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Soziologische Anmerkungen zu einem konstruktivistischen Denken

Wer - wie ich - unter Konstruktivismus keine blanke Erkenntnistheorie versteht, sondern eine konstruktivistische Erkenntnistheorie lediglich als einen brauchbaren Baustein in einem viel breiter angelegten Theoriengeflecht behandelt, wer also unter dem Begriff 'konstruktivistisches Denken' etwa wissensoziologische, systemtheoretische, ethnomethodologische, symbolisch-interaktionistische, kybernetische u.ä. Ansätze zu vereinigen versucht, wird mit seinem 'Theorienbaukasten' nicht einfach nur 'die Welt da draußen' passend beschreiben wollen, er wird in 'der Welt da draußen' sich selbst wiederfinden, wird die Welt als eine beschreiben, in der es konstruktivistisch Denkende (wie einen selbst) gibt und wird sich zwischendurch auch fragen: "Warum gewinnt ein solches Denken gerade heute an Attraktivität?" Eben dieser Frage möchte ich im folgenden nachgehen.

Eine erste und pauschale Antwort würde lauten: weil ein konstruktivistischer Ansatz eine brauchbare Beschreibung der 'Wirklichkeit' liefert, eine Beschreibung, die mir plausibel erscheint, die sich mit meiner Welterfahrung deckt, die nicht nur mir, sondern, wie ich zu sehen glaube, auch anderen brauchbar und hilfreich erscheint, brauchbarer und hilfreicher eben als andere Ansätze.

Versucht man etwas genauer hinzuschauen und nicht nur sich und sein Erleben zum Bezugspunkt einer Begründung für die gegenwärtige Blüte konstruktivistischen Denkens zu nehmen, sondern auch die gesellschaftlichen und sozio-kulturellen Hintergründe anzusprechen, so lassen sich folgende Merkmale unserer modernen Gegenwart anführen, die dem Konstruktivismus - in dem hier vertretenen, erweiterten Verständnis - einen guten Nährboden liefern und gute Entwicklungschancen bieten.

Das erste hier zu nennende Merkmal unserer modernen Gegenwart ist die ökologische Krise. Die moderne Gesellschaft ist im Begriff, mit den Erfolgen (!) ihrer Produktion ihre eigene Fortexistenz zu gefährden. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht alarmierende Nachrichten über Umweltverschmutzung und Naturzerstörung erhielten. Hochleistungsfähige technische Systeme beglücken uns nicht mehr nur durch ihre Leistungen, sie bedrohen uns durch ihre Fehlleistungen. Sie bergen nicht nur Risiken, also Potentiale für Katastrophen, sie führen tatsächlich zu Katastrophen, die sich möglicherweise einmal zur Vernichtung des Lebensraums Erde ausweiten. Einmal außer Acht lassend, daß wir auf Kosten Dritter (der Armen, der Dritten Welt, der nachfolgenden Generationen) unseren Wohlstand sichern, müssen wir erkennen, daß die Produktion des Reichtums (für Wenige) begleitet ist durch eine ungeheure Risikoproduktion (die so gut wie alle betrifft).

Die moderne Gesellschaft ist eine Risikogesellschaft (vgl. Beck 1989) geworden, und es wird immer deutlicher erkennbar, daß die bisherigen Formen des Umgangs mit riskanten technischen Systemen (wie mit Systemen allgemein) unzulänglich, ja lebensgefährlich sind. Vor allem wird deutlich, daß man die Grenzen der Systeme bisher viel zu eng gefaßt hat und wesentliche Systemverwicklungen (Interdependenzen) außer Acht gelassen hat.

Ein systemtheoretisch informiertes, konstruktivistisches Denken verdeutlicht, daß der Bezugsrahmen für Problemanalysen viel weiter als bisher gesteckt werden muß, daß Teile dessen, die bisher als Umwelt vernachlässigt wurden, mitzuberücksichtigen sind. Ein Supertanker, ein gentechnologisches Labor, ein AKW oder eine Raketenbasis können nicht behandelt werden wie etwa eine mechanische Kirchturmuhr oder ein simpler Automotor. Ein Fehler in technischen Großsystemen führt zu unübersehbaren Schädigungen, die die engen Grenzen der technischen Anlage (wie auch Nationalgrenzen) weit übersteigen und mithin Auswirkungen auf Systeme haben, die längst keine technischen mehr sind: auf biologische, menschliche und schließlich soziale Systeme. Naturzerstörung, Gesundheitsschädigung und das Aufkommen eines Überwachungsstaates sind unbeabsichtigte Konsequenzen technologischer 'Erfolge'.

Technische Großsysteme weisen eine innere Komplexität auf, die mit mechanistischen Vorstellungen nicht mehr zu messen ist. Die Elementenvielfalt, die Vielfalt interner Relationen sowie die oft zirkulären inneren Vernetzungen lassen es unmöglich erscheinen, zu überblicken und zu kontrollieren, was in diesen Systemen wirklich abläuft. Die Systeme werden in einem grundsätzlichen Sinne undurchschaubar und unbeherrschbar. Minimale Fehler in Einzelelementen können sich zu katastrophalen Fehlern des Gesamtsystems aufschaukeln, ohne daß die Ingenieure und Konstrukteure jemals daran hätten denken können!

Wir lernen mit anderen Worten, daß wir Systeme nicht mehr isolieren und nicht mehr simplifizieren dürfen, daß wir ihre komplexen Umweltbezüge und internen Vernetzungen ernst zu nehmen haben. Spätestens mit den ökologischen Gefährdungen, den Risiko- und Katastrophen-Potentialen technischer Großsysteme in der modernen Industriegesellschaft wird ein systemisches Denken, wie es der Konstruktivismus nahelegt, unabdingbar. Die komplexen technischen Systeme entlarven die alte Denkweise als eine gefährliche Reduktionsleistung menschlicher Deutungen.

Der Konstruktivismus entwickelt seine Sensibilität für die Probleme zu eng gesetzter Systemrahmen und der Unterschätzung der Systemkomplexität nicht erst an technischen Großanlagen. Was technische Großanlagen vielen heute erst lehren, das behauptet der Konstruktivismus in Bezug auf menschliche Systeme immer schon: auch Menschen und soziale Systeme sind weit komplexen und undurchschaubarer, als gängige Theorien uns glauben machen wollen. So zeigt gerade ein systemisches Denken, daß z.B. ein auffälliges Verhalten nicht im engen Referenzrahmen des Handelnden erklärt werden kann (etwa als 'intrinsische Qualität der Person', als eine Charaktereigenschaft des Individuums oder als Defekt seines geistigen Apparates), sondern oft nur als Ergebnis einer verwickelten Beziehung zwischen dem Handelnden und seiner Umwelt zu begreifen ist. (vgl. Watzlawick 1988) Die Respektanz interner Komplexitätsverhältnisse zeigt sich im Konstruktivismus z.B. daran, daß in seinen Therapieverfahren davon ausgegangen wird, daß man einen anderen Menschen (und sei es auch 'nur' ein Klient) nicht beherrschen kann (darf), ohne diesen Menschen seines Menschseins zu berauben, daß man ihn nicht wirklich und letztendlich begreifen kann (vgl. Diagnose), ohne seine menschliche Komplexität zu vernichten.

Der Konstruktivismus wehrt sich gegen einen Reduktionismus, der versucht, die Beobachtungs- und Erklärungseinheit klein und überschaubar zu halten (hier die Person, die sich abweichend verhält, dort das AKW, das angeblich an der Betonschale seiner Außenmauern endet). Er wehrt sich, die Umwelt (hier die relevanten Anderen, dort die Biosysteme) als Randgrößen zu vernachlässigen. Der Konstruktivismus lehrt uns, die Komplexität eines Systems ernst zu nehmen sowie seine vielfältigen Beziehungen zur Umwelt zu beachten.

Die Gegenwart ist nicht nur durch technische Großanlagen und deren Umweltgefährdungen gekennzeichnet. Ein weiteres Merkmal der modemen Gesellschaft ist anzusprechen, weil auch dieses Merkmal die Brauchbarkeit konstruktivistischen Denkens begründen hilft: es ist die Tendenz, daß die moderne Gesellschaft sich zu einer Weltgesellschaft entwickelt, zu einem erdballumspannenden Sozialsystem. Wir essen nicht nur die Früchte aus Südafrika, den Feldsalat aus Afghanistan, wir trinken nicht nur den Kaffee aus Nicaragua und fahren nicht nur die Autos aus Japan, wir können auch dem Chinesen unsere Weihnachtsgrüße übermitteln oder dem Eskimo, falls auch ihm danach ist, die Hand schütteln. Durch internationale Wirtschaftsverbindungen, ein entwickeltes Verkehrs- und Touristiksystem, durch weltpolitische Entscheidungsgremien und satelitenunterstützte Informationsübertragung ist die "große weite Welt" zu einem "kleinen Dorf" geworden.

Das heißt aber auch, daß jeder Einzelne miterleben kann (muß), daß es anderswo auf der Welt anders zugeht, daß Menschen in anderen Regionen andere Kulturen, Sitten und Gebräuche, andere soziale Normen und andere Denkweisen pflegen. Die eigene Lebensweise erscheint als eine mögliche unter vielen möglichen Lebensweisen, d.h. die Kontingenz der eigenen Konstrukte (lebensweltlicher, wirtschaftlicher, religiöser, politischer, allgemein: sozialer Art) wird deutlich erkennbar.

Diese Erfahrung im Weltmaßstab wiederholt sich in der eigenen Kultur: es gehört zur normalen Alltagserfahrung, daß kulturelle Einheits- und Dauerorientierungen, wie sie in vormodernen Gesellschaften noch ganz 'normal' waren, zerbrochen sind und keine Institution mehr im Stande ist, eine für alle Menschen gleichsinnige und verbindliche Wirklichkeitskonstruktion zu vermitteln. Selbst die für das 19. Jahrhundert so typischen Klassenfraktionen scheinen trotz stabiler 'objektiver' Ungleichheitsrelationen an sozialer Evidenz und lebenspraktischer Bedeutung zu verlieren. Klassen- und Schichtungsmodelle gingen noch davon aus, daß der Einzelne aufgrund seiner ökonomischen Lage in ein traditional eingefärbtes, subkulturelles Klassen- bzw. Schichtenmilieu eingebunden werde, das sein Handeln, Denken und Fühlen leite und seinen Habitus (Bourdieu) präge. Dagegen wird heute (auch in der Ungleichheitsforschung) immer deutlicher erkennbar, daß der Einzelne, jenseits 'objektiv' bestehender Stände und Klassen, auf eine Vielfalt von Sinnangeboten trifft, unter denen er mehr oder minder frei wählt (zu wählen hat, wählen darf). Der moderne Mensch konstruiert sich seine 'subjektiv' sinnhafte Wirklichkeit patchwork-ähnlich zusammen und weiß, daß andere ihre individuell gestalteten Lebensstile anders gestalten. Die Wirklichkeit differenziert sich in mannigfaltige Wirklichkeiten, sie zerfällt in ein buntes Spektrum unterschiedlichster kleiner Lebensweiten. Soziologen sprechen hier von der Pluralisierung der Lebensweit, in deren Folge die Gewißheiten und Selbstverständlichkeiten einer jeweiligen Sinnprovinz prekär werden.

Tendenziell haftet in der Moderne an jeder Sinnsetzung etwas 'Willkürliches'. Tendenziell werden alle Deutungs- und Handlungsmuster als auch anders möglich erkennbar und damit fragwürdig (befragenswert, merkwürdig, bemerkenswert). (Deshalb werden heute wohl auch so viele Aussagen 'indexikalisiert', d.h. mit Zeichen versehen, die deutlich machen, daß es "meine" Meinung ist, "mein" Geschmack, "meine" Vorliebe, "meine" Sichtweise, daß "ich" (und nur ich?) es so sehe, wie ich es sehe etc.) Fragwürdig wird der individuelle Lebensentwurf vor allem auch aus der soziologischen Beobachterperspektive, in der nicht nur erkennbar wird, wieviel das Individuum faktisch kopiert, nachahmt, abschaut. Soziologen sehen, daß sich die individuellen Formen dann doch wieder zu sozialen Mustern verdichten und als solche stabilisieren, daß sie den Individuen schließlich als fremde Macht, als sozialer Zwang oder eben als 'reale' Ungleichheitsstruktur entgegentritt. Konstruktivisten dürfen sich eben nicht darauf beschränken, die Gesellschaft als eine subjektive, individuelle Erfindung begreiflich zu machen, sie haben auch ihren sozialen Konstruktionscharakter herauszustreichen, d.h. verständlich zu machen, wie es zu intersubjektiven Übereinstimmungen, zu Gewöhnungen und Habitualisierungen kommt, wie man den 'objektiven Sinn ohne subjektive Absicht' begreifen kann.

Der Pluralisierung der Lebenswelt entspricht die Individualisierung der Person, ihre Besonderung als etwas ganz Besonderes, Unverwechselbares, Einzigartiges und Autonornes. Jeder bemüht sich, und viele Professionen profitieren davon (vgl. den Artikel zum "Parasiten"), sein 'Selbst' aufzusparen, es zu hegen und zu pflegen, es zu fördern und zu entwickeln. Individualisierung steht für größere Verschiedenheit der Erfahrungshorizonte, für stärkere Unterschiede zwischen den Biographien, für jeweils persönliche Eigenarten und für die Erwartung, für all dies Anerkennung zu finden. Wie viel unsere 'Individualisten' von anderen auch immer adaptieren und kopieren mögen, sie haben jedenfalls das Recht auf den Anspruch 'ihrer' Individualität.

Um in der kulturellen Vielfalt einer Weltgesellschaft zurechtzukommen, um in einer pluralisierten Gesellschaft mit hochentwickelten Ansprüchen auf Individualität leben zu können, benötigt der moderne Mensch eine Denkweise, die Anderen ihr Anderssein zugesteht, die begreiflich macht, daß jede Form von Weltsicht, ob auf dem Niveau einer Gesamtkultur, einer jeweiligen kleinen Lebenswelt oder auf der Ebene der Einzelperson, ihren eigenen Wert, ihre eigene Wichtigkeit und Richtigkeit hat.

Konstruktivistisches Denken ist ein 'referenz-empfindliches' Denken. Es führt stets die Frage mit: "Von welchem Standpunkt aus erscheint dies oder jenes so und nicht anders?" Der Konstruktivismus ist mit anderen Worten ein Ansatz, der dazu animiert, die Welt und ihre Ereignisse nicht von (s)einem und nur (s)einem Standpunkt aus zu betrachten, sondern sich (im Geiste) in andere Positionen hinein zu versetzen, Kontexte zu wechseln, Bezugsrahmen auszutauschen und hinzusehen, was man zu sehen bekommt, wenn man anders schaut. Der Konstruktivismus lädt zur Offenheit ein, dazu, in der eigenen Perspektive fremde Perspektiven aufzunehmen und als solche abzubilden und ernst zu nehmen, denn: "Wenn Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie real!" (Thomas-Theorem).

Aus konstruktivistischer Sicht wäre es unzeitgemäß ja sträflich), eine und nur eine Sichtweise ansetzen und durchsetzen zu wollen, auf der 'Wahrheit' eines und nur eines Ansatzes zu beharren und diese eine Wahrheit womöglich mit Waffengewalt - wie sooft schon in der Geschichte geschehen - anderen aufdrängen zu wollen. Damit ist konstruktivistisches Denken ein sehr modernes Denken, das auf Vielfalt und Unterschiedlichkeit abstellt und dabei Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und Konflikte in Kauf nimmt. Wir wollen auch noch ein drittes Merkmal der modernen Gegenwart ansprechen, das konstruktivistisches Denken brauchbar macht: gemeint ist die enorme funktionale Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft. Funktionale Differenzierung besagt, daß sich in der Gesellschaft an der Bearbeitung von Sonderproblemen orientierte Sozialsysteme entwickeln und gegeneinander profilieren. Diese Systeme, auch Funktionssysteme genannt, entwickeln ihre je eigene Funktionslogik und Rationalität, ihre eigenen Sprachen, Codes und Leitorientierungen. Was für das Wirtschaftssystem maßgeblich ist, muß in der Religion nicht wichtig sein. Was die Politik für wichtig hält, mag in der Wissenschaft randständig erscheinen. Wie immer die ausdifferenzierten Funktionssysteme operieren, ob sie sich wechselseitig stützen oder stören, ob sie sich ergänzen und stärken, sich schwächen oder gegeneinander indifferent zeigen, sie produzieren ihre jeweiligen Eigenleistungen, und sie produzieren sie in unwahrscheinlicher Hochform, weil sie sich spezialisiert und 'thematisch gereinigt' haben (in der Wirtschaft zählt nur das Geld, in der Wissenschaft nur die Erkenntnis, in der Politik nur die Wählerstimme, in Intimbeziehungen nur die Liebe ...). Funktionale Gesellschaftsdifferenzierung ist ein äußerst leistungsfähiges Strukturprinzip (das allerdings auch seine Kosten und negativen Effekte hat, z.B. die oben genannten Risiken, gegen die heute vor allem in den neuen sozialen Bewegungen protestiert wird). Jeweilige Funktionszusammenhänge 'befreien' sich von funktionsfremden Zumutungen und vermögen es so, ihre Eigenkomplexität in relativer Autonomie nahezu unbegrenzt zu entfalten: wirtschaftliche Aktivitäten finden ihre Grenzen nicht mehr in der Moral, auch unmoralische Geschäfte werden getätigt, soweit sie Gewinne abwerfen; die Religion predigt Weltverständnisse, die den empirischen Familien- und Liebesverhältnissen entgegenlaufen; und geliebt wird bekanntlich auch eine Person, die die Familie nicht ernähren kann; geforscht wird, was wissenschaftlich interessant ist, ohne Rücksicht darauf, ob die Politik die Forschungsergebnisse verkraften kann; die Kunst produziert ihre Werke, auch wenn sie damit die Erziehung in Verlegenheiten bringt. In jedem Funktionssystem entwickelt sich eine Logik, die das Eigene (Macht, Liebe, Wahrheit, Geld etc.) relativ rücksichtslos ausreizt und damit die Welt vollpackt mit an sich recht unwahrscheinlichen Systemleistungen, auf die die jeweils anderen Systemzusammenhänge sich im positiven wie im negativen Sinne 'verlassen' können.

Neben der lebensweltlichen Pluralisierung läßt die funktionale Differenzierung die gesellschaftliche Komplexität explodieren, auf die dann nur noch äußerst selektiv zugegriffen werden kann. Pluralisierung und Differenzierung bescheren einen Möglichkeits- und Sinnüberschuß, der dem Einzelnen (wie den Sozialsystemen, z.B. Organisationen) enorme Reduktionsleistungen abverlangt.

Auf Komplexität (im Sinne einer grundsätzlichen Vielheit von Sprachen, Modellen, Systemlogiken, Verfahrensweisen, Denk- und Lebensformen, Handlungs- und Wissenskonzepten) kann unterschiedlich reagiert werden. Man kann sie einfach ignorieren (vgl. die Landmaus). Man kann auch versuchen, sie durch strenge Reduktionssysteme zu bändigen, um in die Vielfalt die Einheit einzulesen, so wie die Aufklärung die Einheit in der Emanzipation der Menschheit sah, der Idealismus die Einheit in der Teleologie des Geistes suchte, der Kapitalismus die Menschen mit Reichtum und Fortschritt beglücken wollte, der Marxismus die Befreiung der Menschheit zur Autonomie im Auge hatte. Lyotard (1979) spricht hier von 'Meta-Erzählungen', die alle Wissensanstrengungen und Lebenspraktiken einer Zeit bündeln.

In der entwickelten (Post-)Moderne zerbricht die Glaubwürdigkeit der 'Meta-Erzählungen' aufgrund schmerzlicher Erfahrungen mit ihnen. Es versagen die einheitsstiftenden Wissenssysteme und werden, wo sie noch vertreten werden, zu Bausteinen unter anderen im komplexen Wissensgebäude der Moderne.

Vor dem Hintergrund einer irreduziblen Vielfalt gilt es, sich von 'Einheitsobsessionen' zu verabschieden, anzuerkennen, daß man 'das Ganze' wie die heißgeliebte 'Wahrheit' nicht mehr zu fassen bekommt und sich nach einem Denken umzusehen hat, das die gesellschaftliche Komplexität als nicht reduzierte Differenziertheit anerkennt.

Der Konstruktivismus begründet sich, so lassen sich unsere bisherigen soziologischen Überlegungen zusammenfassen, in einer Phase der Unübersichtlichkeit, der enttäuschten Einheits-, Fortschritts- und Kontrollhoffnungen, in einer Zeit elementarer Orientierungsunsicherheit, in der sowohl religiöse wie säkulare Traditionsbestände sich auflösen und selbst die Wissenschaft einen kulturellen Bedeutungsschwund erfährt. Der Konstruktivismus antwortet auf die - hiermit nur knapp skizzierte - 'Krisis der Moderne', indem er die 'alte Not' zu einer 'neuen Tugend' macht. Konstruktivistisch zu denken, 'paßt' zu einer wie hier beschriebenen Wirklichkeit, und mehr noch, es kann 'unpassend' gewordene Denkweisen entlarven, kann schimpfen auf die, die trotz der Unübersichtlichkeit und Undurchsichtigkeit Übersicht und Durchblick vorschützen, und weiß dabei doch immer, daß alles auch ganz anders sein könnte ...

Marx hat einmal gesagt, Philosophen hätten die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es komme darauf an, sie zu verändern. Ein Konstruktivist hält dagegen, daß die Erzeugung unterschiedlicher Sichtweisen und Interpretationen in einer von (sozialistischen wie kapitalstischen oder sonstigen) Gewissheiten geplagten Welt bereits eine wesentliche (positive) Veränderung wäre (vgl. die Operation "Wüstensturrm", Jan. 1991-?)!

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