Pastorale Begleitung und Supervision

Festvortrag anlässlich der Verabschiedung von Prof. Dr. Martha Fehlker am 22. Mai 2002, Abteilung Personlabteilung/Personalberatung, Münster

von Heinz Kersting (Juli 2002)

Prof. Dr. Martha Fehlker, seit der Gründung des IBS Dozentin in der Systemischen Supervisionsausbildung wurde am 22. Mai 2002 als Leiterin der Abteilung Personl/Personalberatung des Bistums Münster in den Ruhestand verabschiedet. Prof. Dr. Heinz J. Kersting vom Institut für Beratung und Supervision Aachen hielt den Festvortrag.

Liebe Martha, sehr geehrter Herr Generalvikar, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren.

Ich möchte meinen Vortrag beginnen mit zwei persönlichen Erlebnissen, die ich mit Martha Fehlker hatte, und die sehr viel über die Person aussagen, die wir heute hier in ihren Ruhestand verabschieden.

Die erste Geschichte handelt davon, wie ich Martha Fehlker kennen lernte. Vor etwa 23 Jahren leitete ich im Auftrag der Katholischen Fachhochschule NW in Kooperation mit dem BDKJ in Nordrhein-Westfalen eine längerfristige Weiterbildung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst. In der Weiterbildung ging es darum, die MitarbeiterInnen zur Praxisanleitung zu befähigen. Ich hatte für den letzten Kursabschnitt Prof. Dr. Dr. h.c. Louis Lowy von der Boston University gewinnen können. Doch leider wurde er kurz vor Kursbeginn schwer krank. Ich fühlte mich gezwungen, guten Ersatz für ihn zu finden, da die KursteilnehmerInnen sich sehr auf diesen bekannten Referenten gefreut hatten. Ich rief quer durchs Land meine Kolleginnen und Kollegen an, aber entweder konnten sie es so kurzfristig nicht einrichten oder sie trauten sich nicht zu, Prof. Lowy zu ersetzen.

Einer gab mir schließlich die Telefonnummer von Martha Fehlker mit dem Hinweis, dass das vermutlich der einzige Mensch in Deutschland sei, der wirklich kompetent für diesen Job wäre. Ich rief diese hochgelobte Kollegin an, schilderte ihr mein Anliegen. Sie freute sich ehrlich über die Anfrage, erzählte mir, dass sie eine Schülerin von Prof. Lowy sei, aber leider in der betreffenden Woche auch schon einen wichtigen Termin hätte. Da saß ich nun und überlegte, wie ich den Kursabschnitt selber gestalten und mit den Enttäuschungen der KursteilnehmerInnen umgehen würde. Während ich noch vor mich hingrübelte, ging das Telefon und Frau Fehlker rief an. Sie sagte: "Ich kann mir vorstellen, wie ihnen jetzt zu Mute ist. Ich hab’s mir überlegt, gestalten sie den ersten Tag. Ich kann es einrichten, zum zweiten Tag zu kommen." Diese kleine Geschichte macht deutlich, wie einfühlsam Martha Fehlker ist. Und wie geschätzt sie schon damals unter ihren KollegInnen war.

Die zweite Geschichte: Vor genau 17 Jahren hat Martha Fehlker in unserem Institut für Beratung und Supervision in Aachen damit begonnen über viele Jahre hinweg, einen wichtigen Teil der Supervisionsausbildung zu übernehmen: Es handelt sich um den Teil, in dem es um das Lebensskript der angehenden Supervisorinnen und Supervisoren geht. Eine schwierige und wichtige Aufgabe. Es gelang ihr stets, den Lernenden dazu zu verhelfen, die eigene Lebensgeschichte, – selbst wenn sie noch so leidvoll oder verworren gewesen war, - sich aufzuschlüsseln und als wertvolle Ressource für die eigene Supervisionsarbeit zu verstehen. Sie war sparsam mit religiösen Ausdeutungen von Lebenssituationen, denn nicht alle unserer KandidatInnen kommen aus religiös geformten Lebensbezügen. Für mich, als einem der lange im pastoralen Dienst tätig gewesen ist, war Martha Fehlkers Vorgehensweise, so möchte ich es nennen: implizit pastoral geprägt, so dass es mich nicht verwunderte, wenn sich bei den TeilnehmerInnen in der Begegnung mit ihrem bisherigen Leben – in Leid und Freude – Heilung und Heil ereignete.

Seit mehr als dreißig Jahren ist die pastorale Begleitung aber auch explizit ihr Thema und ihre Aufgabe hier im Bistum Münster. Aus der dienstlichen Verpflichtung dieser Tätigkeit nimmt sie jetzt Abschied, und wir haben uns hier versammelt, um ihr für die geleistete Arbeit dank zusagen. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Martha Fehlker weiterhin mit vielen Menschen, die sich an sie um Rat wenden werden, die Weggenossenschaft teilen wird, die bisher zu ihren Pflichten gehörte. Denn aus der Pflicht des Dienstes am Glauben, der Mitarbeit an der Freude der anderen kann uns endgültig nur der Herr selbst entlassen.

Ich wurde gebeten, den Vortrag zu ihrem Abschiedsfest zu halten und ich fühle mich dadurch sehr geehrt. Ich habe als Thema etwas gewählt, für das - nach meiner Außensicht – Martha Fehlker während der letzten 30 Jahre ihres Berufslebens tatkräftig und unbeirrt eingestanden ist: Die pastorale Begleitung und Supervision.

Dass es für die Begleitung des pastoralen Dienstes, für die Menschen, die pastoral tätig werden, Anleitung, Ratgebung und Weiterbildung geben muss, war schon seit langem bekannt, dass aber gerade das Instrument der Supervision, das für ganz andere Arbeitszusammenhänge entwickelt worden ist, im Bistum Münster zu einem bedeutsamen Hilfsmittel in der pastoralen Begleitung werden sollte, haben wir Martha Fehlker zu verdanken.

Gewiss, es gibt inzwischen eine reichhaltige Literatur zur Supervision im Raum der Kirche. In den Niederlanden und der Schweiz bilden einige reformierte Kirchen aus dem pastoralen Personal MitarbeiterInnen zu SupervisorInnen aus. In Deutschland sind es das Bistum Münster und das Erzbistum Köln, die Ausbildungen zu SupervisorInnen im pastoralen Dienst anbieten und es ist Martha Fehlkers Tatkraft zu verdanken, dass die Münsteraner Supervisionsausbildung inzwischen als erster Masterstudiengang für SupervisorInnen in Deutschland an der Katholischen Fachhochschule NW in Zukunft weitergeführt wird. Manche deutschen Bistümer und evangelische Landeskirchen haben die Supervision als Instrument der pastoralen Begleitung entdeckt, aber es wäre übertrieben, Supervision in der Kirche als so selbstverständlich zu bezeichnen, wie sie es z.B. in den Bistümern Münster, Köln und Aachen ist. Es gibt immer noch Hierarchen und kirchliche Dienststellenleiter, die die Supervision mit äußerster Skepsis betrachten.

Für Münster trägst du, liebe Martha, das Verdienst, dass Supervision aus der pastoralen Begleitung nicht mehr weg zu denken ist. Sicherlich gehörten zum Erfolg die Bereitschaft und Aufgeschlossenheit der Vertreter der bischöflichen Kurie, aber ohne deine uns allen bekannte Beharrlichkeit und deine Fähigkeit, Menschen für etwas einzunehmen und zu überzeugen, wäre die Supervision in der pastoralen Begleitung des Bistums nicht so fest verankert, wie sie es nun schon seit Jahren ist.

In der Rückschau fällt es leicht, festzustellen, dass du die geeignete Person für diesen Dienst warst. Du kommst aus der Sozialen Arbeit, wo die Supervision am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist, weiter gehörst du der Generation von deutschen SozialarbeiterInnen an, die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland erstmalig zu SupervisorInnen ausgebildet wurden. Du bist die erste, die sich in Deutschland auch wissenschaftlich mit Supervision beschäftigt hat. Die erste deutsche Dissertation über Supervision stammt aus der Feder von Dr. Martha Fehlker.

Du bist keine studierte Theologin. Das hätte möglicherweise für die Implementation der Supervision im Feld der Pastoral ein Hindernis sein können. Vielleicht aber war das gerade von Vorteil. So brauchte keiner der männlichen Theologen, mit denen du in der Kirche ja reichlich zu tun hattest, auf seinem eigenen Feld mit Dir in fachliche Konkurrenz gehen. Wer sich aber auf dich einließ, - ich spreche aus eigener Erfahrung, - kam nach einiger Zeit nicht umhin, deiner Spiritualität zu begegnen, die aus tiefen Glaubensquellen gespeist wird. Die Konkurrenz erübrigte sich, und, so habe ich es immer wieder erfahren dürfen, ein sehr geschwisterlicher Umgang entstand zwischen dir und den Menschen.

Dieser Umgang zwischen den Menschen und dir spiegelt deutlich die wesentlichen Elemente wider, die meiner Meinung nach die drei wichtigsten sind für eine Supervision als Instrument der pastoralen Begleitung:

  1. Die fachliche Kompetenz, die bei dir vor allem gespeist wird aus der Sozialen Arbeit, in der die Supervision entstanden ist.

  2. Der geschwisterliche Umgang mit den Menschen, den du bereits in Deiner Familie erlernt hattest und in der Sozialen Arbeit vertiefen konntest.

  3. Die Spiritualiät, die aus dem Glauben lebt, und die bei dir, liebe Martha, vermutlich, - ich sage das ganz vorsichtig und ungeschützt, - in mystischen Tiefen wurzelt.

Zu 1.: Die fachliche Kompetenz

Die Supervision ist vor etwa 120 Jahren in den USA entstanden. Damals, am Ende des 19. Jahrhunderts, fand ebenfalls wie heute ein gewaltiger Wertewandel statt, der in seinen Auswirkungen den heute sich vollziehenden Veränderungen in nichts nachsteht. Die Opfer der industriellen Revolution waren mit den bisherigen Instrumenten karitativer, und das hieß natürlich freiwilliger, unbezahlter Hilfeleistung, nicht mehr aufzufangen. Es mussten neue Formen der Hilfe gefunden werden. Eine dieser Formen war die Soziale Arbeit. Zunächst versuchte man es auf den alten Wegen ehrenamtlicher Fürsorge, aber die zumeist überforderten freiwilligen Helferinnen brauchten Begleitung ihrer Arbeit und Unterstützung für ihre Motivation. Diese Anleiterinnen und Ermutigerinnen waren die ersten Supervisorinnen und sie waren zugleich die ersten professionellen, bezahlten, sozialen Hilfeleisterinnen in der Geschichte der Menschheit.

Wäre die Soziale Arbeit im deutschen Sprachraum zu Anfang des 20. Jahrhundert bereits so professionalisiert gewesen, wie sie es heute ist, hätte Sigmund Freud sie vermutlich auch unter die "unmöglichen Berufe" eingereiht, zu denen er damals das Erziehen, das Therapieren und das Regieren zählte. Denn ähnlich wie die Erzieher, die Therapeuten und die Regierenden können die SozialarbeiterInnen für ihr Handeln nicht von gesichertem Wissen ausgehen und auf effektive Methoden zurückgreifen. Kinder, Patienten, Staatsbürger und Klienten sind keine trivialen Maschinen, die auf Knopfdruck gewünschte Befehle ausführen, sondern hochkomplexe, nicht so einfach zu instruierende Wesen mit freiem Willen, die außerdem in pluralistischen und demokratischen Gesellschaften angehalten werden, ihrer Freiheit zu gebrauchen und auszuschöpfen.

Die soziale Arbeit jedoch war unter den "unmöglichen Berufen" die erste Profession, die zur Qualitätssicherung ihres professionellen Handelns die Supervision gezielt als Selbstreflexion in ihre Berufstätigkeit mit eingebaut hatte. Sie erfand damit, ohne dies damals schon theoretisch begründen zu können, eine Beobachtung der Beobachtung, eine Meta-Vision, eben die Super-Vision. Mit dieser Beobachtung, in der beobachtet wird, wie andere Beobachter beobachten, also wie Supervisanden ihre Klienten beobachten, die wiederum auf ihre je eigene Weise ihre Welt beobachten, hatten die Sozialarbeiterinnen (tatsächlich sind es in den Anfängen vor allem Frauen gewesen) eine selbstreferenzielle Schleife, eine Selbstreflexion in ihrem Beruf institutionalisiert. Das ist etwas, was heute ganz modern unter den Stichworten "lernende Organisation" oder "Wissensmanagement des intelligenten Unternehmens" diskutiert wird und als letzter Schrei der Organisationsberatung und des Qualitätsmanagements angepriesen wird. Manche Wissenschaftler (z.B. Theodor M. Bardmann, Heiko Kleve) gehen darum sogar so weit und nennen die Soziale Arbeit aus diesem Grund den ersten "postmodernen" Beruf. d. h. einen Beruf, der nicht mehr auf einem festen Kanon von gesichertem Wissen, Fertigkeiten und Spezialmethoden aufruht, sondern im kommunikativen Prozess Know-how und Strategien immer wieder neu erfinden muss. In der Sozialen Arbeit ist die Supervision zum wichtigsten Mittel für den Prozess eines ständigen Qualitäts- und Wissensmanagement geworden.

Inzwischen sind die meisten Berufe, was das angeht, in der "Postmoderne" angekommen und selbst zu "unmöglichen Berufen" geworden. Das gilt ganz besonders für die Berufe, die ausdrücklich mit Menschen zu tun haben. Und es trifft in vollem Maße auch für die pastoralen Berufe zu!

Die Kontexte für die Pastoral haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert und ändern sich immer noch. Ja man könnte sagen, das einzige was Bestand hat, ist die andauernde Veränderung der Welt. Schon vor zwanzig Jahren hatte z.B. die Prognosstudie 2000, die seinerzeit von den deutschen Wohlfahrtsverbänden bei einem Schweizer Forschungsinstitut in Auftrag gegeben worden war, das biologische Ende der deutschen Volkskirche für das Jahr 2013 vorausgesagt. Damals ahnten wir noch nichts von der Wiedervereinigung der beiden deutschen Landesteile. In Ostdeutschland existiert schon heute keine Volkskirche mehr und wir können dort studieren, was uns hier im Westen in absehbarer Zeit kirchlich bevorsteht. Es ist nicht möglich, dass wir uns als der "heilige Rest" in irgendein volkskirchliches Reservat zurückziehen, denn solche Reservate nach Art derer für Indianer, die vom Aussterben bedroht sind, wird uns die säkularisierte Gesellschaft kaum noch zugestehen. Dieser Rückzug ist uns außerdem von unserem Glauben her gar nicht gestattet, denn die Kirche ist das Heilszeichen Gottes, das als "lumen gentium", als Licht unter den Völkern aufgerichtet ist, und ein "Licht stellt man nicht unter einen Eimer ..." oder sperrt es in irgendwelche Reservate.

Pastoral muss schon lange viel mehr bieten als Sakramentenverwaltung. Die Erwartungen der Kirchenmitglieder haben sich verändert. Die Menschen suchen zwar immer noch nach Heil, Hilfe, Unterstützung und Trost. Aber sie wissen, dass ihnen mit Anweisungen nach dem Muster von richtig und falsch wenig gedient ist. Ihre Lebensumstände sind für allzu einfache Antworten meistens zu komplex geworden. Die Metapher vom Hirten, der seine Schäfchen weidet und Hirtenhunde ausschickt, um sie auf dem rechten Weg zu halten, ist unbrauchbar geworden, wenn auch das Wort "Pastoral" selbst noch daran erinnert. Eher ist die Metapher: "Wir sind das Volk...", selbstverständlich das Volk Gottes, der Situation angebrachter und dem 2. Vaticanum angemessener. Die etablierten Kirchen stehen außerdem in Konkurrenz mit vielen anderen, die sich den Menschen anbieten, sich um deren Seelen zu sorgen.

So ist heute auch die Pastoral zu einem "unmöglichen Beruf" geworden, der nicht mehr auf gesichertes Wissen und perfekte Methoden zurückgreifen kann. Die Pastoral braucht spätestens jetzt ebenfalls ihre reflexive Schleife.

Sie braucht Situationen und Orte, an denen die in der Pastoral Tätigen sich selbst und ihr Handeln reflektierend beobachten können.

Sie braucht Situationen und Orte, an denen sie das Handeln derjenigen, die pastorale Dienste in Anspruch nehmen, reflektieren können.

Sie braucht Situationen und Orte, in denen die in der Pastoral Tätigen ihre nähere Umwelt: die Gemeinde, das Bistum, die Weltkirche und das weitere Umfeld: die Kommune, das Land, die globalisierte Welt reflektierend beobachten können. In dieser Beobachtung können sie bisher brauchbares Wissen austauschen und sich gegenseitig erfolgreiches Handeln mitteilen; sie können aber auch alternatives Wissen erschaffen und neues Handeln planen; sie können sich wechselseitig ermutigen und für ungewöhnliche Situationen gegenseitig stärken.

Wie sehr die Supervision heute zum Instrument der Personalentwicklung, der Qualitätssicherung und des Wissensmanagement geworden ist, zeigt das Beispiel der Deutschen Flugsicherung, der Organisation, die dafür Sorge trägt, dass über Deutschland, dem überfülltesten Luftraum der Erde, keine Flugzeuge abstürzen. Die Deutsche Flugsicherung hat für jede ihrer Niederlassungen kaskadenartig, d.h. von der Chefebene durch alle Führungsebenen hindurch bis nach unten Coaching, – so nennen sie dort die Supervision, - vorgeschrieben. Als ich das hörte, dachte ich bei mir, dass das auch ein brauchbares Modell für das Bodenpersonal unseres Herrn sein könnte.

Zu 2.: Der geschwisterliche Umgang mit den Menschen

Die Geschwisterlichkeit ist für mich eine treffende Beschreibung für die Beziehungskonstellation zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen. Es geht nicht um eine Form der Über- und Unterordnung, sondern um die gemeinsame Suchbewegung im Reflektieren und Kreieren neuer Möglichkeiten. Es ist in der Supervision die Partnerschaftlichkeit angesagt, die der heilige Paulus in einem seiner Briefe an die Korinther anspricht, wenn er sagt: "Ich wollte mich nicht zum Herrn über euren Glauben aufspielen. Ich wollte vielmehr Mitarbeiter an eurer Freude sein."

Selbstverständlich gibt es in der Supervision unterschiedliche Rollenzuschreibungen. Der Supervisand hat die Rolle des Lernenden inne, er ist für sein Lernen selbst verantwortlich. Der Supervisor kümmert sich um das Herstellen einer geeigneten Lernorganisation, das ist seine Verantwortung. Modellhaft macht der Supervisor deutlich, wie er für sich und den Lernprozess Leitung übernimmt.

Die Didaktik der Supervision, die vor allem auf dem Beziehungsverhältnis von Supervisor und Supervisanden beruht, ist sehr gut erforscht worden. Zu keiner Lernorganisation liegen so viele Veröffentlichungen vor wie für die Praxis der Supervision. Darum möchte ich diesen Abschnitt nicht weiter vertiefen und komme zum dritten Punkt.

Zu 3.: Die Spiritualität

Für die Supervision in der Sozialen Arbeit ist es notwendig, dass die SupervisorInnen nicht nur etwas von Psychologie, Kommunikation und Beratung verstehen, sie müssen auch Feldkompetenz besitzen. Der Supervisor muss selbst ein Meister in der Sozialen Arbeit sein, und das heißt, er muss zu aller erst einmal für das Ausführen sozialarbeiterischer Tätigkeiten die dafür notwendige Haltung reflektiert und internalisiert haben. Die Ethik gehört in der Sozialarbeit unabdingbar zur Kompetenz des handelnden Sozialarbeiters. Ethik ist nicht etwas nachträglich hinzugefügtes. Das Handeln in der Sozialen Arbeit impliziert in jedem Fall Ethik. Darüber hinaus muss er Wissen besitzen über die Menschen, über Organisationen und die soziale Welt. Weiterhin muss er für die Ausübung seines Berufes über eine Vielzahl von Fertigkeiten verfügen. Gewiss sind diese ethischen Haltungen, das fachliche Wissen und die praktischen Fertigkeiten niemals abgeschlossen, denn die Welt ist zu vielfältig und komplex geworden. Der Supervisor muss fachlich versiert sein, er muss die Arbeit, die er in der Supervision berät, kennen und erfahren haben. D.h. er muss Feldkompetenz besitzen.

Als sich die Supervision in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zum Beratungsinstrument für alle möglichen Menschen in ihrer Arbeit, in allen möglichen und unmöglichen Berufen mauserte, da trat in der Reflexion der Supervision, in den wissenschaftlichen Untersuchungen und in Publikationen die Forderung nach Feldkompetenz für den Supervisor in den Hintergrund.

Dass SupervisorInnen eine Ethik brauchen, hat man inzwischen in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Supervision wieder entdeckt; dass Feldkompetenz ebenfalls von Nöten ist, wird erst zögerlich wieder zugegeben. Vielleicht bringt die Beschäftigung mit dem Coaching, so wird die Supervision in der Industrie und Wirtschaft inzwischen genannt, den Umschwung, denn dort wird vom Supervisor oder Coach ganz selbstverständlich erwartet, dass er Fachwissen hat von ökonomischen Vorgängen.

In der Supervision als Instrument der pastoralen Begleitung, so glaube ich, hat man nie vergessen, dass Feldkompetenz erforderlich ist. Wissen und Fertigkeiten in der Pastoral und die damit erforderlichen ethischen Haltungen sind notwendig, Supervision im Rahmen der pastoralen Begleitung durchzuführen. Mit Martha Fehlker halte ich die Spiritualität des Supervisors, der im pastoralen Feld Supervision erteilt, für unabdingbar. Sie ist seine wichtigste "Feldkompetenz". Erst die Spiritualität qualifiziert die Supervision in der pastoralen Begleitung zur pastoralen Supervision.

Sicher ist es notwendig, in der pastoralen Supervision die Kirche auch als eine Institution zu betrachten, die sich in vielerlei Hinsicht nicht unterscheidet von allen andern Organisationen dieser Welt. Gleichzeitig jedoch muss in die Beobachtung notwendiger Weise mit einbezogen werden, dass diese Organisation auch das sichtbare Heilszeichen unseres Herrn ist. Diese institutionelle Analyse, mag sie so kritisch sein, wie sie sein muss, hat sehr viel mit der spirituellen Seite des pastoralen Dienstes zu tun.

Gerade hier kann uns bei der Beobachtung die Fähigkeit der Unterscheidung der Geister sehr gut helfen. Die Umbrüche in der Organisationsstruktur der Kirche, die vermutlich in Zukunft noch weiter zu nehmen werden, machen Angst. Es ist längst nicht mehr so angenehm, wie früher "unter dem Krummstab zu leben", wie wir im Rheinland sagen. Die wirtschaftlich goldenen Zeiten sind wahrscheinlich endgültig vorbei. Supervision könnte ein geeigneter Ort sein, sich diesen Ängsten zu stellen, sie besprechbar zu machen, neue Sichten von der Kirche als Organisationssystem zu entwerfen und gleichzeitig zu überlegen, wie sie als Heilszeichen auch in dieser komplizierten Jetztzeit den Menschen nahe gebracht werden kann.

Sie merken, ich sehe keinen Gegensatz zwischen der der Supervision in vielen Publikationen zugeschriebenen institutionskritischen Funktion und der von mir für die pastorale Supervision als unabdingbar erachteten Spiritualität.

Nicht die möglichst perfekte Leistung und der Erfolg der Institution, unter Umständen auf Kosten des Einzelnen, und damit das bestmögliche Funktionieren des "Apparates" stehen in der Supervision im Mittelpunkt des Interesses, gefragt ist vor allem, welche Bedeutung und welchen Wert der einzelne Mitarbeiter in dieser Institution hat, und unter welchen Bedingungen er agieren muss. Und das gehört notwendig mit zum Thema Spiritualität, denn ein ausgebrannter, ressentimentgeladener Mitarbeiter wird wenig Spiritualität in seinem pastoralen Dienst ausstrahlen.

In meinen Supervisionen für Angehörige pastoraler Berufe im Bistum Aachen mache ich hier oft traurige, aber auch herausfordernde Erfahrungen. Viele Priester, die seit einiger Zeit für mehrere Pfarreien zuständig sind, fühlen sich zerrieben zwischen den vielfältigen Ansprüchen, die an sie heran getragen werden. Sie sind im geistlichen und oft sogar in ihrem physischen Überleben gefährdet. Die PastoralreferentInnen und GemeindereferentInnen halten sich oft abseits, vielleicht aufgrund der halbherzigen Beauftragung seitens der kirchlichen Obrigkeit. Irgendeine Nische findet sich immer noch für sie in der Kirche. Ich beobachte, dass sich nur wenige Priester wehren. Die große Mehrzahl zeigt inzwischen kein besonderes Engagement mehr. Sie beschränkt sich auf das Unvermeidliche. Ihr Bewusstsein ist von Loyalität bestimmt, die auffallend müde, bestenfalls bemüht, selten mit Begeisterung daherkommt: So als ob in der Tiefe längst ein anderer Geist das Steuer führt. Es ist als glaubte der Klerus selbst nicht mehr daran, dass Hingabe an die Kirchenleitung ihn dem Göttlichen näher bringen werde. Dabei sind die Mitglieder der Kirchenleitung selbst in keiner beneidenswerten Situation, sind sie doch häufig genug gezwungen, den Mangel zu verwalten.

Ich erlebe dagegen aber auch, wenn ich in der pastoralen Supervision einen Ort anbiete, in dem diese Probleme offen angesprochen werden können, in dem ein Ausruhen und Atemholen erlaubt ist und in dem die eigene Befindlichkeit im Lichte des Glaubens angesehen werden darf, dass oft eine neue Sorge um den Erhalt oder die Wiedergewinnung der eigenen Spiritualität entsteht. In solchen Situationen ist es notwendig, dass ich mich als Supervisor nicht verstecke, sondern meine eigen Spiritualität mit einbringe, auch auf die Gefahr hin, dass sie selbst auf den Prüfstand gestellt wird. Was meine Spiritualität angeht, bin ich kein Meister, der um den Weg des Heiles für die SupervisandInnen weiß. Ich versuche geschwisterlich ein Bruder zu sein und werde zum Mitlernenden im Angesichte eines größeren, der der einzige Meister ist und in dessen Namen wir auch in der pastoralen Supervision zusammen sind.

So wird die pastorale Supervision für mich immer mehr zu einem Ort, an dem Menschen sich gegenseitig helfen können, für ihre Seelen zu sorgen in schwerer und bedrängter Zeit. Auf diese Weise kann sie zum Ansatz für die Veränderung der Institution Kirche werden. Ich jedenfalls erlebe die Supervision im Rahmen der pastoralen Begleitung als einen der wichtigen und geeigneten Orte, wo Trauer und Verzweiflung erlaubt sind, Zuspruch und Ermutigung möglich werden und sich auch sichtbar Heil ereignen kann.

Dass ich diese Hoffnung nicht aufgegeben habe und mich auch weiterhin als pastoraler Supervisor herausfordern lasse, verdanke ich ganz besonders Martha Fehlker.

Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.


Autor

Dr. päd. Heinz J. Kersting

  • geb. 1937,

  • Studiengangsleiter des Masterstudiengangs

    Supervision der Evangelischen Fachhochschule

    Freiburg am Institut für Beratung und

    Supervision Aachen,

  • Prof. Emeritus der Hochschule Niederrhein,

  • Bacc. theol.,

  • Dipl.-Supervisor (FH),

  • Supervisor (DGSv, SG),

  • Lehrender Supervisor SG,

  • Balintgruppenleiter,

  • Groupworker AASWG,

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts

    für Beratung und Supervision und des Louis-Lowy-Instituts

    in Aachen,

  • Gründungsvorsitzender der DGSv,

  • Ehrenmitglied der Spanischen Gesellschaft für

    Supervision (ISPA) und der Deutschen Gesellschaft

    für Supervision (DGSv),

  • Träger des International Group Work Award 2003

    der Association for the Advancement of Social

    Work with Groups (AASWG),

  • Forschungs- und Publikationsschwerpunkte:

    Systemische Supervision und Organisationsberatung,

    internationale Sozialarbeit.


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


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