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Geschichte, die der Konstruktivismus schrieb

Ich (Heinz) hatte als Kind das Glück, in zwei verschiedenen Wirklichkeiten aufzuwachsen. Damals sprach man von unterschiedlichen Gesellschaftsklassen. Später von unterschiedlichen Schichten oder verschiedenen Kulturen. Mein Vater entstammte dem Großbürgertum der Stadt, meine Mutter dem Kleinbauerntum eines kleinen, armen Dorfes.

Mein Großvater war der erste Bürger in der Stadt, der 1911 in seinem Stadthaus ein Gäste-WC einbaute. Er empfand es als unästhetisch, daß sein wertvoller Arsch mit den Gästeärschen die Klobrille teilen sollte.

Mein Großvater hatte wie alle Bauern im Dorf ein Plumsklo, gemütlich und warm neben dem Kuhstall. Menschenarsch und Kuharsch pflegten noch vertraulichen Umgang miteinander.Der Prozeß der Zivilisierung war noch nicht so weit fort geschritten. Gepißt wurde in den Mist; im Winter, wenn es draußen zu kalt war, im Stall.

Spielend lernte ich zwei Sprachen. Auf dem Bauernhof mußte ich Platt sprechen, sonst hätten mich meine Vettern und Cousinen nicht verstanden. Im Stadthaus sprach ich mit dem Vater und Großvater Hochdeutsch, denn sie verstanden keinen Dialekt. Bei Tisch sprachen die Erwachsenen Französisch und wenn wir Kinder das Gespräch der Alten nicht verstehen sollten (denn "kleine Kessel haben große Ohren"), wechselten sie ins Englische hinüber.

Als Kind war ich sehr erstaunt, als ich merkte, daß nicht alle Kinder eine Mutter vom Bauernhof und einen Vater aus einem Stadthaus hatten. Ich wußte es zwar, denn alle meine übrigen Vettern und Basen waren jeweils nur einer Kultur zuzurechnen, aber verwundert hat es mich jedesmal aufs Neue. Ich habe lange gebraucht, bis ich verstand, daß Menschen sich vor Fremden, vor Anderem fürchteten, daß sie andere Sitten und Gebräuche verachteten und sich über andere Schichten im Dünkel erhoben. Mich hat Fremdes stets neugierig gemacht. Vielleicht ein wenig zu schnell bereit, mich einzufinden, anzupassen. Doch wußte ich, wenn mir eine Lebensart zu eng, zu langweilig, zu vertraut geworden war, konnte ich schnell in eine andere überwechseln. So wie am Sonntagabend von! Bauernhof ins Stadthaus, bei Ferienbeginn für längere Zeit vom Stadthaus aufs Land, zu den Kühen, der Großmutter, dem Großvater und den Verwandten, die meiner Mutterlandsprache sprachen. Ja, ming Mutter und meine Geschwister, wir sprechen zwei Sprachen und wir fühlen uns bis heute reich beschenkt.

(Wie schön, da sehe ich, daß ich oben wie von selbst, als ich von meiner Mutter sprach, ins Platt verfallen bin: ming Mutter; auch benutzte ich das Präsens, obschon meine Mutter genauso (?) tot ist wie mein Vater. Ich korrigiere es nicht. Ich mute es Euch zu.)

Damals starben die Leute noch öffentlich. Das war kulturübergreifend in Stadt und Land. Als mein Großvater im Stadthaus starb, versammelte er die Familie um sich herum, ließ Notar, Arzt und Priester kommen und hielt feierliche Abschiedsreden, die die Sterbenden für diesen Augenblick vorbereitet hatten.

Mein Großvater im Stadthaus, Arzt, Naturwissenschaftler, in der Inflation gescheiterter Industrieller, sprach vorn Nutzen der Wissenschaft, die helfen würde, Deutschland wieder aufzurichten, es war Mai 1944, als er starb, ein Jahr vor Ende des großen Krieges.

Anders die Großmutter auf dem Bauernhof in den fünfziger Jahren: Auch hier standen wir alle ums Sterbebett versammelt. Der Priester hatte sein Ritual vollendet. Die Großmutter hielt ihre letzte Rede, die ich hier Hochdeutsch wiedergebe, sie sprach selbstverständlich Dialekt:

"Kinder, das sage ich Euch, ich weiß zwar nicht, ob das alles, was uns die Priester in der Kirche erzählt haben, richtig ist und wahr. Aber nach den Geboten zu leben, hat mir nicht geschadet. Für mein Zusammenleben mit den Menschen konnte ich es gut gebrauchen." Wie üblich in der bäuerlichen Kultur von E. fügte sie an die Rede zur moralischen Erbauung eine materialistische Botschaft an, die ihre Erben nur ja nicht vergessen sollten. Sie sagte: "Und denkt daran, bei der letzten Erbteilung in der vorigen Generation, ist der Nippen-Acker noch nicht geteilt!" Bis heute ist in unserer Familie der Satz: "Kenger, denkt dran, der Nippenacker is noch net gedeilt!" ein Kennzeichen für etwas ganz Wichtiges.

So wurde Wirklichkeit konstruiert, die für mich bis heute Bedeutung hat. Bedeutsamer als vieles, was in meinem Leben sonst geschah. Ja, das, was in meinem Leben geschah, war rekursiv verbunden mit der familialen Wirklichkeit, dem "Habitus", der so früh und wirkungsvoll in mich eingepflanzt wurde.




"Dorita erzählte diese Geschichten, so wie man Neuigkeiten und Klatsch erzählt, und Luzmila gewöhnte sich daran, ohne eigentlich zu verstehen, was sie da hörte, so wie wir uns eben an Nachbarn gewöhnen, ohne sie jemals zu verstehen."

(Pombo 1987: 100)

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