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Paradise lost ...

Und GOTT der HERR, gelert dem menschen, und sprach: Du solt essen von allerley bäumen im garten; Aber von dem baum des erkenntnisses gutes und böses sollt du nicht essen. Denn welches tages du davon essest, wirst du des todes sterben. (...)

Da sprach die schlange zum weibe: ihr werdet mitnichten des todes sterben, sondern GOTT weiß, dass welches tages ihr davon esset, so werden eure augen aufgetan und ihr werdet sehen wie GOTT!

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Ent-Täuschung, die Erfahrung, daß die bisherigen Vorstellungen und Bilder, die man sich von der Welt, von sich und den Mitmenschen gemacht hatte, nicht mehr brauchbar sind, daß man mit den gewohnten Unterscheidungen und Beschreibungen in der Wirklichkeit nicht mehr zurecht kommt. Man erfährt, daß man 'umbauen' muß, daß neue Konstrukte erforderlich sind (- vielleicht, weil einem im Studium neue Theorien und neue Erklärungsansätze begegnen, die bisher unbekannte Perspektiven eröffnen; vielleicht, weil man durch das Handeln eines Anderen überrascht wird, und plötzlich seine Meinungen über ihn ändern muß -).

Am Anfang mag man sich dagegen sperren, alte, wohlbekannte und vertraute Konstrukte aufzugeben, die bisher alles trugen ("Mein Kollege ist ein Blödmann, inkompetent bis zum Anschlag ... ). Man mag alles daran setzen, seine Sicht zu retten und neue Sichtweisen abzuwehren (etwa die, daß ich durch meine Beschreibung meinen Kollegen erst zum 'Blödmann' mache, daß ich mit meinem Schimpfen über ihn von meiner Inkompetenz ablenke, daß ich mich mit meinem Verhalten auf das blöde 'Mach-den-Blödmann-Spiel' einlasse, wo es Wichtigeres zu tun gäbe, etc.).

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht vielleicht ein Seminar über den Konstruktivismus, das man besuchen muß, obwohl man es eigentlich nicht will. Man ist gezwungen, sich das Reden über die Konstruiertheit anzuhören, eben weil Gott weiß wer einen Studienplan konstruiert hat, in dem eine solche Veranstaltung den Studentlnnen als 'Pflicht' zugemutet wird. Vielleicht übersteht man eine solche Veranstaltung ohne große Schäden (d.h., ohne seine bisherigen Gewißheiten umbauen zu müssen), vielleicht reicht es aus, den Dozenten in der Prüfung 'nach dem Maul zu reden', ihnen die Wirklichkeit zu präsentieren, die sie möchten, und danach alles schnell wieder zu vergessen, so, wie man die auswendig gelernten Definitionen nach der Klausur wieder vergißt. (Ein Tip: Die Wahrscheinlichkeit, den Denkzumutungen der Dozenten zu widerstehen, steigt, wenn man a) sich gar nicht auf die Inhalte einläßt, sondern statt gegen die Inhalte zu reden, über die Formen der Vermittlung oder die Eigenheiten der Vermittler debattiert, oder wenn man b) sich verbündet und gemeinsam a) betreibt.) Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht vielleicht aber auch ein 'drop-out' (hervorgerufen etwa durch einen Unfall oder den Konsum von Drogen), ein Herausfallen aus der wohlvertrauten Realität, eine schockartige Konfrontation mit dem Absurden, bei dem der Faden zu den alltäglichen Belangen abreißt. Die Unterbrechung ist vielleicht nur kurz, doch lang genug, um zu erfahren, wie mühsam es ist, das, was wir 'Normalität' nennen, wieder zu rekonstruieren (falls man es überhaupt noch will).

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht vielleicht ein 'Sinninfarkt', der Zusammenbruch einer Welt, in der man sich bisher 'zuhause' fühlte, eine Irritation, eine Störung, vielleicht, weil ein Mensch, der einem 'alles' bedeutete, der einem sehr wichtig war, von einem geht und niemals wiederkehren wird. Trennungen sind immer schmerzlich. Der Tod ist die erbarmungsloseste Trennung, aber das Leben ist schamlos: es geht einfach weiter.

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht vielleicht eine Grenzerfahrung, der Verlust von alltäglicher Gewohnheit und fragloser Vertrautheit, ein Sinnlosigkeitsgefühl oder ein Überdruß an der bestehenden Wirklichkeit.

Manchmal denke ich, daß jemand, dem nie etwas zusammengebrochen ist, ich meine gründlich zusammengebrochen ist, je wissen kann, was Konstruktionen sind; oder anders formuliert: Ich denke, daß diejenigen, die immer noch glauben, die unumstößliche Wahrheit zu besitzen, niemals Konstruktivisten verstehen werden.

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Bereitschaft, loszulassen, sich nicht mehr an die festgefügten, eigenen oder fremden Weltdeutungen klammern zu wollen. (Ready to 'take-off')

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht der Verzicht auf den Anspruch, Wirklichkeit erfassen, letzte Wahrheiten über die Wirklichkeit verkünden zu können, außer die, daß es keine Wahrheiten gibt! (Schluß mit der Besserwisserei!)

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht das Eingeständnis, daß man mit den Beschreibungen der Wirklichkeit die Wirklichkeit erst erzeugt. (Abrakadabra Simsalabim!)

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Bereitschaft, die Verantwortung für seine Beschreibungen, seinen Beitrag zur Erzeugung der Wirklichkeit zu übernehmen. (Ich bin das System!)

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Lust, im freien Flug (im Blindflug?) an Konstruktionen zu basteln, an den eigenen (Lerne zu lernen!) wie an denen, die einem begegnen (We can change the world!).

Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Bereitschaft, trotz aller Konstruiertheit dieser Welt, in dieser Welt zu handeln, mit den Konstruktionen (oder gegen sie), wie sie Tag für Tag gesponnen werden, zu arbeiten, so zu tun, als ob ..., denn Konstrukte sind zwar Fiktionen, doch die Fiktion ist nun mal unsere Realität! Gegebene Konstruktionen zu stärken, angeschlagene zu reparieren, alte zu Fall zu bringen, neue zu erfinden ist Handeln, ist Konstruktionshandeln, und jedes Handeln ist auch Konstruktion: mit unserem Tun bestätigen oder verunsichern wir das Bestehende.

Am Anfang eines konstruktivistischen Handelns steht die Frage, "Welche Wirklichkeit schaffe ich durch mein Handeln, durch meine Diagnose, mein Urteil, meine Benotung, mein Lob oder meinen Tadel, durch meine Freundlichkeit und meine Abweisung?" Aber auch: "Welche Wirklichkeit lasse ich zu durch mein Schweigen, mein Nichts-Tun, mein Unterlassen, mein Wegschauen?"

Wer einmal vom 'Baum der Erkenntnis' (vgl. das obige Bibelzitat bzw. Maturana, Varela 1987) gegessen hat, ist für immer verdorben, auf alle Zeit aus dem Paradies verbannt. Er wird fortan wissen, daß er Unterscheidungen treffen muß (gut/böse, aber auch normal/abweichend, gesund/krank, hilfsbedürftig/nicht-hilfsbedürftig und ebenso: verraten/verschweigen, eingreifen/übersehen, zulassen/verhindern, anzeigen/verdecken). Er wird seine Unterscheidungen treffen müssen, er wird sie selbst treffen müssen, er wird arbeiten und handeln müssen. Niemand nimmt ihm die Verantwortung für sein Handeln, für seine Konstruktionen mehr ab!

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