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Erkennen und Er-kennen: die beiden Sichten

Das klassische Erkenntnismodell: Erkennen einer objektiven Wirklichkeit

Das "klassische" (positivistische) Erkenntnismodell geht von der Trennung von erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt aus. Der Beobachter sucht zu erkennen, was unabhängig von ihm in seiner Umgebung vor sich geht.

Um zu erkennen, bedarf es einer Vorstellung, einer Hypothese, die, verbunden mit bestimmten "Randbedingungen", eine Erklärung für ein Ereignis bietet. Nehmen wir das Ereignis des Zerreißens eines Fadens:

Daß nicht alles so leicht zu erklären und zu erkennen ist, weil die soziale Untersuchungswelt ungleich komplexer ausfällt als das Zerreißen eines Fadens, bedeutet kein prinzipielles Hindernis. Dann muß sich der Beobachter eben bescheiden und auf einen kleinen Ausschnitt begrenzen. Will er exakt vorgehen, muß er eine überschaubare Welt schaffen, d.h. er muß seine Instrumente präzise benennen (operationalisieren) und die Einflußgrößen möglichst unter Kontrolle halten. Dazu geht man dann am besten ins Labor und schirmt sich ab. Hier nun ist man endlich in der Miniaturwelt, die man im Griff zu halten meint. Man hat sie auch im Griff, solange die Mäuse die Versuchsanordnung nicht durcheinanderbringen oder auf unerklärliche Weise anders lernen, als es der Experimentator erwartet hatte. Schwieriger wird es, hat man es mit menschlichen Versuchspersonen zu tun. Man kann ihnen, um störende Gedanken über den Versuch, die Experimentatoren, über Sinn und Unsinn des Versuchs auszuschalten, versichern, es ginge um einen Versuch des Typs "X", während es in Wahrheit um den Versuch des Typs "Y" geht. Gelegentlich gibt man ihnen Geld dafür, daß sie an bestimmte Dinge denken bzw. überhaupt nichts denken, denn (vor allem studentische) Versuchspersonen denken meist zuviel und anders als gedacht.

Aber Versuchspersonen tun ja in der Regel vieles, beinahe alles, was ihnen gesagt wird, sei es von lebenden, anwesenden oder eingebildeten Autoritäten (s. die Milgram-Experimente).

Selbst der Versuchsanleiter kann mit seinem bloßen Erscheinen den "reinen" Versuch im Wege stehen. Dann setzt man ihn am besten hinter die Einwegscheibe. Wichtig ist, daß alles genau protokolliert wird, damit der Kollege oder Kontrahent den Versuch unter den gleichen Bedingungen des Erstversuchs wiederholen kann. Bestätigt sich das Ergebnis -  was bei Freunden häufiger auftritt als bei Intimfeinden unter den Forscherkollegen - wird dies als ein Hinweis auf die Verläßlichkeit (Reliabilität) des benutzten Instruments (Fragebogen, Skalen) und natürlich als Bestätigung der untersuchten Hypothese gedeutet.

Die Instrumente müssen darüber hinaus Gültigkeit (Validität) besitzen, d.h. sie müssen das messen, was sie zu messen vorgeben. Auch dieses Problem versuchen die Experimentatoren zu meistern, indem sie verschiedene Skalen verwenden, die ähnliche Phänomene zu erfassen vorgeben. Schlägt das zu prüfende gänzlich aus der Reihe, kann dies ein Hinweis auf seine geringe Gültigkeit sein.

Vor allem bei studentischen Interviewern ist die Verläßlichkeit gefährdet. Darum sind sie eingehend zu instruieren, bevor man ihnen einen Fragebogen in die Hand drückt und durch Stichproben zu kontrollieren; denn Studenten des Bereichs Sozialwesen benutzen ihn häufig genug als Gesprächsunterlage, als Kontaktmittel oder Gegenstand, über den sich Interviewer und Befragter entrüsten ("mal ehrlich"). Andere meinen zu wissen, was Befragte denken und füllen ihn darum gleich selbst aus, kommen dann, bei bezahlten Interviews, auf ansehnliche Stundenlöhne.

Einen der häufigsten Fehler begehen die Interviewer, die ihren Probanden zu tief ins Auge schauen. Der Leser möge einmal Eigenversuche unternehmen mit unterschiedlichen Distanzen (von Auge zu Auge bis Rufweite). Der Augen-Abstand ist daher nebst dem Befragungssetting und -layout unbedingt festzulegen bzw. zu standardisieren.

Wir sollten nicht ungerecht sein: "Aufgeklärte Empiriker" (Prim/Tilmann 1979) wissen um die hohe Komplexität der untersuchten Situation, um ihre nur teilweise Erfaßbarkeit und Kontrollierbarkeit. Beide Probleme sind darum auch bevorzugter Gegenstand methodischer Ausbildung ("Empirie"). Wir sollten auch darauf hinweisen, daß andere Experimentatoren (s. z.B. Dörner 1989) sich an komplexe Situationen wagen, etwa an die Untersuchung von Problemlösungen in simulierten Realitätsbedingungen.

Schließlich hat Popper (1976) eindringlich und überzeugend darauf hingewiesen, daß Hypothesen immer nur vorläufig bestätigt, nie endgültig "bewiesen" werden können. Doch es fällt schwer, die tönernden Füße des stimmigen und auf Signifikanz getesteten Oberbaus durch systematischen Zweifel zu zerschlagen. Die imposanten Zahlenwerke, in jüngerer Zeit durch ein ansprechendes äußeres anwenderorientiert präsentiert, tun das Ihre. Dabei wird der Zugang zu diesen statistischen Operationen und den Aufbereitungen ungemein erleichtert: Dank eines PC's steht diese Untersuchungstechnik endlich auch den Forschern ohne gehobene Statistikkenntnisse offen. Das glänzende Produkt aus der SPSS-Retorte (Statistikprogramm) läßt aufkommende Unsicherheiten und Zweifel leicht vergessen.

Wer eher auf sein inneres Ohr vertraut, weniger auf seine Augen und "äußeren" Sinnesorgane, der geht mit sich in den Experimentalversuch, prüft sich und erforscht sich im Wege der Selbsterforschung. Zur Kontrolle und Animation, gleichsam als mediales Auffangbecken, gibt man ihm einen Analytiker bei. Auf ihn kann der Proband nun projizieren, seinen Haß oder väterliche Gefühle abladen. Die Vergangenheit ist geschrieben, sie birgt weniger Überraschungen als die Jetzt-Zeit, mit der es der Experimentalpsychologe zu tun hat. Man kennt sie im Prinzip, weil man ein festes Analyseinstrument in der Hand hat, eingeschlossen eine Reihe von Standardbegriffen (Projektion, Regression, Sublimierung usw.). Nun bleibt, wie in der juristischen Fallananlyse, lediglich die Subsumtion der individuellen Vergangenheit unter die Generalität der begrifflichen Welt.

Während die Mehrzahl der Analytiker überzeugt ist, daß die Sicht in die Vergangenheit des Anderen nach langwierigem eigenen Reinigungsprozeß möglich ist, sehen sich andere (Devereux 1978) zeitlebens durch die Balken in ihren Augen behindert.

Bei aller Divergenz der Ansätze taucht wieder das Problem des Beobachters bzw. Experimentators als entscheidendes Problem auf. Devereux (1978), einer der konsequentesten Ethnopsychoanalytiker, sieht darum in jedem Experiment, jeder Forschung, immer auch eine Strategie des Forschers mit sich am Werke. Jedes Experiment ist ein Experiment, das der Experimentator mit sich durchführt.

Die immer weitergehende Präzision der Untersuchungsbedingungen will Leben erkennen, so sagt Devereux, und doch zerstört sie es gleichzeitig, eine Beobachtung, auf die auch die Physiker (Heisenberg, Bohr) verweisen.

Beim Beobachter, beim Erkennenden treffen sich also die verschiedenen Wege zur Erkenntnisgewinnung, auch der der Konstruktivisten, doch mit einer anderen Perspektive. Während die einen sich immer wieder auf den Weg machen, um den Beobachter zu "reinigen", bleibt der konstruktivistische Beobachter am Treffpunkt sitzen: "Nichts geht mehr ohne mich, alles geht nur durch mich".

Erkennen als Er-kennen: Das konstruktivistische Erkenntnismodell

Die Empiriker sind vorsichtiger geworden in ihrem Anspruch, die Wirklichkeit zu erfassen. Sie äußern sich unter dem Vorbehalt, daß unter den genannten Bedingungen zunächst einmal eine Hypothese bestätigt sei, vorläufig wenigstens. Sie weisen ebenfalls darauf hin, daß sie nur einen kleinen Teilaspekt untersucht haben, den allerdings gründlich und genau, wie protokolliert.

Sie halten jedoch daran fest -  nur so können sie sich weiter "Empiriker" nennen, daß das Beobachtete nicht ihrem Kopf, sondern ihrer Umwelt, dem Verhalten von Versuchspersonen entsprungen ist. Darin sind sie den Analytikern gleich, die trotz des Nebels im eigenen Kopf und trotz der "Tiefe" und Verschlungenheit des Unbewußten nach einer Realität suchen, die es ins Bewußtsein zu holen gilt.

Genau dieser Prämisse aber widersprechen die Konstruktivisten (Maturana/Varela, 1987): Sie legen den Ort des Geschehens in den Kopf des Erkennenden ("beweisen" dies allerdings mit "empirischen" Daten aus der biologischen Forschung, was ihnen natürlich von den Empirikern auch genüßlich vorgehalten wird). Das Geschehen im Umfeld des Erkennenden (Beobachtenden, des Teilnehmers eines Gesprächs) ist jedoch kein Nichts, keine Fata Morgana. Kein Konstruktivist behauptet, er allein befinde sich auf der Welt, alle(s) andere(n) seien Kopfgeburten. Doch was der andere tut, wie er sich gibt, wie er bewertet wird, als was er erscheint, alles dies hängt entscheidend vom Beobachter ab, ist "selbstinduziert". Wir machen (leben) unsere Wirklichkeit, in der wir leben.

Die grundsätzliche Logik der Erklärung des Erkennens ist unserer "Faden-Logik" (s.oben) gleich: Es gilt das Erkennen zu erklären bzw. damit zusammenhängende soziale Phänomene, und dazu greifen viele Konstruktivisten auf Hypothesen zurück, die sie aus Beschreibungen (Beobachtungen) der biologischen Operationen unserer Zellen bzw. des Lebewesens Mensch gewonnen haben.

Ein erster Grund für eine solche Erklärungsweise liegt in der "Bauweise" des Wesens Mensch begründet, der sich weitgehend freigeschwommen hat von den Bindungen an spezifische Reize in seiner Umgebung. Fehlt ihm ein Partner, schafft er sich in Gedanken einen und ist damit auch eine Zeitlang zufrieden. Sucht er einen Grund, seinen ärger abzulassen, findet sich schon ein geeignetes Objekt. Er "sieht" den "Gegner" umso eher, je mehr dieser beteuert, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben.

Ein zweiter Grund aber liegt stammesgeschichtlich früher: Kein Lebewesen hat einen unmittelbaren Zugang zu seinen "letzten" Einheiten, zu den Zellen und Organen, zu seiner Biologie. Lebewesen haben dennoch mehr oder minder ausgeprägte Vorstellungen darüber, wie die Umgebung beschaffen ist. Das Pantoffeltierchen "weiß", daß es, wenn es auf Hindernisse trifft, in einer Abfolge von Seiten- und Rückwärtsbewegungen zu reagieren hat, um das Hindernis zu umgehen.

Die Katze "kennt" die Drohgebärden ihrer Artgenossen und "weiß" sich danach zu richten. Sie hat sich in ihrem "Milieu" eingerichtet. Bei Lebewesen verschiedener Gattungen tauchen allerdings gelegentlich Schwierigkeiten des "Verstehens" auf. So sagt der Mensch der Katze, daß sie heute mal nicht so aggressiv sein solle, er habe ihr gerade doch noch Futter gegeben. Dachte so, tat so und erntete Kratzer, was ihn mit Recht, so meint er, wütend sein lasse. Das müsse die Katze ja verstehen. Und sie verstehe genau. Warum lege sie sonst die Ohren so flach? "Versteht" die Katze seine Wut und verkriecht sich vorläufig, so haben wir, läuft dieses Spiel in ähnlicher Weise häufiger ab, einen Fall "struktureller Kopplung": Beide "stören" sich in mehr oder weniger berechenbaren Weise, wobei Katze Katze bleibt und Mensch Mensch. Jedes Lebewesen bleibt als Einheit bestehen, auch wenn es laufend durch die Umgebung gestört wird. Das gilt ebenso für die Interaktion von Mensch zu Mensch.

Die Aufrechterhaltung der Einheit wird deutlich, wenn wir uns unsere biologische Verfassung ansehen: Unsere Zellen als Bausteine unseres Organismus haben nichts anderes im Sinne, als sich selbst am Leben zu erhalten. Es sind eben Lebewesen und was sollen Lebewesen sonst tun?! Die Zelle hat soviel mit sich zu schaffen, daß sie sich nicht einmal um den ganzen Zellverband kümmern kann und will (so spricht ein Beobachter!). Sie muß ihre einzelnen Bestandteile, ihre Moleküle, versorgen und das Versorgungssystem wiederum gibt Gewähr, daß die einzelnen Moleküle auch in Ruhe arbeiten können. Diese Funktion übernimmt u.a. die Zellmembran. Sonst verflüchtigte sich ja die ganze Zellsuppe in die Umgebung (das Milieu).

Diese Organisation des laufenden Selbst-Erschaffens einer Einheit durch ihre Bestandteile und die gleichzeitige Ordnung dieser Prozesse durch die Einheit (u.a. die räumliche Anordnung der Bestandteile der Zelle) nennen die Konstruktivisten "Autopoiese" (Selbst-Erschaffen).

Zellen sind über Verbindungsstränge (Axon) mit anderen verbunden. Schaltpunkte sind die Synapsen: Das ist der Hintergrund dafür, daß man manchmal nicht "so richtig schaltet" .So können z.B. zu lange Schaltzeiten (black outs) entstehen, wenn der Organismus unter Druck (z.B. Prüfling) gerät; denn dann werden an den synaptischen Spalten die "Transferflüssigkeiten" nicht mehr produziert. Damit kann dann auch nichts mehr transferiert werden.

Im Grunde herrscht Arbeitsteilung: Bestimmte Zellarten gehen untereinander verbundene Systeme ein, die (relativ) spezifische Aufgaben wahrnehmen. Die Zellsysteme sind miteinander verbunden und können sich, auch wenn sie funktional und "räumlich" nicht "zuständig" sind, sogar in Grenzen gegenseitig aushelfen, wenn "Not am Mann ist".

Suchte man die "Informationen" für das Funktionieren der Zellen in ihnen selbst, so wird man lange suchen und nichts finden. "Information" ergibt sich erst aus der Verknüpfung verschiedener Zellen. Im Prozessieren zeigt sich erst die Struktur (wie in sozialen Systemen auch). Bei Stillstand (das wäre ja auch der Tod) zeigt sich nichts. So fand man auch in Einsteins Gehirn nicht die Realtivitätstheorie oder wenigstens die Basis für solche genialen Gedanken. Die nahm Einstein mit ins Grab.

Dieses Zell-System ist so gebaut, daß es mit sich genug zu schaffen hat und Störungen als Störungen ansieht. Vor allem: Was von außen kommt, kann nur so verarbeitet werden, wie dieses System sich im Laufe seiner Entwicklung - und die ist nun einmal bei jedem Menschen individuell verlaufen - eingerichtet hat. Alles, was hinein will, muß sich dem Produkt dieser Entwicklung anpassen. Es sieht nur das, was es sieht und sonst nichts. (Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr hält ja auch nicht gerade dort, wo ein Nachfrager einsteigen oder ein Benutzer aussteigen will. Das ergäbe Chaos und das kann ein geordnetes System nur begrenzt verkraften.) Die Zelle ist so resistent gegen Veränderungen, daß für ihre grundsätzliche Organisation gilt: entweder ich kann so bleiben, wie ich bin, oder ich muß den Betrieb einstellen.

Veränderbar, im langsamen Entwicklungsprozeß, sind allenfalls die internen Strukturen der Verbindung der Unterelemente der Zelle bzw. die Verbindungssysteme der Zellen untereinander. Die Konstruktivisten sprechen darum von "Störungen" als Auslöser solcher Veränderungen, um zu betonen, daß immer die Einheit des Organismus (seine Organisation) gewahrt bleiben muß und nicht zerstört werden darf.

Aber wie kommen Zellen zu "empirischen" Beschreibungen? Eigenartigerweise besorgen das eben die Zellen, die unsere biologische Ordnung aufrechterhalten. Unser Gehirn als Beschreibungsinstanz besteht zwar aus Nervenzellen, doch dieses Gehirn vermag auf eine "andere Bahn zu springen" und dem, was da passiert, einen Namen zu geben. Es wird sich "bewußt". Es kommuniziert über sich selbst, manchmal mühsam und stotternd. Es braucht auch Zeit dazu, denn es muß den laufenden Prozeß auf kleinem Niveau halten, Komplexität für einen Moment kurz halten, um den Arbeitsspeicher nicht zu überlasten, der das Geschehen auf einen Sinn bringen will. Darum können wir auch nur in Blöcken wahrnehmen, die zeitlich unterbrochen sind, können also nicht kontinuierlich aufnehmen und gleichzeitig verarbeiten (Pöppel 1985).

Dieses Bewußtseinssystem ist nun nicht mehr den strengen Zyklen der Zellen unterworfen. Es hat sich "freigeschwommen", bleibt aber natürlich als System den Strukturen verpflichtet, die es entwickelt hat, arbeitet also "selbstbezüglich" (selbstreferentiell). Die einzelnen Zellen sind nicht streng aneinander verknotet wie die Zellsysteme unseres Körpers, sie haben "Spielraum" (Wenn unsere Zellen wüßten, was alles über sie, keineswegs einheitlich, geschrieben wird! Denn gerade bei der Übertragung der Arbeitsweise von Zellen auf die Arbeitsweise von Nervenzellen wie vor allem auf soziale Systeme tauchen Fragen auf, über die sich die Konstruktivisten nicht einig sind.). Die Störungen, die von außen kommen, fusionieren dabei mit den Mustern (Bildern), die sich im Gehirn entwickelt haben. Unser Gehirn muß dann wieder entflechten, soweit das geht. Es muß sagen, dies kam von innen und jenes von außen. Dabei hat es große Spielräume, daran ersichtlich, daß wir im Gegenüber alles mögliche sehen, uns selbst eingeschlossen. Auch die Vorstellungen von Raum, Zeit und Kausalität, die Kant nicht als Eigenschaften der realen Welt, sondern als Gegebenheiten "a priori" ansah, werden im kognitiven System geschaffen, also vom Beobachter unterstellt.

Der konstruktivistische "Empiriker" steht also vor der Aufgabe, unentwegt Beschreibungen anzufertigen über das, was er in seiner (selbst-geschaffenen) Umwelt wahrnimmt, und er muß sehen, wie diese Beschreibungen "passen", also beispielsweise, wie der Beobachtete auf diese Beschreibung reagiert. Unser "Beobachter" hat also keinen unmittelbaren Zugang zu sich, ebensowenig zum anderen Menschen. Er empfängt zwar Signale aus seinem Körper oder von fremden Wesen, doch sie sind nichts als Signale, die er gestalten muß zu einem Bild, zu einem Sinn oder einer Verbindungskette, die an sein Handeln anschließt. Er kann darum auch streng genommen nicht "beobachten", sondern lediglich beschreiben, und zwar aufgrund seiner Werkzeuge, die ihm zur Beschreibung zur Verfügung stehen. Dem einen stehen dabei mehr, dem andern weniger Bilder zur Verfügung.

Beobachten und Beschreiben ist aber nicht lediglich eine Frage des Repertoires, sondern auch des Standorts: Zwar kann der sich selbst Beobachtende auch lediglich beschreiben, so wie der außenstehende Beobachter sein Gegenüber auch nur zu beschreiben vermag (ich bin mir selbst "fremd" wie ich dem anderen), doch beobachtet der Außenstehende Dinge, die der Beobachtete (in seiner "Beobachtung erster Ordnung") nicht sieht, nicht sehen kann, nämlich die Kriterien, aufgrund deren er beobachtet, sein "erkenntnisleitendes Interesse" ("Beobachtung zweiter Ordnung"). Jeder Beobachter lebt mit blinden Flecken (Luhmann 1989: 226). Das sind die Devereux'schen Balken, von denen wir oben sprachen, die man erkenntlich machen kann, so wie es der Analytiker im therapeutischen Gespräch mit dem Unbewußten seiner Klienten macht. Damit ist jener aber nicht "geheilt". Im nächsten Moment benutzt er wieder etwas, worüber er sich nicht im klaren ist. Vielleicht haben aufgrund dieser Einsichten auch Beratung und Supervision gegenwärtig die zu beobachtende Hochkonjunktur.

Erkennen wird zu einem mühseligen Geschäft des Er-Kennens. Unser professioneller Beschreiber sucht nach Begriffen, anderen Gestalten oder Geschichten, will er nicht die immer gleiche Beschreibungslatte anlegen. Mühselig kann es auch deshalb werden, weil nun Klienten auf den Gedanken kommen könnten, ihre selbst formulierten Geschichten als gleich wenig oder gar überlegen anzusehen. Andererseits aber ist er die drückende Belastung los, mit seiner Beschreibung die Wahrheit, den Kern, getroffen zu haben.

Was der Beobachter also dringend benötigt, sind Beschreibungsoptionen. Er kann nicht genug davon anfertigen; denn wenn er andere aus ihrer Beschreibungsbahn werfen will - was ja nicht so einfach ist, wie wir sahen - muß er schon recht kreativ sein, insbesondere muß er Bilder finden, die den andern verstören oder wenigstens erstaunen lassen. Allerdings, so sagten wir gerade zuvor, will das System, das da beschreibt, in Ruhe beschreiben und nicht laufend gestört werden. Das gilt auch für Erkenntnistheoretiker, die allergisch auf Störungen reagieren, die einer Bestätigung ihrer Grundannahmen zuwiderlaufen. Aber es bleibt ja die Gemeinde der Er-Kannten, die sich "strukturell aneinander gekoppelt" immer wieder ihren Maturana oder Luhmann hersagt.

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