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Entwurf für ein Merkblatt für Diagnosen

Goldene Worte
(zum Verhältnis von Ursache und Wirkung)

"Erklärung nennen wir´s: aber 'Beschreibung' ist es, was uns von älteren Stufen der Erkenntnis und Wissenschaft auszeichnet. Wir beschreiben besser - wir erklären ebensowenig wie alle Früheren. Wir haben da ein vielfaches Nacheinander aufgedeckt, wo der naive Mensch und Forscher älterer Kulturen nur zweierlei sah, 'Ursache' und 'Wirkung', wie die Rede lautete; wir haben das Bild des Werdens vervollkommnet, aber sind über das Bild, hinter das Bild nicht hinausgekommen. Die Reihe der 'Ursachen' steht viel vollständiger in jedem Fall vor uns, wir schließen: dies und das muß erst vorangehen, damit jenes folge - aber begriffen haben wir damit nichts. Die Qualität, zum Beispiel bei jedem chemischen Werden, erscheint uns nach wie vor als ein 'Wunder', ebenso jede Fortbewegung; niemand hat den Stoß 'erklärt'. Wie könnten wir auch erklären! Wir operieren mit lauter Dingen, die es nicht gibt, mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, teilbaren Zeiten, teilbaren Räumen - wie soll Erklärung auch nur möglich sein, wenn wir alles erst zum Bilde machen, zu unserem Bilde! Es ist genug, die Wissenschaft als möglichst genaue Anmenschlichung der Dinge zu betrachten, wir lernen immer genauer uns selber zu beschreiben, indem wir Dinge und ihr Nacheinander beschreiben. Ursache und Wirkung: eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie - in Wahrheit steht ein Kontinuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isolieren; so wie wir eine Bewegung immer nur als isolierte Punkte wahrnehmen, als eigentlich nicht sehen, sondern erschließen. Die Plötzlichkeit, mit der sich viele Wirkungen abheben, führt uns irre; es ist aber nur eine Plötzlichkeit für uns. Es gibt eine unendliche Menge von Vorgängen in dieser Sekunde der Plötzlichkeit, die uns entgehen. Ein Intellekt, der Ursache und Wirkung als Kontinuum, nicht nach unserer Art als willkürliches Zerteilt- und Zerstückelt-sein sähe, der den Fluß des Geschehens sähe - würde den begriff Ursache und Wirkung verwerfen und alle Bedingtheit leugnen."

(Nietsche 1982: 130 f)



Unbedingt vor der Klientbefragung auszufüllen

Fragen an den Beschreiber:

  • Wie fühlten Sie sich an diesem Tag?

  • Worin unterscheidet sich dieser Fall mutmaßlich von allen vorhergehenden?

  • Für wen schreibe ich diese Akte (für den Vorgesetzten, mich selbst, Richter Schmitz, den Innenrevisor, den Klienten, das Kind, die Eltern, den Mann, die Frau etc.)? Wer hat was davon?




Im Falle einer "Wiedervorlage":

  • Welchem Zweck dient die Wiedervorlage?
    (Aber Vorsicht: Stellen Sie sich vor, wie die Statistik (und Ihre Personalbeurteilung) ausfiele, gäbe es keine oder weniger Wiedervorlage! ... und womit anders die Abteilung zusätzliches Personal beim Hauptamt anfordern könnte.)

  • Kann ich meine Beschreibung ohne zu erröten dem zu Beschreibenden vorlesen?

  • Wie würde die Selbst-Beschreibung des "Objekts" ausfallen? Was trifft in diesem Falle im Gegensatz zu allen früheren zu?

  • Wenn ich dieser Fall wäre, wie wollte ich dann beschrieben sein?




Wenn die Geschichte hier erst richtig begänne:

  • Was gäbe es an Möglichkeiten einer neuen Geschichte - im Vergleich zu einer alten Vor-Geschichte, die lediglich weitergeschrieben wird?




Noch ein wichtiger Hinweis:

Ersetzen Sie:

  • jeden "Sachverhalt" durch ein "von mir beobachtetes Geschehen"

  • jedes "ist zu" durch "schlage ich (heute) vor"

  • jedes "die Familie ist" durch ein "mir fiel an dieser Familie besonders auf"

  • jedes "Standbild" über eine Familie oder ein Kind durch Bilder über einen laufenden Prozeß (selbst der Regierungsentwurf zum neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz) spricht von einer prozeßhaften Auslegung des "Kinderwohls).

Sollte ein Fallbericht doch dem vorhergehenden sehr ähnlich sein, sollten Sie Ihr Textverarbeitungssystem auf den "Fall-Virus" untersuchen lassen. Dieser Virus ist bekannt dafür, daß er alte Textbausteine einschmuggelt, und zwar so geschickt, daß dies selbst von Klienten nicht bemerkt wurde.

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