von Arist v.Schlippe (September 2001)
Im Jahre 1945 erschien unter der Überschrift "Patients have families" ein Buch von H. Richardson, das in der Geschichte der Familientherapie so etwas markiert wie eine "Entdeckung des Systems". Doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis die Familientherapie begann, weitere Kreise zu ziehen und das klassische Modell, dass Psychotherapie eine Angelegenheit zwischen zwei Personen sei - wenn schon nicht ablöste, so doch deutlich infrage stellte. Die Berichte von TherapeutInnen, die begannen mit ganzen Familien zu arbeiten, begeisterten die Praktiker, die wiederum ihrerseits fasziniert von dieser neuen und andersartigen Perspektive waren. So kam es, dass die Familientherapie in den 70er und 80er Jahren zu einer "Bewegung" wurde, zum "family therapy movement". Und wie bei jeder "Bewegung" wurden auch hier in der Anfangszeit der Familientherapie die Dinge mit großem Enthusiasmus einerseits, doch auch mit einer gewissen Unbedingtheit und Schärfe vertreten. Es galt ja schließlich, sich gegen die Vertreter des "alten Paradigmas" abzusetzen.
Damals ...
... galt es als Kunstfehler, wenn nicht die ganze Familie mitkam, schließlich machte man Familientherapie: und da galt die Regel, dass ein Symptom auf eine Störung der Familie "hinwies". Die Familie als Ganzes war "dysfunktional", also musste sie auch als Ganzes geändert werden! Da musste man manchmal ganz schön erfinderisch sein, um widerspenstige Familienmitglieder in die Therapie zu holen, manche, vielleicht sogar viele wurden vergrätzt, die TherapeutInnen ließen sich auf vielerlei Machtkämpfe eingelassen - und nicht immer gewonnen. Es machte eben einen Unterschied, ob eine "Zauberin von Mailand" eine Familie aus Sizilien die 2000 km wieder zurückschickt, weil die Schwester nicht mitgekommen ist, oder ob eine Therapeutin aus einer EB in Düren, Aachen oder Köln das gleiche zu einer Familie sagt, die nur zwei Straßen weiter wohnt ...
Heute wird systemische Therapie als Kooperationsangebot verstanden, wird der-/diejenige eingeladen, der oder die meint, etwas zur Lösung des Problems beitragen zu können.
... war es die wichtigste Aufgabe des Therapeuten, erst "in" zu sein im System, dann "up", also eine hierarchische, eine machtvolle Position einzunehmen (s.o.).
Heute, im Zeitalter kooperativer, konstruktiver Konversation, werden möglichst machtfreie Diskurse angestrebt.
... gab es ein Bild davon, wie eine "gute" Familie ist, wie sie aussieht. Wehe, wenn sich die Eltern nicht wie Eltern benahmen, die Kinder nicht wie Kinder: Eltern sollten bestimmen, Kinder -, nun ja, unbedingter Gehorsam wurde nicht verlangt, ich beschreibe schließlich nicht das Mittelalter, aber sie sollten lernen, sich wie Kinder zu verhalten, also in einem Kontext ungleich verteilter Macht zu verhandeln und es war "die verdammte Pflicht und Schuldigkeit" der Eltern, ihrerseits dafür zu sorgen.
Heute betrachten wir als TherapeutInnen entspannter die verschiedensten Formen, wie Menschen sich entscheiden, ihr soziales Leben zu organisieren und sehen ihre Aufgabe eher darin, diesen Entscheidungsprozeß zu moderieren - auch wenn dies natürlich auch heute bedeutet, dass man sich manchmal in heftige und machtvolle Auseinandersetzungen hineinbegeben muss. Es geht nur nicht mehr darum, der Familie vorzuschreiben, wie ein "gutes Leben" für sie aussehen müsse. Das Stichwort dazu ist "Kybernetik 2.Ordnung": von dem Blick auf die Familie kam man zum Blick auf den Beobachter der Familie und zu der Frage, wie er/sie mit der Familie gemeinsam Wirklichkeiten entwickelt, erzeugt, verändert.
...schauten TherapeutInnen vor allem auf die Kommunikationen in der Familie: waren sie kongruent oder inkongruent, wurde verdeckt etwas anderes kommuniziert als offen? Was war die "eigentliche" Botschaft, die vom Sender an den Empfänger ging?
Heute wird mehr darauf geachtet, wie im System Geschichten erzählt werden, und wie das in ihnen schlummernde Potential an alternativen, bislang nicht erzählten Geschichten im therapeutischen System kooperativ genutzt werden kann - der "narrative Ansatz" in der systemischen Therapie.
Kleine Illustration am Rande dazu: neulich fand ich einen kleinen Text, in dem es darum geht, wie Therapieschulen auf die Frage antworten: "Wie komme ich denn hier am besten zum Bahnhof?" Der GT-Therapeut sagt ja bekanntlich: "Sie möchten gern wissen, wo der Bahnhof ist?" - oder, wenn er schon etwas weiter ist: "Das ist Ihnen sehr wichtig, und Sie haben die Idee, dass ich Ihnen dabei helfen könnte?" Ein klassischer Familientherapeut fragt: "Was hat es für eine Funktion, das zu fragen? Haben Sie die Idee, Sie könnten auf diese Weise Ihre Eltern zusammenhalten?", während der Therapeut der Kybernetik 2.Ordnung fragt: "Angenommen, rein theoretisch, nur als Gedankenspiel, denn Sie haben ja alle Ressourcen, die Sie brauchen: wie könnten Sie es schaffen, es selbst, ohne meine Hilfe herauszubekommen?" - oder er hat vielleicht ein Reflektierendes Team, das in Anwesenheit des Ratsuchenden darüber spricht, welche Ressource der Ratsuchende bereits mitbringt: er hat die Fähigkeit, sich Hilfe zu holen, er hat die Selbstbehauptungsfähigkeit, andere Menschen offen anzusprechen und zu fragen - viele andere würden sich vielleicht so etwas gar nicht trauen, und wie der Betreffende diese Ressource wohl am besten nutzen könnte, um den Weg zu finden ...
... galt häufig auf der einen Seite die Devise, dass die Therapie eine umso bessere Qualität habe, je mehr geweint wurde; "intensiv" ist ein Wort, das ich aus der Zeit noch gut erinnere: "Das war eine sehr intensive Sitzung!"
Heute ist zwar die Erkenntnis nach wie vor gültig, dass das Entwickeln neuer Muster umso besser gelingt je mehr die Betroffenen auch affektiv beteiligt sind, doch werden die Tränen meist nicht mehr angesteuert, sind sie eher Begleiterscheinung als Essenz von Therapie. Nicht affektive Entladung, sondern Musterunterbrechung und das gemeinsame Entwickeln neuer Landkarten - durchaus verbunden mit den dazugehörigen Affekten - wird heute als therapeutisches Agens betrachtet.
... oder es ging gerade anders herum darum, dass man möglichst viel Abstand haben müsse, weit von außen "kommunikative Bomben" werfen solle, die das System effektiv verstörten, die gewohnten kommunikativen Abläufe blockierten, den paradoxen Auftrag der Familie: "Ändere uns, ohne uns zu ändern!" mit dem Gegenparadox zu beantworten: "Wir ändern Euch, aber nur unter der Bedingung, dass Ihr Euch nicht ändert - zumindest noch nicht im Moment!"
... ein ziemlich lange - wohl bis heute andauernder Spannungsbogen: die "fühlenden" gegen die "eigentlichen" Systemiker (s. v. Schlippe, 1995).
Damals, es war eine lebendige, dynamische Zeit, eine Zeit des Aufbruchs und vor allem eine Zeit der Hoffnung. Diese Zeit war aber auch getragen von einem Glauben, den ich heute sehr skeptisch sehe, nämlich an die Überlegenheit, an die nicht aufzuhaltende Übermacht des neuen Modells. Wir hielten uns für die Speerspitze des Fortschritts. Mit Freude las ich Jay Haley`s ironisch-paradoxen Artikel [2]: "Warum ein psychiatrisches Krankenhaus Familientherapie vermeiden sollte", Gottlieb Guntern (1981) hatte die These aufgestellt, dass Erkenntnisse der Verhaltenstherapie und Psychoanalyse überholt und für das "neue Paradigma" unbrauchbar seien, man bräuchte sich mit ihnen nicht zu befassen (das Psychotherapeutengesetz lag noch in weiter Ferne...). Wir warteten auf den triumphalen Siegeszug der systemischen Therapie, wir wußten zwar, dass es ein wenig dauert, bis die Vertreter des alten Paradigmas aussterben würden, doch das war ja nur eine Frage von ein paar Jahren. Heute bin ich froh, dass die Geschichte nicht so weitergegangen ist, wie ich es mir damals erträumt hatte, sondern anders.
Viele klassische Familientherapiemodelle waren jedenfalls aus heutiger Sicht auch selbst auf der Idee der Macht aufgebaut, sei sie direkt oder indirekt, ja, die Auseinandersetzung um das Thema Macht galt lange Zeit als der Kernpunkt der Familientherapie. Minuchin etwa forderte, ein Therapeut müsse aus der hierarchisch höherstehenden Position heraus agieren, er liebte es, Muster in der Familie, die er als dysfunktional erkannt hatte, frontal anzugreifen. Ich erinnere mich an einen Film, in dem er eine Mutter, die sich seiner Meinung nach ihren halbwüchsigen Kindern gegenüber zu wenig durchsetzte, fragte: "How did you manage to create these monsters?" und später eiskalt und schneidend zu der 14-jährigen Tochter: "I don't talk with you, because I don't talk with disrespectful people". Satir sagte übrigens einmal über Minuchin: "He may be a good therapist, but he is a man without a heart!" - ein Spannungsfeld schon damals!
Auch Jay Haley sah Macht als unvermeidbaren Bestandteil menschlichen Lebens an. Für ihn lag das "Zentrum der Psychopathologie" in unklaren, inkongruenten Machthierarchien in Familien, für ihn stellten diese einen Versuch dar, nicht zu kommunizieren und damit den anderen verdeckt zu kontrollieren. Konsequenterweise setzte auch Haley auf die Power des Therapeuten. Er ist sicher bis heute der Vertreter, der Manipulation und strategisch genau geplante Interventionen für unabdingbar hält, wenn es darum geht, therapeutische Veränderungen zu induzieren.
Im klassischen Mailänder Modell wurde versucht, so effektiv wie möglich durch "kommunikative Bomben" die familiären Abläufe zu verstören. Kritiker haben immer wieder darüber geklagt, dass den Therapeuten dieses Modells sozusagen "jedes Mittel recht" ist, sofern das Spiel nur schnellstmöglich durchbrochen werde.
Der "Vater der systemischen Erkenntnistheorie" dagegen, Bateson, hatte hierzu eigentlich geradezu konträre Gedanken formuliert. Er sah Macht als Kategorie menschlicher Erkenntnis an, in einem vielzitierten Ausspruch bezeichnete er sie als "erkenntnistheoretischen Irrtum", ja er sprach sogar von der Macht als einer "Krankheit der Erkenntnistheorie", die jeden korrumpiere, zerstöre, der ihr anhänge (1981). Diese Krankheit besteht für Bateson darin, dass man meint, mit Methoden der Macht, der Manipulation und der Beherrschung einen befriedigenden Zustand von Beziehung erreichen zu können. Er setzte sich zeitlebens dafür ein, nicht in Selbstorganisationsdynamiken einzugreifen, weil jede Form von Eingriff sich über kurz oder lang als schädlich für die Ökologie des Systems herausstellen würde: ich zitiere sinngemäß: Ich kann mir keine Erfindung angewandter Wissenschaft seit der des Schweizer Käses vorstellen, die sich nicht über kurz oder lang zum Schaden der Menschheit herausgestellt hätte.
Mit diesen beiden Positionen, Bateson und Haley hatte sich ein enormes Spannungsfeld für die systemische Therapie entfaltet: ist nun der machtvolle Eingriff von paradox verstörenden Interventionen bis hin zur Manipulation der angemessene Weg oder ist dies gerade das Gegenteil? Dieses spiegelte sich direkt auch innerhalb mancher Konzepte wieder. Einerseits bezogen sich alle auf Bateson, bekundeten Respekt vor der "systemischen Weisheit" und der Selbstorganisation eines Systems, andererseits konnte man manchmal den Eindruck gewinnen, dass Klienten eher als Gegner denn als Kooperationspartner gesehen wurden, etwa wenn in der Metaphorik des Kalten Krieges die "Manöver", "Schachzüge" und "Strategien" der Klienten vom Therapeuten erkannt und strategisch "durchkreuzt" werden sollten. Möglicherweise, so wird bei Boscolo et al. 1988 vermutet, hat ein solcher Bruch damit zu tun, dass die erwähnte Kontroverse zwischen Bateson und Haley nie offen ausgetragen wurde.
Im Verlaufe der 80er Jahre wurden die in klassischen systemischen Arbeitsformen implizit versteckten Machtkonzepte zunehmend hinterfragt. Gerade das Prinzip der paradoxen Schlußverschreibungen, die Therapeuten nach Beratungen mit ihren Kollegen im Nebenzimmer hinter dem Einwegspiegel von sich gaben und die die Familie oft nur zum Teil verstand (- und ja auch nur begrenzt verstehen sollte), wurde als "orakelhaft" und hochmanipulativ kritisiert. Und besonders das Modell der strukturellen Familientherapie Minuchins wurde als autoritär, an überkommenen Vorstellungen von Autorität und Gehorsam ausgerichtet, ja als sexistisch beschrieben.
Einen anderen Pol bildete m. E. damals Virginia Satir. Sie stand für die erlebnisorientierte Richtung. In ihren Therapiesitzungen ging es oft hoch her, sie konnte wie eine Entertainerin Menschen in ihren Bann schlagen, sie baute mit Hilfe von Stufen, mit Schnüren, Körperhaltungen und Skulpturen komplexe Szenarien auf, die das Ziel verfolgten, in Menschen Gefühle auszulösen und auf dieser Basis Veränderung auszulösen. All dies tat sie auf einer persönlichen "sicheren Basis" (würde man heute in der Sprache der Bindungstheorie sagen), die sie dadurch herstellte, dass sie mit jedem einzelnen Gesprächspartner eine herzliche Verbindung aufbaute, heute würde man von "affektiver Abstimmung" sprechen. Für sie stand die Beziehung ganz im Mittelpunkt des therapeutischen Geschehens und wenn ich heute auf systemischen Tagungen höre, dass man der Beziehung bisher zu wenig Bedeutung beigemessen habe, dann ärgert es mich oft sehr, dass Virginia Satir in diesem Zusammenhang nicht, wieder nicht, genannt wird.
Aus meiner heutigen Sicht geht es um die Frage, inwieweit ein Konzept, dessen Ziel ein emanzipatorisches ist, nämlich Menschen zu befähigen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, nicht auch in seiner Struktur emanzipatorisch sein müsse, ob sich Inhalt und Form nicht deutlicher entsprechen müßten. Die Diskussionen leiteten einen Wandel von der Familientherapie zur systemischen Therapie ein. Er ist heute mit dem etwas komplizierten Begriff "Kybernetik 2.Ordnung" belegt: Eine Vorstellung, die durchaus auch damals schon in der Familientherapie schon thematisiert wurde, hat sich weiterentwickelt und ins Zentrum gerückt, die Vorstellung nämlich, dass Erkenntnis unabhängig vom Beobachter unmöglich ist, dass jeder immer Teil des Kontextes ist, den er oder sie beschreibt. Diese Grundidee nennen wir Selbstreferenz: ich sehe nie ein System, ich sehe immer mich mit dem System zusammen.
Die Idee, dass man sozusagen "von außen" auf ein System kybernetische Prinzipien anwenden könne, verändert sich zu der Frage, wie ein jeweiliger Beobachter seine Beobachtungen strukturiert. Die Beobachtung des Beobachters führt zu einer Sensibilität für die jeweiligen Beschreibungen, die der jeweilige Beobachter abgibt.
Der Wandel, den wir dabei miterlebten, wird heute nicht nur in der Familientherapie, sondern auf ganz verschiedenen Feldern, in Gesellschaft und Wissenschaften beschrieben: das Ende des Glaubens an große Entwürfe. In der Philosophie wurde dafür schon 1979 von dem französischen Philosophen Lyotard ein neues Wort geprägt: "Postmoderne". Er konstatierte das "Ende der großen Meta-Erzählungen", den Abschied von dem Glauben, dass es eine übergreifende Lösung für Menschen und Menschheit geben könnte und propagierte statt dessen eine "Verfassung radikaler Pluralität": differente Wissensformen, unterschiedliche Lebensentwürfe und Handlungsmuster - sie alle haben "Recht": "Fortan stehen Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit im Plural" (Welsch, 1991, S.5). Die Familientherapie vor gut zwanzig Jahren, sie war für viele - auch für mich - damals noch der Traum eines großen Entwurfes: die Welt könnte besser aussehen, wenn "alle" familientherapeutisches Denken übernähmen.
Wenn man einer Aussage Jerome Bruners (1997) zustimmt, dass eine Kultur konstitutiv für den Geist ist, dann spiegeln sich kulturelle Veränderungen auch in uns, ändern sich mit den großen Veränderungen auf der Welt auch unsere inneren Bilder, unsere Konzepte, und auch unsere Theorien. Und wenn sich in manchen klassischen Modellen der Familientherapie die Metaphorik des Kalten Krieges spiegelt, was bewegt denn dann heute uns, nach dem Fall der Mauer, nach dem "Ende der großen Entwürfe"? Was bleibt, wenn man auf die Vorstellungen planbarer, zielbewußter Steuerung von Menschen verzichtet? Was, wenn man nicht an die Möglichkeit sog. "instruktive Interaktion" glaubt? Soll man dann aufgeben, verzichten, Menschen in Not ihrem Schicksal überlassen? Wie sieht die "Verfassung radikaler Pluralität" aus Perspektive der systemischen Therapie aus?
Ein wichtiger Leitbegriff in der gegenwärtigen Diskussion ist für mich "Vielfalt" geworden. Wenn es nicht mehr darum geht, die eine Beschreibung zu finden oder die eine durch die eine andere zu ersetzen, wenn wir es ernst nehmen, dass der Beobachter Teil des Kontextes ist, den er oder sie beobachtet, dann folgt daraus zwangsläufig eine Anerkennung für die "Gleich-Gültigkeit" von verschiedenen Beschreibungen. Es geht darum, verschiedene Beschreibungen in den therapeutischen Dialog einzuführen, sie nebeneinander zu stellen und öffnende Diskurse zu führen. Das klingt jetzt vielleicht unverbindlicher als ich es meine. Es geht natürlich nicht um eine Haltung im Sinne von: "das kann man so sehen, kann man auch so sehen". Die Beschreibungen werden mit Engagement ausgetauscht, der therapeutische Diskurs kann heftig sein, Neutralität muß nicht bedeuten, keine Standpunkte zu beziehen, doch: der Verzicht auf Macht, auf planvolle Wirkung führt zur Vorstellung von Mit-Wirkung, der Verzicht auf Steuerung heißt nicht, dass man nicht Bei-Steuern könnte.
"Beisteuern meint die Kompetenz, sich erkennbar, verantwortlich und anschlussfähig daran zu beteiligen, Perspektiven zu weiten und neue Möglichkeiten zu erschließen, ohne die einseitig und allein zu entscheidend tun zu können" (Loth 1998, S.42).
Wenn man nicht zielgerichtet ändern kann, dann geht es darum, daran zu arbeiten, dass ein Kontext entsteht, in dem Veränderung, in dem Selbstorganisation geschehen kann. In der Vielfalt dieser Beschreibungen können wir zwar Spuren unseres Handelns erkennen, jedoch nicht in Form linearer Wirkungen. Vielmehr kann alles, was wir an Komplexität anbieten, potentiell für die Ratsuchenden als Quelle neuen Sinnes dienen.
Dazu ein kurzes Beispiel (aus: v. Schlippe & Schweitzer, 1996, S.294): Am Ende einer langen Konsultationssitzung, die ich mit einer Frau, Mutter eines "psychisch Kranken", und ihrer Therapeutin geführt hatte, ging die Frau zufrieden nach Hause. Was sich für sie in der Nachbefragung als zentralste Erfahrung herausstellte, war, dass ich ihr zum Abschluß des Gesprächs gesagt hatte, ich hätte sie "als sympathische Frau kennengelernt". Alles andere hatte sie vergessen, für sie blieb das die größte Ressource. Sie berichtete, dass, wann immer sie in einer kritischen Situation in ihrem Heimatdorf stehe, wo sie als Mutter eines "Verrückten" eine Außenseiterposition einnehme, sie nun anders damit umgehen könne: "Ich sage mir, die sind eben so und denke an den Satz: `Ich habe Sie als sympathische Frau kennengelernt!`" Das war natürlich nicht das, was ich vordringlich vorgehabt hatte. Ich hatte mit meinen vielen zirkulären Fragen, mit Anregungen, mit einem Reflecting Team usw. auf vielen Ebenen versucht, Veränderungen in der Selbstbeschreibung dieser Frau anzustoßen - doch was für sie - zumindest bewußt - übrig blieb, war dies, eine Spur, keine Wirkung.
Therapie bedeutet in dieser Sicht, in einem kreativen und kooperativen Prozeß nach Beschreibungen zu suchen, die die Möglichkeiten vermehren, die in einem System wahrgenommen werden. Ein kreativer Umgang mit den Grenzen, die unsere Beschreibungen geschaffen haben, wird dann möglich, wenn wir lernen mit gewohnten Vorstellungen zu brechen, das Gewohnte zu dekonstruieren, das Therapeutische liegt dann gerade in der Verwirrung, im Querdenken. Die Frage rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wie wir zu Beschreibungen der Wirklichkeit gelangen können, in denen mehr Bewegungsspielraum ist als früher.
Ein Beispiel: Der englische Psychiater Ronald Laing berichtete in seinen Lebenserinnerungen von einer Patientin, die er zu behandeln hatte. Sie war kataton, so nennt man eine bestimmte Form psychischer Störung, manche beschreiben sie auch als "Krankheit", in der die Patienten über Stunden, manchmal Tage hinweg in einer bestimmten Stellung verharren, ohne sich zu bewegen. Er hatte sich sehr um diese Frau bemüht, er sah jedoch keine Möglichkeit, mit ihr einen therapeutischen Fortschritt zu erreichen. So wurde sie nach Hause entlassen, als hoffnungsloser Fall. Ein halbes Jahr später traf er sie wieder, zu seinem Erstaunen ging es ihr sehr gut. Sie war kontaktbereiter und beweglicher, sie sprach mit ihm. Was war passiert? Sie hatte irgendwann in den vergangenen Monaten davon erfahren, dass es möglich sei, in der Volkshochschule bei Zeichenkursen als Modell zu fungieren. Es ist ja die Aufgabe eines Modells in einem solchen Kurs, möglichst bewegungslos in einer Position zu verharren, um abgezeichnet werden zu können. Sie hatte sich auf die Stelle beworben und diese auch bekommen. Natürlich stellte sie alle anderen Modelle in den Schatten, was ihre Fähigkeit anbetraf, ruhig stehen oder sitzenzubleiben. Die Erfahrung, dass sie ihr bisheriges Defizit auf eine solche Weise nutzen konnte, hatte sie enorm gestärkt und es ihr möglich gemacht, in den Zeiten, in denen sie nicht Modell stand, weniger darauf angewiesen zu sein, sich nicht zu bewegen.
Diese Patientin hatte den Weg zu einer neuen Beschreibung gefunden, einer Beschreibung, die ihr neue Möglichkeiten eröffnete: ihr stilles Verharren ist nicht (zumindest nicht nur) Zeichen eines Defektes, einer Krankheit, eines Verrücktseins, nein, es ist auch eine Fähigkeit, eine Ressource. Möglicherweise ist das das zentrale Wirkprinzip in Therapie und Beratung überhaupt: neue Beschreibungen zu finden, vielleicht sind veränderte Beschreibungen, veränderte Landkarten sogar der Schlüssel, wie Menschen vom Blick auf ihre Defizite zum Blick auf ihre Ressourcen kommen können, und damit auf den Weg zu einem befriedigenderen Leben. Wenn das so wäre, dann wäre es unsere Aufgabe, zu lernen, die Sprache auf eine andere, neue Weise zu nutzen. Im therapeutischen Diskurs setzen sich Therapeut und Klient bzw. Therapeuten- und Klientensystem darüber auseinander, wie sie jeweils Wirklichkeit beschreiben, definieren und welche Alternativen der Konstruktion gefunden werden können. Therapie möchte ich daher als "engagierten Austausch von Wirklichkeitsdefinitionen" verstehen: mit jeder Intervention wird ein Angebot gemacht, das vom Klientensystem angenommen, abgelehnt oder ignoriert werden kann. Dies gilt natürlich auch umgekehrt: jede Klientenaussage ist ihrerseits ein Angebot an den Therapeuten, die Wirklichkeit zu beschreiben - und wenn vom Klientensystem überzeugend genug vermittelt wurde, dass es "keinen anderen Ausweg als..." (z.B. Heimeinweisung, Scheidung, Chronifizierung usw.) gibt, dann erleben sich Therapeuten in der berühmten Sackgasse.
In der systemischen Therapie wird nun in besonderem Maße darauf geachtet, wie dieser engagierte Austausch von Wirklichkeitsdefinitionen so gestaltet wird, dass einerseits ein größtmögliches Maß an Freiheit der Annahme/Ablehnung gewährleistet ist, also ein Minimum an Macht, das dem Ratsuch enden die Wahrung der eigenen Identität ermöglicht. Andererseits wird ein Optimum an Möglichkeiten angeboten: Empathie für den Raum an potentiellen Möglichkeiten, die jedem Menschen zur Verfügung stehen. Durch das zirkuläre Fragen, besonders das hypothetische Fragen werden solche Angebote besonders "elegant" vermittelt. "Was würde geschehen, wenn Sie nicht mehr ... täten?", "Was würde geschehen, wenn Sie plötzlich zu ... begännen; wer in der Familie würde sich am meisten darüber wundern?" - in jeder dieser Fragen ist das Angebot einer Beschreibung enthalten, in der es mehr als nur die eine Möglichkeit gibt.
Es geht dabei nicht darum, der Wirklichkeitsbeschreibung der Familie die eine neue entgegenzustellen. Es soll ja nicht die eine rigide Beschreibung gegen die andere ausgetauscht werden. Eher geht es um das Aufrechterhalten einer Perspektivenvielfalt von Beschreibungen. Wenn es nicht den einen richtigen Weg gibt, dann liegt vielleicht das Befreiende im Spielen mit vielen Möglichkeiten, vielen Zugängen, deren gemeinsamer Nenner ist, dass sie zu Beschreibungen führen, in denen mehr Optionen enthalten sind als vorher.
Der Begriff "Beschreibung" ist noch sehr abstrakt. Der Bezug auf Sprache allein könnte nahelegen, es ginge nur um kognitive, verstandesmäßige Prozesse. Hier gefällt mir die Überlegung, dass Sprache nicht abstrakt, sondern immer in Form von Geschichten auftritt, wie im sozialen Konstruktionismus thematisiert wird. Menschliches Leben findet nicht abstrakt in Sprache, sondern in einer Welt von gemeinsam geteilten und mit-geteilten Bedeutungen statt, d.h. in ständiger Konversation, im Gespräch und im Erzählen von Geschichten, durch das wir unsere Wirklichkeit stabil halten und uns unsere Identitäten wechselseitig bestätigen.
Hierzu zwei meiner Lieblingszitate:
Jay Efran et al. (1992): "Menschen sind unverbesserliche und geschickte Geschichtenerzähler, und sie haben die Angewohnheit, zu den Geschichten zu werden, die sie erzählen. Durch Wiederholung verfestigen sich Geschichten zu Wirklichkeiten und manchmal halten sie die Geschichtenerzähler innerhalb der Grenzen gefangen, die sie selbst erzeugen halfen."
Max Frisch (Tagebücher): "In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freund wie Feinde. Und umgekehrt. Auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen."
Wir sind als Geschichtenerzähler "die Verfasser der anderen". Wir haben nicht ein Gesicht, nein, wir haben jeder viele Gesichter, und es sind die anderen, die sich in diesen Gesichtern spiegeln. Diese Perspektive bedeutet eine Anerkennung einer alten, vielleicht manchmal verschütteten Weisheit, die für uns in Romanen und in der Literatur meist selbstverständlich ist, dass nämlich Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise beschreibbar ist, dass jede dieser Perspektiven zur Identität eines Menschen etwas beisteuert und dass nicht eine davon richtig, die andere falsch ist, nein, dass gerade die Vielfalt von Gesichtspunkten ermöglicht, komplexe Ereignisse angemessen wahrzunehmen und sie nicht auf eine einzige Struktur oder eine einzige Theorie zu reduzieren.
Geschichten haben eine gewaltige Kraft für die Gestaltung von Wirklichkeit: "Welchen Geschichten erlaubst du, dein Leben zu regieren - und wer könntest du sein, wenn du ihnen weniger Macht einräumen würdest?" fragt Michael White und lädt damit zu einer Art Gegenkonversation zu kulturell vorgegebenen Beschreibungen ein, sucht die "Geschichte hinter der Geschichte", die von der dominanten Erzählung verdrängt wird (z.B. 1992).
Beispiel (v. Schlippe & Schweitzer 1996, S.42): Ein 45-jähriger Mann, der als Ausländer seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland lebt, erzählt seine Geschichte so, dass er "zweimal ins Exil gegangen" sei, "exiliert von Geburt an": Seine Erzählung legt den Akzent auf den Wunsch der Mutter, ihn abzutreiben, da sie ihn, das zweite Kind, nicht hatte haben wollen. Sie hatte sogar ihrem Mann mit Suicid gedroht, wenn er dem nicht zustimme. Der habe jedoch, gemeinsam mit dem Arzt, die Mutter dazu gebracht, ihn auszutragen. Beide hätten ihr klargemacht, sie sei körperlich für eine Abtreibung zu schwach, und außerdem sei es eine Sünde. Ein "Defizit-Narrativ" bestimmt die Interpretation des Lebens: exiliert von Geburt an. Auf welchem Spot kann die Geschichte noch aufgebaut werden? Sie kann nicht ungeschehen gemacht werden, jedoch wir haben es in der Hand, zu entscheiden, auf welche Bestandteile der Geschichte wir zurückgreifen, um uns unsere Identität zu bestätigen.
Im Gespräch wird der Akzent zunächst leicht verschoben, es wird auf die in der Geschichte enthaltenen Implikationen geachtet: Hat die Mutter ihn abgetrieben? Nein. Wo lag ihre Entscheidung? Da, wo sie sich entschied, sich nicht umzubringen, wo sie entschied, weiterzuleben. Wo liegt noch Kraft? Da ist trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen ein Baby am Leben geblieben, bereits 45 Jahre lang. Das wird zum Ausgangspunkt für die Entwicklung einer neuen Erzähltradition, eine, die eher die Kraft und die Entscheidung für das Leben zum Ausgangspunkt nimmt, eine Chance zur vorsichtigen Veränderung scheinbar festgefügter innerer Bilder.
Exemplarisch für ein Vorgehen, das sich an diese Überlegungen anschließt, möchte ich das Reflektierende Team (RT) vorstellen, eine von mir zur Zeit besonders bevorzugte Arbeitsform (Andersen, 1991, Hargens & v.Schlippe, 1998). In meinem Verständnis geht es dabei nicht um eine spezifische Methode, sondern um Schritte in Richtung einer neuen Kultur systemischer Therapie, die sich von der Idee zielbewußter und "zum Wohle der Klienten" manipulativer Intervention endgültig verabschiedet hat. Der Ansatz des Reflektierenden Teams versucht, mit ratsuchenden Systemen in hilfreiche Konversationen einzutreten und einen Kontext zu eröffnen, in dem alle Beteiligten ihre Perspektiven, ihre Gefühle, ihre Anregungen und Lösungsideen zusammentragen. Auf der Basis der Gleichberechtigung aller in den Prozeß Einbezogener wird dabei versucht, Komplexität anzubieten, aus der sich die Familie ihrer Bedürfnislage und Struktur gemäß bedienen kann.
Die Grundstruktur der RT-Arbeit ist der Leserin/dem Leser vermutlich bekannt[3], daher hier nur kurz: zwischen einem therapeutischen System - das aus der Familie (Team, Paar o.ä.) mit dem/derBeraterIn besteht - und dem beobachtenden System - in dem meist zwei bis vier Beobachter sitzen - wird eine räumliche Trennung hergestellt und aufrechterhalten. Früher geschah dies durch den Einwegspiegel, heute sitzt das Team mit im gleichen Raum. Das Gespräch beginnt immer im therapeutischen System, das der Berater versucht, über sog. "angemessen ungewöhnliche" Fragen zu gestalten und jedem Familienmitglied die Möglichkeit zu geben, gehört zu werden oder zuzuhören. Nach etwa 20-30 Minuten wird die Sitzung für eine Reflexionsphase unterbrochen, in der das Team in Anwesenheit der Ratsuchenden über die Sitzung reflektiert, ohne dass diese sich am Gespräch beteiligen, sie nutzen, wie auch der Therapeut/die Therapeutin die Gelegenheit, nur zuzuhören. Für das Team gelten dabei nur wenige Regeln:
Alles, was gesagt wird, wird aus einer wertschätzenden Perspektive heraus gesagt.
Es wird eher vorsichtig, suchend, "konjunktivisch" ("es könnte sein...") gesprochen als festlegend und diagnostizierend. Es geht nicht darum, die eine "richtige" Erklärung zu finden, vielmehr ist es die aktiv aufrechterhaltene Vielfalt, die dem ratsuchenden System helfen kann, zu sehen, dass mehrere Perspektiven gültig sein und nebeneinander existieren können. Eine Ablehnung durch die Betroffenen muß leicht möglich sein.
Abweichende Meinungen werden im RT nicht als Infragestellung der eigenen Position gesehen, sondern als Möglichkeiten und Anregungen begrüßt, weiter nachzudenken, um jeweils neue, integrierende Perspektiven zu finden. Auf diese Weise wird die Konkurrenz: "Wer hat die beste (oder die eine richtige) Idee?" vermieden. Vielmehr wird Perspektivenvielfalt im Sinne eines Angebotes an die Familie angestrebt.
Die Reflexionen sollten nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen (ca. 5 bis 10 Min.) und nicht durch zu viele Ideen verwirren. Anschließend sorgt der Berater dafür, dass jeder aus dem therapeutischen System etwas über die Reflexionen sagen kann, sofern er oder sie dies möchte. Das ratsuchende System kann auf diese Weise die entwickelten Ideen und Lösungsentwürfe anhören, ohne sofort Stellung zu beziehen. Man kann sich das so vorstellen, als ob man an einer geöffneten Tür vorbeigeht und den eigenen Namen hört: es ist viel interessanter, stehenzubleiben und zuzuhören, als hineinzugehen und "mitzumischen".
Eines der Hauptargumente, die kritisch gegen das RT angeführt werden ist, dass es sich dabei um eine Art "Luxustherapie" handle, die mit großem Aufwand nur für wenige ratsuchende Systeme bereitstellbar ist - wann hat man schon für einen Fall 3 Therapeuten zur Hand? Ich denke, der Begriff RT selbst ist unglücklich. Denn es geht nicht darum, ein bestimmtes Setting umzusetzen, sondern das Prinzip der Selbstreferenz kreativ umzusetzen. Ein Team ist dabei eine Möglichkeit. Doch läßt sich das Spiel mit reflektierenden Positionen auch umsetzen, ohne die jeweilige Stelle mit hohem Personal- und Kostenaufwand umzukrempeln: Man kann einen nicht anwesenden Kollegen gedanklich auf einen freien Stuhl setzten und in einem fiktiven Dialog darüber nachdenken, was er/sie wohl für Ideen hätte, wenn er diesem Gespräch beigewohnt hätte. Ich habe auch schon Klienten selbst eingeladen, in die Reflektierende Position zu gehen. Dazu kann man im Raum separate Stühle bereitstellen, die der Reflexion gewidmet sind. Dann kann man sich bei Bedarf gemeinsam mit den Klienten auf die anderen Stühle setzen, wo über das Gespräch und seinen Verlauf reflektiert wird. Die Grenzen reflektierender Positionen liegen meist weniger in den äußeren Strukturen als in unserem Erfindungsreichtum.
Ein kleines Beispiel: Das Ressourcenrad stellt eine aus der Gruppensupervision (Brandau und Schüers, 1995) stammende Übung dar. Sie kann man mit Klienten wunderbar nutzen, um sie selbst aus vier verschiedenen reflektierenden Positionen zu sich sprechen zu lassen, es sind dies die folgenden:
- Die "guten Geister des Mutes",
- die "Hüter der Gerechtigkeit",
- die "Weisen",
- die "Narren".
Eine junge Frau, Anfang 30, setzt sich in der Therapie mit ihrer Mutter auseinander, mit ihrem Ekel vor ihr und ihrem Gefühl, sich ihr nie nähern zu können, sich nie vorstellen zu können, sie als Frau zu sehen, schon der Gedanke daran bereitet ihr körperlichen Streß. Gleichzeitig ist sie verzweifelt, die möchte gern in Frieden mit ihrer Mutter sein, sich "vertöchtern", doch diese starke Abwehr, dieser Ekel steht dazwischen. Sie erlebt sich in einer totalen Sackgasse, ist sehr unglücklich. Auf den Vorschlag, sich selbst aus vier verschiedenen Ecken anzuschauen, geht sie mit Interesse ein. Als "Gute Fee des Mutes" spricht sie über ihre erworbene Fähigkeit, sich zu spüren, und sie selbst zu bleiben, das könne ihr nie mehr genommen werden, auch nicht mehr, wenn sie der Mutter näher käme. Als Hüterin der Gerechtigkeit findet sie, aus der "Adlerperspektive", das Bild, dass es vielleicht zur Herstellung von Gerechtigkeit auch noch eine Form von Ausgleich zwischen Mutter und Tochter geben könnte. Als Weise erzählt sie eine Geschichte: oberhalb eines Dorfes wohnte ein Drache, der als sehr böse galt. Die Bewohner hatten große Angst vor ihm, doch keiner hatte bisher gewagt, mit ihm zu kämpfen. Ein junger Mann erklärt sich bereit, mit dem Drachen zu kämpfen, ein kleines Mädchen, das sich vorher angeboten hatte, wurde nicht ernstgenommen. Doch sie folgt dem Mann. Als er sich der Höhle nähert, fällt er vor Schreck beim ersten Feueratemstoß des Drachens tot um. Das Mädchen nimmt sich die Rüstung und betritt die Höhle. Schnell erkennt sie, dass der Drache mit einer Pfote angekettet war und ihr wird klar: "Der ist gar nicht böse, der ist nur verzweifelt und wütend, dass er so festgehalten wird". Sie findet in der Höhle den Schlüssel und als sie den Drachen befreit, wachsen ihm plötzlich Flügel und er fliegt davon.
Sie ist von der Geschichte sehr berührt, möchte nicht mehr in die Narrenposition gehen, bittet mich, dies zu tun. Ich wähle ein Kissen, das ich in den Arm nehme und drücke, gleichzeitig sage ich: "Geh weg, ich will dich nicht sehen!" und je mehr ich dies sage, desto fester drücke ich. Sie fragt: "Wenn der Narr die Wahrheit so gesagt hat, dass man drüber lachen kann, dann klatschen die Leute doch, oder?" Und sie klatscht.
Abschließend sollen ein paar Gedanken über Wirkung angesprochen werden. Gerade in Modellen, die therapeutische Konversation und die Vielfalt der Beschreibungen in den Vordergrund stellen, wie das Reflecting Team ist es wichtig, auch darüber nachzudenken. Ich komme hier noch einmal auf den Begriff der Selbstreferenz zurück. Er hat seine Vorläufer in der Theorie des Symbolischen Interaktionismus: die Perspektive, auf sich selbst aus der Position eines anderen zurückzublicken, sein eigenes Objekt zu sein, ist von G.H.Mead (im Original 1934) thematisiert worden. Luhmann hat diesen Gedanken zum Konzept der "Erwartungs-Erwartungen" ausformuliert. Systemiker kennen vielleicht besser den Begriff "Metaperspektive" bei R.D.Laing (alle Autoren: s.v.Schlippe & Schweitzer, 1996). Gemeint ist ein Mechanismus, in dem mein Verhalten und Erleben davon bestimmt wird, was ich denke, was andere von mir denken: Was wir tun, hat viel seltener genau damit zu tun, was wir wollen, sondern viel öfter damit, wovon wir vermuten, dass andere es von uns wünschen (entweder indem wir dem folgen oder uns dagegen abgrenzen). In Systemen mit Störungen wird oft viel weniger Zeit darauf verwandt, eigene Visionen zu verfolgen, als vielmehr darüber nachzugrübeln, ob, oder sogar ganz sicher davon auszugehen, dass man nicht geschätzt, nicht geachtet, nicht geliebt wird. Im Sinn selbsterfüllender Prophezeiung erzeugt das entsprechende Verhalten von Person A bei Person B genau das Klima von Anspannung, das nötig ist, um die negativen Erwartungserwartungen von Person B ebenfalls zu bestätigen. Man könnte sagen, dies ist die "Selbstorganisation zwischenmenschlichen Unglücks."
Nach Mead entwickelt eine Person im Laufe der Zeit die Vorstellung eines "generalisierten Anderen", der zum Symbol für das wird, was eine Person vermutet, dass an Verhalten von ihr erwartet wird. Im RT ist es ja nun nicht nur so, dass die Ratsuchenden ihre Geschichte erzählen, sondern im Setting des RT konstelliert sich eine komplexe Szene, eine Metaszene: eine Geschichte wird sozusagen "vor Zeugen" entwickelt, vor Zeugen, die in Beziehung zum Klienten stehen und die dieser Geschichte empathisch folgen, ohne sich von ihr gefangennehmen zu lassen, sondern die vielmehr wertschätzend mit dem umgehen, worüber gesprochen wurde und neue Perspektiven, neue Möglichkeiten, die Dinge zu sehen, beisteuern. Es könnte sein, dass es zu dieser Szene eine Entsprechung im Inneren des/der Klienten gibt: Das Team ist eine Art von freundlicher Öffentlichkeit, in der das ausgesprochen wird, was "die anderen", "die Leute" über einen denken könnten - und das ist, sozusagen "wider Erwarten", also gegen die gewohnten Erwartungserwartungen, konstruktiv, freundlich und auch dann wertschätzend, wenn es konfrontativ ist. Die im inneren Dialog bzw. Monolog kontinuierlich vorgenommene Vorwegnahme von Bewertung bzw. Entwertung erfährt auf diese Weise eine Korrektur. Der "generalisierte Andere" bekommt eine neue Qualität. Es ist nicht nötig, gegen ihn zu kämpfen, und so kann sich auf eine sanfte Weise das Muster der Erwartungs-Erwartungen in einer Person verändern und darüber hinaus, auch im System. In diesem Setting wird eine neue Form der Kommunikation möglich. Während im unmittelbaren Gespräch der gewohnte Mechanismus eher bestehen bleiben kann, bei dem man die Erwartungs-Erwartungen kontinuierlich innerlich überprüft (z.B.: ,Das sagt er jetzt nur, um mich aufzumuntern, aber ob er mich wirklich schätzt?'), stehen für das RT-Setting keine traditionellen Umgangsformen zur Verfügung. Aussagen, die nicht mehr intentional an den Klienten als Gegenüber gerichtet sind, sondern im RT-Gespräch über diesen gemacht werden, bekommen eine andere Qualität für die Veränderung des inneren Selbstgesprächs. Eine wertschätzende Äußerung kann weniger als bloßes Kompliment abgetan werden, eine Konfrontation wird weniger als Angriff auf den Selbstwert hin erlebt.
Durch die Anzahl der Menschen, die an dem Austausch teilnehmen, erfolgt dabei offenbar nicht nur eine Addition der unterschiedlichen, alle Sinne betreffenden Wahrnehmungen, Perspektiven und Beschreibungen, sondern auch ein qualitativer Sprung auf eine andere Ebene, in der die Vielfalt selbst als Wert erfahren werden kann. Die Besonderheit und die Unterschiedlichkeit können ohne Entwertung, Rechthaberei, Machtkampf oder Pathologisierung nebeneinander stehenbleiben, können sich gegenseitig anregen und so verwandeln, anpassen und verändern, d.h. im Fluß bleiben - dafür kann das RT ein gutes Modell sein. Die Verantwortung für das Gesagte und Gehandelte bleibt bei allen Beteiligten. Die Entscheidung, was als hilfreich erachtet wird und welche Konsequenzen für weiteres Handeln (und Fühlen) gezogen werden, liegt bei ratsuchenden System. Damit kann Therapie zu mehr Autonomie, Emanzipation und Freiheit verhelfen.
Viele Jahre sind vergangen seit dem vermeintlichen "Siegeszug" der Familientherapie. Eine Fülle von Veränderungen hat es gegeben und wird es geben. Und gerade heute, wenn ich das Gefühl habe, ein inneres Bild davon zu haben, was Therapie ist, ist es wichtig, auch diese Bilder wieder loszulassen. Das ist ein systemisches Grundprinzip: "Es könnte alles auch ganz anders sein, anders beschrieben werden!" Daher möchte ich schließen mit einem Gedicht, es ist eines meiner liebsten Gedichte und stammt von Bert Brecht:
Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so dass sie herabfiel und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.
Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet i h r noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an Vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem andern: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?
Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.
[1] Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Jubiläumsfeier "25 Jahre Beratungszentrum der ev.Gemeinde zu Düren"
[2] In einem jüngst erschienenen Text fragt F. B. Simon ironisch: "Warum psychosoziale Teams systemische Supervision meiden sollten" (2001).
[3] Eine kurze Darstellung findet sich in v.Schlippe & Schweitzer, 1996, S.199ff.
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Der AutorDr. Arist v. Schlippe
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Veröffentlichungsdatum: 15. September 2001
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