Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


Archäologie des Sozialmanagements

von Norbert Schwarte

Lieber Hans-Christoph!

Wer sich in Zukunft einmal mit der Archäologie des Sozialmanagements beschäftigt, wird auf der Suche nach frühen Quellen gewiss auch das Heft 2/1974 der Zeitschrift Sozialpädagogik ausgraben. In forscher Unbekümmertheit stellt Albrecht Müller-Schöll dort als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift eine Entlastung für die Konzentration auf das Wesentliche in Aussicht; Walter E. Rohn beschreibt Managementtheorien im Bereich der Industrie und lässt an ihrer Übertragbarkeit auf die Sozialarbeit auch nicht den mindesten Zweifel, von Zielen für Institutionen und Organisationen (Hans-Georg Schmidt-Barthmes) ist ebenso abstrakt die Rede wie von Kommunikationsproblemen in Sozialorganisationen (Norbert Schwarte) und die Lösung von Problemen mit Zustimmung aller (Hans-Christoph Vogel) wird so in Aussicht gestellt, als seien Interessengegensätze gewissermaßen sozialtechnisch zu überbrücken.

Auch wenn wir zu alldem, um viele Erfahrungen reicher, nicht mehr unvermittelt stehen, müssen wir zugeben, dass wir dabei waren, als der inflationäre Begriff Sozialmanagement in Umlauf gesetzt und mit schillernden Erwartungen aufgeladen wurde.

Gewiss verdankte sich die Skepsis, der unser Anliegen damals hier und da begegnete, neben guten auch schlechten Gründen und handfesten Interessen zumal. Wenn man diese Skepsis nicht einfach als lästig beiseite schob oder psychologisierend entschärfte, konnte sie sich als produktive Störung erweisen, egal ob mit oder ohne konstruktivistische Rahmung. Wenn ich es richtig sehe, ist das Fähnlein der mehr als Sieben Aufrechten unter dem Signum des gepfefferten Ferkels auf diesem Weg, der nicht zum Markt der wohlfeilen Organisationsberatungsangebote führt, inzwischen beachtlich vorangeschritten.

Auf den weiteren Weg möchte ich Dir die folgende Geschichte, die ich in Martin Bubers Sammlung der Erzählungen der Chassidim fand, mitgeben:

"Als Levi Jizchak in Berditschew Rabbi wurde, vereinbarte er mit den Vorstehern der Gemeinde, dass sie ihn zu ihren Versammlungen nicht laden sollten, es sei denn, wenn sie einen neuen Brauch oder eine neue Ordnung einzuführen gedächten. Einmal wurde er zu ihrer Versammlung geladen. Sogleich nach der Begrüßung fragte er: Welches ist der neue Brauch, den ihr einsetzen wollt? Sie antworteten: Wir wollen, dass die Armen fortan nicht mehr an der Schwelle des Hauses betteln, sondern eine Büchse aufgestellt werde, und alle Wohlhabenden tun Geld hinein, jeder nach seinem Vermögen, und daraus sollen die Bedürftigen bedacht werden. Als der Rabbi dies hörte, sprach er: Meine Brüder, habe ich denn nicht von euch erbeten, um eines alten Brauchs und einer alten Ordnung willen solltet ihr mich nicht der Lehre entziehen und zu eurer Versammlung laden? Erstaunt wandten die Vorsteher ein: Unser Meister, es ist doch eine neue Einrichtung, die wir heute beraten! Ihr irrt, rief der Rabbi, eine uralte ist es, ein uralter Brauch von Sodom und Gomorra her. Entsinnt euch, was erzählt wird von dem Mädchen, das in Sodom einem Bettler ein Stück Brot reichte: wie sie das Mädchen griffen und entkleideten und mit Honig bestrichen und den Bienen zum Fraße aussetzten um des großen Frevels willen, den sie verübt hatte. Wer weiß, vielleicht hatten auch sie eine Gemeindebüchse, darein die Wohlhabenden ihr Almosen taten, um ihren armen Brüdern nicht ins Auge zu schauen!"

Diese uralte Geschichte kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn Sozialmanager ihre Aktenköfferchen und Laptops aufklappen, um sich über missions auszutauschen, Kundenorientierung zu beschwören, portfolios zuzuschneiden oder ihr benchmarking mit neuen Kennziffern anzureichern.

Ich denke dann - und manchmal sag' ich auch: "Haut weg den Scheiß! Lasst uns stattdessen darüber nachdenken, welche Schneisen im Dickicht des verformten Sozialstaates zu schlagen sind, damit Hilfe auf Augenhöhe möglich wird."

Und denke weiter: "Jetzt lässt das gepfefferte Ferkel grüßen".

Herzlichst zum 60. Geburtstag,

Dein
Norbert Schwarte


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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