Zurück zum Ferkelstall

Beratung und Supervision in konstruktivistischer Sicht

Supervision ist eine Form von Beratung. In der Sozialarbeit entstanden, meint sie die Beratung von Berufstätigen in ihren Arbeits- (bzw. Zusammenarbeits)problemen. Es geht also nicht um eine psychosoziale Beratung, in der Menschen für ihre Probleme im Alltag, in Beziehungen, in Lebenskrisen Rat suchen. Die Supervisionsberatung hat nichts mit Krankheit oder Therapie zu tun. Ein erfahrener Kollege - es kann selbstverständlich auch eine Kollegin sein, die weibliche Form ist immer mitgedacht, wenn auch nicht immer mitgeschrieben - berät seine Kollegen. Er betrachtet sie als seine Kollegen, nicht als Kranke oder der Therapie Bedürftige.

Nun zum Konstruktivismus:

Wenn ich von meinen Supervisanden gefragt werde, was ich unter Konstruktivismus verstehe, pflege ich folgendes (hier etwas verkürzt wiedergegebenes und der jeweiligen Situation angepaßtes) Konstrukt zu entwickeln: Nach der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus ist jede menschliche Wirklichkeit durch Sprache konstruierte Wirklichkeit. Supervisanden konstruieren demnach in ihren Institutionen und Praxissituationen Wirklichkeiten. Wenn in den Arbeitssystemen Probleme auftauchen, sind möglicherweise die Wirklichkeitskonstrukte unbrauchbar geworden. Die Versuche, das Problem zu lösen, sind häufig selbst zum Problem geworden. In der Supervision nun verwende ich Interventionen, die ich auswähle, unter dem Gesichtspunkt, ob sie in der Lage sind, eingefahrene Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsabläufe so zu unterbrechen, daß die Komplexität menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten wieder sichtbar wird und andere, vielleicht brauchbarere Wirklichkeiten konstruiert werden können (vgl. Kersting 1991).

Bei Supervisanden, die mit Kommunikationstherapie vertraut sind, spreche ich von der Supervision als von einem Ort der "sanften Umdeutung" (Watzlawick 1974: 116ff-, 1977: 95ff), bei Supervisanden, die das Neurolinguistische Programmieren kennen, spreche ich vom "reframing" (Bandler/Grinder 1982), bei Supervisanden, die mit systemischem und konstruktivistischem Denken vertrauter sind, schreibe ich dem Supervisor die Rolle des "Störers" zu, der die Kommunikationsregeln eines Systems nicht einfach bestätigt, sondern störend verletzt, damit auf diese Weise Neukalibrierung, Neudefinition, Neukonstruktion möglich wird. Supervision in diesem Sinne - verstanden als Störung ("Perturbation" im Verständnis von Maturana/Varela 1987: 250f.), erläutere ich Supervisionsprofis manchmal am Gegenteil der Alltagskommunikation (vgl. Boettcher 1987; Bremerich-Vos 1987): Mein Nachbar oder mein Friseur z.B. haben kein sonderliches Interesse daran, mich während eines Alltagsdialogs am Gartenzaun oder beim Haareschneiden zu stören. Sie wollen das festgelegte Beziehungsmuster aufrechterhalten. Sie werden mich darum bestätigen und in den seltensten Fällen einen Beziehungskonflikt anzetteln. In der Supervision beinhaltet der Kontrakt die Störung des zu beratenden Systems. Die Störung erhöht die Komplexität. Das System bekommt die Chance, die Störung gleichsam zu neutralisieren. Wenn es sich nicht um ein allzu rigides System handelt, wird es vermutlich neue Beziehungsmuster bilden, es wird versuchen, die erhöhte Komplexität aufs neue zu reduzieren. Manchmal geschieht dieses neue Handeln nach alten Mustern, manchmal werden neue, vielleicht brauchbarere Muster entwickelt. Es tritt dann der Fall ein, den ein "außenstehender" Beobachter vielleicht als positive Veränderung bezeichnen würde.

Ob eine brauchbarere Wirklichkeit konstruiert wird, liegt nicht in der Hand des "Verstörers". Der Supervisor ist ein Provokateur aus Liebe, der zwar das Beste für seine Supervisanden will, der aber nicht wissen kann, was "objektiv" das Beste für seine Supervisanden ist. (1)

Früher verglich ich meine Supervisorenrolle eher mit der des Psychotherapeuten, der Rolle des Rabbi im Ostjudentum oder der des Starez in der russischen Orthodoxie, zu denen die problembeladenen Menschen hingingen und sich Rat holten. Ein deutliches Symbol für diese persönliche Rollenzuschreibung war mein etwas eigentümlicher Umgang mit Honorarforderungen. Diesen haftete meinem Gefühl nach stets etwas Unpassendes, fast Unanständiges an. Leider hatte ich für meine Geldeintreibung keine anonyme Krankenkasseninstitution, nicht einmal eine offizielle Gebührenordnung zur Verfügung; auch konnte ich nicht an der Tür zu meiner Praxis einen Opferkasten aufstellen, in den meine Supervisanden ihre milde und doch so erwartete Gabe ablegen konnten.

Heute verstehe ich mich als Supervisor eher als Gastwirt einer Straußwirtschaft, der seinen Schanktisch im Freien aufstellt und zwar überall dort, wo die Menschen vorüberziehen als Touristen, Wanderarbeiter oder Marktbesucher. Ändern sich die Wanderwege, habe ich meinen Tisch schnell abgebaut und stelle ihn an günstigerer Stelle neu auf. Ich verkaufe Getränke, aber als guter Wirt erzähle ich vor allem Geschichten und höre mir gerne Geschichten an, die meinen Geschichtenschatz bereichern. Eine zeitlang bleiben die Gäste in meiner Gaststätte. Die Dauer bestimmen ihr Durst, ihre Neugier auf Geschichten, ihr Kommunikationsbedürfnis oder die Polizeistunde. Wichtig ist, daß die Gäste zahlende Gäste sind. Jeder Bierdeckel wird am Ende abgerechnet. Einige Gäste werden Stammkunden, andere bleiben Laufkundschaft. Schön ist es, wenn wir miteinander Spaß bekommen und der eine oder die andere aus den Geschichten fürs Leben profitiert.

Beratung heißt also - konstruktivistisch gesehen - nicht, daß da ein erfahrener Berater ist, der den guten, für den Ratsuchenden einzigpassenden Rat weiß. (Ein Steuer"berater" weiß, wenn die Steuergesetze eindeutig konstruiert sind, den one best way für seinen Klienten, um Steuern zu sparen. Aber auch dort gibt es "Umwege", Viabilitäten, Ermessensspielräume, legale, halblegale, illegale Steuertricks ...).

Manchmal kann der Berater aufgrund seiner Lebenserfahrung erzählen, was anderen Menschen, auch ihm selbst in einer ähnlichen (aber doch so verschiedenen) Situation (es gibt keine Situation, die einer anderen wirklich gleicht) geholfen hat. Aber, ob es paßt, weiß man sowieso erst hinterher. Dann nämlich, wenn man sich den gegebenen Rat für sein eigenes Leben passend gemacht hat.

Was kann aber ein Berater tun, wenn er das "Richtige", das "Bessere", das "einzig Wahre" für seine Klienten (Probanden, Supervisanden, Patienten, Ratsuchenden) nicht weiß und niemals wissen kann? Nun, er kann mit dem Klienten dessen Situation analysieren, er kann diagnostizieren, er kann schauen, wie die Situation (das System, in dem sich sein Klient befindet) funktioniert. Berater und/oder Ratsuchender konstruieren unter der Leitfrage "WIE FUNKTIONIERT DAS SYSTEM?" eine eigene Wirklichkeit, die sie vorher so nicht gesehen haben und die es vorher so auch nicht "gab". So etwas nennt man in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik und in vergleichbaren gesellschaftlichen Wirklichkeitssystemen DIAGNOSE.

Eine Diagnose erstellen heißt also, eine Wirklichkeit konstruieren. Die von den Supervisoren erstellte Diagnose erschafft also erst das Problem des problematischen Systems. An welchem Problem können Supervisoren besser arbeiten als an dem Problem, das sie selber gemacht haben? Eigentlich ist es gleichgültig, ob die Mitglieder des problematischen Systems diese Problemzuschreibung der Supervisoren übernehmen, ob sie damit vielleicht ihre früheren Problemzuschreibungen abwerten, ob sie sie behalten oder ob darüber hinaus noch andere Problemzuschreibungen gehandelt werden. Durch die von den Supervisoren erstellte Diagnose wird auf jeden Fall eine neue Wirklichkeit konstruiert und die Komplexität des problematischen Systems erhöht. Das System wird dadurch gestört. Theoretisch ist es tatsächlich beliebig, welche Wirklichkeit durch die störende Diagnose des Supervisors evoziert wird. In der Praxis ist diese Beliebigkeit allerdings unbrauchbar. Denn, wenn die durch die Diagnose provozierte Störung nicht gewisse Anknüpfungspunkte auf der inneren Landkarte des gestörten Systems besitzt, wird das System in der Regel versuchen, nicht mehr mitzuspielen. In der Abwehr einer vermuteten zerstörerischen Störung wird das System für einen Wandel zweiter Ordnung nicht offen sein (Watzlawick 1974: 99ff).

Der Berater kann auch fragen, wozu sein Klient diese Situation so aufrechterhält? Wozu er das System so und nicht anders am laufen hält, wozu er dafür sorgt, daß das System so läuft, wie es läuft? Der Berater kann seinen Ratsuchenden fragen, welchen Profit, welchen Nutzen, welchen Spaß und welche Befriedigung der Klient davon hat, daß er sich dieses Problem, das er in die Beratung bringt, so lange warm hält? Ob der Preis für das mit diesem Problem angestrebte Ziel nicht zu hoch ist ? Alle Ziele sind nämlich eigentlich positive Ziele (alle Menschen zielen das Gute an, sagt schon der heilige Thomas von Aquin, der klügste, intelligenteste, belesenste produktivste und dickste Philosoph und Theologe seiner Zeit), aber die Wege dahin sind häufig problematisch, voller Leiden, mit großen Schmerzen für sich und/oder andere, mit "Verbrechen", mit hohem Aufwand, schlicht und einfach zu teuer bezahlt. Ein Berater wird fragen, ob es nicht billiger zu haben ist, ob das angestrebte "Gute" nicht mit weniger Kosten zu erreichen ist? Ob es nicht einen passenderen Weg dahin gibt? Viele Wege führen nach Rom ... Heute kann man sogar fliegen ...

Der Berater stellt also das angestrebte Ziel und das damit angestrebte Gut in einen anderen Kontext, er hilft dem Ratsuchenden auf seiner inneren Landkarte andere Wege aufzuspüren, den Maßstab der Landkarte zu verändern, oder gar eine neue Karte zu zeichnen. Vielleicht rät er dem Ratsuchenden, einen Umweg zu gehen. Häufig führen Umwege leichter zum Ziel als die sogenannte Luftlinie.

Der Berater stört den bisherigen Ablaufprozeß. Er unterbricht. Einmal, indem er sagt, daß es möglicherweise andere Wege gibt, zum anderen, indem er das Ziel in einen anderen Kontext (Rahmen, Bilderrahmen, frame = reframing) stellt, indem er die Situation verkompliziert, komplexer macht, so daß mehr Deutungen möglich werden. Darunter ist dann vielleicht auch eine "glücklichere Deutung", wie Hans im Glück sie sich so meisterlich zurecht konstruierte, oder wie der Bauer aus China, der bei jeder eindeutigen (quasi richtigen) Deutung seiner Nachbarn, "vielleicht" sagte und damit die Mehrdeutigkeit und Komplexität offen hielt?

Als ein Wissenschaftsjournalist den amerikanischen Berater Efran (1986: 83) fragte, weshalb es einen Unterschied machen sollte, ob ein Klient zu ihm kommt und zu ihm als Therapeut spricht oder ob er einfach mit seinen Nachbarn interagiert, sagte er: "Wenn ich ihm dasselbe wie seine Nachbarn sage, dann macht es keinen Unterschied. Aber ich sage immer etwas anderes als die Nachbarn, denn die Nachbarn unterstützen die gegenwärtige Sprache des Klienten oder sind Teile davon".

Berater/Supervisoren sind also Störer, sie reden eine andere Sprache. Sie stören das System des Ratsuchenden. Der Ratsuchende muß reagieren, er muß die Störung ausgleichen, er muß handeln. Das tut er manchmal, indem er den Störenfried und Spielverderber abwehrt, z.B. indem er nicht mehr zur Beratung hingeht, indem er auf alte, wohlvertraute Muster zurückgreift und das eingefahrene Spiel einfach weiter spielt oder indem er sich einen anderen Berater sucht, von dem er hofft, daß er ihm sanfter, einfacher, leichter hilft. Manchmal tut er das, indem er sich der Störung annimmt, sich provozieren läßt, die Störung aussetzt, die Komplexität der Situation wieder in den Blick nimmt, die Mehrdeutigkeit akzeptiert, den offenen Ausgang erfährt. Vielleicht greift dann der Ratsuchende nach einer bisher nicht gesehenen Möglichkeit, deutet die Situation anders, stellt einen neuen Kontext her, findet eine neue Spielregel für sich und seine Mitspieler, reduziert die Komplexität auf diese Weise wieder, wählt - und geht aufs Neue los, benutzt jetzt aber vielleicht einen gangbareren (viableren) Weg, lebt jetzt vielleicht eine brauchbarere Alternative, bis auch das wieder problematisch wird und das Spiel der Komplexitätserhöhung, des Reframing, der sanften Kunst der Umdeutung und das Reduzieren von Komplexität aufs neue beginnt - diesmal vielleicht ohne die Hilfe eines von außen kommenden, das System störenden, den Klienten liebevoll provozierenden Beraters.

Heinz von Foerster (1988: 33) möchte allen Beratern ins Stammbuch schreiben:

"Mein therapeutischer Vorschlag ist (... ) nicht Reduktion, sondern Expansion der Komplexität. Als Medikation verschreibe ich (...) eine Pille, die ich schon früher einmal verschrieben hatte. Ich nannte sie damals den ethischen Imperativ: 'Handle stets so, daß Du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst ..."

Konstruktivistische Supervisoren sind (Ver-)Störer, sind Beunruhiger, sind Provokateure, sie sind Umdeuter, sie sind Erfinder neuer Wirklichkeiten und neuer Möglichkeiten zusammen mit all den anderen Umdeutern und Erfindem, die selbst in neuerer Literatur immer noch despektierlich "Klienten" (2) genannt werden.


Abmerkung (1): Zur Provokation vgl. Farrelly, Brandsma 1974 .Zum Humor und zurKonfrontation in der Supervision vgl. Kersting/Lehmenkühler-Leuschner 1988;
Statt Liebe hätte ich auch Kunstworte wie Empathi oder Akzeptanz verwenden können. Liebe verstehe ich hier im Sinne von Verden-Zöller/Maturana 1990: 23ff, 281. oder in dem Sinn, den Gorbatschow (1989) am Ende seiner Rede zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR nahelegte:
"... Im vorigen Jahrhundert hat an der russischen Botschaft in Bayern viele Jahre der bekannte Dichter Fjodor Tjutschew gearbeitet. Das Programm von Bismarck kommentierte er in folgender Weise:
Zur Einheit - wie der Große prophezeite -
wird man mit Eisen nur und Blut getrieben ...
Doch wir versuchen es mit Liebe -
Wer Recht hat, wird die Zukunft dann entscheiden."

Der Lyriker Tjutschew drückte mit dem Wort Liebe aus, was wir heute unter Übereinstimmung, Zusammenarbeit, Zusammenwirken, menschliche Kommunikation in Bezug auf Europa im 20. Jahrhundert verstehen."

Abmerkung (2): "Die Klientel ist ein gemein ital. Rechtsinstitut ... Die Ursprünge fallen in vorhistorische Zeiten und müssen wohl im Zusammenhang mit dem precarium gesehen werden, einer Landleihe des patriz. Großbauern an landarme oder landlose klein bäuerliche Siedler. Diese treten damit in ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis ein, das durch die Unterwerfung des Klienten (in fidem se dare) und Aufnahme durch den Patron (in fidem suspicere) begründet wird ... Der Klient ist zur Gefolgschaft verpflichtet (obsequium), besonders zu Kriegsdienst und Fronleistungen (auch zu Geldbeträgen ... ). Dafür schuldet der Patron dem Klienten Schutz und Hilfe in allen seinen Nöten. Die hörigkeitsähnliche Unterordnung des cliens unter die potestas des patronus schließt zwar gegenseitige Klageerhebung und Prozeßführung aus, doch wird jede Verletzung der Treuepflicht (fides) des Patrons als ein Verstoß gegen das Sakralrecht geahndet ..." (Der Kleine Pauly 1979: 1224)

Zurück zum Ferkelstall


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen