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Draußen vor der Tür

Ein Kurs fand statt, ein Kurs für Mitarbeiter aus der Arbeit mit Behinderten in einer zentralen Fortbildungsstätte des Diakonischen Werkes. Man war diesmal zusammengekommen, um sich mit Fragen der Personalführung zu befassen. Aber Kurse sind Kurse und Abende sind Abende, an denen man einfach raus muß, in die Stadt. Wenn man schon einmal rauskommt aus einer "totalen" Einrichtung der Behindertenhilfe, vom Land in die Stadt, vom "Dienst am Anderen" zum Dienst an sich selbst, dann auch richtig.

So auch an einem Abend, an dem unsere Geschichte begann: Eine verstreute Abend-Gruppe kehrte heim von einem letzten Nachtrunk in der Besenwirtschaft: Den guten Tropfen im Kopf ließ sich die Anstalt zu Hause besser ertragen.

Alles war ein wenig verschwommen und anders. Das Schlüsselloch lag tiefer als sonst. Der Schlüssel wollte nicht passen. Mach schon, laß mich mal!

Weil alle so auf das dumme Schlüsselloch fixiert waren und weil in solchen Situationen nur größere Abweichungen den Blick zu irritieren vermögen, fiel nicht sogleich auf, was nun plötzlich erkennbar war: Nur wenige Meter neben der Eingangstüre lag jemand am Boden. Kein Seminarist, wie zunächst vermutet, ein Penner. Eingewickelt in eine Decke, nach oben geschützt durch ein vorspringendes Dach, nach unten durch eine sorgfältig ausgebreitete Papierunterlage, schlief er auf dem wärmenden Gitterrost eines Warmluftschachts.

Er schlief im Schutz des Portals des Diakonischen Werkes!

Was tun? Selbst ins warme Bett und den Penner Penner sein lassen? Wenn der hier schlafen will, ist das seine Sache! Aber er schliefe doch besser im Bett der Diakonie. Keiner schläft freiwillig draußen. Vor allem: Was veranlaßt diesen Menschen, gerade hier zu schlafen? "Was will er damit sagen?" (Beziehungs-, Appellebene - das waren doch die Seminarthemen von heute).

Die einen zog's ins Haus, Penner hin Penner her, die anderen debattierten weiter, heftig, laut und gar nicht sensitiv, denn sonst hätten sie leiser gesprochen. So aber wurde dieser wach und meinte ärgerlich, man möge ihn doch in Ruhe lassen. Er dürfe doch wohl hier schlafen, weil er niemanden belästige und er wolle nun weiterschlafen. Wenn die Gruppe ihm etwas mitzuteilen habe, möge sie es doch auf einen Zettel schreiben und ihn neben das Bett legen, drehte sich rum und suchte wieder seinen Schlaf.

Der war den Heimkehrern geraubt. Zettel, keinen Zettel? Was schreiben?

Man schrieb einen Zettel mit einem Termin darauf: "Wir möchten gerne mit Ihnen sprechen, Mittwoch 11.00 Uhr, Bahnhof" (nicht Diakonisches Werk, versteht sich).

Das Thema der Abendgruppe wurde zum Thema der gesamten Seminargruppe: Dürfen wir einen Penner vor der Türe liegen lassen? Was geht das uns an? Vor allem hier und jetzt im Seminar? Wer stört hier eigentlich wen und was stört eigentlich? Muß sich das Diakonische Werk nicht darum kümmern? Oder ist es unsere Angelegenheit?

Die Auseinandersetzung hielt die Gruppe vom Vorabend nicht davon ab, den Tremin wahrzunehmen. Abgemacht ist abgemacht.

Herr X, alias unser Penner, klärte zunächst einmal, was ihm klärenswert war, nämlich daß, gleich wie das Haus auch immer hieß, vor dem er schlief, ein Schlafplatz für den Zeitraum von 23.00 Uhr bis 7.00 Uhr in der Frühe ihm wohl nicht zu versagen sei. Er belästige ja niemanden. Vor Bürobeginn sei er ja wieder fort. Der Ort sei günstig, weil ruhig und sicher vor der Belästigung von betrunkenen Stadtstreichern.

Was er dann berichtete, erstaunte die Helfersleute: Ein geregelter Tagesablauf wurde ersichtlich. Das Bett in der Frühe mußte täglich wieder abgebaut, Zeitungslage, Plastikbahn, Kopfunterlage etc. zusammengepackt werden. Danach: Waschen und Frühstücken im Bahnhof, dort auch in eines der Dauerschließfächer das Bett verstauen, aus dem anderen die für den Tag notwendigen Sachen nehmen, darunter ein Buch. Es galt einzukaufen (nach ausgiebigem Preisvergleich!), sich auch nach Gelegenheitsjobs zu erkundigen, Bekannte zu treffen, mittags auf der Bank am Buch weiterzulesen, mal etwas zu reinigen und das Gereinigte wieder im Schließfach zu verstauen, ein Stündchen zu schlafen, nach einer abendlichen Bleibe zu schauen usw. usw..

Am Nordbahnhof fand er von Zeit zu Zeit Arbeit, soviel wie notwendig, um die Ausgaben gerade zu decken.

Erstaunlich zu hören, wie genau einer, der so lebt, rechnen muß, um durchzukommen, um die Büchse Ravioli kaufen, die Schließfächer unterhalten zu können und zu besorgen, was man so zum Leben braucht.

Kein Trunkenbold also, sondern eine seltsame Type kam zum Vorschein, ein Mensch, der seine eigene Ordnung lebte, konsequenter als andere ihre Ordnung.

Ein seltsamer "Fall", der professioneller angegangen werden mußte. Per Zettel-Zustellung nahm die Gruppe wieder Kontakt auf und lud ein zu einem gemeinsamen Abend. Um nichts falsch zu machen, waren Profis aus der Nichtseßhaftenhilfe zugeladen worden. Herr X sagte nach längerem Zögern dann doch noch zu. Der Raum war klein, eng und heiß für jemanden, der die frische Luft gewohnt war und selten soviel, dazu von Akademikern gefragt wurde. Alle tranken Saft an diesem Abend, erstmals auch unsere Heimkehrer von den Tagen zuvor, inzwischen vertraute Personen für Herrn X, richtige Freunde sozusagen.

Nicht der Alkohol war es, der auf die Straße führte. Herr X war eher als abstinent zu bezeichnen. Kein typischer Clochard. Im Hintergrund stand glücklicherweise eine Familie, die auseinandergefallen war, Arbeitslosigkeit, eine Erkrankung, Isolation. Der Grund für die Straße und damit das Kümmern der Helfer außer Dienst war gefunden. Man war wieder im Dienst.

Er war also im Grunde einer wie wir. Darum sprach man sozusagen von Mensch zu Mensch über Themen, die hier und heute Menschen bewegten: über diese Gesellschaft, die Zerrüttung von Familien, die unzureichenden Angebote für Nichtseßhafte in der Stadt und dergleichen, bis es Herrn X wirklich zu heiß wurde. Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Bevor er fortging - das Bett mußte ja erst noch gerichtet werden -, wurde ein weiterer Termin festgemacht.

Das Seminar hatte sein eigentliches, bewegendes Thema gefunden, das wichtiger als "Personalführung" war. Es galt zu handeln: Wieviel ist jeder bereit zu geben? Wofür? Damit Herr X eine Unterkunft finanzieren kann, wenigstens für drei Monate. Das müssen wir tun, auch wenn wir in wenigen Tagen wieder auseinandergehen. Ansprechpartner und Clearing-Stelle kann die Sekretärin sein.

Ich spendete DM 25,-. Das lag in der Mitte. Es kamen drei Monatsmieten zustande. Eine Wohnung wurde gefunden und Herr X zog ein.

Besagte Spätheimkehrer fragten häufiger nach bei der Sekretärin. Sie erfuhren, daß Herr X anfangs hin und wieder etwas von sich hören ließ. Er erzählte, daß er einige Probleme mit dem Vermieter bekommen habe. Der wäre nicht ganz einverstanden mit den Freunden, die zu Besuch kämen.

Nach etwa 3 Monaten hörte der Kontakt auf. Wir erfuhren, daß die Seketärin nichts mehr erfahren hatte.

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