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Umwege - Auswege

Aus dem alten1) Griechenland ist uns folgender Ausschnitt einer wahren2) Geschichte überliefert, die wir hier als Beweis3) dafür präsentieren, daß es Situationen gibt, in denen man(n)4) mit seinen Konstruktionen5) nicht mehr weiter kommt und sich neue6) Konstrukte einfallen lassen muß, Unsere7) Geschichte zeigt nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch den Erfolg eines Umdeutungsprozesses8). Und unsere Geschichte hat eine Moral9), die wir uns für zuletzt aufbewahren.

Vor uns haben wir zwei ganz normale, nämlich zwei kräftige, etwas dümmliche, zwangsheterosexuelle10) Soldaten des alten Athen. Aufgewiegelt durch Lysistrata11) verweigern sich ihre Frauen ihnen. Die Frauen sind in den Sexualstreik getreten, um ihre Männer zur Beendigung des Krieges gegen Sparta zu zwingen. Daraufhin geraten die Männer unter Druck12). Sie suchen andere Wege13), ihren männlichen Trieb14) auszuleben.

Anmerkungen:

1) Im neuen Griechenland soll alles 'ganz anders' sein!
2) Konstruktivisten würden natürlich nicht 'wahr', sondern nur 'brauchbar' sagen.
3) 'Beweis' ist ein alter Begriff für Plausibilität.
4) Obwohl es in dieser Geschichte um Männer geht, gehe ich davon aus, daß Frauen ähnliche Problemlagen kennen.
5) Synonym für Deutung, Vorstellung, Interpretation.
6) Von 'neu' sollte man nur sehr vorsichtig reden (s.o.), da die 'neuen' Konstrukte - wie auch hier - oft sehr alte Konstrukte sind.
7) Der Wahrheit zuliebe sei gesagt, daß die Geschichte von Ralf König stammt, der sie selbst irgendwo abgeschrieben haben wird - wir rechnen also mit 'Übertragungsverlusten'.
8) Das ist extra so gewählt, weil wir Mut zum Umdeuten machen wollen, eine Art von Mut, der den Kriegern in der Golfregion 1991 gefehlt hat. Was in unserer Geschichte mit 'Erfolg' gemeint ist, entnehme man/frau den letzten Sprechblasen.
9) Leider ließen sich neuere Überlegungen zum Thema 'Moral' hier nicht mehr auswerten. Man/frau lese: N. Luhmann, Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Frankfurt am Main 1990.
10) Dies ist ein Begriff aus der Schwulenszene, der m. W. von Detlef Stoffel stammt. Wo der ihn geklaut hat, weiß ich nicht.
11) Eine für die damalige Zeit recht radikale Frauenbewegte und -bewegende, die in ihr politisches Konzept auch das brisante Thema 'Frieden' aufnahm.
12) Ein recht doppeldeutiger Begriff, der hier aber sehr bewußt gewählt wurde.
13) Der übliche Weg scheint damals schon der eheliche Geschlechtsverkehr gewesen zu sein, wobei die Ehe als monogame, gegengeschlechtliche Paarbeziehung konzipiert war. Da unsere zwei Soldaten nicht den üblichen Weg gehen, würden Soziologen hier von 'abweichendem Verhalten' bzw. 'Devianz' reden.
14) Ein unglücklicher Begriff, doch welcher wäre besser?

Unsere Geschichte beginnt, wie man/frau sieht, mit einem Problem, mit Unwissenheit und Ratlosigkeit. Die Situation ist offen und, wie unsere Helden zeigen, neigen Menschen dazu, nach Konstrukten zu suchen, um Probleme 'in den Griff' zu bekommen, um Situationen zu schließen. Das erste Konstrukt-Angebot wird vehement zurückgewiesen. Es scheint zu sehr gegen etablierte Normen des Sexualverhaltens zu verstoßen. Derjenige, der das Konstrukt zur Sprache brachte, macht auch gleich einen Rückzieher, indem er erklärt, nicht vorgehabt zu haben, das Konstrukt in Handlung zu übersetzen. Seine Quasi-Entschuldigung wird akzeptiert, eine Alternative scheidet aus, doch damit ist man so ratlos wie zuvor.

Die Ratlosigkeit kann nicht gefühlsneutral hingenommen werden. Man regt sich auf, wird laut, verliert fast die Nerven und muß sich gegenseitig beruhigen und Mut zureden. Die passende Geste hierzu ist das kameradschaftliche Schulterklopfen, das fast unmerklich übergeht zu einer Zärtlichkeitsgeste (Kraulen), wie wir sie unter Sexualpartnern häufig antreffen.

Zwei Kontexte, die jeweils für sich mit ganz unterschiedlichen Konstrukten ausgestattet sind, geraten hier aneinander, ein und dieselbe Handbewegung aktiviert unterschiedliche Bedeutungen. Das mutmachende Schulterklopfen ist unter Kameraden eine durchaus akzeptable Form des Körperkontaktes, läßt aber die Heftigkeit des Klopfens nach, wird daraus ein Streicheln, dann werden die Kameraden zu Liebhabern und hätten entsprechendes Liebeshandeln anzuschließen. Obwohl beide seit Jahren ihre Soldaten- und Kameradenrolle perfekt zusammen spielen, ist ihnen der Rollenwechsel eine unerträgliche Vorstellung. Das zeugt von einer strengen Desexualisierung des Soldatenlebens. das zeigt strenge Tabuisierungen an, da scheinen soziale Normen bis tief in die individuelle Psyche einzugreifen. Wir sprechen von der Internalisierung sozialer Normen.

Um schließlich aus der Unsicherheit der Situation herauszukommen, wird zunächst ein Konstrukt entscheidend wichtig: "Es hat nichts mit Schwulsein zu tun". Wir wissen von Strichern, den männlichen Prostituierten in der Homosexuellenszene, daß auch sie dieses Konstrukt verwenden, um sich gegen ihre Kundschaft abzugrenzen und ihre Tätigkeit ausführen zu können, ohne sich selbst für schwul zu halten. Nachdem dieses Konstrukt gefunden ist, können auch unsere Helden Hand an sich legen, wohl noch mit etlichen Reserven, mit dem Gefühl, etwas 'Widerliches' zu tun, doch dann erscheint ein zweites Konstrukt, das noch stärker ist als das erste: "Für Athen!" Dieses Konstrukt verknüpft das soldatische Pflichtbewußtsein mit dem männlichen Bedürfnis, sexuellen 'Überdruck' abzubauen. Eine geniale Erfindung.

Und nun noch zur Moral der Geschichte: Die Konstruktionsarbeit unserer Helden führt dazu, daß ihr Problem gelöst wird. Vielleicht wissen sie fortan, daß alles eine Frage der Konstruktion ist. Was aber ist mit den Frauen? Sie haben sich ihren Männern verweigert, um den Krieg zu beenden, nicht um ihre Männer zu verdrehen! Sie werden feststellen müssen, daß sie durch den Einsatz ihrer Macht ihre Macht verloren haben. Wo bleibt ihr Problem? Die Problemlösung der Männer wird ihnen neue Probleme machen.

Merke: Erstens kommt es anders - und zweitens als man denkt!

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