Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Ein Zufall und seine europäischen Folgen

von Jesús Hernández Aristu

Es geschah im Jahr des Herrn 1975. Der Verfasser dieser Zeilen hatte gerade sein letztes Diplomexamen in Aachen absolviert. Das musste gefeiert werden. Darum ging er mit einer StudentenInnenschar, um sich des Erfolgs zu erfreuen, in die sogenannte Aula Magna 2, d.h., in die der Pädagogischen Hochschule Aachen am nächsten gelegene Kneipe. Dort befand sich ein frisch gebackener Doktor, der das gleiche mit einer Gruppe Freunde machte. Sie feierten eifrig und lautstark. Was für ein Zufall!

Es gab einen gemeinsamen Freund, der uns gegenseitig vorstellte:

"Hier der frisch graduierte Herr Diplompädagoge Hernández" sagte er zu dem mir bis dahin unbekannten Herrn. "Hier der gerade promovierte Herr Dr. Kersting, 'Schang' nennen seine Freunde ihn", sagte der gemeinsame Freund sich an mich wendend. Ein Händeschütteln, ein Gläser-Anstoßen, ein formelles "Sehr-angnehm", dem ein ritueller Glückwunsch mit einem Prosit folgte. Danach ging jeder zu seiner Gruppe zurück.

Nur der gemeinsame Freund pendelte von der einen Gruppe zu der anderen hin und her. Kein Wunder, dass er sich im Laufe der Jahre zu einem hervorragenden und bekannten Groupworker entwickelte. Er musste sich eben schon frühzeitig mit Gruppen beschäftigen. In Kneipen und anderswo sorgte er sich um die Kommunikation der Menschen untereinander, vermittelte Bekanntschaften, machte Leute miteinander vertraut etc. Später hat er sogar die Katholische Fachhochschule für Soziale Arbeit in Aachen als Dekan geleitet, sein Name: Lothar Krapohl. Doch das ist eine andere Geschichte. Eine andere Geschichte? Nur teilweise.

Ich schaute ab und zu in die Richtung des frischgebackenen Doktors und sah, wie viele Menschen sich um ihn scharten und dachte im Stillen: Der muss schon etwas besonderes sein, wenn so viele Menschen sich um ihn sammeln und sich mit ihm freuen.

Inzwischen wurde die Wirtschaft immer voller, die Wirtschaft, sage ich ausdrücklich, nicht wir. Nicht, dass der Leser bzw. die Leserin zufälliger Weise auf dumme Gedanken kommen. Ich kann mich auf jedem Fall nicht daran erinnern, dass einer von uns "berauscht" gewesen wäre, und das dürfte kein Zufall gewesen sein.

Die Wirtschaft wurde schließlich so voll, dass man einzelne Gruppen nicht mehr unterscheiden konnte. Es war mehr eine Masse, wie es sich für eine Aula Magna gehört.

In vielen Märchen und Geschichten spielt der Zufall eine große Rolle. So war es auch der in der Geschichte, die ich Ihnen hier erzähle. Ich denke sogar, dass es ohne Zufälle kein Leben gibt. Ich bin im Laufe meines Lebens so weit in meinen Gedanken über den Zufall gekommen, dass ich behaupten möchte, die ganze Welt wäre ohne Zufall nicht einmal entstanden. Es wäre vielleicht eine andere Welt entstanden, aber nicht diese, die unsere. Doch ich will mich jetzt nicht auf das Gebiet der Spekulationen begeben, wie die Welt wäre, wenn es den Zufall nicht gäbe. Ich erzähle lieber über die viele Zufälle, die dazu führten, dass eine Verbindung zwischen unserer Universität in Navarra und der Hochschule Niederrhein zustande gekommen ist.

Im Jahr 1982 besuchte ich meinen Freund Lothar Krapohl in seinem Ferienort nicht weit weg von meiner Heimatstadt Pamplona. Wir verbrachten den Tag zusammen. Doch was für ein Zufall, unerwartet und unangemeldet - damals gab es keine Handies und der Ferienort verfügte über kein öffentliches Telefon - kreuzte der alte Schang wieder auf.

Wir mussten tief in unserem Gedächtnis suchen, um herauszubekommen, wann und wie wir uns zuerst und zuletzt gesehen hatten. Das zufällige Treffen wurde zu einer Begegnung im Sinne eines gegenseitigen "Berührt- und Erschüttertseins" (Bollnow, 1968)[1]. Viele Gemeinsamkeiten im Lebenslauf, viele ähnliche Interessen, viele geteilte Sorgen tauchten im Gespräch auf.

Aus dieser Begegnung wurden in den darauffolgenden Tagen mehrere Treffen, und eine Freundschaft bahnte sich an, die im Lauf der Zeit mehr und mehr wuchs und bis heute vertieft angehalten hat. Doch machen wir keine zeitlichen Sprünge. In den achtziger Jahren haben wir auf der persönlichen Ebene vielfach kooperiert. Ich habe mir sein Wissen und Können zu Nutze für unsere Situation gemacht: Sozialpädagogik, Supervision und andere Formen der Beratung waren in Spanien zu der Zeit meist noch unbekannt. Hier und da hatte man gerade begonnen, darüber zu reflektieren oder in der Praxis damit zu experimentieren. Man brauchte diesbezüglich Hilfe von außen. So trat Heinz Kersting öfters auf mehreren Bühnen auf. Er erzählte über den Weg Deutschlands, erläuterte Theorien, leitete Seminare, hielt Vorträge oder führte Workshops durch. ... Oft traten wir zusammen auf, manchmal nebeneinander, schon mal hinter einander, immer aber unterstützend, ausweitend, ergänzend.

Der Sprung von persönlicher Gegenseitigkeit zur institutionellen Partnerschaft unserer Hochschulen dauerte noch eine Zeit. Dafür mussten sich noch einige Zufälle ereignen.

Das Entscheidende geschah im November 1990. Ich war gerade im Oktober 1990 an der öffentlichen Universität von Navarra als Professor auf Probe angestellt worden. Ich sollte das Studium der Sozialarbeit an der Universität aufbauen. Die ganze Universität war damals eher ein Entwurf als eine konkrete Wirklichkeit. Der Campus war eine einzige riesengroße Baustelle. Ich selber musste mich auf meine Habilitation vorbereiten. Da kam ein Anruf von Heinz Kersting:

"Hier ist ein Gruppe aus Ungarn, die bittet, dass wir ihnen beim Aufbau des Studiums für Sozialarbeit und Sozialpädagogik helfen. Es gibt ein Europäisches TEMPUS-Programm zur Hilfe des Aufbaus des Hochschulwesens in den osteuropäischen Ländern. Doch in einem solchen Projekt müssen zwei europäische Hochschulen mitwirken, sonst gibt es kein Geld aus Brüssel, und ich denke, dass Ihr Spanier gerade ein gutes Beispiel dafür seid, wie man einen solchen Übergang schafft" und so weiter und so fort ...,

"Lieber Heinz. Ich kann jetzt aber nicht: Unsere Universität ist noch im Aufbau. Ich muss mich auf die Habilitation vorbereiten", gab ich spontan zur Antwort. "Ich will aber gerne mal in unserem Dekanat nachfragen, ob es für so etwas überhaupt ein Interesse gibt."

Zufälligerweise war unser Dekan gerade vom Rektor zum Beauftragten für Europäische Programme ernannt worden.

"Du musst das machen," gab er mir zur Antwort, als ich vom mit Ungarn geplanten TEMPUS-Projekt sprach. "Du kannst mit meiner persönlichen und institutionellen Unterstützung rechnen," sagte er.

Also, ab nach Mönchengladbach, um das Projekt gemeinsam mit den Vertretern des Fachbereiches Sozialwesen -  Prof. Dr. Heinz J. Kersting, Prof. Dr. Marlo Riege - und Prof. Dr. István Budai aus Esztergom in Ungarn vorzubereiten. Drei Tage völliger Klausur und das Projekt stand auf dem Papier. Alles andere war nur noch eine Frage der Zeit und der Behörden in Brüssel. Das Projekt wurde 1991 bewilligt und damit ein dreijähriges Miteinander nicht nur persönlich, sondern auch institutionell festgelegt.

Drei Jahre lang haben wir, nicht nur Heinz Kersting und ich, sondern eine ganze Reihe von KollegenInnen von den Hochschulen und aus der Praxis in vielerlei Hinsicht kooperiert. Mehrere Treffen in Pamplona, viele in Mönchengladbach, plus den unzähligen anderen in Esztergom haben dazu geführt, dass unsere beiden Fachbereiche in Pamplona und in Mönchengladbach unseren jeweiligen Rektoraten vorschlugen, einen allgemeinen Kooperationsvertrag zu schließen, der die Verbindung zwischen den beiden Hochschulen insgesamt festigen und institutionalisieren sollte. Das geschah dann auch im Jahr 1996. Seitdem besuchen jedes Jahr mehrere navarrensische StudentInnen die Hochschule Niederrhein in verschiedenen Fachbereichen und studieren dort ein bis zwei Semester, viele schreiben dort ihre Abschlussarbeiten oder erwerben das deutsche Ingenieurdiplom. Viele KollegInnen aus Mönchengladbach und Krefeld besuchen unsere Universität, ebenso Professorinnen und Professoren aus Pamplona, die Fachbereiche Mönchengladbach und Krefeld. StudentInnen aus Mönchengladbach machen ihr Integriertes Praxissemester in Pamplona usw..

Inzwischen ist aus dem TEMPUS-Projekt in Ungarn ein Netz von Europäischen Universitäten geworden, das jährlich in einem anderen Land ein großes Treffen, ein Symposium veranstaltet, an dem DozentInnen, ForscherInnen und StudentInnen teilnehmen.

Das 7. Europäische Sozialarbeits-Symposium wird in diesem Jahr 2001 im Oktober in Pamplona veranstaltet und fällt zusammen mit dem 30-jährigen Bestehen des Fachbereichs Sozialwesen in Mönchengladbach und der gesamten Hochschule Niederrhein (Niederrhein University of Applied Sciences). Von diesen 30 Jahren stehen unsere beiden Hochschulen 10 Jahre in Verbindung - auch ein kleines Jubiläum. Die Weichen sind gestellt, damit diese Verbindung noch lange bestehen bleibt. Ein Zufall war der Anfang.

Viele Früchte sind in diesen 10 Jahren vielen Menschen zugefallen und ich hoffe, dass sie weiterhin noch vielen Menschen auch in Zukunft zufallen werden.


Anmerkung:

[1] Bollnow, O.F. (1968 und 1973) behandelt das Konzept der Begegnung in der Philosophie und in der Pädagogik in seinem Werken: "Existenzphilosophie und Pädagogik" (1968). Kohlhammer. Stuttgart und "Anthropologische Pädagogik." (1973) Haupt. Bern-Stuttgart

Aus:
Klüsche, W. (Hrsg.): Rückblicke. 30 Jahre Fachbereich Sozialwesen, Möchengladbach, 2001


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