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Christoph und der Konstruktivismus - eine Wahlverwandtschaft?

Der Konstruktivismus kam wie gerufen für einen wie mich, der:

Wie ich den Konstruktivismus für mich umsetze? Ein Beispiel aus diesen Tagen: Ich nahm als Moderator einer Arbeitgruppe an einer Tagung zur Armut teil. Die Hochschule war vertreten, die Kommune, das Arbeitsamt, die Verbände, der Oberbürgerrneister, nur die Armen sah ich nicht. Seit ich von einem lieben Kollegen den Begriff des "Parasiten" als Zusatzvirus mit mir herumtrage, kam mir (natürlich) sogleich die Verbindung: Ein Volk von Parasiten, das von den Ärmsten lebt. Jeder nutzt die Bühne zur Darstellung seiner selbst, eine Scheißveranstaltung, so dachte ich. Gerade die Armen sind Medium für die Reichen, die sich an der Armut gesundstoßen.

Doch gäbe es all die lauten und reichen Armutspezialisten nicht, wären die Armen noch ärmer dran, gäbe es keine Übersetzung ihrer Ansprüche, würden keine Bürger wachgerüttelt, verstünde eine Kommune nichts mit Armut anzufangen, weil eine Verwaltung eben verwaltet und sich nicht um Armut kümmert. Erst der sachkundige Artikel und die geschickt arrangierte Arrnutskonferenz schrecken eine Verwaltung aus der Ruhe. Dieser letztere Gedanke kam mir in der Folge des ersten, und er veränderte den ersten: Alle, die da forderten, forderten selbstbezüglich, und doch störten sie gleichzeitig eine selbstbezügliche Verwaltung bzw. selbstbezügliche Bürger.

Ich muß mir ja selbst auch immer einreden, was ich anderen (oder mir) im Hörsaal verkünde, daß ich es bin, der die Veranstaltung zu dem macht, was sie ist. Ich brauche diese Rede - alias Einrede.

Übrigens, für den Fall, daß eine solche Einrede nicht klappt, kann ich einen Hilfsmechanismus empfehlen: Ich infiziere die Umgebung mit dem Konstruktivismus-Virus, und immer dann, wenn ich den anderen mit defätistischem Gejammere auf den Wecker gehe, entsinnen diese sich der von mir propagierten Beliebigkeit von Beschreibungen (oder der Erzählungen über Watzlawick und seiner "Anleitung zum Unglücklichsein") und halten dies nun mir Unglücklichem vor. So kann ich meinen liebgewordenen Skeptizismus pflegen und habe gleichzeitig eine Garantie bzw. ein Netz mit Boden eingebaut (tolle Konstruktion einer Konstruktion, oder?).

Meine Kollegen (Heinz und Theo) werfen mir vor, ich sei am Konstruktivismus nur deshalb interessiert, weil er eine einflußreiche biologische, naturwissenschaftliche Begründung gefunden habe (z.B. durch Maturana und Varela). Darum auch meine Vorliebe für die Chaos-Forschung. Ich, doch noch ein versteckter Positivist? ... denn die naturwissenschaftlichen Grundlagen sind ja empirisch bewiesen.

Aber ich muß mich gar nicht verteidigen. Die Entwicklung spricht einfach für mich und "meine" Biologie: Wenn Theo weiter zu "seinem" Luhmann stehen will, muß er ihn auch voll und ganz akzeptieren, und das heißt neuerdings, daß der Soziologe Luhmann weniger von der Autopoiese als generellem Prinzip, vielmehr vom "Konstruktivismus" (in: Soziologische Aufklärung 5) spricht und seitenlang die Biologie bemüht.

Und Heinz mit "seinem" Watzlawick sollte auch Acht geben, denn der hat es ja auch einmal mit der linken und der rechten Gehirnhälfte versucht (in: "Die Möglichkeit des Andersseins").

Was sie mir noch vorwerfen: Ich sei ein Moralist (alter Schule). Wie das zum Positivisten und "Logiker" passen soll, ist mir noch nicht klar. Sie meinen wohl einen strengen, systematischen und unnachgiebigen Moralisten. Muß wohl mein blinder Fleck sein, von dem die Konstruktivisten neuerdings viel reden.

Und ein (allzu) ordentlicher Mensch soll ich sein. Aber meine Kollegen sollten doch wissen, daß Konstruktivisten und Chaosforscher mit nichts als dem Entstehen und Verändern von Ordnung befaßt sind. Wenn die Zellen von Heinz und Theo wüßten, wie "freizügig" deren Oberbau über die Basis spricht! Ich dagegen sorge für Ordnung im Haus, dafür, daß der Oberbau keine Kapriolen schlägt, die der Unterbau nicht mittragen kann.

Doch, meine treffendste Antwort, bleibt mir natürlich noch, nämlich, daß alles was gesagt ist, von jemandem gesagt ist, von Heinz, der Heinz ist und Theo, der Theo ist. Und wenn der Beschreibungsbereich der Kollegen so schmal ist, daß ihnen nicht mehr und nichts anderes zu mir einfällt, dann sollten sie mal ihre Synapsen schmieren lassen (oder das Konstruieren üben, vielleicht in Form von Notenbeschreibungen bei Studenten). Zu Hause wirft man mir Vergesslichkeit, Schusseligkeit vor. Ich stünde oft in den Bohnen, obwohl ich seit Jahren keine mehr angebaut habe. Das könnte die Liebe zur Chaos-Forschung erklären. Doch andere, die mich als Familienvater, als häusliches Lebewesen, erleben, nennen mich, wie gerade von Kollegen berichtet, "viel zu ordentlich und zu genau". Deshalb der stellvertretende Ausbruch über die Chaos-Forschung? Wenn ich schon am Konstruieren bin, wer ich sei und was mich ausmacht, noch eine Facette: Man sagt mir nach, ich sei immer ein Filou gewesen, der oft etwas ausheckte, sich aber nie erwischen ließ. Es traf immer die anderen. Mit höchstem Vergnügen las ich darum Watzlawick's "Lösungen", ein Buch voller filouhafter Tricks, allerdings nicht, um andere zu ärgern, sondern sich und andern aus der Misere zu helfen. Geniale Streiche wider das verklemmte Selbst. Mit Schmunzeln lese ich daher auch die "Post aus der Werkstatt", flotte Anmerkungen in der Zeitschrift für Familiendynamik von zwei 'Therapeuten über unsere so ernsthafte Wissenschaft. Mit Schmunzeln und Eifer, aber keinem so strengen Eifer, konstruiere und bastele ich darum auch an diesem konstruktivistischen Lesebuch (das ist wohl die Selbstreferenz meines Schreibens). In meiner Schule, meinem Studium und meinem Kollegium gab es solche "leichte" Zusammenarbeit bislang noch nicht. Nun aber doch!

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