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Rationalistisches und Konstruktivistisches in Organisationen

Sozialarbeiterlnnen sind keine Einzelkämpfer mehr, wie einstmals ihre Vorfahren. Sie operieren im Verbund, in Verbänden, sie arbeiten in, mit und manchmal gegen Organisationen. Ihr Arbeitsalltag ist in aller Regel ein Organisationsalltag, ist ein Leben mit Kollegen, Klienten, Vorgesetzten und Untergebenen. Sie haben zu tun mit Behörden, Ämtern, Gerichten, Verbänden, Parteien, Vereinen und was es sonst noch alles an Organisationen gibt. Sie nutzen die Vorzüge der Organisierung, tragen aber auch die Kosten, die oft sehr hoch anzusetzen sind.

Organisationen sind unersetzliche, nicht mehr wegzudenkende Strukturpfeiler der modernen Gesellschaft geworden und prägen in einem kaum zu überschätzenden Maß auch die Funktionsweise der Sozialarbeit. Kein Hilfsbedürftiger kommt mehr umhin, will er öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen, sich an die entsprechenden Stellen in den entsprechenden Organisationen zu wenden. Für keinen Helfer stellt sich mehr die Frage, ob er sich in Organisationen einbindet, allenfalls mag er sich fragen: in weiche und in welchem Maße. Die moderne Gesellschaft ist eine 'Organisationsgesellschaft'geworden, die Tätigkeit des Helfens hat eine institutionalisierte Form gefunden, die Sozialarbeit ist zu einem Großteil bürokratisch dominiert. Das erfahren Helfer wie Hilfsbedürftige jeden Tag aufs Neue. Wollen wir das alltägliche Handeln von Sozialarbeiterlnnen in der durch formale Regel, bürokratische Prozesse und positiv gesatzte Ordnungen gekennzeichneten Gesellschaft begreifen, müssen wir Organisation als ein wesentliches Strukturmerkmal begreifen; wer heute noch einigermaßen zurechtkommen will, muß lernen, mit und in Organisationen zurechtzukommen.

Dazu mag er sich einmal die grundsätzliche Frage stellen: 'Was sind Organisationen eigentlich für komische Gebilde?' Die Antwort ist denkbar einfach: Organisationen sind Organisationen. Sie sind, was sie sind. Und damit ist eigentlich alles gesagt. So einfach ist das.

So einfach ist das natürlich nicht, denn Logiker würden mir erklären, mein Definitionsvorschlag sei tautologisch. Tautologien verdoppeln nur, häufen lediglich gleichbedeutende Begriffe und bringen keinerlei Erkenntnisgewinn. Ihr Informationswert sei gleich Null, sagen die Logiker.

Wenn ich auf sie höre, und auf die Aussage, Organisationen seien Organisationen, verzichte, bleibt mir eigentlich nur noch die Möglichkeit zu behaupten, Organisationen seien keine Organisationen, sie seien, was sie nicht sind. Aber auch hier würden Logiker protestieren, denn eine solche Aussage enthält einen Widerspruch, den sie angeblich nicht enthalten darf. Sie ist paradox und würde von Logikern ebenso abgelehnt wie die tautologische Aussage. Was tun?

Man kann die Logik einfach zum Teufel schicken und sagen, Organisationen seien soziale Systeme, seien Herrschaftsverbände, seien Zweckgemeinschaften, seien arbeitsteilig und hierarchisch strukturierte Zusammenschlüsse von Menschen. Organisationen werden hier über Teilaspekte, d.h. über einzelne ausgewählte, für relevant erachtete Merkmale definiert. Jede dieser Definitionen setzt andere Schwerpunkte, betont bestimmte Merkmale von Organisationen als besonders wichtig und andere als vernachlässigbar. Die Betonung und Vernachlässigung bestimmter Merkmale ist abhängig vom Standpunkt der Betrachtung. Je nachdem, von wo aus man schaut, erscheint Unterschiedliches als wichtig, wesentlich und charakteristisch. So würde ein Systemtheoretiker die komplexen Strukturen und Prozesse, sowie die Vernetztheit einer Organisation für ein wichtiges Definitionskriterium halten, während ein Herrschaftstheoretiker behaupten würde, in der Definition des Gegenstandes müsse unbedingt zum Ausdruck gebracht werden, daß Menschen sich in Organisationen der Befehlsgewalt, Anordnungsbefugnis und Kontrolle anderer Menschen unterstellen (müssen) und ihren Vorgesetzten Folge leisten (müssen). (Wer hat Recht? Etwa beide?)

Organisationen bieten ihren Betrachtern unterschiedliche Ansichten. Betrachter sehen Organisationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Letztendlich scheint es gar nicht um die 'reale', 'objektiv gegebene' Organisation zu gehen, sondern um die Bilder von Organisation, die sich einem Beobachter bieten. Es scheint darum zu gehen, was ein Beobachter sieht, genauer: welches Bild er sich von dem, was er zu sehen glaubt, macht. Wenn wir über Organisation reden, reden wir darüber, was Organisationsbeobachter sehen, und ich füge hinzu: sie sehen, was sie sehen. Sie sehen nicht, was sie nicht sehen. Alle Informationen, die wir über Organisationen haben, stammen von einem Beobachter, alles Wissen über Organisationen ist Beschreibungswissen. (Ich hatte also doch Recht: Organisationen sind, was sie sind.) Die Frage, die bleibt, lautet: 'Wie werden sie beobachtet, beschrieben, begriffen und behandelt?' Jeder hat sich im Laufe der Zeit sein Bild von Organisationen gemacht. Jeder bewegt sich mit ganz bestimmten, relativ festgefügten Vorstellungen und Erwartungen in Organisationen. Jeder weiß über kurz oder lang, daß Organisationen ganz bestimmte Erwartungen an ihn richten, daß sie ihm ein spezifisches Verhalten abverlangen und spezifische Handlungsweisen zumuten. Wir wollen die Reihe der Beobachter und die Palette der Bilder, die von Organisationen entworfen werden, in zwei Gruppen einteilen, von denen wir annehmen, daß es zwei sehr wichtige und einflußreiche Gruppen sind. Beide Gruppen pflegen je unterschiedliche Organisationsverständnisse, beide halten entsprechend unterschiedliches Verhalten in Organisationen für sinnvoll und wünschenswert, beide haben ein je unterschiedliches Selbstverständnis. Die erste Gruppe nenne ich die 'Rationalisten', die zweite Gruppe nenne ich die 'Konstruktivisten'. Rationalisten konfrontieren Organisationen wie selbstverständlich mit dem normativen Anspruch, rational zu sein; mithin wird sogar so getan, als wenn sie es immer schon wären und nur ab und zu durch menschliche Fehlleistungen Irrationalitäten aufwiesen. In der klassischen Verwaltungslehre und in den hergebrachten betriebswirtschaftlichen Ansätzen springt die Rationalitätsunterstellung deutlich ins Auge: Organisationen werden begriffen als bewußt geplante, ziel- und zweckorientierte, rational gestaltete Zusammenhänge.

Rationalisten konfrontieren Organisationen und ihre Mitglieder mit der Rationalitätsprämisse, um zunächst das 'Ist-Niveau' der organisatorischen Rationalität auszulosen und um es dann, wenn nötig und möglich, anzuheben. Was sie dann tun, nennen sie 'Rationalisierung'. Es geht Rationalisten stets um die Entwicklung von Prinzipien des'richtigen' Handelns, um Steigerungsmöglichkeiten organisatorischer Effizienz und Effektivität. (Haben sie mit ihren nun Jahrzehnte währenden Versuchen Erfolg gehabt?)

Rationalisten vergleichen Organisationen gern mit mechanischen Maschinen. (Das beliebteste Bild ist wohl das des Uhrwerks.) Um die Bedeutung der Maschinenmetapher im nationalistischen Organisationsverständnis angemessen würdigen zu können, muß zunächst geklärt werden, was wir unter einer Maschine zu verstehen haben.

Insofern steht die Maschine als Bild der Organisation für eine umfassende, totale, rationale Anordnung. Man ersetze nun einfach das Wort 'Maschine' durch Begriffe wie 'Organisation', 'bürokratische Verwaltung' oder 'Betrieb', ersetze auch noch das Wort 'Einzelteil' durch 'Mitarbeiter' oder 'Stelle' und man wird sehen, welches Ideal den Rationalisten vor Augen steht.

Die Eigenschaften der Maschine lassen sich auch negativ formulieren:

Spätestens hier protestiert der Konstruktivist, da sein Bild von Organisationen dem der Rationalisten fast genau entgegengesetzt ist. Organisationen sind für ihn alles andere als 'sinnunempfindlich', sie sind geradezu erst durch Sinn hergestellt, sie sind Sinnsysteme. Organisationen sind das Ergebnis menschlicher Deutungs- und Interpretationsleistungen. Sie sind, was sie sind, weil die Menschen sie so und nicht anders erwarten und weil sie sich ihnen gegenüber so und nicht anders verhalten. Radikal formuliert: Organisationen sind Sinnkonstrukte, 'gemachte', 'erfundene', 'ausgehandelte', erschaffene' Wirklichkeiten, für real gehaltene 'Fiktionen'. Die konstruktivistische Linie betont die komplexe, nicht triviale Sinnhaftigkeit des Handelns und Erlebens im organisatorischen Zusammenhang.

Für Konstruktivisten sind Organisationen nicht mit mechanischen Maschinen zu vergleichen. Viel eher bietet sich aus konstruktivistischer Sicht an, Organisationen als Kulturen zu betrachten. Max Weber hat Kultur als 'einen vom Standpunkt des Menschen aus mit Sinn und Bedeutung bedachten endlichen Ausschnitt aus der sinnlosen Unendlichkeit des Weltgeschehens' bezeichnet. So wie Kulturen sind Organisationen selbsttragende Konstrukte, von Menschen erzeugte Sinnetze, selbstgewobene Bedeutungsgewebe. Kulturen sind Weisen des Denkens, Fühlens, Glaubens und Verhaltens, Speicher gemeinsamer Erfahrungen, Systeme sozialer Orientierungen angesichts wiederkehrender Probleme, also Problemwahrnehmungs- und -lösungsmuster. Betrachtet man Organisationen als Maschinen, stellt sich ein technologisch-instrumenteller Blick ein; betrachtet man Organisationen als Kulturen, stellt sich ein ethnologischer Blick ein: so wie ein Völkerkundler damit beschäftigt ist, eine ihm fremde Kultur zu 'lesen', zu 'interpretieren', zu 'deuten', um schließlich zu 'verstehen', welche Bedeutung bestimmte Zeichen für die in dieser Kultur Lebenden haben, so bemühen sich Konstruktivisten, verständlich zu machen, welche Bedeutung z.B. Kleiderordnungen, Bürogestaltungen, Alltagsrituale, Zeremonien, Redeweisen, Jargons, Anekdoten, Führungsgrundsätze, Leitbilder und Philosophien für die an einer Organisation beteiligten Menschen haben und wie sich diese Bedeutungen zu symbolischen Ordnungen fügen, in und an denen Menschen sich dann orientieren. Konstruktivisten interessieren sich für die Realitätsdeutungen derer, die in der Organisation arbeiten bzw. derer, die mit einer Organisation zu tun haben, für alle also, die durch ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten der organisatorischen Realität Bedeutung und Geltung verschaffen.

Für Konstruktivisten ist die Maschinenmetapher ein denkbar unbrauchbares Bild, um sich Organisationen vorzustellen, denn anders als etwa ein Uhrwerk sind Organsiationen aus konstruktivistischer Sicht sehr wohl selbstbezüglich: sie verfolgen eigene Ziele und Zwecke, oft sogar gegen die Interessen der Mitglieder oder Dritter, sie setzen sich selbst in Bewegung und korrigieren sich selbst (etwa durch Rausschmiß von Mitarbeitern, durch die Verabschiedung von neuen Programmen etc.), sie sind hochgradig aus sich selbst heraus entwicklungsfähig und unterhalten zu diesem Zweck manchmal sogar eigene Abteilungen, sie erhalten sich häufig selbst dann noch am Leben, wenn ihre proklamierten Ziele und Zwecke schon lange nicht mehr erfüllt werden. Die Rationalität, die Rationalisten den Organisationen zumuten, ist aus konstruktivistischer Sicht ein Mythos, eine normative Vision, die in die Organisationen hineingelesen wird, obwohl sich der Gegenstand an vielen Stellen dagegen wehrt. Die Hoffnung auf Rationalität wird da zu einem frommen Wunsch, wo zugestanden werden muß, daß es in Organisationen durchaus funktionslose Elemente gibt, bzw. Elemente, die alles andere als funktional auf das operative Ganze einjustiert sind, wo in Plänen enorme Planlosigkeit zum Ausdruck kommt, wo Programme weniger vernünftig als vielmehr hektisch und opportunistisch zusammengehauen werden, wo deutlich wird, daß Organisationen Umweltturbulenzen beim besten Willen intern nicht kontrollieren können, wo guter Wille negative Effekte zeitigt, wo Erfolge sich zufällig und überraschend einstellen, wo die Komplexität der Situation die organisatorische Informationsverarbeitungskapazität schlicht und unrettbar überfordert.

Konstruktivisten gehen davon aus, daß Organisationen hochkomplexe Sinnsysteme in hochkomplexen Sinnzusammenhängen sind. Wo Menschen ins Spiel kommen, ist sowieso nichts mehr trivial. Nichts und niemand vermag die Organsations- und Umweltkomplexität bzw. die Komplexität der Organisationsmitglieder auch nur annähernd abzubilden. Rationalisten reden sich nach der Meinung von Konstruktivisten nur ein, diese Komplexität 'in den Griff bekommen' zu können. Wo es ihnen gelingt, die Situation zu beherrschen, gelingt es ihnen nur aufgrund (mithin folgenschwerer) Verengungen der Situationsdefinition.

Rationalisten tendieren zu einer instrumentell-technokratischen Haltung. Sie bemühen sich um Kontrolle durch Wissen. Sie neigen dazu, sich an 'allgemeingültige' Prinzipien, an 'wissenschaftlich begründete' Rezepte und durch Erfahrung erprobte how-to-do-Regeln auszurichten, in der Hoffnung, so einen reibungslosen Funktionsablauf garantieren zu können. Rationalisten treten - wie versteckt auch immer - als Sozialtechnokraten auf. Sie sind eingenommen von der Vorstellung der Machbarkeit, Beherrschbarkeit und Steuerbarkeit der organisatorischen Ereignisse. Sie glauben - trotz vieler Enttäuschungen, Pleiten, Pech und Pannen - an die prinzipielle Kontrollier- und Determinierbarkeit des Geschehens.

In der Sozialarbeit warten Vertreter der rationalistischen Linie mit vielerlei 'Rezeptwissen' und 'rationalistischen Problemlösungsvorschlägen' auf. Sie bieten z.B. Erziehungs-, Beziehungs- und Eherezepte, Gesprächs- und Kommunikationskonzepte, Freizeit- und Beschäftigungsprogramme an, an die sich SozialarbeiterInnen 'festhalten' können und denen ihre Klienten folgen sollen. Konstruktivisten vermuten hier mangelnde Klientenorientierung. Sie befürchten, daß Sozialarbeiterlnnnen sich aufgrund ihres 'Wissens' als Experten aufspielen und in Interaktion mit ihrer Klientel exklusive Interpretationsrechte für sich reklamieren und damit ihre Klienten tendenziell entmündigen. Konstruktivisten reden sich im Gegensatz dazu ein, ihnen ginge es um die radikale Anerkennung der 'Freiheit des Gegenstandes', speziell: um die radikale Respektierung des autonomen Subjektcharakters ihres Gegenübers. Sie behaupten, ihnen gehe es nicht darum, einem 'Fall ' ein vorgefertigtes, rationalistisches Interpretationsmuster überzustülpen, sondern darum, einen 'Fall' in der Sprache des Falles selbst verstehen zu lernen. Dazu sei es angezeigt, die eigenen Deutungen ständig zu hinterfragen, die Deutungsangebote vom Gegenüber selbstkritisch lesen zu lernen, die Deutungsangebote ans Gegenüber nicht als Vorschriften, sondern als Anregung und Anstoß zu begreifen.

Radikale Rationalisten vertreten im Grunde ein reduktionistisches Menschenbild. Sie begreifen den Menschen als ein mehr oder weniger mechanisch reagierendes Wesen (hommo mechanicus). Auf sich selbst angewandt fallt ihnen selbst demnach entweder die Rolle des Ingenieurs bzw. Konstrukteurs zu, der alles plant, kontrolliert, steuert und lenkt, oder die Rolle des 'Rädchen im Getriebe', das an dem Ort, an den es gesetzt ist, präzise, berechenbar und zuverlässig zu funktionieren hat. In jedem Rationalisten in Führungsposition steckt ein autoritärer Kern, in jedem Rationalisten in der Untergebenenposition steckt ein autoritätsgläubiger Untertan, im Extrem ein Duckmäuser. Beide, rationalistische Führer wie Gefolgsleute, zeigen einen deutlichen Hang zur Klassifikation, Ordnung und Methodik. Dieser Hang entspricht nicht nur dem Wunsch der Führenden, einen vorallsschauend berechenbaren Mechanismus zu konstruieren, er entspricht auch gewissen Interessen der Gefolgsleute, die sich hinter der reglementierten Routine persönlich zu verschanzen wissen. "Die Methode ist wie die Organisation das Heil und die Rettung für schwächliche, kümmerliche Menschen, das kompensatorische Mittel für individuelle Schwächen, der Trick, der es der Mittelmäßigkeit ermöglicht, ihre Grenzen zu überwinden (...) indem sie ihre Arbeitsverfahren vereinfacht und standardisiert, entzieht sich die Organisation der Notwendigkeit, außergewöhnliche Talente aufbieten zu müssen. Ihr Fundament ist der Durchschnittsmensch." (Wolin 1960:383)

Radikale Konstruktivisten begreifen den Menschen als den Konstrukteur seiner Realität, letztendlich aber als eine 'UnfaI3barkeit' und 'Unbestimmbarkeit'. Sie begreifen sich selbst (hoffentlich) weniger als Vorgesetzte oder Untergebene, als Steuerer oder Gesteuerte in einem hierarchischen Verhältnis, sondern vielmehr als 'Mitspieler' in einem komplizierten Netzwerk menschlicher Interaktion, als eingewoben in ein organisatorisches Geflecht, das sie selbstmiterzeugen, ohne es selbstdeterminieren zu können. Sie ersinnen (hoffentlich) keine Kontroll- Steuerungs- und Beherrschungsstrategien, sondern Strategien der Irritation, der Störung, der Anregung, des Erleichterns, des Möglichkeiten eröffnenden Deutens. Die 'Exzellenz' des Konstruktivisten zeigt sich in Situationssensibilität, Kontingenzbewußtsein und Flexibilität. Seine Vorstellung von Rationalität zielt nicht auf die Vernichtung von Komplexität, auf Simplifizierung und Trivialisierung, sondern im Gegenteil auf die dosierte Komplexitätssteigerung, auf das Aufzeigen und Entwerfen von Möglichkeiten etc. Ihm geht es darum, die Veränderungsmöglichkeiten organisatorischer Realität zu erweitern. In jedem Konstruktivisten steckt ein Meuterer, Chaot, Zauberer, Magier, Rattenfänger, einer, der keine Ahnung hat, einer, der von nichts etwas weiß, im Extrem ein Verrückter.

Rationalisten wie Konstruktivisten sind derzeit häufig anzutreffende Typen von Organisationsbeobachtern. (Die ersteren sind wohl noch häufiger als die letzteren.) Beide, das sollte unsere (!) Beschreibung und Unterscheidung der Beobachter zeigen, erzeugen jeweils unterschiedliche 'Organisationswirklichkeiten'. Beide sehen, was sie sehen, tun, was sie tun, handeln wie sie handeln und als ihre Beobachter sehen wir, wie sie hier und da unserem Bild von ihnen untreu werden, wie Rationalisten vor der Komplexität ihres Gegenstandes kapitulieren und aufhören, zu rationalisieren, wie Konstruktivisten resignieren, aufhören, Konstruktionen zu variieren und ausrufen: 'So isses jetzt mal! Punkt!' Es wäre viel zu schön, um wahr zu sein, wenn die Organisationen wirklich nur von zwei und nur zwei 'sauberen' Typen belebt würden. Die Wirklichkeit ist immer komplizierter als die noch so komplizierte Beschreibung. Die Beschreibung ist eben nur eine Beschreibung, die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit und Organisationen sind nun mal ... Organisationen.

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