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Aktenführung:

Einige konstruktivistische Anmerkungen zur Konstruktion von Beschreibungen

Vorbemerkungen

Aktenführung ist keine geliebte Tätigkeit, wenigstens nicht für Sozialarbeiter. Doch sie muß sein, zählt doch die Führung der Akte zum wesentlichen Bestandteil der Verwaltung schlechthin. Keine Verwaltung ohne Aktenführung, auch keine Organisation eines freien Trägers ohne Führung von Akten über alle wesentlichen Vorgänge.

Aktenführung ist nicht gleich Aktenführung: Der eine liebt sie und ergeht sich in ihr, gelegentlich ohne hinaus zum Klienten zu gehen, der andere ergeht sich in Stöhnen über die lästige Pflicht und hält dann mehr schlecht als recht fest, was gerade notwendig ist. Akten sind Teil der Organisation, vor allem der Kontrolle, und somit werden sie auch wie alles Organisatorische gehandhabt: Sie bleiben liegen, verschwinden, tauchen wieder auf und werden, wo notwendig ergänzt. Sie treten als graue Mäuse auf, als dickleibige Ordner und als Zettelkästen, finden sich dann auch entweder in verschlossenen Schränken, offenen Regalen oder versteckt in Schreibtischen und Müllcontainern.

Man soll nicht meinen, der neue Datenträger EDV verändere das Bild grundsätzlich. Wer sich in sein Gerät verliebt hat, wird attraktive Aktenprodukte liefern, mit Fettdruck, ansprechendem Layout und wechselnden Schifttypen. Daran läßt sich lange und schön herumfeilen. Vor allem aber erleichtern Macros bzw. Textbausteine das Geschäft der Erstellung mittels EDV ungemein. Es ist dann, bei gleichen Problemtypen, die jeder Sozialarbeiter kennt, nur noch der jeweilige Name einzutragen - oben rechts.

Verbunden mit einer Datei über die freien Träger, sortiert nach Heimtypen oder anderen Trägermerkmalen, läßt sich dann gleich unter der Rubrik: "Vorzuschlagende Intervention" die entsprechende Einrichtung aussuchen. Per Telefax oder Internet ist sie schnell gefunden, abgefragt auf offene Plätze - und die Vermittlung ist perfekt. Alle weiteren Vermerke über den Fall werden gespeichert und können, was gerade bei umfangreichen Akten eine wesentliche Hilfe darstellt, schnell auf Suchbegriffe durchforstet werden (z.B. "Einbrüche" und "Tatzeiten"). Ein solches Szenarium läßt sich leicht fortsetzen, aber genug davon.

Aktenführung im Lichte von drei Perspektiven

Aktenführung soll unter drei Konzepten beleuchtet werden:

  1. dem Stigmatisierungsansatz,

  2. dem Konzept der systemischen Theorie und

  3. dem Konzept des Konstruktivismus.

1. Der Stigmatisierungsansatz

Auf einen Nenner gebracht, sagt dieser Ansatz, daß Akten zur Stigmatisierung insbesondere von Unterschichts-Tätem beitragen, daß also die Beschreibungen keine nachrangige Folge von Taten sind, sondern mit dazu beitragen, daß so definierte Taten begangen werden, weil diese so stigmatisierten Personen (weiter) ins Abseits geraten (sekundäre Devianz).

Eine Studie von Brusten (1979) sagt, daß

Der Prozeß der "self-fulfilling prophecy" erbringt dann das Ergebnis, was alle Beteiligten eigentlich schon längst wußten ("Habe ich es nicht immer schon gesagt?").

Dadurch kam die Aktenführung ins Gerede und einige Einrichtungen (freie Träger) verweigerten konsequent jegliche Aktenführung. Andere ließen Vorsicht walten bei dem Gebrauch von Beschreibungskategorien. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe empfahl die ausdrückliche Orientierung an einem theoretischen Konzept (analytische Theorie, Lerntheorie etc.), um Allerweltsbegriffe zu vermeiden.

2. Die Systemische Theorie

In der Sicht der systemischen Theorie steht die Familie bzw. das weitere soziale Umfeld (Schule, Beruf, Jugendgruppen usw.) der verakteten Person im Mittelpunkt, nicht mehr der einzelne Klient selbst.

Der Jugendliche mit "abweichendem Verhalten" ist nicht mehr "Täter", sondern "Symptomträger" einer familiären Problematik, in der die Geschwister, die Eltern und die Situation der Familie (z.B. Arbeitslosigkeit) eine Rolle spielen. Einen Beteiligten aus diesem Kontext herauszunehmen, ihn "schuldig zu erklären", heißt, die genannten Faktoren zu leugnen.

Niemand trägt die Schuld, keiner hat alleine diese Schwierigkeiten verursacht, sondern ein familiäres System (in einer bestimmten Umwelt) hat sich so verstrickt, daß es der Hilfe durch Außenstehende bedarf.

Ernpirische Studien zeigen (vgl. Wurr u.a. 1984; Liechti u.a. 1989), daß systemisches Denken bei Sozialarbeitem mit einer anderen Beschreibung in den Akten einhergeht und verbunden ist mit andersgearteten Interventionen: Es zeigt sich beispielsweise, daß die Zahl der Heimeinweisungen abnimmt in dem Maße, in dem systemisches Denken sich verbreitet.

Man kann auch anders schließen: Systemisches Denken führt zur Errichtung von zusätzlichen Beratungsstellen und begleitenden ambulanten Angeboten (Lern- und Freizeithilfen, Tagesstätten etc.), und weil sich das Angebot erweitert und die Kosten der Einweisung in Heime, die immer schon vergleichsweise hoch waren, und nun noch weiter ansteigen, werden auch diese Alternativen attraktiver, und die Beschreibungen in den Akten folgen diesem gewandelten Angebot, werden also auf diese Angebote hin verfaßt).

Gleichviel, das andere (systemische) Denken führt zu anderem Handeln, sprich: Führen von Akten und Füllen von Akten.

3. Der Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist das jüngste Kind in der Reihe und hat, wie so manches unschuldige Opfer, mehrere Väter, darunter natürlich die Vertreter der systemischen Theorie.

Nebenbei: Auch hier fragt der Verfasser sogleich nach dem Elternhaus!

Zur Beruhigung: Einen wohlsituierten Vater kennen viele ("einschlägig bekannt"): Paul Watzlawick ("Die erfundene Wirklichkeit", München 1981). Andere Väter, wie die beiden chilenischen Biologen Maturana und Varela oder der Physiker Heinz von Foerster, sind noch nicht so bekannt und werden, im Hinblick auf ihre Herkunft: die Naturwissenschaften, von manchem Geisteswissenschaftler auch eher als Retortenväter angesehen.

Die Konstruktivisten bringen einen beunruhigenden Aspekt ins Spiel: daß jede Aussage über einen anderen Menschen, auch über mich selbst, keine Aussage über ein vom Beschreiber unabhängiges Objekt darstellt, sondern eine Berschreibung und nichts als eine Beschreibung, die so ausfallen kann, wie sie ausfällt, aber eben auch anders, und daß nichts in der Welt uns vorschreibt, also keine "Realität", unsere Beschreibung so anzufertigen.

Der Hintergrund solcher Sicht über menschliches Erkennen hat mit unserer "Bauweise" als Mensch zu tun: Wir nehmen aus einer unendlichen Welt "unsere" Umgebung wahr, erfinden also unsere Wirklichkeit, indem wir zwar über unsere Empfangsmedien Eindrücke sammeln (riechen, hören, sehen, fühlen), doch diese Eindrücke filtern und mischen mit dem gewaltigen Vorrat an alten Eindrücken, also Speicherungen über unsere "Umwelt". Anders gesagt: Alle "Eindrücke" können nur entstehen auf der Grundlage vorheriger "Abdrücke". Der gesamte Strom alter und neuer Eindrücke wird "digitalisiert" und verrät nicht, was neu und was alt ist. Das ist den Neuronen und Synapsen gleichgültig. Hauptsache, es kommt eine Gestalt heraus, die "brauchbar" ist und unserer Existenzsicherung dient.

Unsere Neuronen kennen keine "sexuelle Verwahrlosung", keine "Vernachlässigung der Kinder". Alles das sind sozial konstruierte Begriffe, die wir verwenden, mit denen wir leben gelernt haben und die wir - unbemerkt - an die Stelle des Gemeinten setzen: Wir verwenden den Begriff "schizophren" und meinen: der andere ist schizophren. "Das sieht doch jeder!" Und während wir so reden, sehen es die anderen auch, und glauben es immer besser zu sehen ("Oh, I see!").

Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt, der nicht in den Neuronen steckt, der "nicht dabei gewesen ist". Und dieser Beobachter beschreibt (auch sich) in den Kategorien, die er gelernt hat und unter den Beschreibungseinschränkungen, die ihm die Dienststelle und der Anamnesebogen erlauben bzw. in Orientierung darauf, was nachfolgende Stellen (u.a. Richter) gerne hören möchten.

Die Umwelt stellt also keine Forderungen, schreibt nichts vor. Ich sehe, was ich in der Umwelt sehe, und das hängt von dem ab, was ich überhaupt sehen kann und will. Das ist natürlich beschränkt, muß es auch sein, vor allem in Organisationen, die auf Beschränkungen aus sind, damit sie überhaupt operieren können. Zuviel an Umwelt macht sie verrückt: Die Mutter nehmen wir noch mit auf in unseren Beratungsprozeß, aber die Geschwister lassen wir außen vor, erwähnen sie vielleicht kurz bei den Anamnese-Daten in den Akten. 'Wir können ja nicht auch noch die Situation des Ruhrgebiets abhandeln mit Arbeitslosigkeit und dem soziokulturellen Wandel. Punktum. 17:00 Uhr ist Feierabend und die Akte muß morgen fertig sein', sagen die Verwaltungsangestellten und: 'Wir haben kaum noch Zeit für unsere Jugendlichen vor lauter Aktenkram', sagen die Erzieher in der Wohngruppe.

Es gibt keine Daten (Tatsachen) als Daten (Tatsachen). Alle Daten sind erhoben, und sie sind erhoben, weil die Erheber nur das gesehen haben, was sie gewohnt waren zu sehen, was sie sehen wollten und was die Behörde und andere Stellen gesehen haben wollen. Das meint: Unser Sehen hat mit uns und anderen zu tun. Die "Daten" werden erst durch den Beschreiber zu Daten gemacht. Wenn nach Kinderkrankheiten gefragt wird, steht hinter der Frage die Möglichkeit oder Vermutung, daß eine frühe Schädigung vorliegen könnte, die zu den offensichtlichen Verhaltensauffälligkeiten führt bzw. die dafür sprechen könnte, das Kind in die Jugendpsychatrie zu überweisen.

Wir denken dabei meist von hinten: haben etwas im Sinn und erheben die dazu gehörigen (wie wir meinen) "Tatsachen".

Es gibt also auch keine "richtigen" Beschreibungen, keine "besseren" und "schlechteren". Es gibt nur Beschreibungen. Allerdings: Kann es sich lohnen, neue, andere, vielleicht auch umfangreichere Beschreibungen anzufertigen oder: vorsichtigere.

Wir haben als Beobachter keine bessere Durchsicht als andere, vor allem als die Klienten. Wir haben unsere, und die Klienten haben ihre. Und keine ist richtiger, auch wenn jemand sie nach intesivem analytischen Training und Erhalt des Ausbildungsscheins anfertigt. Ebensowenig bedeuten 20 Jahre Berufsergajrung keine "bessere" (abgewogenere, fundiertere o. dgl.) Sicht, nur eben: eine andere.

Die Klient-Beschreibung scheint dem Büro-Beschreiber natürlich als interessengeleitet, als verdunklend, irreführend auf Leistungsvermehrung (BSHG) bedacht. Oder sie erscheint dem geschulten Beobachter als die Beschreibung eines Laien, eben eines Klienten, eines psychologischen "Deppen".

Wir bauen und erhalten durch unsere Art der beschreibung unser jeweiliges System, in dem wir arbeiten. Sozialarbeiter im Heim müssen als Sozialarbeiter beschreiben, weil sie auf diese Weise sich und anderen sagen, daß sie Sozialarbeiter sind, so wie sich Mitarbeiter des JA sagen müssen. daß sie Angestellte der Verwaltung des JA sind. Familien müssen ihre Beschreibungen schreiben und werden vielleicht gerade durch die Gegen-Beschreibung (-darstellung) zu der Familien, die eigentlich sein wollen (oder zu etwas ganz anderem).

Beschreiber können nicht alles sehen, insbesondere nicht, wie sie selbst mit anderen agieren, z.B. beim Hausbesuch. Sie können ihren blinden Fleck nicht sehen. Den sehen eher andere (Klienten, vor allem aber Supervisoren, wenn sie aufpassen), die nicht unmittelbar beteiligt sind.

Beschreiber sind geniale Konstrukteure: Sie konstruieren wild vor sich hin, legen eine Spur, wo vorher nichts zu sehen war, ziehen Linien bis in die vorgegeburtliche Phase, erdenken Ursachen, wo es zur zeitliche Kovarianzen gab, erkennen Abweichungen von einer Norm, die sie selbst zuvor gesetzt haben, attribuieren (rechnen zu), wo es bislang noch keine Verbindung (einen "Vater", Urheber, Schuldigen) gab. So werden dann auch Wirkungen gemacht, also Erziehungserfolge als Maß einer Unterbringung.

Aber, so sagen die Konstruktivisten, kein Mensch ist dem anderen gleich, jeder hat seine Struktur des Denkens entwickelt und kann nur wahrnehmen aufgrund dieser seiner Struktur. Darum nehmen "Zöglinge" immer andere Dinge wahr als Erzieher, die das jedoch als Widerstand auslegen ("Der Kerl weiß genau, worum es geht", oder der Erzieher: "Ich weiß genau, was die wollen ..., aber ohne mich!").

Hinweise an Mitarbeiter des Jugendamtes, des ASD:

  1. Man kann immer mehrere Beschreibungen anfertigen. Als Devise für die Verwaltung: Pro Klient wenigstens eine mehr als üblich. Am besten lassen sie dieselbe Familie, denselben Klienten durch mehrere "Bearbeiter" beschreiben bzw. durch verschiedene Teams, und zwar möglichst in enger zeitlicher Folge, auf daß niemand sagen kann, die Familie habe sich zwischenzeitlich grundlegend (i.S. der neuerlichen Beschreibung) gewandelt.

  2. Lassen sie unterschiedliche Beschreibungen in die Akte wandern, eine aus Sicht des Amtes, eine aus Sicht der Familie des Klienten, eine aus Sicht der Einrichtung. Und sehen Sie das als Bereicherung (nicht als "Bescherung") an!

  3. Stören Sie durch seltsame Beschreibungen oder Reaktionen auf Beschreibungen die "herrschende Sicht", indem Sie beispielsweise der Familie danken für das profunde Urteil (ohne Ironie) oder der Einrichtung die Beschreibung zuschicken mit der Bemerkung: Das sei die falsche, sie hätten doch die von Elke nicht die von Marion haben wollen.


Hinweise für Klienten, Familien, Beschreibungsopfer:

Nehmen Sie Ihre Beschreibungen selbst in die Hand und imitieren Sie, wo immer Sie können, die "Vorschriften" der Vorschreiber, etwa in dem Sinne, wie es die Alte in der folgenden Geschichte tat:

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