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Interaktionen

In der landläufigen Vorstellung bedeutet "interagieren", daß Menschen unter sich Austausch betreiben. Sie geben und nehmen. Es fließen materielle und/oder immaterielle Güter. Sie sind über ein Medium (andere sagen: Kanal) miteinander verbunden.

Im Kommunikationsmodell - häufig wird Kommunikation mit lnteraktion gleichgesetzt - besteht das Fließen im Abschicken einer Botschaft durch einen Sender mittels eines Mediums, in der Regel die Sprache, an einen Empfänger, der die Sendung zu dechiffrieren hat, und der dann, je nach Einordnung der Sendung in seine Interessen oder sein Wohlwollen bzw. seine Übelgestimmtheit, zurücksendet, und zwar wiederum in Sprache oder auch in anderen Zeichen und Symbolen.

Das Entscheidende ist, daß in dieser herkömmlichen Vorstellung von Kommunikation die gesendeten Worte etwas bezeichnen, und zwar in der Regel etwas Eindeutiges. Wenn es sich nicht um Eindeutiges handelt, dann ist es eben zu klären, aber es ist grundsätzlich klärbar. Verständigungsprobleme haben Mißverständnisse zur Voraussetzung, Verstehen ist dann an Verstehen-Wollen gebunden.

Für die Eltern war das schon immer klar: Einigt Euch, Kinder. Oder: Nicht schlagen, reden!

So reden wir ja auch und reden, jahraus, jahrein, vermeintlich zueinander. Manchmal meinen wir, wir verstünden uns und sind dann maßlos überrascht oder enttäuscht, wenn der andere doch nicht verstanden zu haben scheint, was ich meinte. Manchmal haben wir aber auch den Eindruck, der andere verstehe sehr wohl, was ich meine, wolle es aber nicht verstehen. Das verstehen wir dann schon eher.

Worte und Symbole, nicht-verbales Verhalten, Gestik und Mimik - sie alle bezeichnen im "Transfer-Modell" etwas. Bezeichnen bedeutet: ich gebe einer Sache (Vorgang, Objekt) ihren Namen und dieser Name meint etwas Spezifisches, das für mich und andere gleich, also mit gleichen Assoziationen verknüpft ist.

Organisationen sind nach diesem Transfermodell strukturiert. Der gesamte organisatorische Kontext ist vielfach mit Symbolen und Zeichen belegt, die, nach Meinung ihrer Autoren, geeignet sind, das Verhalten zu spezifizieren, das in diesem Hause angezeigt ist. Der "Eingang" ("Pforte") ist der Eingang, die "Direktionsetage" die Etage, zu der nur wenige Zutritt haben.

Sofern der Empfänger es immer noch nicht weiß, wird er unsanft daraufhin gestoßen oder verstoßen (in diesen Tagen wurde in den USA eine Frau mit einer Strafe von 200 $ belegt, weil sie die Männertoilette in ihrer Not benutzt hatte).

Der Sender (Vorgesetzte) nimmt an, daß auf der anderen Seite das angekommen ist, was er sagen wollte. Zur Sicherheit, so beim Militär, läßt er es sich wiederholen. Dienstanweisungen müssen vom Mitarbeiter unterzeichnet werden. Handelt der Empfänger dennoch nicht im erwarteten Sinne, wird er ermahnt, bestraft oder vor die Tür gesetzt. Unterstellt wird: Er wußte genau, worum es ging, aber er wollte ja nicht!

Bei gestörten Familienbeziehungen oder Konflikten in der Organisation rufen die Beteiligten dann häufig nach einer "Klärung", einer "Aussprache", in der sich die Beteiligten gegenseitig mitteilen, was sie meinten. Es wird mehr transferiert in der Hoffnung besserer gegenseitiger Instruktion - eine Lösung Mehr-desselben im Sinne Watzlawicks. Die Wirkung bleibt oftmals aus, nicht aufgrund mangelnden guten Willens der Beteiligten, sondern weil das Transfermodell eher für den Gütertransport als den Sinntransport geeignet ist.

Darum denken Konstruktivisten auch über Mitteilung von Sinn in anderer Weise: Im konstruktivistischen Verständnis heißt "Interaktion", daß sich zwei Menschen in ihrem(n) jeweiligen Bewußtsein (Kognitionsbereichen) wahrnehmen, und zwar so, wie diese "gepolt" sind, d.h. wie sie gewohnt sind, wahrzunehmen bzw. wie sie wahrnehmen wollen und können.

Das Verhalten des anderen ist zunächst einmal nichts als eine "Störung" (s. oben: "Erkennen als Erkennen: Das konstruktivistische Erkenntnismodell"), genauer: ein diffuses "Rauschen", das erst vom anderen Beteiligten zu einer "sinnvollen" Störung gemacht werden muß. Oder es bleibt eine unbedeutende Störung, und das Rauschen verebbt ("Hattest Du etwas gesagt").

Unser Organismus muß in jenem Fall eine künstliche Störung (Konstruktivisten sprechen häufig von "Perturbation") verorten, also dem Anderen als Sendequelle zuordnen, etwa sagen: "Er hat mich verunsichert. So wie er zu mir gesprochen hat, mußte ich mich provoziert fühlen!"

Unser Organismus kennt keine "Provokation", keinen "Vorgesetzten", kann innere von äußerer Störung nicht trennen. Das Wort "Verwaltung" löst unter Sozialarbeitern bereits soviel aus, daß es gar keines lebendigen, handelnden Verwalters bedarf, um "Reaktionen" hervorzurufen. Ein real existierendes Exemplar dieser Gattung kann nur irritieren.

Diese Zuordnungsfunktion ist eine Leistung unseres "Bewußtseins", unseres Denkens. ("Leistung" ist neutral zu verstehen: Unsere Haustiere, die oben erwähnten Katzen z.B., leiden häufig unter den Zuschreibungen von allerhand Störungen, die wir ihnen und uns (ursächlich) zurechnen).

Verstehen (Verständigung) ist der Grenzfall in der Interaktion von Partnern, die ihre eigenen Sehweisen, Interpretationen und Assoziationen ausgebildet haben.

Nur zu schnell heißt es jedoch im alltäglichen Dialog: "Ich verstehe Sie schon", meist ehe der Andere auch nur ausgeredet hat. Aber unser "Zuhörer" kennt ja das Leben, was braucht der Andere da noch weiterzusprechen! "Alles klar?", "Klaro!"

Ein Vorgesetzter beispielsweise "erfährt" nach einiger Zeit, daß die Mitarbeiter auf ein bestimmtes Zeichen, einen Rundgang z.B., so reagieren, daß sie ihn besonders freundlich grüßen und empfangen. Er "sieht" darin einen Erfolg für seinen mitarbeiterbezogenen Führungsstil, der eben darin besteht, daß er sich regelmäßig sehen läßt, ein paar Worte wechselt und sich nach dem Neuesten erkundigt. Die Mitarbeiter sehen vielleicht im Rundgang einen Kontrollgang, dem man nur dadurch seine Gefahr nehmen kann, daß man "entgegenkommend" lächelt, grüßt und sich über das Wetter oder den Urlaub austauscht.

Solange die Beteiligten kein (konstruktivistisches) Kommunikationsseminar besuchen, leben sie mit diesen Vorstellungen gut und glücklich, und jeder ist überzeugt, daß sein Verhalten genau das produziert, was er mit ihm verbindet. "Das sieht doch jeder, oder?" Die Konstruktivisten scheuen darum Transfer-Begriffe wie "determinieren", "beeinflussen" oder "verursachen", weil sie der Grundannahme widersprechen, daß alles Verhalten von jedem Lebewesen laufend selbst hervorgebracht werden muß. Sie sprechen vom gegenseitigem "Orientieren": Jeder der Interaktionspartner orientiert den anderen so (lange), daß (bis) der andere sich wie gewünscht oder erwartet verhält. Jeder der Beteiligten verbleibt in seinem Netz, an seinem "Standort", handelt, interpretiert sein Handeln, schaut auf den anderen, interpretiert dieses Handeln, setzt es in Bezug zu seinem vorherigen Handeln und fragt sich, wie er es beantworten soll. Selbst wenn sich beide ganz "still verhalten": An beiden Standorten herrscht bewegtes Treiben.

A sieht den B immer nur so, wie A den B sehen kann (und umgekehrt). A kann den B nicht so sehen, wie B sich sieht. Der Andere bleibt dem Beobachter stets verschlossen. Handelt A in bestimmter Weise, lächelt er z.B., und sieht in A's Gesicht ebenfalls ein Lächeln, während A zuvor so grimmig dreinschaute, so nimmt A mit Fug und Recht an, sein Lächeln sei die Ursache für B's Lächeln. 'Lachen steckt an'.

Weisheiten solcher Art reichen im Großen und Ganzen für unser alltägliches Zusammenleben. Die Erklärung ist gefunden, die Ursache liegt auf der Hand, geklärt ist, wer angefangen hat und wer nur reagierte (Watzlawick nennt dies: "Interpunktion"). Die Klappe ist geschlossen, die Verbindung hergestellt. Was soll auch das Brüten darüber, was das Lachen des B nun alles heißen könnte. A wäre nur enttäuscht, wenn sie erführe, daß B gar nicht lächeln, vielmehr sie auslachen wollte. So war das also gemeint. Nun, dann eben ein neues Bild: Wenn ich (A) lache, findet der andere das zum Lachen. Das ist aber nicht zum Lachen, wo ich (A) doch freundlich gelacht habe. Nun "ist" der andere ein lächerliches Wesen. Und wenn der Andere bloß in sich hineingelacht hat, vielleicht, weil A ihn an eine nette Person, eine lustige Angelegenheit erinnerte. Wenn A das gewußt hätte!

Schluß jetzt mit diesen lächerlichen Konstruktionen. Lachen ist Lachen und wer da nicht richtig lacht, der hat ausgelacht. Das beigefügte Bild erklärt den Rest.

Wir reagieren also nicht, sondern agieren fortlaufend, indem wir Verbindungen herstellen, Zusammenhänge sehen, Punkte setzen und klassifizieren. So bilden wir Beziehungen (oder lösen sie auf), indem wir "Beziehungs - Ketten" konstruieren zwischen meinem Verhalten und seinem Verhalten und uns einreden, wir reagierten ja nur auf die freundliche oder unfreundliche Verhaltensweise des Anderen. Dabei unterstellen wir, daß der andere genau versteht, was ich meine, also mein Lachen so sieht, wie ich es gemeint habe und daß er, wäre er in der gleichen Situation wie ich (wäre er seinen eigenen Angriffen ausgesetzt), genauso wie ich reagierte.

Ein kleines Weltbild wird geschaffen: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Lachen am Morgen, verprellt alle Sorgen. Lachen auf dem Munde, erhellt jede Runde. Lachen am Abend, erquickend und labend. Laber, laber...

Auch der Hofhund verbellt den Fußgänger, den Mond, den Kontrahenten. Alle verschwinden über kurz oder lang. "Habe ich nicht gut verbellt?", wird er sich sagen. Erst wenn der Kontrahent verschwindet, um plötzlich unbemerkt von hinten anzugreifen, stellt sich das Bellen in anderem Licht dar. Eine Katze, die schnurrt und dann zubeißt, ist ein Luder. Katzen sind unberechenbar, Müllers Katze besonders.

So werden der Wettergott (Das Wetter und die Sünde) oder die Ratten und der Experimentator beschworen, so hält sich der Aberglaube, der mystische Glaube, der Faschismus, die wissenschaftliche Meinung und die Weisheit des Sozialarbeiters ("Am Anfang mußt du einmal hart durchgreifen, dann hast du gewonnen!").

Was uns Beobachtern als koordiniertes Handeln, als Inter-Aktion erscheint, bildet also einen komplizierteren Vorgang als es das Bild des Transfers (Austauschs) erscheinen läßt: Die "Orientierungen" bzw. "Störungen" müssen häufig wiederkehren und sie müssen aufeinandergerichtet sein, sie müssen sich wechselseitig aufeinander beziehen. Dabei lernt jeder der Beteiligten die typischen Störungen des anderen (so wie sie ihm als Verhalten des anderen erscheinen) kennen, und beide entwickeln einen "Störungsbereich", den nur sie beide kennen, der für sie beide typisch ist. Sie "wissen", wie der andere reagiert, was der eine dem anderen sagen kann und was nicht. Sie entwickeln eine unverwechselbare Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen, in den Worten der Konstruktivisten: eine "strukturelle Koppelung" (Maturana 1987: 85).

Dabei kann es durchaus zur Angleichung des Denkens und Handelns kommen. Kognitive Parallelitäten (konsensuelle Ordnungen) können sich entwickeln (A verbindet die gleichen Assoziationen wie B, sobald ein bestimmtes Wort fällt oder ein Phänomen in ihrer Umgebung auftaucht). Doch es ist nicht dieser kognitive Deckungsbereich, der den Eindruck der Gemeinsamkeit hervorruft, sondern es sind erst die auf der Basis dieser Parallelitäten gemachten subjektiven Interaktionserfahrungen der Beteiligten.

Das alte Ehepaar entdeckt vielleicht erst zur diamantenen Hochzeit diese gemachte Einheit in der Zweiheit: Nach einem bislang unerfüllten Wunsch befragt, antwortet die Frau, während ihr der Mann wie üblich die untere Hälfte des Brötchens beim morgendlichen Frühstück überreicht, daß sie einmal in ihrem (morgendlichen) Leben die obere Brötchenhälfte erhalte. Das Messer bleibt im Brötchen stecken: Hatte sie nicht immer nach der unteren Hälfte gegriffen, hatte sie sich nicht stets bedankt, bedankt für diese (und nicht die andere) Hälfte? Hatte sie nicht immer zufrieden dreingeschaut?

Er hatte ihr Verhalten ausgelegt als ... und sie hatte gedacht ... (hier ist die Interpunktion schwierig).

Jeder hatte das Verhalten des anderen als ein Zeichen von ... angesehen.

Die gemeinsame Welt wird zum "Medium", das für die Interaktionspartner ihre Welt, ihre Beziehung, ihre Gruppe oder Organisation (oder ihr "Frühstück") darstellt. Wir nennen dieses Medium: "Umwelt" (Charakter des Kollegen, Teamgeist, Organisationsklima) verkennen aber dabei, daß es von diesen Interaktionspartnern gestaltet wurde und in jedem Interaktionsprozeß neu gestaltet wird. Die "Symbolischen Interaktionisten" sprechen von einer quasi-objektiven Umwelt, um zum Ausdruck zu bringen, daß wir im Prozeß der Interaktion eine "Umwelt" erstellen, uns ihrer aber entäußern, uns ihr sodann gegenüberstellen und ihr konfrontiert sehen. Nun sind wir es nicht mehr, sondern die "Sachzwänge", die Umwelt, die Gruppe, die Organisation.

Wer diese selbstverständliche Ordnung angreift, sie als künstlich, als subjektiv interpretiert, deklariert, muß mit Sanktionen rechnen. Er ist ein unfriedlicher Störer (ein Störenfried). Friedlich nimmt sich diese Ordnung nämlich aus, denn keiner bastelt am Bestand, um seine Interessen besser durchzubringen. Alles ist ruhig, im Gleichgewicht. Jeder geht seiner Pflicht nach, einem "ordentlichen" Gewerk und kann hernach sagen: "Ich habe nur meine Pflicht getan!", "auf Geheiß Höherer gehandelt" (anonymer Mächte wie Gottheiten, Führer usw.), "war Teil eines (unmenschlichen) Systems". Wir sehen darum in unseren Äußerungen über die Umwelt stets nur den Hinweis auf ihre Beschaffenheit. Was wir ausblenden, ist der Akt der Hervorbringung dieser Welt, indem wir so sprechen, wie wir sprechen. "B ist ein unmöglicher Typ, nicht wahr?" "Natürlich, find ich auch. Neulich ..."

Natürlich: nicht wahr für irgendwen, sondern von nun an (oder von neuem) für die beiden Sprecher. Und da sie beide nicht "unmöglich" sind, sind sie von nun an, wenigstens für die Zeit des Gesprächs, "nicht-unmögliche", also vernünftige Leute. Sie haben ihren Kollegen er-sprochen (-schaffen), sodann sich. Nun ist die Welt eingeteilt, in eine Ordnung gebracht, ihre Ordnung.

In jedem Begriff unserer Sprache koordinieren wir Handlungen, indem wir die Welt unterteilen, etwa in "normale" und "unmögliche" Leute. Gleichzeitig verweisen die Begriffe auf weitere Handlungen, die mit "unmöglich" oder "normal" verbunden sind. Unterschiede machen weitere Unterschiede, machen weitere Unterschiede (F. Simon hat die "Unterschiede, die Unterschiede machen" zum Titel eines Buchs über psychiatrisches Handeln gemacht). Und ist erst einmal der Anfang getan, kann niemand den Prozeß zurückschrauben. Die Mutter hat ihr Kind einmal mißhandelt, es mußte aus der Familie genommen werden. Eine mißhandelnde Mutter aber ...

Da war doch einmal was, erinnert sich nach Jahren noch der Sozialarbeiter. Die Mutter aber "weiß", daß sie eine unzulängliche Mutter ist, fortan und immer weiter in ihrem Bewußtsein. Ursachenketten sind gelegt, die eigene Ketten zur Folge haben. Es gibt keine "reine" Mutter, keinen "reinen" Sozialarbeiter mehr.

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