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Jacoba und die Sozialarbeit

Jacoba wurde früh Waise. Als die Großeltern sie nicht mehr aufziehen konnten, weil sie ein "wildes und unbändiges" Kind geworden war, lebte sie viele Jahre in einem Kinderheim. Vier Jahre verbrachte sie in einer Pflegefamilie. Die letzten beiden Jahre vor ihrer Großjährigkeit wurde sie wieder in dem Kinderheim, das sie bereits mehrere Jahre beherbergt hatte, untergebracht. Kurz vor ihrer Entlassung aus dem Heim und damit, wie es sich so leicht ausspricht, "ins Leben", traf ich Jacoba. Wir kannten uns aus der Zeit ihrer Kindheit und konnten sehr offen miteinander reden. Vielleicht, weil sie ahnte, daß ich keine Forderungen an sie stellen würde, denen sie sich sonst von den meisten Erwachsenen in ihrer Umgebung ausgesetzt sah.

Ich fragte sie also, wie sie denn ihr Leben zu gestalten dächte, wenn sie das Kinderheim verlassen würde und dann auf sich gestellt sei. "Ach", meinte sie, "das ist ganz einfach. Da ich keinen Beruf gelernt habe, werde ich von Sozialhilfe leben. Ich freue mich auf die viele freie Zeit, die ich haben werde. Ich habe gelernt, mit wenig Geld auszukommen. Ein kleines Problem sehe ich darin, daß ich nicht besonders gut schreiben kann. Aber ich weiß schon, wie ich dieses Problem lösen werde. Ich werde mir für den Schreibkram eine Sozialarbeiterin halten. Die wird das für mich erledigen. Gewiß, die Sozialarbeiterin, wird mich nach einiger Zeit dazu überreden, einen Alphabetisierungskurs an der Volkshochschule zu besuchen. Ich werde da auch hingehen, damit die Sozialarbeiterin ein Erfolgserlebnis hat. Aber die Lehrer in der Volkshochschule werden nicht mit mir fertig werden, so daß ich wieder befreit bin."

Nach einem Jahr, an einem wunderschönen Septembertag mitten in der Woche traf ich Jacoba in einem Park der Stadt.

"Jacoba, wie geht's?"

"Gut, ach schlecht, nicht so gut, nicht so schlecht, also gut."

"Warum geht es dir gut, warum schlecht? Erzähl' mal!"

"Ach, weißt du, meine Sozialarbeiterin hat mich dazu bekommen, daß ich an einer arbeitsmotivierenden Maßnahme des Arbeitsamtes teilnehme, so etwas mit Holz. Darum geht es mir schlecht. Das ist so langweilig, von morgens acht bis nachmittags fünf zu arbeiten."

"Wie lange machst du das denn schon?"

"Fünf Tage lang, eine halbe Ewigkeit."

"Nun, und heute habt ihr frei?"

"Wir haben nicht frei, aber ich habe frei. Es ist ein viel zu schöner Tag, um in einer Werkstatt zu verblöden. Hast du auch frei?"

"Ja, ich habe Semesterferien."

"Die Leute in eurer Hochschule sind vernünftig, daß sie dir und deinen Studenten frei geben, wenn mit gutem Wetter zu rechnen ist."

"Und du, warum hast du frei?"

"Ich habe Probleme. Nicht so richtig und auch nicht so schlimm. Aber ich habe unserem Sozialarbeiter gesagt, ich könnte heute nicht arbeiten. Ich hätte Probleme und ich müßte nach Innen gehen, allein sein, um mit mir klar zu kommen. Das verstand er. Sozialarbeiter fahren mächtig ab auf Probleme, denen brauchst du nur ein Problem zu liefern, dann sind die zur Stelle. Probleme ist deren Beruf. Die leben geradezu von Problemen."

"Aber wenn sie dein Problem nicht lösen können, oder wenn du nichts tust, was nach einer Lösung von Problemen aussieht, werden sie sich nicht mehr um dich kümmern."

"Das stimmt, dann werden sie auch nicht mehr versuchen, mich zu etwas zu motivieren, wozu ich nicht zu motivieren bin, und das ich nur mache, um meiner Sozialarbeiterin, die meinen Schreibkram machen muß, einen Gefallen zu tun. Manche Leute sagen, das sei asozial und wenn das alle täten ... Aber es tun ja nicht alle und ich tue auch noch etwas für die Gesellschaft, da der Sozialarbeiter auf einer Arbeitsbeschaffungsstelle sitzt, habe ich dafür mitgesorgt, daß er nicht arbeitslos ist. Der hat meine Probleme nötig, damit er Arbeit hat."

Mir geht die frivole Idee durch den Kopf, Jacoba für die Verleihung der Hans-Muthesius-Plakette(l) des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge wegen ihrer Verdienste um das Deutsche Wohlfahrtswesen vorzuschlagen. Aber da fällt mir rechtzeitig ein, daß Jacoba jüdisch-polnischer Abstammung ist und ich verwerfe den Gedanken als zu makaber.


Anmerkung (1): Hans Muthesius verschickte am 3.12.1942 als Abteilungsleiter für Wohlfahrt und Jugendfürsorge im Reichsinnenministerium einen Erlaß zur Errichtung eines Kinder-KZ in Lodz. Nach dem Krieg machte Muthesius erneut Karriere als Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, dem zentralen Zusammenschluß aller öffentlichen und freien Träger sozialer Arbeit. Mit seinem Namen ist eine Ehrung für Wohlfahrtshonoratioren verbunden. Prof. Muthesius starb 1977 im Alter von 92 Jahren. (Quelle: Ernst Klee: "Idee: ein KZ. - Hans Muthesius - Wie sich eine Nazi-Karriere nach 1945 fortsetzte." In: DIE ZEIT, Nr. 38, 14.9.1990)

Nach Drucklegung dieses Textes legte der deutsche Verein den Namen "Hans Muthesius" für sein Haus in Frankfurt ab. Die Busstation vor dem Haus trägt immer noch (Oktober 1990) den Namen "Hans-Muthesius-Haus".

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