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Die Kybernetik zweiter Ordnung und andere Geliebte

Als Christoph und Heinz zu mir sagten, jeder von uns solle doch einmal seinen persönlichen Zugang zum Konstruktivismus notieren, um ihn als Beitrag in unser Lesebuch aufzunehmen, da war mir sofort klar, daß ich über recht intime Dinge reden müßte, wenn ich ehrlich sagen sollte, wie ich zum Konstruktivismus gekommen bin. Ich möchte dennoch versuchen, ohne noch all zu sehr zu exhibitionieren, der Wahrheit, was immer das sei, die Ehre zu geben.

Konstruktivismus hat für mich, das sei offen gesagt, sehr viel mit der Liebe zu tun. Ich meine damit nicht, daß KonstruktivistInnen besonders liebe, liebenswerte oder liebesfähige Menschen sind, sondern daß ich persönlich besonders in der Liebe - vielleicht besser: bei ihren Zusammenbrüchen - erfahren habe, wie fleißig wir Menschen konstruieren, unsere Vorstellungen im Kopf umbauen, Gedanken neu entwerfen und wieder entwerten und schließlich immer wieder ganz neu anfangen.

Damals, als mich das Wunder (!) der Liebe zum ersten mal verwirrte - ich hatte mich bis über beide Ohren in Eva Wolf verknallt, die davon nichts wußte und zum Glück bis heute nichts weiß - war mir bereits klar, daß ich jetzt meinen Körper, mit dem ich bis dahin recht unkompliziert durch die Welt gelaufen war, ganz neu ins Spiel zu bringen hätte. Liebe, so mein damaliges Konstrukt, hat etwas, quatsch, sehr viel mit dem Körper zu tun, nur wußte ich nicht so ganz genau, was. Ich beschloß, Eva Wolf meine Liebe nicht voreilig zu offenbaren, wollte sie vielmehr heimlich lieben, des Nachts von ihr träumen und tagsüber bei allen möglichen Leuten, die es wissen müßten, Erkundigungen einholen und in einschlägigen Büchern und Heften herumschnüffeln, um vor der großen Liebeserklärung den Unterschied und die Besonderheit von Männern und Frauen, die Funktion des Körpers bei der Liebe noch genauer herauszubekommen.

Dr. Koch's "Ratgeber in gesunden und in kranken Tagen", ein zweibändiges Werk, das ohne Eva und meine Liebe zu ihr fast auf dem Dachboden verstaubt wäre, tat gute Dienste. Hier erfuhr ich eine ganze Menge, doch auch etwas, was ich gar nicht erfahren wollte: Mit drei kleinen Bildchen machte Dr. Koch mir klar, daß es nicht nur gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, sondern daß es auch noch verschiedene Typen von Männern gibt, die sich je nach Körperbau unterscheiden. Da gab es den dicklichen Pygniker, den ich gleich recht witzig fand, und weiter den strammen Athleten, den fand ich ganz einfach toll, und schließlich gab es den dürren Leptosomen - oh Gott - den sollte ich wohl darstellen. Ich war auf eine Unterscheidung gestoßen, die bis dato keinerlei Bedeutung für mich gehabt hatte, die jedoch bald eine bekam, da ich merkte, daß eigentlich alle Frauen mehr auf Athleten fliegen und Leptosome gern links liegen lassen. Eva Wolf wollte da keine Ausnahme machen. Als sie eines Tages, noch bevor ich ihr meine Liebe gestehen konnte, Arm in Arm mit diesem ekelhaft muskulösen Siegfried Zymankowski durchs Dorf schlenderte, war mir klar, daß der biologisch-physikalische Leib, daß die Konstruktion des Körpers (!) in Fragen der Liebe eine ausschlaggebendere Rolle spielt, als alle tiefen Gefühle und alle Liebesgedanken, die mir durch den Kopf schwirrten. Denn eines war klar, hätte Eva Wolf den erwählt, der sie am meisten liebte, wäre die Wahl zwangsläufig auf mich gefallen. Als hochgeschossener, flachbrüstiger, dürrer Typ hatte ich eben schlechte Karten. Mein Gott, es gibt Tatsachen, daran läßt sich nicht rütteln, und der eigene Körperbau gehört dazu. Nie würde ich das bringen können, was Siegfried Zymankowsy bringt - bei Leptosomen hilft weder guter Wille, noch body building. Mich beschlich die peinliche Ahnung, daß ich für die Liebe rein physisch nicht hinreichend gerüstet war.

Nach dieser Enttäuschung beschloß ich, mich von der Athletenliebe abzuwenden (so nach dem Motto: 'Muß ja nicht jeder Stabhochspringer oder so was werden!'), und mich dem Denken zu widmen. Dafür braucht man, Gott sei Dank, nur sich selbst. (Konstruktivismus hat für mich nicht nur was mit Liebe und Körper, sondern auch was mit meinem Denken zu tun!) Ich dachte sowieso den ganzen Tag und dachte dann auch, daß Leptosome eh ganz anders denken als andere Menschen. Ja, mir kam der Gedanke, sie dächten mehr und vielleicht sogar Besseres und sie müßten das vielleicht auch, weil sie dabei ihre dünnen Arme und Beine, ihre flache Brust und ihre körperliche Schwäche vergessen können. Vielleicht, so einer meiner damaligen Gedanken, könnte es ja sogar gelingen, die Frauen abzulenken und sie durch raffinierte Gedanken zu betören. Die Liebe, dachte ich, darf doch nicht zu einem Muskelspiel verkommen, da gibt es doch Sachen, die viel wichtiger und interessanter sind als die Spannkraft der Muskeln. In meiner neuen Konstruktion sollten 'innere Werte', Tugenden und Moral einen hohen Stellenwert einnehmen. Liebe, das ist kein Hochleistungssport, das ist vielmehr ein Ideal, vielleicht ein besonders intensives Gespräch, ein gelungener Austausch oder so etwas.

Während ich mir so meine schlechten Chancen ausredete, begegnete mir ein (?) Mädchen. Sie hieß Kornelia Dröhmer und war - ähnlich wie ich - in die Höhe geschossen und dachte - ähnlich wie ich - über die Liebe (Oh, welch ein Glück! Zufall? Kein Wunder! Oder?). Eva Wolf ward völlig ausradiert und Konny Dröhrner zur 'ersten großen Liebe' erklärt. Das hatte sogar eine gewisse Berechtigung, denn wir liebten uns wirklich, redeten ungeheuer viel und tauschten uns unermüdlich aus (?), ich will sagen, wir 'gingen zusammen' (fast ein Jahr lang! Das waren noch Zeiten!). Unsere Konstruktionen von Liebe paßten so phantastisch gut zueinander, daß ich hin und weg von ihr war, ich lag ihr zu Füßen, und vielleicht war es diese Position, die mich nicht sehen ließ, daß sie sich irgendwo da oben (im Kopf?) einem anderen zuwandte.

Sie verguckte sich in einen Naturfreund, der noch dürrer war als ich, und ließ mich in meinem grenzenlosen Liebeskummer allein (Schluchz!). Mann, hab ich gelitten! Endlich hatte ich sie gefunden, sie, die große Liebe, sie, die ganz anders als alle anderen war, und dazu noch bereit, auch einen Leptosomen zu lieben, (und das angeblich ein Leben lang!). Pustekuchen! Alle meine schönen Konstruktionen fielen in meinem Kopf wie ein Kartenhaus zusammen (das sagt man so.). Die 'große Liebe', dachte ich damals, ist eine blanke Verarschung, ist eine Erfindung von irgendwelchen Spinnern oder Masos. Liebe ist was für Idioten! Mit dieser neuen Wahrheit im Kopf trat ich mein Studium in Bielefeld an.

Manche Menschen glauben ja komische Sachen, z.B. man könne nur Menschen lieben (den lieben Gott natürlich auch noch, aber bei Tieren wird's dann schon komisch). Ich weiß seit einigen Jahren, daß das nicht stimmt. Man kann nämlich auch Theorien (eine Puddingsorte, einen Comic oder ein Musikstück) lieben, zwar anders als einen Menschen, aber immerhin. So kam es, daß ich mich während einer ganz normalen Vorlesung unsterblich in eine Theorie verliebte. Ich nenne sie die 'Kybernetik zweiter Ordnung' und ich gestehe, daß jede Liebe nach ihr mit ihr leben mußte: ich kenne seither nur noch Dreierbeziehungen! Das hat nichts Anrüchiges, das ist ganz einfach so.

Die 'Kybernetik zweiter Ordnung' ist die ältere Schwester der 'Kybernetik erster Ordnung' (mit der ich auch schon mal was hatte). Die ‘Kybernetik erster Ordnung’, das sind alle unmittelbaren Beschreibungen, die ein Beobachter über den Gegenstand seiner Betrachtung anfertigt. Zu ihr zählen also alle Vorstellungen, die ich mir von der Welt, den Frauen und den Männern, den Geliebten und der Liebe gemacht habe und die ich damals für wahr und zutreffend hielt - bis sie kippten. Die 'Kybernetik zweiter Ordnung' setzt ein, wo ein Beobachter die Beobachtungen eines Beobachters beobachtet und dessen Beschreibungen von der Welt, den Frauen und den Männern, den Geliebten und der Liebe seinerseits beschreibt. Die 'Kybernetik zweiter Ordnung' ist eine Art der Beschreibung von Beschreibungen. Anders als die einfache Beobachtung kann die Beobachtung zweiter Ordnung die Beschränkungen sehen, die einem unmittelbaren Beobachter auferlegt sind (bzw. die er sich auferlegt).

Die 'Kybernetik zweiter Ordnung' sagte mir mal: "Du siehst nur, was du siehst. Du siehst nicht, was du nicht siehst." Mir wurde bald darauf klar, was sie mir da gesagt hatte, daß ich nämlich die ganze Zeit nichts anderes gesehen hatte, als das, was man sieht, wenn man so schaut, wie ich schaute. Letztlich hatte ich es immer unterlassen, mich selbst in dem zu sehen, was ich ansah. Ich glaubte meinen Körper zu sehen, Eva Wolf oder Konny Dröhmer, doch in Wirklichkeit waren es meine angelegenen, meine anerzogenen, meine ausgeliehenen und ersponnenen Unterscheidungen, mit denen ich mir die Dinge und Menschen in meinem Kopf zurechtkonstruierte: Wer ist das eigentlich, Konny Dröhmer? Wer bin ich? Mit welchen Unterscheidungen baue ich mir ein Bild von der Liebe? Groß/klein? Offen/geschlossen? Ehrlich/verlogen? Oder: Spannend/langweilig? Männlich/weiblich? Witzig/platt? Geil/schlapp? Auf einen knappen Nenner gebracht: Die 'Kybernetik zweiter Ordnung' öffnete mir die Augen dafür, daß die Welt einem immer nur so erscheint, wie sie einem erscheint, weil man sie über ganz bestimmte Unterscheidungen beschreibt. Je nachdem, welche Unterscheidungen ich verwende, entstehen andere Bilder und manchmal benutzt man die Unterscheidung notwendig/beliebig und sagt: so und nicht anders muß man die Sache sehen! Notwendig! Notwendig? Beliebig! "Die Weit entsteht erst durch deine Beschreibungen, durch die Begriffe und Unterscheidungen, die du verwendest." Notwendig!

Wenn ich des nachts ganz allein mit ihr daliege, muß ich schon mal über die merkwürdigen Konstruktionen lachen, die ich mir und anderen zumute (z.B. in Seminaren) und schüttele den Kopf bei dem Gedanken, wie ernst ich und andere diese Konstrukte manchmal nehmen. Und wenn dann von der Seite eine Hand ...

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