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"Konstruktivismus" - Entwurf für einen Lexikoneintrag

Konstruktivismus

  1. Bezeichnung für diejenige Kunstrichtung in der -> Absoluten (Abstrakten) Kunst, in der die Tendenz zum "Geometrisch-Technoiden" eindeutig ist (z.B. bei dem Russen Tatlin, der niederländischen "Stijl"-Gruppe oder, den werden Sie vermutlich eher kennen, Mondrian).


  2. Bezeichnung für eine Erkenntnistheorie, die von der Prämisse ausgeht, daß wir nie mit der Wirklichkeit an sich umgehen, sondern stets mit unseren eigenen "Erfahrungswirklichkeiten". Sie versteht sich als Kognitionstheorie und sie ist nicht-reduktionistisch. Das soll heißen, sie ersetzt die traditionelle epistemologische (erkenntnistheoretische) Frage nach Inhalten oder Gegenständen von Wahrnehmung und Bewußtsein durch die Frage nach dem "Wie" der Erzeugung von Erkenntnis und konzentriert sich auf den Erkennntnisvorgang, seine Wirkungen und Resultate. Sie ist nicht-reduktionistisch, weil sie nicht auf fundamentale oder elementare Objekte bzw. Prozesse (etwa psychologischer oder sensualistischer Art) fixiert ist, auf die Wahrnehmung und Bewußtsein "letztlich" zurückgeführt werden sollen. Die Konstruktivisten verweisen auf mannigfache Vorläufer, darunter Philosophen wie: Hume (1982; origin. 1744), Kant (1966: origin. 1787) und Nietzsche (1982, origin. 1886), ebenso Gestaltpsychologen wie: Metzger (1953) und Köhler (1958, origin. 1929), "konstruktivistische" Psychologen wie: Piaget (1975), Vertreter der kognitiven Psychologie wie: Neisser (1974), Dörner (1989), weiterhin Soziologen wie: Simmel (1958) und Schütz (1974); die Symbolischen Interaktionisten wie: Mead (1973) und Goffman (1972),die phänomenologischen Wissenssoziologen wie: Berger / Luckmann (1969), sowie Ethnomethodologen wie: Garfinkel (1981).

    Der "radikale" K. sieht die Notwendigkeit subjektiver Entwürfe über die Welt in einer unaufhebbaren Bedingung unseres biologischen "Funktionierens" begründet, welche uns trotz dieser Subjektivität erfolgreich in einer sozial gültigen und scheinbar objektiv physikalischen Welt operieren läßt. In dieser Anerkenntnis einer realen - wie immer beschriebenen- Welt um uns herum unterscheidet er sich vom Solipsismus, der den Erkennenden/Beobachtenden zum einzig realen Erdbewohner macht.

    Dieser radikale K. ist wesentlich auf die kybernetischen Arbeiten von H. von Foerster (1985) zu Beginn der 60er Jahre, zum weiteren in den sprach- und entwicklungspsychologischen Arbeiten von von Glasersfeld (1987) zurückzuführen, die darum auch zu den "Gründervätern" gezählt werden.

    Entscheidende Impulse und weite Verbreitung fand der radikale K. durch die kommunikations- und therapeutischen Schriften von Watzlawick (1977). Sie wurden wesentlich angeregt durch die erkenntnistheoretischen Arbeiten von Bateson (1983).

    Diese humanwissenschaftlichen Forschungen erfuhren in der jüngeren Vergangenheit wesentliche Impulse durch naturwissenschaftliche Studien über das Verhalten physikalischer und biologischer Systeme, u.a. über die Frage zur Angemessenheit eines Denkens in den Kategorien von Kausalität und Determinismus ("Unbestimmtheitsrelation" s. bei Heisenberg 1956), über die Rolle des Zufalls in der Evolution (Monod 1971), zur Bildung von Ordnungszuständen bei Ungleichgewichten ("dissipative Strukturen", Prigogine 1979) sowie zur Selbstorganisation natürlicher Systeme (Jantsch 1987), Forschungen, die heute zusammengefaßt als "Chaosforschung" (Cramer 1989) bezeichnet werden.

    In jüngster Zeit entstehen Versuche zur Zusammenfassung neurobiologischer, kognitionspsychologischer und informationstechnischer (Künstliche Intelligenz) Konzepte zu einer Kognitionswissenschaft-Kognitionstechnik (KWT) (Varela 1990).

    Seine wohl umfassendste und einflußreichste Ausarbeitung, die bei mikrobiologischen Zellprozessen ansetzt und bei Ausführungen über soziale Systeme endet, findet der radikale K. in den Forschungen der chilenischen Biologen und Neurokybernetiker Maturana und Varela (1987).

    Als erkenntnistheoretisches Konzept löst sich der radikale K. von der Anbindung an spezifische Disziplinen. In der Bundesrepublik wurde das zum zentralen Kern des radikalen K. zählende Konzept der "autopoietischen Systeme" vor allem im soziologischen Werk von N. Luhmann (1990a) aufgegriffen und mit seiner struktur-funktionalen Theorie verbunden. Weite Verbreitung hat er, an systemische Orientierungen anknüpfend, vor allem im therapeutischen Bereich gefunden (Simon 1988), in der pädagogischen Diskussion (Luhmann/Schorr 1986) sowie in der Betriebswirtschaftslehre (Ulrich/Probst 1988).

    Der radikale K. löst sich konsequenterweise auch von einer spezifischen Methode der Erkenntnisgewinnung, weil keine für sich den Zugang zur "Wahrheit" beanspruchen kann. Somit nehmen Methoden, die nicht dem engeren Bereich der systematischen Wissenschaften zuzurechnen sind, eine gleichgewichtige Rolle ein. Kunst und Literatur werden als spezifische Form des Ausdrucks einer erlebten Wirklichkeit akzeptiert.

    Wichtige Zusammenfassungen:
    Watzlawick, P. (Hrsg): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? München 1981;
    Luhmann, N.; Schorr, K.E. (Hrsg.): Zwischen Intransparenz und Verstehen, Frankfurt 1986;
    Rusch, G.: Erkenntnis, Wissenschaft, Geschichte, Frankfurt 1987;
    Schmidt, S.J. (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt 1987;
    Simon, F.B. (Hrsg.): Lebende Systeme, Berlin 1988;
    Bardmann, T.; Kersting, H. J.; Vogel. H.-Chr.; Woltmann, B.: Irritation als Plan, Aachen 1991.

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