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Über die Pilgerschaft, das Unterwegssein, das Ziel

Ich habe mit Freunden ein Haus in den Pyrenäen, dort wo der alte Weg der Wallfahrt zum Grab des Apostels Jacobus nach Santiago de Compostella vorbeiführt. Die Spanier nennen die Wallfahrt nur den Camino, den Weg, den Weg schlechthin. Seit Jahrhunderten ziehen fromme und weniger fromme Pilger über diesen Weg. Ich habe oft über den Weg und das Wandern, die Pilgerfahrt und das Ziel, das Unterwegssein und Auf-dem-Wege-sein meditiert, wenn ich vor meinem Haus saß:

Der Wanderer erlebt die Welt als Widerstand, als Gehemmt-werden, als Hindernis, eventuell als Scheitern.

Der Weg über die Pyrenäen, die Kälte, der Schnee, das Eis, der Nebel.

Im Tal dann die Hitze, vergiftetes Wasser, die Not, die Wegelagerer.

Der Pilger hat ein Ziel vor Augen: Delphi, Santiago, Rom, Mekka, Konstantinopel, Aachen, Jerusalem: die heilige Stadt, das Zuhause, den Ursprung, das Zentrum, den archimedischen Punkt, den Nabel der Welt, die Höhle ...

Unterwegs erbaut er aus seinen Träumen, Erwartungen, Sehnsüchten diese Stätten, er konstruiert Tempel, plant Mauern, Plätze, erbaut in Gedanken Häuser, schmückt sie voll Pracht, er errichtet ein Gemeinwesen der Gastfreiheit, das freundlich seine Arme nach ihm ausstreckt und ihn, gerade ihn als Gastfreund erwartet.

Er sucht einen Weg, seinen Weg - trotz aller Widrigkeiten. Er paßt sich der Landschaft an - nicht umgekehrt. Er nutzt die natürlichen Verläufe der Höhenzüge und folgt den Tälern, in denen die Bäche und Flüsse dem Meer zustreben. Er ist kein Kreuzritter, kein Conquistador, der Hindernisse zu Pferd überspringt und das, was sich ihm entgegenstellt, niederschlägt, um sich seinen direkten Weg zum Ziel zu erzwingen.

Nicht die gerade Bahn ist das Kennzeichen der Pilgerschaft, sondern der Weg. Den Pilger schützt kein Schild, auf dem als Wappentier die Planierraupe glänzt, auch braucht er kein Kreuzfahrerschwert; zuweilen befestigt er am Pilgerhut die Jakobsmuschel, oft stützt ihn ein Stock, gutes Schuhwerk ist wichtig.

So wird für den wandernden Pilger die VIABILITÄT zum Schlüsselwort seines Unterwegsseins.

Die Viabilität, die Gangbarkeit, die Wegsamkeit wörtlich übersetzt. Viable kennt das englische; wir übersetzen es einfach mit brauchbar.

Brauchbar oder viabel wollen wir fortan in unseren Geschichten eine Handlungs- und Denkweise nennen, die an allen Hindernissen vorbei - seien sie Stolpersteine auf dem Weg, ontisch, steinhaftig oder seien sie aus dem Handeln des Wanderers selbst erwachsen - zum erwünschten Ziel führt.

Vorbeigehen an den Hindernissen können wir nur, wenn wir den Willen besitzen oder ein Wissen erwerben, das sozusagen in die Hohlräume der Wirklichkeit paßt.

Es gibt so viele Sichtweisen. Von den Bergen sehe ich viele Landschaften, Täler, unterschiedliche Wege. Kreuzwege bieten mir immer drei Möglichkeiten des Weitergehens an. Auch der Jakobswege nach Santiago gibt es mehrere und viele Wege führen nach Rom. Mancher arme Teufel gibt kurz vor dem Ziel auf, wenn auch nicht immer wie in Aachen ein Lousberg daraus entsteht. In der Wüste verweht der Wind häufig die Wegmarken. Im Wattenmeer tilgt die Flut die Fußspuren. Die Passwege über die Berge bedeckt der Schnee.

Unser Wissen stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Unser Wissen braucht nicht mit der Wirklichkeit überein zu stimmen. Was wir zum Überleben - auf der Pilgerfahrt und im Leben - brauchen, ist nicht ein "stämmiges", objektiv gültiges Wissen, sondern ein "passendes" (einen passenden Schlüssel für das Schloß des Stadttores von Santiago, der heiligen Stadt), ein viables Wissen: die Witterung für den Weg; den rechten Riecher; die Fähigkeit, in den Widernissen noch die guten Seiten zu sehen; eine verläßliche Weggenossenschaft, mit der zusammen auch die Umwege und das weiteste Verlaufen lustig und amüsant werden; die sanfte Kunst des Umdeutens ...

... irgendwo unterwegs erzählte irgendwer den Pilgern von einem Menschen, der da wanderte und nicht mehr den Weg suchte; der wanderte und seine Füße liebte; den Weg liebte; die Steine liebte; die Blumen am Wege liebte; die Luft, die sein Gesicht kühlte, liebte; die Sonne, die ihn verbrannte, liebte; die Menschen, denen er begegnete, liebte; sein Ziel trug längst nicht mehr den Namen einer heiligen Stadt; er wanderte und trug das Ziel in sich; Ziel und Weg waren eins geworden in seinem Herzen; er wanderte, er liebte, er lebte ...

Der wandernde Mensch machte um sein Leben nicht mehr viel Gewese, er liebte und wenn er sprach, waren es Worte der Liebe. Octavio Paz lieh dem wandernden Pilger sein Dichterwort. Octavio sprach, was der Pilger vielleicht hätte sagen können, vielleicht, wer weiß schon, was und wie einer denkt, weiß es der Denkende selbst so genau ? Nun Octavio Paz sagte, und ich stelle mir vor, für ihn, den wandernden, liebenden Menschen mit dem Ziel und dem Weg in seinem Herzen:

"ich schaue mich an in dem was ich anschaue
ein eindringen durch meine augen
in ein klares auge
mich schaut an was ich anschaue
meine schöpfung ist das was ich sehe
wasser der gedanken
ich bin die schöpfung dessen was ich sehe".

Octavio Paz

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