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Abtötung

von Georges Devereux

Als Bohr sein Beobachtungsfeld auf die Biologie ausdehnte, konnte er die Manifestationen dieser Komplementarität auch in diesem Bereich finden. Sein Abtötungsprinzip (i.O. dtsch.) betrifft einen ebenso einfachen wie frappanten Sachverhalt: jede zu weit getriebene experimentelle Untersuchung des Phänomens "Leben" zerstört, was es zu bestimmen versucht: das Leben. Kurz, das Experiment selbst verwandelt das lebendige Fleisch in Metzgerware.(1)

Nun habe ich bereits kurz auf eine Tatsache aufmerksam gemacht, die ich in einem anderen Buch (2) ausführlich analysiert habe: die Anwesenheit des Beobachters (im weitesten Sinne) hat stets verändernden Einfluß auf das Verhalten eines Menschen. In gewisser Weise aktualisiert er ein "experimentelles" – gezwungenes - Verhalten, auch wenn der Beobachter das Subjekt selbst ist.

In der Selbstbeobachtung, wo entweder der "Beobachter" oder das "Beobachtete" (was lediglich ein Verhalten sein kann) dem Abtötungsprinzip unterworfen ist, kann sich das Komplementaritätsprinzip noch besser äußern. Um das zu beweisen, werde ich eine an anderer Stelle bereits genauer erörterte Beobachtung anführen.

  1. Der voll erlebte Orgasmus bringt eine Bewußtseinstrübung mit sich, wodurch die Beobachtung des eigenen Orgasmus ungenau wird.

  2. Wenn man sich um der besseren Beobachtung willen bemüht, diese Bewußtseinstrübung zu verhindern, wird das, was man beobachtet, kein echter, in ganzer Intensität erlebter Orgasmus sein, sondern lediglich ein physiologischer Spasmus, der in einer Ejakulation kulminiert.


Anmerkung (1): Wenn ein Versuchstier auf ein "Präparat", wie es gewisse Leute nennen, reduziert ist, dann liefert das Experiment Informationen, die nur für das Präparat voll gültig sind; für den intakten Organismus sind sie nur teilweise gültig.

Anmerkung (2): Devereux 1988

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