von Renate Zwicker-Pelzer
Wie und welcher Art denn immer sie, die Bauchschmerzen, waren: in einer deiner vielen Umbruchsituationen begegneten wir uns zum ersten Mal.
Ich erinnere mich an eine Begegnung bei der Bundesstelle, wo du (nach Paulo Freire) zur Bildungsarbeit mit spanischen Gastarbeiterkindern gerade eine eindrucksvolle gebundene Ausgabe veröffentlicht hattest. Über diese Begegnung entstand ein fachlich wie menschlich interessanter Kontakt. Bald blühte uns das erste gemeinsame Seminar der Europäischen Freire-Arbeitsgemeinschaft in der Jugendakademie Walberberg. Mit Veranstaltungstiteln wie "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans doch noch" und "Du weißt mehr, als du weißt" wirbelten wir die gemäßigt angepassten TeilnehmerInnen auf aus manch einer persönlichen und politischen Schläfrigkeit.
Dein didaktisches Mittel funktionierte super: Kodierungen in Geschichten, Dekodierung einzeln und in der Gruppe. Mal waren es die "Parabel der Enten", mal die "Geschichte zu den Bauchschmerzen". Die letztere ist auf 1978 als Entstehungsjahr datiert.
So fanden unsere dichtesten Begegnungen zwischen diesem Jahr und 1983 statt; meine Familiengründungsphase verlief ziemlich zeitgleich mit der deinigen; wir lernten Tine kennen und hatten nach Eurem Wechsel nach Spanien zwischendurch und sporadisch gemeinsamen Kontakt halten können.
1994 begegneten wir uns in den jeweils neuen beruflichen Rollen: du als Hochschullehrer, ich als Hochschullehrerin beim European Social Work Symposium in Bournemouth/England. Diesem neuen und sehr anderen Kontakt folgten weitere kollegiale Treffen. Insgesamt dürfte unsere Kontakt-Geschichte so 20 bis 25 Jahre zusammenbringen, immerhin ein Drittel deiner Lebensgeschichte.
Für diese Festschrift habe ich die "Geschichte der Bauchschmerzen" suchen und finden können. Mit einer hohen Sensibilität beschreibst du die sehr persönliche Dimension von Leiden und die akribische Sehnsucht und Suche nach verbesserten Lebensumständen; vom Elend der "Pädagogen" oder "Helfer", Menschen vom Guten und Lebenswerten mehr oder weniger überzeugen zu können. Das Verhaftetsein von Menschen in gesellschaftlichen Verkettungen und oft seltsamen kollektiven Meinungsbildungsprozessen wird darin sehr deutlich.
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Jesús Hernández, Mai 1978 Die Bauchschmerzen Es drängt mich schon lange, die Geschichte jenes Stammes zu erzählen, der im Urwald wohnte, umgeben von stämmigen Fruchtbäumen, reich an Gewässern, Hölzern und Edelsteinen. Mitten in ihrer Siedlung sprudelte die Quelle, aus der alle frisches Wasser schöpften. Die Quelle war für die Einwohner des Urwaldes so etwas wie ein Denkmal ihres Reichtums und des Lebens geworden. Die Nahrung war für sie ein ständiges Geschenk der Natur. Ihre Beschäftigung war Fischen, Jagen und Wetteifern. Dafür war es notwendig, körperlich auf der Höhe zu sein, kräftige Muskeln und schnelle Reaktionen zu besitzen, die Kunst des Speerwerfens und des treffsicheren Bogenschießens zu beherrschen, flinke Beine zu haben. Wer dieser körperlichen Verfassung nicht entsprach, musste ein langweiliges ausgestoßenes Dasein fristen. Am schlimmsten betroffen waren diejenigen, die an Bauchschmerzen litten. Bauchschmerzen haben, bedeutete Verkümmerung aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Wenn es anderen Stammesangehörigen bekannt wurde, dass jemand von diesem Bauchleiden befallen war, musste dieser mit den höchsten Strafen des Stammes rechnen. Es gab sogar vom Stamm auserwählte Männer, die das Urteil der Verbannung aussprachen in Fällen, die besonders offenkundig geworden waren. Und die Frauen, die sich regelmässig zum Stammesklatsch trafen, wussten genau, bei welchen Einwohnern Anzeichen der Krankheit erkennbar wurden. Es gab bestimmte Merkmale, auf die besonders geachtet wurde: So waren Verlangsamung beim Aufstehen, gebeugter Rücken beim Gehen oder Spielen, blasses Gesicht und lautes Sprechen beim Träumen deutliche Beweise für das Vorhandensein der Krankheit. Es gab manche Einwohner jenes Stammes, die ein feinfühliges Gespür zur Wahrnehmung des Leidens entwickelt hatten. Auf diese wurde besonders gehört, denn Bauchschmerzen zu haben hieß bei jenem Stamm Schande und Makel. Die Krankheit war allerdings weiter verbreitet, als man gerne zulassen und zugeben wollte, und die ganze Anstrengung des Stammes ging dahin, mit allen Mitteln die äußeren Anzeichen des Leidens zu verbergen. So gab´s manche kranke Bewohner jener Siedlung, die raffinierte Körperhaltungen einübten, bis es ihnen gelang, die normalen Bewegungen beim Fischen, Jagen und Wetteifern einzuhalten, so dass niemand die Krankheit zu erkennen vermochte. Es gab Volksrichter und Klatschweiber, gute Jäger und Fischer, die ständig von Bauchschmerzen geplagt waren. Aber keiner wusste davon, denn Bauchschmerzen zu haben hiess in jenem Stamm Schande und Makel. Eines Tages kam aus dem Nachbarstamm ein Medizinmann, getrieben von der Nachricht der Bauchkrankheit. Es interessierte ihn überhaupt alles, was Menschen Schaden zufügt. Sein einziges Anliegen war die Beseitigung aller Krankheiten, die Menschen plagen, die sie in Krüppel verwandelten und sie zunichte machten. Zunächst wurde er mit einem gewissen Misstrauen aufgenommen. Gab´s nicht genug Kranke in seinem eigenen Stamm? Und überhaupt: Sein Auftreten war so ganz anders, er benutzte andere Strauchblätter als Lendenschurz und die Säfte und Öle, die er aus Pflanzen und Kernfrüchten gewann, unterschieden sich doch etwas in der Dichte und im Duft von jenen, die von den Bewohnern der Siedlung zur Pflege und Stärkung ihrer Glieder verwandt wurden. Aber die Neugierde war größer als das Misstrauen und ... wer wusste, ob das neue Stammesmitglied dazu beitragen könnte, aus den Buschbewohnern einen Stamm heranzubilden, der an Geschick im Jagen, Fischen und Wetteifern alle anderen im Urwald überragte. Der Medizinmann nutzte jede Gelegenheit, die sich ihm anbot, um sein Wissen und Können anzubieten. Den mit Pfeil und Bogen spielenden Kindern brachte er bei, wie sie aus großer Entfernung exakt zielen konnten. Solche Kinder unterschieden sich bald von anderen, die mehr sich selbst überlassen waren oder nach althergebrachter Weise mit Pfeil und Bogen umgingen. Bald wurde der Medizinmann auch von gestandenen Jägern und Fischern, von Volksrichtern und Frauen, die ihre Leistungen beim Wetteifern steigern wollten, aufgesucht. Es gab sogar welche von ihnen, die nachts zu ihm schlichen. Dies waren die Bauchkranken. Sie wagten sich nur nachts zu ihm, denn Bauchschmerzen zu haben hieß in jenem Stamm Schande und Makel. Die Zahl der heimlichen Besucher nahm ständig zu. Sie waren überhaupt diejenigen, die (bei) ihm die meiste Zeit in Anspruch nahmen, denn es waren sehr viele, die in jenem Stamm an Bauchschmerzen litten. Der Medizinmann machte sich sehr viel Gedanken darüber, woher die Krankheit kommen könnte. Gedanken machte er sich, denn darüber sprechen durfte er nicht. Jeder Kranke verbot ihm nach seinem Besuch, darüber zu reden, denn Bauchschmerzen zu haben hieß in jenem Stamm Schande und Makel. Eines Tages machte er eine Entdeckung. Es waren viele Jahre vergangen, Pflanzen hatte er nach giftigen Substanzen untersucht; Extrakte von würzigen Kräutern den Kranken gegeben; körperliche Übungen, Fasten und Geisterbeschwörung, alles half nur vorübergehend oder gar nicht. Aber jetzt hatte er es. Einige seiner Kranken wurden gesund. Es waren diejenigen, die nicht mehr das Wasser aus der geheiligten Quelle inmitten der Siedlung tranken. Die Krankheit wurde einzig und allein vom frischen Wasser verursacht, das aus jener Quelle sprudelte. Er war überglücklich, dies herausgefunden zu haben und mit seinen "Geheilten" plante er, statt der krankmachenden Quelle einen Brunnen anzulegen, aus dem der Stamm klares und heilsames Wasser schöpfen könnte. Dann und wann träumte er sogar von einem Stamm, dessen Gesundheit und Kraft im ganzen Urwald dank des heilbringenden Brunnenwassers gerühmt wurde. Jedem Kranken, der ihn heimlich aufsuchte, empfahl er, nicht mehr aus der Quelle zu trinken. Nur wenige befolgten seinen Rat, denn die meisten wollten ihm nicht glauben, dass es an dem Wasser lag, das aus der Quelle inmitten der Siedlung sprudelte. Nein, das Wasser durfte es nicht sein! Nein, das Wasser war es auch nicht! Volksrichter, Klatschweiber, geschickte Jäger und Fischer, die davon gehört hatten, hielten Rat. – "Unser Volk ist in Gefahr", sprachen sie, "wenn dieser Wahnsinnige weiter seinen Unsinn verbreitet. Er muss verbannt werden, bevor der Zusammenhalt unseres Stammes verloren geht. Er ist dem Wahnsinn verfallen." Und so kam es: Die Kinder mieden ihn, die Kranken suchten ihn nicht mehr auf, Fischer und Jäger kehrten zu ihrer alten Technik des Speerwurfes und Bogenschießens zurück. Und mit den Bauchkranken nahm es kein Ende. Und wer der Krankheit verfallen war, musste mit dem Schlimmsten rechnen, denn Bauchschmerzen zu haben, hieß in jenem Stamm SCHANDE UND MAKEL. |
Politisierte Enten, widerständige Enten, hierarchisierte bis angepasste Enten; davon handelt wiederum eine kleine Parabel – von dir geschrieben und 1977 veröffentlicht. Abgesehen davon, dass diese Entenwelt noch keinen Fernseher, Computer und andere lebenszeitfüllende Ablenker kannten, die Geschichte ist - heute neu gelesen - eine Chance, sich selbst neu zu orten und den ein oder anderen institutionellen wie gesellschaftlichen Freischwimmer zu machen.
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Jesús Hernández, 1977 Parabel der Enten
(in: Jesús Hernández: Pädagogik des Seins, Lollar 1977 (vergriffen) |
Mein Dank dir, Jesús, für viele wertvolle und kritische Diskurse, für freundschaftliche Verbundenheit.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
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