohl Vogel kaum ausdrücklich über die Soziale Arbeit sprach.

Wenige Stunden später auf dem Rückflug von Düsseldorf nach Berlin glühte ich vor Aufregung, denn mir schien, dass ich nun gefunden hatte, wonach ich suchte: einen Grundgedanken für meine Dissertation. Ich entdeckte einen Gedanken, der – so schwebte mir vor – zugleich theoretisch und eminent praktisch war. Denn meine bisherige Praxis als Sozialarbeiter in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe sowie in der Sozialpsychiatrie ließ sich mit diesem Gedanken sehr genau auf einen Punkt bringen. Und dieser Punkt war die Idee, dass diese Praxis als höchst ambivalent beschrieben werden kann und dass es darauf ankommt, diese Ambivalenz – praktisch – auszuhalten und bestenfalls – theoretisch – zu reflektieren, durch das wissenschaftliche Schreiben zu inszenieren.

Ich wusste nun, wie ich meine Arbeit schreiben wollte, nämlich ausgehend genau von dieser Idee: dass die Soziale Arbeit eine Praxis ist, die von zahlreichen Widersprüchen und Paradoxien, von zahlreichen Ambivalenzen durchzogen wird. Ich hatte den Eindruck, die Ambivalenz ist das Wesensmerkmal Sozialer Arbeit.

Ich schaute mir an, was ich bis dahin bereits geschrieben hatte und sichtete erneut die Theorien, auf die ich mich bereits stützte. Deutlich wurde dabei einerseits, dass ich für meine Arbeit schon einige Texte verfasst hatte, in denen ich – zumindest implizit – sozialarbeiterische Ambivalenzen theoretisch reflektierte, dies konnte ich nun explizit tun. Andererseits schien mir, dass die Theorien Sozialer Arbeit, die mir bis dahin bekannt waren, eher versuchten, Eindeutigkeit zu erzeugen, dass sie auf die Vielfalt Sozialer Arbeit, auf die Heterogenität, Widersprüchlichkeit der sozialarbeiterischen Praxis mit dem Reflex reagierten, zumindest in der theoretischen Reflexion Übersichtlichkeit und Ambivalenzfreiheit zu erzeugen. Genau diese Strategie verabschiedete ich nun.

Eine auch praxistaugliche Theorie sollte meiner Ansicht nach die Praxis dort abholen, wo sie steht und vor allem diesen Standpunkt wissenschaftlich, theoretisch inszenieren, also die Ambivalenzen beschreiben und erklären.

Nachdem mir dies klar war, brauchte ich knapp ein Jahr, um meine Arbeit fertig zu schreiben (siehe dazu Kleve 1999). Nützlich war mir dabei eine Haltung, von der ich bereits sprach: die Haltung des Staunens über die Selbstverständlichkeiten der anderen. Diese Haltung möchte ich nun etwas genauer beschreiben.

2. Staunen über die (eindeutigen) Selbstverständlichkeiten der anderen

Während ich mich mit anderen theoretischen Ansätzen beschäftigte, diese untersuchte und rezipierte, fing ich an, mich immer stärker zu wundern. Ich wunderte mich darüber, wie Theorien die Vielfältigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Gegenläufigkeiten, Paradoxien, kurz: Ambivalenzen der Praxis Sozialer Arbeit ausblendeten und danach strebten, eindeutige Theoriegebäude zu errichten. Ich las nur an ganz wenigen Orten, z.B. bei Fritz Schütze (1992) und Albert Mühlum (1997), dass Sozialarbeit ein Geschäft sei, das von Ambivalenzen und Paradoxien durchzogen ist; und dort, wo dies geschrieben wurde, wurden (mit Ausnahme von Fritz Schütze, s.o.) – spätestens bei der Beantwortung der aktionalen Frage, was in der Praxis zu tun sei – Empfehlungen gegeben, wie die Widersprüche zu glätten seien, wie die Gegenläufigkeiten in Gradlinigkeiten überführt werden könnten.

Die Differenzen der Praxis, die in der theoretischen Reflexion aufschienen, sollten offenbar wieder in Identitäten überführt werden. So beobachtete ich in vielen Versuchen, Soziale Arbeit theoretisch zu fassen, ein Modell, das Theodor W. Adorno (1966) in seinem philosophischen Hauptwerk Negative Dialektik vorführt und kritisiert: das Differente, das Nichteindeutige als zu eliminierende Problematik zu bewerten und es dem angestrebten Identischen, dem Eindeutigen unterzuordnen. Ich jedenfalls versuchte, mich von einem Bewusstsein zu verabschieden, das Adorno (1966, S. 17) so beschreibt: "Das Differenzierte erscheint so lange divergent, dissonant, negativ, wie das Bewusstsein der eigenen Formation nach auf Einheit drängen muß: solange es, was nicht mit ihm identisch ist, an seinem Totalitätsanspruch mißt".

Daher begann ich, mich zu fragen, wie ich an die einheits- und identitätsorientierten Theorien anschließen und zugleich meine Distanz zu diesen kenntlich machen konnte. Allerdings wollte ich etwas vermeiden, was ich bei diesen Theorien oft entdeckte: eine vorlaute Kritik hinsichtlich konkurrierender Theorien und auch in Bezug auf die Praxis. Ich probierte, eine solche Kritik zur vermeiden, weil ich nicht vorhatte, ein Besserwissen zu inszenieren; vielmehr war es mein Anliegen, von diesen Theorien auszugehen, an sie anzuschließen. Denn ich fand durchaus viele interessante und sehr nachvollziehbare Gedanken in allen – auch sich gegenseitig widersprechenden – Theorieansätzen.

Da ich mich bereits sehr intensiv mit Luhmanns Systemtheorie beschäftigt hatte, war mir Luhmanns Haltung, um Theorie zu betreiben, bereits bekannt. Für Luhmann ist "[...] Theorie [...] die Kunst, aus Trivialitäten weitreichende Schlüsse zu ziehen". Er empfiehlt der soziologischen Theorie "ihre Distanz zur Gesellschaft weniger durch vorlaute Kritik und eher in der Form des Erstaunens über die Selbstverständlichkeiten der anderen zum Ausdruck zu bringen" (Luhmann 1991, S. 73).

Genau dies wollte ich tun: über die Selbstverständlichkeiten der anderen staunen und das, was für die Theorien, die ich rezipierte, normal, klar und eindeutig war bzw. von ihnen so gemacht, ja so zugerichtet wurde, vor dem Horizont des auch anders Möglichen, des Widersprüchlichen und Ambivalenten betrachten. Denn mir schien, wie gesagt, dass die Praxis alles andere ist als normal, klar und eindeutig. In der Praxis war das, was Theorien als wahrscheinlich, als normal hinstellten, höchst unwahrscheinlich und unnormal.

Theorierezeption hieß für mich ab jetzt, zwei Schritte zu gehen: erstens die Selbstverständlichkeiten der anderen aufzuspüren, über diese erst einmal zu staunen und zweitens diese Selbstverständlichkeiten mit ihren ausgeblendeten Seiten, mit ihren selbst erzeugten Blindheiten zu konfrontieren.

Inzwischen habe ich entdeckt, dass der erste Schritt meiner Theorierezeption, also das Prinzip des Staunens und Wunderns, das Grundprinzip jener Disziplin ist, welche die reflektierte menschliche Theoriesuche und -genese begründete: der Philosophie – zumindest aus der Sicht von Jostein Gaarder (1993), der in seinem Roman über die Geschichte der Philosophie Sofies Welt (S. 23) schreibt: "DIE FÄHIGKEIT, UNS ZU WUNDERN, IST DAS EINZIGE, WAS WIR BRAUCHEN, UM GUTE PHILOSOPHEN ZU WERDEN." Ich würde in Anlehnung an Gaarder sagen, dass die Fähigkeit, sich zu wundern, die Grundvoraussetzung ist, um überhaupt Theorie zu betreiben. Mit dieser Fähigkeit wird die Welt aus der Selbstverständlichkeit des Alltags gerissen und zu einer Welt, die (wieder) aus großen und neugierigen Kinderaugen gesehen werden kann.

Wer die Fähigkeit besitzt, sich über die Welt und vor allem auch über die Welt, die die anderen als selbstverständlich ansehen, zu wundern, zu staunen, der wird auch den Sinn ausbilden können, den der zweite Schritt der Theorierezeption und Theoriegenerierung – die Inszenierung der Ambivalenz – erfordert: den Möglichkeitssinn. Robert Musil (1930/42) beschreibt diesen Sinn in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften: "Wenn es aber einen Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen; sondern erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, wie es ist, dann denkt er nur: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein" (ebd., S. 16).

Mit diesem Möglichkeitssinn komme ich nun zum dritten Schritt, zur Methode der Inszenierung von Ambivalenz.

3. Methode zur Inszenierung von Ambivalenz

Die Methode, Ambivalenzen zu inszenieren, habe ich mit dem Schreiben meiner Doktorarbeit bezüglich der Entwicklung einer theoretischen Deutung Sozialer Arbeit angewandt. Für mich zeichnet sich Soziale Arbeit dadurch aus, dass sie ein praktisches Feld ist, über das kaum etwas Eindeutiges gesagt werden kann. Soziale Arbeit lässt sich jedoch, so meine These, brauchbar beschreiben, wenn die ambivalenten Pole der Praxis hervorgeholt und theoretisch erklärt werden. Dazu drei einfache Beispiele (siehe ausführlich zu einer Vielfalt sozialarbeiterischer Ambivalenzen in erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer sowie in sozial- und praxistheoretischer Hinsicht Kleve 1999):

Diese drei sehr verkürzt skizzierten Beispiele zeigen bereits, wie die Methode der Inszenierung von Ambivalenz praktiziert werden kann, indem nämlich in Theorien gängige Begriffe mit ihren Gegenbegriffen konfrontiert werden, um zu untersuchen, ob nicht zugleich auch die ausgeschlossenen Seiten der Begriffe, deren Negationen, passend sein könnten für eine Beschreibung.

Deutlich werden könnte hier auch, dass die Inszenierung von Ambivalenz mit der Dialektik verwandt ist. Denn es geht hierbei – wie in der Dialektik –, um die Darstellung von Begriffen und Gegenbegriffen, von Thesen und Gegenthesen sowie des Zusammenhangs der beiden entgegengesetzten begrifflichen Pole. Der Unterschied zur Dialektik liegt jedoch darin, dass auf die Synthese verzichtet wird, dass die Begriffe in ihrer Gegensätzlichkeit, in ihrer Ambivalenz gelassen, besser: gehalten werden. Philosophiegeschichtlich wird also nicht an eine Dialektik Hegels oder Marx' angeschlossen, sondern vielmehr an Nietzsche, der in Jenseits von Gute und Böse (1886, S. 17) bereits eine alternative Dialektik, eine Dialektik der Ambivalenz anklingen lässt, wenn er schreibt: "Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein".

Philosophisch wird eine solche Inszenierung von Ambivalenz spätestens von Adorno in seiner Negativen Dialektik (1966) wieder vorgeführt. Dort geht es um nichts Geringeres als um den Sturz der klassischen Identitätsphilosophie in Form der traditionellen Metaphysik. Aber selbst dieser Sturz bleibt ambivalent, bleibt zweischneidig, wenn Adorno ein Denken vorführt, das die Metaphysik nicht einfach abschaffen will, sondern dass "solidarisch [ist] mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes" (ebd., S. 400). Adorno rennt in seiner negativen Dialektik an gegen das identifizierende Denken; er versucht das Nicht-Identische, das sich der begrifflichen Subsumierung Entziehende zur Geltung zu bringen, es vor der Einverleibung durch die vereindeutigenden und verdinglichenden Begriffe zu retten. Das Ergebnis eines solchen Rettungsversuchs könnte die Ambivalenz sein: die wieder aufscheinende Zwiespältigkeit der Phänomene.

Derjenige allerdings, der als Erbe der kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer gilt, nämlich Jürgen Habermas, hat die negative Dialektik jedoch wieder in Richtung Synthesewunsch verlassen – was ich hier nicht ausführen kann (siehe dazu etwa den Streit zwischen Habermas und Lyotard und vgl. die Texte der Genannten in Welsch 1994). Erst die aktuellen Wortführer des legendären Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, an dem traditionell "kritische Theorie" betrieben wird, finden wieder zurück zur Inszenierung der Ambivalenz, zu einer negativen Dialektik. So schreibt Axel Honneth (2002, S. 9), dass man sich derzeit mehr und mehr vom Marxschen Konzept der sozialen Widersprüche, die (dialektisch) durch den gesellschaftlichen Fortschritt synthetisiert werden, verabschiede, und zwar zugunsten von Konzepten, die die Ambivalenzen gesellschaftlicher Entwicklung inszenieren. Damit schließt die kritische Theorie (endlich!, so könnte man aufatmend ausrufen) an aktuelle Entwicklungen der Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie an (siehe exemplarisch dazu zwei Studien, die explizit die Ambivalenz ins Zentrum des Interesses setzen: Junge 2000 und Jekeli 2002). Honneth (2002, S. 9) sagt selbst: "Seit Jahren schon scheint sich innerhalb der Soziologie die Tendenz abzuzeichnen, verstärkt auf Begriffe wie Ambivalenz, Gegenläufigkeit oder eben Paradoxie zurückzugreifen, um die neuere Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften zu deuten; wo heute nicht jene simplen Fortschritts- oder Verfallsmodelle vorherrschen, setzt sich unterschwellig das Bewusstsein durch, dass wir gegenwärtig nicht krisenhafte oder widersprüchliche Zuspitzungen, sondern höchst paradoxale Wandlungsprozesse beobachten können" (ebd.).

Besonders die Systemtheorie Luhmanns, aber vor allem der Diskurs der Postmoderne machen vor, dass heutige gesellschaftliche Entwicklungen brauchbar gedeutet werden können, wenn sie ambivalent oder paradox beschrieben und erklärt werden. So formuliert der bekannteste deutsche Philosoph der Postmoderne Wolfgang Welsch (1990, S. 192), dass die "Ambivalenz [...] das mindeste [ist], womit wir bei den gegenwärtigen Weltverhältnissen rechnen müssen". Davon ausgehend resümiert er, dass keine "Wirklichkeitsbeschreibung tragfähig ist, die nicht zugleich die Plausibilität der Gegenthese verfolgt" (ebd.). Dies hat insbesondere Jacques Derrida (z.B. 1972) mit seinen Dekonstruktionen seit Ende der 1960er Jahre vorgeführt. Dekonstruktion – das ist ein anderes Wort für die methodische Inszenierung von Ambivalenz; denn es meint das Einblenden dessen, was mit der Benennung durch bestimmte Begrifflichkeiten ausgeblendet wird, aber ebenso plausibel oder sogar plausibler ist, es meint eine "'Lektüre' der Welt, die das Ausgegrenzte wieder ans Licht bringt" (Engelmann 1990, S. 31). Die Dekonstruktion als Inszenierung von Ambivalenz bricht die Synthesen, die Eindeutigkeiten auf und versucht das hervorzuholen, was an Gegensätzen, Gegenläufigkeiten und Paradoxien durch Begriffe getilgt wird.

4. Inszenierung von Ambivalenz als Methode des wissenschaftlichen Schreibens – eine Zusammenfassung

Die Methode der Inszenierung von Ambivalenz kann jederzeit für das wissenschaftliche Schreiben genutzt werden. Sie ist jedoch besonders hilfreich, wenn man theoretisch arbeiten möchte. Theoretische Arbeiten gehen zumeist aus von anderen theoretischen Arbeiten, sie beziehen sich auf diese, setzen diese fort oder bieten alternative theoretische Blicke an. Die Methode der Ambivalenzinszenierung hat vor allem das Potenzial, alternative theoretische Deutungen zu produzieren. Sie ist genaugenommen eine Beobachtung höherer Ordnung, die beobachtet, wie andere Theorien beobachten und dann versucht, das, was diese durch ihre Begriffe nicht beobachten können, zu beobachten, einzublenden. Dabei werden vor allem zentrale Begrifflichkeiten beobachtet, Begrifflichkeiten, die wie selbstverständlich voraus- oder eingesetzt werden. Diese Begriffe werden mit ihren möglichen Gegenbegriffen konfrontiert, und es wird gefragt, ob nicht zugleich auch die Gegenbegriffe Brauchbares über das Thema aussagen, beschreiben und erklären können. Mit der Methode der Ambivalenzinszenierung oder der Ambivalenzreflexion kann in drei Schritten vorgegangen werden:

  1. Während der Lektüre von Texten, die Phänomene (z.B. der Praxis) beschreiben und erklären, die also Theorie betreiben, wird versucht, die scheinbar eindeutigen Selbstverständlichkeiten aufzuspüren und über diese zu staunen, sich über diese zu wundern.

  2. Nachdem die Selbstverständlichkeiten aufgespürt wurden, über diese gestaunt werden konnte, beginnt die Suche nach möglichen Gegenbegriffen zu den Begriffen der Selbstverständlichkeiten. Dabei geht es darum, alternative Begriffe, Gegenbegriffe aufzuspüren, die einblenden, was ausgeblendet wird. Schließlich sollen die Begriffe, die die Selbstverständlichkeiten der anderen beschreiben, aus dieser Selbstverständlichkeit entrissen werden, indem mit den Gegenbegriffen aufgezeigt wird, was sie ausblenden und was ebenfalls plausibel ist.

  3. In einem letzten Schritt erfolgt dann etwas, was in der Luhmannschen Systemtheorie funktionale Analyse genannt wird: die Gegenbegriffe werden zunächst in Szene gesetzt, und zwar als alternative, auch mögliche Beschreibungen derselben Phänomene der Begriffe, die die Selbstverständlichkeiten bezeichnen. Sodann wird eine alternative Erklärung des Phänomens unternommen mit Hilfe der Gegenbegriffe, und diese Erklärung wird neben die primäre Erklärung gestellt, beide werden schließlich miteinander verglichen. Dabei kann sich dann Unterschiedliches zeigen, z.B. die Komplexität der Welt, die Vielfalt der möglichen Beschreibungen und Erklärungen sowie ihre Konstrukthaftigkeit.


Literatur:

Adorno, Theodor W. (1966): Negative Dialektik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Gaarder, Jostein (1991): Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie. München/Wien: Hanser (1993).

Herwig-Lemp, Johannes (2003): Welche Theorie braucht Sozialarbeit, in: Sozialmagazin, Heft 2/2003, S. 12-21.

Honneth, Axel (Hrsg.) (2002): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.

Jekeli, Ina (2002): Ambivalenz und Ambivalenztoleranz. Soziologie an der Schnittstelle von Psyche und Sozialität. Osnabrück: Der Andere Verlag.

Junge, Matthias (2000): Ambivalente Gesellschaftlichkeit. Die Modernisierung der Vergesellschaftung und die Ordnungen der Ambivalenzbewältigung. Opladen: Leske + Budrich.

Kleve, Heiko (1999): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Aachen: Kersting.

Luhmann, Niklas (1991): Probleme der Forschung in der Soziologie, in: ders.: Universität als Milieu. Hrsg. von André Kieserling. Bielefeld: Haux, S. 69-73.

Mühlum, Albert u.a. (1997): Sozialarbeitswissenschaft. Pflegewissenschaft. Gesundheitswissenschaft. Freiburg/Br.: Lambertus.

Musil, Robert (1930/42): Der Mann ohne Eigenschaften. Erstes und zweites Buch. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt (1978).

Nietzsche, Friedrich (1882): Die fröhliche Wissenschaft, in: ders. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Band 3. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzioni Montinari. München: dtv (1988), S. 343-651.

Nietzsche, Friedrich (1886): Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, in: ders. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Band 5. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzioni Montinari. München: dtv (1988), S. 9-243.

Schütze, Fritz (1992): Sozialarbeit als "bescheidene" Profession, in: Dewe, B. u.a. (Hrsg.): Erziehen als Profession. Zur Logik professionellen Handelns in pädagogischen Feldern. Opladen: Leske+Budrich, S. 132-170.

Welsch, Wolfgang (1990): Ästhetisches Denken. Stuttgart: Reclam, S. 168-200.

Welsch, Wolfgang (Hrsg.) (1994): Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Berlin: Akademie.

Werder, Lutz von (1993): Lehrbuch des wissenschaftlichen Schreibens. Ein Übungsbuch für die Praxis. Berlin/Milow: Schibri.

Werder, Lutz von (2003): Creative Thinking. Die Ideenfabrik. Die effektivsten Denkmethoden großer Philosophen für Schule, Studium und Beruf. Berlin/Milow: Schibri.

Werder, Lutz von; Schulte-Steinicke, Barbara (Hrsg.) (2003): Die deutsche Schreibkrise. Empirische Umfragen von 1994-2002. Hohengehren: Schneider.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: September 2003


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