Nachruf auf Jürgen Linke
(* 04. Dezember 1951 / + 31. Dezember 2004)

von Hans Schindler und Arist v. Schlippe (Januar 2005)

Trotz seiner optimistischen Haltung, seines Lebenswillens, unserer Genesungswünsche, Gebete und vielem mehr ist Jürgen am letzten Tag des alten Jahres gestorben. Damit haben wir einen ganz wichtigen und liebenswerten Mitstreiter verloren, dessen Name weit über Berlin hinaus bekannt geworden ist.

Jürgen wurde in einem kleinen Ort im Ostharz (DDR) geboren. Drei Jahre nach ihm kam sein jüngerer Bruder zur Welt. Die Eltern trennten sich, der kommunistische Vater blieb in der DDR, die Mutter ging mit beiden Söhnen ins Ruhrgebiet, wo Jürgen die Schule besuchte und Abitur machte. Er und sein Bruder bekamen einen Stiefvater, mit dem sie wenig glücklich waren. Die ärmlichen Verhältnisse, unter denen die Familie lebte, und die Tatsache, dass Jürgen viele Jahren lang keinen Kontakt zu seinem Vater hatte, bedeuteten für ihn traumatische Erfahrungen. Erst sehr viel später, nach dem Tod der Eltern, standen ihre Bilder friedlich nebeneinander in Jürgens Bücherregal.

Zum Studieren ging Jürgen nach Berlin, vielleicht auch, um seinem Vater näher zu sein. Er studiert Pädagogik an der FU und engagierte sich in einer politischen Theatertruppe. In dem über 100 mal aufgeführten Stück 'Der Brotladen' wurde die Gesellschaftskritik am kapitalistischen System nicht trocken-theoretisch sondern komödiantisch dargeboten. Seine erst Frau spielt hier gemeinsam mit ihm. Mit Stolz zeigte Jürgen gern die wunderschönen Fotodokumentationen ihrer Aufführungen. Nach dem Abschluss seines Pädagogikstudiums blieb Jürgen mehrere Jahre an der Uni und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Später schloss er dann noch neben seiner Arbeit ein Psychologiestudium erfolgreich ab. Schon bald traten neben das wissenschaftliche Arbeiten Praxisprojekte und Weiterbildungstätigkeiten. Im Jahr 1983 gründete Jürgen mit einigen anderen Kollegen und Kolleginnen das Berliner Institut für Familientherapie. Nach einigen Jahren verließ er seine feste Stelle, um sich ganz der Weiterbildungsarbeit zu widmen, nach Bernd Roedels Weggang wurde Jürgen erster Vorsitzender des BIF. In diese verantwortungsvolle Tätigkeit steckte er ganz viel Energie. Es war 'sein Institut'. Er selbst sah seine größten Verdienste in seiner Integrationsleistung, den KollegenInnenkreis zusammenzuhalten und allen MitarbeiterInnen möglichst großen Arbeits- und Entfaltungsraum zu geben.

Jürgen war ein belesener Wissenschaftler, der selbst auch zu Themen wie Systemische Supervision und Systemisches Coaching publizierte. Hier hatte er sich für 'später' noch viel vorgenommen. Aufgegangen ist er jedoch in seiner Weiterbildungsarbeit, egal ob bei WeiterbildungskanditatInnen oder bei Führungskräften. Seine frei vorgetragenen Ausführungen waren meist druckreif. Auf Grund seiner Erfahrungen im Profitbereich vertrat Jürgen gern die These, dass Systemiker langfristig einen außergewöhnlich wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt leisten könnten. An der Gründung der Systemischen Gesellschaft war Jürgen maßgeblich beteiligt und zehn Jahre lang engagierte er sich im Vorstand für die unterschiedlichsten Dinge: Er war im Aufnahmeausschuss, arbeitete an diversen Rahmenrichtlinien mit und hat viele Jahre die Finanzen verwaltet.

Dieses ganze Engagement in den Weiterbildungen, im Institut und im Dachverband wäre nicht möglich gewesen, hätte er nicht nach seiner Scheidung eine Lebensgefährtin gefunden, die ihn bei all seinen Bemühungen unterstützte. Sie hat jetzt auch die wesentliche Last seiner Erkrankung getragen und ihn bis zum letzten Atemzug begleitet. Bei ihren Kindern konnte Jürgen auch zeigen, dass zwischen Stiefvater und Stiefkindern auch eine positive, fröhliche Beziehung möglich ist: Zu beiden Kindern hatte er ein intensives, liebevolles Verhältnis. Er hat sie auf ihren Lebenswegen mit all seiner Kraft unterstützt.

Jürgen hat durch seine wertschätzende Art und sein gewinnendes Auftreten viel Anerkennung und Bewunderung erfahren. Er hat durch sein engagiertes Eintreten für die Systemischen Ideen auf unterschiedlichste Art und Weise, z.B. durch erfolgreiche Verhandlungen zur Abrechnung von aufsuchender Familientherapie mit dem Landesjugendamt Berlin, Erfolge erzielt. Wir werden ihn wegen seines Engagements und seines gewinnenden Wesens in unserem Herz behalten. Er hat in der Geschichte der Systemischen Theorie und Praxis in Deutschland einen angemessenen Platz gefunden.

Gern hat er über sein Wünsche-Seminar gesprochen. In diesem Seminar war es sein Ziel, den TeilnehmerInnen die Kraft von Wünschen nahe zu bringen. Doch es gibt Bedingungen, unter denen auch ihre Kraft begrenzt bleibt, bleiben muss. Wir sind betroffen und traurig.

Lieber Jürgen, wir vermissen dich sehr!

Für den Vorstand der SG
Hans Schindler und Arist v.Schlippe


Veröffentlichungsdatum: 20. Januar 2005


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