Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


Freundschaftliche Einredungen

Hans-Christoph Vogel zur Vollendung seines sechzigsten Lebensjahrs am 29. September 2002

in Liebe und Dankbarkeit gewidmet von Heinz J. Kersting

Es brauchte mehr als ein Jahr, bis ich an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach Christoph Vogel näher kennen lernte.

Die erste Zeit meiner Tätigkeit in Mönchengladbach hatte ich wie in einer Art Verbannung gelebt. Dabei konnte ich keinen dafür verantwortlich machen, hatte ich mir diese "Strafe" doch selber auferlegt. Meine vorige Hochschule, die Katholische Fachhochschule in Köln, hatte ich verlassen, weil ich mich in meiner Ehre gekränkt fühlte. So jedenfalls redete ich mir großspurig ein. In Wahrheit war es wohl eher eine Flucht gewesen und die Bewerbung auf eine Stelle am Fachbereich Sozialwesen in Mönchengladbach so etwas wie eine blanke Verzweiflungstat. In Köln, so schien es mir jedenfalls, gab es so etwas wie eine stillschweigende Übereinkunft der meisten KollegInnen, nicht mehr mit mir zu sprechen. Nur eine einzige, ältere Kollegin, - sie trug den schönen Namen Urlaub - , hatte sich geweigert, so erinnere ich mich voller Rührung, dieser Abmachung Folge zu leisten.

Warum ich für meinen Zustand in Mönchengladbach nicht die näher liegende Metapher von der Emigration oder wenigstens die des Exils gewählt hatte, kennzeichnet deutlich meine damalige Gemütsverfassung, suggerierte mir doch das Wort Verbannung immer noch die Möglichkeit einer Heimkehr - irgendwann. Ein Emigrant dagegen träumt nicht von Rückkehr, er versucht sich, in der neuen Welt einzurichten und das Beste aus seiner Situation zu machen.

Und eine neue, fremde Welt war für mich der Fachbereich Sozialwesen in Mönchengladbach: Die Kollegenschaft erlebte ich nicht einheitlich ausgerichtet wie an den vergleichbaren katholischen Einrichtungen in Köln und Aachen, wo ich vorher gelehrt hatte. Es gab in Mönchengladbach "linke" und andere Kolleginnen aller Schattierungen, die zusammen mit solchen, die der CDU nahestanden, Seminare durchführten. Es gab überzeugte Protestanten, die in ihren Kirchgemeinden als Predigthelfer Sonntag für Sonntag am Gottesdienst teilnahmen, so wie es überzeugte Katholiken gab, die in ihren Pfarrgemeinden Ämter innehatten, unter ihnen einen Priester mit ausgesprochen kirchenrevolutionären Ansichten, die ihm vermutlich an meinen bisherigen kirchlichen Arbeitsplätzen im frommen Aachen und im heiligen Köln das Lehren unmöglich gemacht hätten. Weiter gab es Atheisten, Agnostiker und Freidenker, Verheiratete, Geschiedene, Wiederverheiratete, Singles und sogar einige bekennende Schwule. Es herrschte dazu unter ihnen eine Vielfalt von Lehrmeinungen und Weltanschauungen. Was mich jedoch am meisten verwirrte, war, dass bei aller Verschiedenheit in den Ansichten die Menschen am Fachbereich sich in großer Toleranz begegneten. Das unterschied sich 1981 sehr von dem, was an anderen Fachbereichen Sozialwesen im Lande üblich war. Die konfessionellen Fachbereiche Sozialwesen waren einheitlich konfessionell katholisch oder evangelisch, die übrigen staatlichen zu meist einheitlich marxistisch ausgerichtet.

Ähnlich war es bei den StudentInnen. An der katholischen Fachhochschule war es z.B. üblich, dass die Mehrzahl der StudentInnen in kritischer Distanz zur katholischen Kirche stand. In Mönchengladbach dagegen war das Thema Religion und Kirche nicht negativ belegt und stieß sogar bei Kirchenfernen auf sachliches Interesse.

All das war neu für mich. Ich vermisste mein einheitliches katholisches Milieu, das Heinrich Böll zutreffend in seinen Romanen beschrieben hatte, und in dessen Mief ich mich bis dahin sicher und geborgen fühlte. Ich empfand mich wie ein Vogel, der aus dem Netz gefallen war. Ich beschloss darum, erst einmal vorsichtig abzuwarten, ob ich überhaupt in dieser fremden Welt Fuß fassen und heimisch werden würde.

So sah es in mir aus, als ich auf Christoph Vogel traf. Dabei waren wir uns schon oft über den Weg gelaufen und hatten uns freundlich gegrüßt, lagen doch unsere Büros auf demselben Flur Tür an Tür neben einander.

In Konferenzen tat sich der Kollege nicht groß hervor. Wenn er einmal das Wort ergriff, tat er es leise und mit Bedacht. Er gehörte nicht zu jenen, die sich aufspielten. Außerdem reizte mich sein Fach "Organisationslehre" nicht allzu sehr. Von Organisationen hatte ich aus gutem Grund die Nase – für immer, so meinte ich, - gestrichen voll.

So hätte es, was mich betraf, vermutlich noch Jahre in dieser distanzierten Freundlichkeit zwischen uns weiter gehen können, hätte nicht Christoph Vogel eines Tages den ersten Schritt getan und mich zu einer Tasse Kaffee in sein Büro eingeladen.

An dieses Gespräch erinnere ich mich heute, zwanzig Jahren später, noch ganz deutlich. Nach einigen höflichen Eingangssätzen stellten wir eine für unser beider Leben wichtige Gemeinsamkeit fest. Jeder von uns hatte in seine Familie eine Pflegetochter aufgenommen. Die Pflegetöchter bereiteten uns damals große Sorgen. In den nächsten Monaten bestimmten diese Beschwernisse unsere jetzt häufigeren Gespräche. Wir besuchten uns einander in Aachen und in Solingen in unseren Familien. Es blieb daher nicht aus, dass wir uns auch über unsere Arbeit unterhielten, denn wir waren Kollegen in derselben Organisation und waren uns schließlich an unseren Arbeitsplätzen begegnet.

Wir fanden auch hier gemeinsame Themen. Christoph Vogel ist ein vorzüglicher Kenner der Schriften von Niklas Luhmann. Ich hatte mich seit langem, vor allem seit dem Erscheinen des von Watzlawick herausgegebenen und kommentierten Buchs: "Die erfundene Wirklichkeit" mit den Kognitionstheorien des Konstruktivismus beschäftigt. Wir redeten uns heiß und tauschten unser Wissen aus.

Und wir beschlossen, gemeinsame Seminare zu veranstalten. Gesagt, getan, die Seminare fanden statt. Wir irritierten unsere StudentInnen mit unseren unerhörten Lehren und wurden von ihnen irritiert mit Einwürfen und durch Fragen. Wir lasen zusammen Luhmann, Maturana und Varela, von Foerster, Roth und Schmidt. Wir hatten den Eindruck, am Anfang einer neuen wissenschaftlichen Epoche zu stehen. Christoph Vogel produzierte damals fast täglich immer wieder neue Texte. Ich probierte in meinen Supervisionen die konstruktivistischen Gedanken aus und erlebte, wie es mir schon Jahre zuvor mit den Theorien von Paul Watzlawick und der Palo-Alto-Gruppe gegangen war, dass diese neuen konstruktivistisch-systemischen Ideen bei den PraktikerInnen sehr gut ankamen. Sie schienen brauchbar zu sein für die Analyse ihrer Situationen.

Wir ergänzten einander. Um uns herum sammelte sich ein Kreis von interessierten StudentInnen. Angesteckt von diesen Ideen machten sie uns auf Neuigkeiten in der systemischen und konstruktivistischen Welt aufmerksam und bereicherten uns sehr. Es war ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Manchmal schockierten die StudentInnen mit ihrer neu erworbenen Fähigkeit, die Welt aus der "Vogelperspektive" zu betrachten, unsere lieben KollegInnen, die uns spöttisch, zuweilen ärgerlich, zumeist aber liebevoll die "Konstruktivisten-Mafia" nannten. Wir hingegen liebten die doppeldeutige Metapher von der "Vogelperspektive", die mit Christophs Nachnamen verbunden ist, als Bezeichnung der "Beobachtung zweiter Ordnung" oder der "Kybernetik der Kybernetik". Einige dieser StudentInnen, Martin Dolinski, Sandra Hansen, Jana Kaiser, Ralf Klahre, Harald Maßen, Benno Stevens und Michael Zerkübel gaben 1994 sogar mit Christoph Vogel ein Buch: "Neue Sichten in Sicht. - Fragmente eines Perspektivenwechsels in der Sozialarbeit" im Verlag des IBS heraus. Viele von ihnen veröffentlichten später in Zeitschriften und Sammelwerken zu diesen Themen.

Als wir 1985 in Aachen das Instituts für Beratung und Supervision (IBS) gründeten, war Christoph Vogel von Anfang an in der Supervisionsausbildung als Dozent aktiv und lehrte die angehenden SupervisorInnen systemische Organisationsberatung.

Gerne erinnere ich mich an die gemeinsamen Block-Seminare für StudentInnen des Fachbereichs Sozialwesen, die wir in Bildungshäusern in der Eifel durchführten. Das Thema Organisation war mir allerdings auch damals immer noch nicht geheuer. Regelmäßig befiel mich an dem Tag, an dem die "Lehre von den Organisationen" auf dem Plan stand, eine Grippe, die schlagartig vorüber war, wenn am nächsten Tag in einem Planspiel die StudentInnen eine Firma gründen und ein Produkt herstellen sollten. Dass ich mich dem Thema Organisation später dann doch irgendwann einmal zuwenden konnte, verdanke ich ebenfalls Christoph Vogel. Er hat mich einfach eingeladen und mitgenommen, mit ihm für einen Caritasverband ein Organisationsentwicklungsprojekt durchzuführen. Die Projektgruppe veranstaltete ihre Workshops ebenfalls in einem Bildungshaus in der Eifel. Ich war von Stund an von meinen Grippeanfällen geheilt.

1989 wurde ich zum Gründungsvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) gewählt. Verbunden damit war, aus dem Nichts heraus eine Organisation zu gründen. Ohne die durch Christoph Vogel bewirkte erfolgreiche Heilung hätte ich eine solche Aufgabe erst gar nicht angepackt. Allerdings hätte ich diese schwierige Zeit ohne die Supervision, die Christoph Vogel mir für dieses Amt bereitwillig erteilte, nicht durch gestanden.

Um 1990 herum stieß zu unserer Gruppe als Dozent ein echter Luhmannschüler: Theo Bardmann. Inzwischen hatte der Fachbereich nach vielem Hin und Her einen Modellstudiengang eingerichtet. Dieser sah vor, dass in einer Schwerpunktveranstaltung drei Dozenten unterschiedlicher Fachrichtungen acht Unterrichtsstunden in der Woche ein ganzes Semester lang die StudentInnen zu einem Thema aus der Sozialen Arbeit belehren sollten. Was lag näher, als dass wir drei, Christoph als Organisationslehrer und -berater, Theo als Medienkundler und Soziologe und ich als Methodiker der Sozialen Arbeit und Supervisor, in jedem Semester den Konstruktivismus und die Allgemeine Systemtheorie an Themen der Sozialen Arbeit durch deklinierten und nach schauten, ob diese Theorien für die Analyse und die Praxis der Sozialen Arbeit brauchbar sind. Auf einer praktischeren Ebene versuchten wir demnach das durchzuführen, was Luhmann sich als Programm für die ausdifferenzierten Systeme der Gesellschaft vorgenommen hatte. Auf diese Art beschäftigten wir uns in einem Semester mit der Organisation der Jugendhilfe, in einem anderen mit dem Sozialamt bzw. dem Jugendamt, dann wieder mit der Heimerziehung, der Beratung, dem neuen Jugendhilferecht, dem Kulturwandel, den alten und den neuen Medien, der Inklusion und Exklusion in der Gesellschaft und in der Sozialen Arbeit usw.

Als Studienbuch für unsere StudentInnen gaben wir 1991 das berühmte "Lesebuch für SozialarbeiterInnen und andere KonstruktivistInnen. - Das gepfefferte Ferkel" heraus. Die erste Auflage wurde noch als Manuskript in der Hochschuldruckerei angefertigt. Eine verbesserte und im Format größere Ausgabe brachte der Verlag des Instituts für Beratung und Supervision in Aachen heraus. Dieses Buch erlebte viele Nachdrucke. Wie ich erst kürzlich erfuhr, wurde im letzten Jahr sogar ein Raubdruck hergestellt. Inzwischen hat dieses Lesebuch dem Internet-Journal für systemisches Denken und Handeln "Das gepfefferte Ferkel" seinen Namen gegeben. Zum ersten Jahresjubiläum dieses Internet-Journals wurde am 27. September 2002 auf der Webseite des Journals die Urfassung des "Gepfefferten Ferkels" kostenlos zugänglich gemacht. Wer sich die Mühe und die Freude macht, dieses bereits historische Buch wieder zu lesen, wird feststellen mit welcher Lust und Begeisterung die Autoren damals die neuen konstruktivistischen Ideen aufgenommen und für die Soziale Arbeit fruchtbar gemacht hatten. Das alles geschah zu einer Zeit, da diese Gedanken von vielen KollegInnen als ab-wegig bezeichnet und für ver-rückt gehalten wurden. Wir jedoch liebten unsere Verrücktheiten und begaben uns gerne auf Abwege – stets nach dem Motto, "wer auf Ab- und Umwege gerät, lernt die Gegend besser kennen".

Wir wollten jedoch nicht nur als die verrückten Ferkelbuchschreiber in die Wissenschaftsgeschichte eingehen, darum versuchten wir drei, auch seriös vor unseren KollegInnen zu erscheinen. Zusammen mit Bernd Woltmann-Zingsheim schrieben wir aus diesem Grund im gleichen Jahr das Buch: "Irritation als Plan. Konstruktivistische Einredungen". Dieses Buch fand in der systemischen Wissenschaft viel Anklang. Es wurde häufig darauf Bezug genommen und war ein wichtiger Impuls für die Praxis und die Theorie der Sozialen Arbeit. Heinz von Foerster schrieb uns aus dem fernen Kalifornien, dass er nach dem Lesen des Buches zu seiner Frau gesagt habe: "Da haben endlich ein paar Leute den Konstruktivismus zum Konstruieren benutzt."

Dieses Buch der Ferkelschreiber war der Beginn einer fruchtbaren Produktion von Büchern und Artikeln, die bis heute noch anhält und seit vorigem Jahr im Online-Journal ein weiteres, schneller zu bedienendes und im Vergleich zu jedem Printmedium bedeutend anschlussfähigeres Forum gefunden hat. Im ersten Jahr ihrer Existenz besuchten die "Ferkelwebseite" über 17.500 Besucher. Christoph Vogel tritt auf diesem Marktplatz tatkräftig als Autor auf und ist dem Internet-Journal ein wichtiger und kluger Beirat.

Etwa um die gleiche Zeit, als das Urferkel erschien, begannen die Heidelberger Familientherapeuten um Helm Stierlin, ihre großen konstruktivistischen Kongresse zu veranstalten. Wir fuhren mit unseren StudentInnen dort hin und erlebten unsere verehrten, konstruktivistischen "Heroen" von Foerster, Maturana, Varela, Luhmann, Ciompi, Roth, Schmidt, Simon u.a. life. Wir fühlten uns stolz als einen Teil dieser "systemic and constructivistic community".

1991 war auch hinsichtlich der konstruktivistisch-systemischen Praxis ein ereignisreiches Jahr. Die Europäischen Union bewilligte dem Fachbereich Sozialwesen zusammen mit der Universidad Publica de Navarra in Pamplona/Spanien die Durchführung eines großen TEMPUS-Projekts und förderte es finanziell äußerst großzügig. Das TEMPUS-Projekt SWEEL (Social Work Education on a European Level) hatte sich zum Ziel gesetzt, in Ungarn erstmalig in der Geschichte des Landes an einer Hochschule einen Studiengang für Soziale Arbeit einzurichten. Damit verbunden war, einen neuen Beruf zu konstruieren. SozialarbeiterInnen hatte es bis dahin in Ungarn noch nie gegeben. Ich wurde von meiner Hochschule zum Projektleiter ernannt. Das war für einen Konstruktivisten eine reizvolle Herausforderung. Meine KollegInnen und ich planten auf Anregung von Christoph Vogel, dieses Unternehmen als ein Handlungsforschungsprojekt im Stil einer systemischen Organisationsberatung durchzuführen. Wieder versicherte ich mich der Beratung dieses Vorhabens durch Christoph Vogel. Vor seiner Berufung an die Hochschule Niederrhein war Christoph Vogel nämlich lange Jahre hindurch freiberuflicher Organisationsberater in der Industrie gewesen. Wer also wäre besser geeignet, so glaubte ich zu recht, ein solches Großprojekt, wie es das TEMPUS-Projekt SWEEL war, beraterisch zu begleiten als er?

Christoph Vogel hat mich auch später stets bereitwillig beraten, z.B. als es darum ging, für eine Organisation in Wien und später im IBS eine Weiterbildung für Systemisches Projektmanagement zu entwickeln oder in den zahlreichen Organisationsentwicklungs-Projekten, die ich inzwischen durchführe. Er half mir mit der Beobachtung aus der "Vogelperspektive", meine eigenen Möglichkeiten zu vermehren.

Auf einer 14stündigen Bahnfahrt nach Budapest, wo Georg Nebel vom IBS, Christoph Vogel und ich für unsere ungarischen KollegInnen im TEMPUS-Projekt ein Seminar zum Sozialmanagement durchführen sollten, wurde die Idee geboren, für das Institut für Beratung und Supervision Aachen eine Ausbildung in systemischer Organisationsberatung zu entwickeln. Die Planungen wurden in den nächsten Monaten konkreter. Als vierte im Bunde konnten wir Brigitte Bürger (inzwischen Kemper-Bürger) hinzu gewinnen. Sie hatte mit Christoph Vogel beim Bundesverband der AOK Organisationsberatungsprojekte durchgeführt. Viele Stunden und Tage verbrachten wir von da an im gastlichen Hause Vogel in Solingen, freundlich bewirtet von Christophs Frau Ute. Das vogelsche Haus liegt am Ende eines Weges, der in einen verwunschenen Wald hineinführt. Dieser gehört zu einem Teil Christoph und seiner Familie. Wenn wir in Solingen zusammen kamen, lud uns Christoph oft, bevor wir mit der Arbeit begannen, ein, uns seine Neuerungen in Haus und Hof anzuschauen. Immer wieder überraschte er uns mit etwas Ungewöhnlichem, so waren z.B. ein neuer Erker effektvoll an-, ein Dachgeschoss architektonisch gelungen aus- oder ein interessantes Fenster eingebaut worden. Einmal zeigte er uns voller Stolz einen uralten Traktor, den er gerade erworben und eigenhändig repariert hatte. Er glaubte, ihn für seine Arbeit im eigenen Wald, gut gebrauchen zu können. Mit diesem Fahrzeug fuhr er sogar ab und an zum Einkaufen in die Stadt zum Staunen seiner verwunderten Mitbürger. Ein anderes Mal waren es die neuen Hühner, denen er einen wunderschönen Stall samt eingezäuntem Gehege gebaut hatte und unter denen später dann doch der Fuchs wütete. Immer wieder hatten wir Gelegenheit, neue schmiedeeiserne Kunstwerke, die Christoph in seiner Werkstatt hergestellt hatte, oder Utes künstlerische Töpferwerke zu bewundern.

In dieser herrlichen Umgebung entstand das Curriculum der ersten längerfristigen Ausbildung zur OrganisationsberaterIn, die in Deutschland stattfinden sollte. 1992 warben wir für den ersten Kurs, der 1993 mit 20 TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland (auch aus den damals neu hinzugekommenen Ländern der ehemaligen DDR) begann. Zehn Jahre leitete Christoph Vogel den Fachbereich Organisationsentwicklung am Institut für Beratung und Supervision in Aachen. In diesem Jahr (2002) übergab er die Leitung des Fachbereichs an seine Mitstreiterin Brigitte Kemper-Bürger. Christoph wird aber weiterhin, und wir hoffen noch lange, wie in den letzten 10 Jahren der Spiritus Rector unseres Teams sein.

Das Curriculum der Ausbildung zeigt deutlich Christoph Vogels Handschrift. Das geht bis in die Wortwahl hinein. So werden die Berater der angehenden OrganisationsberaterInnen, die die Projekte während der Ausbildung begleiten, nicht wie in anderen Organisationsberatungsausbildungen LehrsupervisorInnen genannt, sondern SeniorberaterInnen. Das entspricht der Ausbildungstradition der niederländischen, anthroposophisch-orientierten OrganisationsentwicklerInnen, wo Christoph Vogel vor Jahren sein Handwerk der Organisationsentwicklung gelernt hatte. Sie unterscheiden lernende JuniorberaterInnen, ausübende BeraterInnen und begleitende SeniorberaterInnen.

Die Ausbildung dauert gut zwei und ein halbes Jahr. Über diesen Zeitraum hinweg sind 37 Seminartage verteilt. Das, was diese Ausbildung am IBS vor allen anderen Ausbildungen auszeichnet, ist ihre Praxisnähe. Im ersten Jahr gründen die TeilnehmerInnen vier kleine Organisationsberatungsfirmen. Diese gehen auf den Markt und akquirieren ein Projekt. Das führen sie durch, jeweils begleitet und beraten von einer erfahrenen SeniorberaterIn. Im letzten Jahr der Ausbildung führt jede TeilnehmerIn allein oder mit andern ein weiteres Projekt durch; hierfür erhalten die TeilnehmerInnen in vier getrennten Gruppen durch jeweils ein Mitglied des Leitungsteams Seniorberatung. Dieses Projekt wird am Ende der Ausbildung schriftlich und mündlich dokumentiert.

Im Zentrum der Ausbildung stehen Verfahren und Methoden, die sich dadurch auszeichnen,

Das konstruktivistische Konzept, das vom Leitungsteam getragen wird, legt es nahe, Organisationen unter verschiedenen Bildern zu beschreiben. Diese Bilder können sich orientieren an den formalen Strukturen bzw. am Prinzip der Rationalität. Sie können sich aber auch auf die informalen Prozesse, auf die "Mikropolitik" und die "Spiele" hinter den Kulissen beziehen. Sie können Organisationen als "Kulturen" beschreiben, in denen Geschichten erzählt, Riten gepflegt und Mythen beschworen werden.

In der Ausbildung werden darum sowohl "klassische" Techniken der Erhebung und Aufbereitung von Daten sowie ihrer Darstellung eingeübt, z.B. Techniken der Befragung, Auswertung und Aufbereitung, wie "systemische" Techniken, die sich auf das Konstruieren und Neukonstruieren von Ordnungen beziehen, z.B. die holografische Analyse und die fraktale Irritation, das Szenario, die Konstruktion von Kausalstrukturen, das Arbeiten mit Metaphern und Geschichten, das zirkuläre Fragen oder das paradoxe Verschreiben.

Die Mitglieder des Leitungsteams haben in ihren eigenen und gemeinsamen Organisationsberatungsprozessen in Non-Profit-Organisationen erfahren, dass gerade in jüngerer Zeit diese Organisationen angehalten sind, ihre "Produkte" und die angestrebten Wirkungen ihrer Arbeit konkret zu benennen und zu verfolgen. Soziale Einrichtungen sehen sich einer Umwelt gegenüber, die stärker als zuvor vor allem solche Organisationen nach ihren Preisen und ihren Leistungen beobachtet, die sich über öffentliche Mittel finanzieren. Sie müssen darum, ihre Mittelverwendung möglichst transparent und überprüfbar gestalten. Die TeilnehmerInnen der Ausbildung sollen daher Grundlagen der Kostenrechnung, der Bilanzierung und der Finanzierung kennenlernen. Erst auf dieser Basis lassen sich dann auch Verfahren der Budgetierung, Steuerung (Controlling) und des Qualitätsmanagements daraufhin beurteilen, was sie im Rahmen einer Non-Profit-Organisation leisten können, die nur einen Teil ihrer Kriterien quantifizieren kann (und nicht alles, was sie messen könnte, messen will).

Beratungsarbeit muss sich an vielen Stellen darstellen, ihre Produkte ansprechend und anschaulich präsentieren. Dazu zählen Verfahren wie der Informationsmarkt, Visualisierungstechniken, aber auch EDV-unterstützte Techniken wie das Desktop-Publishing oder Programme, die statistische Auswertungen mit graphischen Darstellungsformen verbinden. Die TeilnehmerInnen, das ist Christoph Vogel stets ein Anliegen, sollen diese Techniken und Programme im Rahmen ihrer Projektarbeit nutzen lernen. Schon seit den ersten Ausbildungsgängen geschieht z.B. ganz konsequent die Kommunikation der TeilnehmerInnen zwischen den Kursabschnitten per Internet.

Das Seminar als Organisationsberatungsausbildung beschäftigt sich mit der Organisation der Umorganisation, d.h. mit den organisatorischen Fragen der Gestaltung des OE-Prozesses, mit der zeitlichen Strukturierung des Ablaufprozesses, mit der Errichtung von Steuergruppen, mit dem Kontrakt zwischen Berater und Organisationen, mit Formen der Zusammenarbeit zwischen externem Berater und internen Ansprechpartnern sowie der Honorargestaltung.

In den letzten zehn Jahren haben sich die Inhalte der Ausbildung häufig verändert. Christoph Vogel hat stets dafür gesorgt, dass wir im Leitungsteam die Inhalte immer wieder dem aktuellen Stand in der Wissenschaft und den Notwendigkeiten der Beratungspraxis angepasst haben. Zur Zeit (2002) werden in der Ausbildung folgende Inhalte behandelt:

Praktische Übungen in laufenden Projekten und Anwendungsbeispiele aus der Praxis vertiefen jeden inhaltlichen Baustein (vgl. www.ibs-entworld.de). Gerade im Erfinden und in der Adaption von Übungen ist Christoph Vogel besonders kreativ.

Die Konzepte, die in dieser Ausbildung wichtig sind, hat das Leitungsteam (Christoph Vogel, Brigitte Bürger, Georg Nebel, Heinz J. Kersting) in dem von ihm verfassten "Werkbuch für Organisationsberater" ausführlich dargelegt. Das Werkbuch haben die AutorInnen versehen mit Übungen, Methoden und Checklisten, so dass es zu einem praktischen Handwerkszeug für BeraterInnen wurde (vgl. www.kersting-verlag.de). Christoph Vogel hatte die Idee zu diesem Buch. Er war auch der Motor bei der Gestaltung und der Anreger für die Beiträge der KollegInnen. Inzwischen ist dieses Buch bereits über 5.000 mal verkauft worden.

Christoph Vogel hat einmal in einem seiner zahlreichen Aufsätze die menschliche Identität echt konstruktivistisch als eine "gelungene Selbsteinredung" bezeichnet. Christoph sind in seinem Leben viele brauchbare Selbsteinredungen gelungen. Diese waren zu meinen Selbsteinredungen zuweilen komplementär, meistens passend, stets jedoch bereichernd. Christoph ist ein wahrer Konstruktivist "an dem", wie es im Talmud vom wahren Israeliten heißt, "kein Falsch ist". Dazu ist er ein ausdauernder und genialer Berater, stets versehen "mit Nerven wie Drahtseile" und ein äußerst kreativer Wissenschaftler. Ein einfallsreicher Künstler und ein liebevoller Waldbauer. Ein sorgender Familienmensch und manchmal ein schweigender Einzelgänger. Ein treuer Freund und ein origineller Lehrer. Ein fleißiger Schriftsteller und ein ausdauernder Radfahrer, z.B. mit seiner Frau Ute von Solingen auf dem Jakobsweg bis nach Santiago de Compostella, das nur wenige Kilometer von Finisterrae, dem "Ende einer Welt" entfernt liegt, oder wenn er jährlich die Strecke nachfährt, die die Toure de France als die "Toure der Leiden" bezeichnet. Vermutlich hat er sich darum im Roussillon am Rand der Pyrenäen ein altes Haus ausgebaut, in dem stets ein fahrbereites Fahrrad auf ihn wartet.

Wahrscheinlich wird Christoph demnächst in diesem Lande, wo einst die Katherer lebten und deren Anschauungen von Gott und der Welt Christoph Vogel als Frühform des Konstruktivismus wissenschaftlich nachgewiesen hat, selbst ein Winzer im eigenen Wingert sein. Das wiederum wäre eine neue Selbsteinredung und dazu eine höchst gelungene, denn sagt nicht schon die hl. Schrift: "Der Wein erfreut des Menschen Herz"? Seine Lehrzeit als Weinbauer hat er jedenfalls während der diesjährigen Lese im Weingut des Nachbarn bereits begonnen und noch am Ende des Jahres wird ihn die Wein-Kooperative seines Dorfes als Mitglied aufnehmen.

Bald, so hoffen seine FreundInnen und KollegInnen, dürfen wir die Gläser erheben, in denen Christoph uns seinen selbstgezogenen Wein "Estagel – Jahrgang 200?" kredenzt.

Für heute und die Zukunft wünsche ich meinem herzensguten Freund eine starke Gesundheit, weitere Jahre gelungener Selbsteinredungen und mir fürderhin die große Freude seiner innigen Freundschaft.

Heinz J. Kersting


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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