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"Gut
aufgestellt ?"
Der Streit um Bert Hellinger und seine "Aufstellungsarbeit". von Kurt Pelzer Vortrag,
gehalten am 27.3.03 in Bonn
So beschreibt Beate Lakotta in dem 9.2.2002 erschienenen Spiegelartikel mit dem Titel "Danke lieber Papi" ein Stück der Arbeit Bert Hellingers im spanischen Toledo. Spätestens seit diesem Artikel gibt es in der Therapieszene und auch anderswo teilweise erbitterte Debatten um das Wirken des 1925 geborenen ehemaligen katholischen Ordenspriester Bert Hellinger. Der Mann spaltet. Die Kluft zwischen Anhängern und Kritikern läuft quer durch Therapieverbände, Beratungseinrichtungen und private Gruppierungen. Gunthard Weber, Heidelberger Arzt und Psychotherapeut aus der Schule Helm Stierlins, gilt als der Entdecker und Förderer Hellingers für die therapeutische Welt. Er war es, der vor Jahren das Wirken Hellingers als Variante der Systemischen Therapie nutzbar machen wollte und den Meister durch die Herausgabe von Büchern und Videos im Heidelberger Carl-Auer-Verlag einem breiten Publikum zugänglich machte. Noch heute verdient der Verlag sich daran eine goldene Nase. Die Aufstellerszene umfaßt heute mehr als 2000 Therapeuten und Therapeutinnen. Viele mit zweifelhafter Reputation, aber auch etliche, wie z.B. Weber, die einen guten Ruf unter den Professionellen genießen. Ende April, Anfang Mai dieses Jahres veranstaltet die Internationale Arbeitsgemeinschaft "Systemische Lösungen nach Bert Hellinger e.V." eine internationale Tagung zu Systemaufstellungen mit dem Titel "Leidenschaft und Verantwortung im Herzen von Konflikten" - Aufstellungen von Familien, Organisationen, Volksgruppen u. Nationen. Die drei Themenbereiche der Tagung sind :
Auf einer Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft für Systemische Familientherapie in Freiburg habe ich G. Weber gefragt, ob hier nicht verzweifelte, aber ehrliche Hoffnungen, z.B. nach Versöhnung und Frieden auf einen fundamentalistischen Allmachtswahn stoßen, der verspricht, mit einer Ideologie und den daraus abgeleiteten Methoden (fast) alles meistern zu können. Dann sei es doch nur ein kleiner Schritt zu der Forderung, George Bush und Sadam Hussein von B. Hellinger aufstellen zu lassen, damit sie ihre unbewußten Verstrickungen begreifen und dann ( vielleicht beide ?) zurücktreten würden. Weber reagierte verärgert, schwenkte aber später wieder auf einen konsensfähigen Kurs. Er habe vor, in einer seiner nächsten Publikationen sich von den Schattenseiten Hellingers zu distanzieren und von dessen unberufenen Jüngern, jedoch die positiven Möglichkeiten der Methode des Aufstellens für Therapie, Organisationsberatung u.s.w. zu fördern und zu erhalten. Man wird abwarten müssen, in welcher Form dies geschieht und wie die Aufstellungsszene darauf reagieren wird. Die Systemische Gesellschaft, Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung, hat in einem Positionspapier eine ähnliche Richtung gewiesen. Während man sich zunächst deutlich von Hellingers Haltung und Ideologie distanziert und vor allem feststellt, dass Aufstellungsarbeit keine systemische Therapie sein kann, will man doch die Methode der Aufstellung für die Praxis nutzbar erhalten und auch den Draht zu den seriösen Teilen der Aufsteller nicht ganz verlieren. Den zugrundeliegenden Arbeitsansatz, das szenische Arbeiten mit Personen, hat Hellinger im Prinzip auch gar nicht erfunden, sondern er wurde bereits von Moreno und den Vertretern des Psychodramas entwickelt und angewandt. Und auch die Amerikanerin V. Satir fand großen Zuspruch mit ihrer seit den 70iger Jahren praktizierten Familienskulpturarbeit. Was unterscheidet Hellinger von diesen Vorläufern ? Da ist zunächst die Inszenierung auf einer Bühne vor einem großen Publikum, die Hellinger vor allem in den letzten Jahren praktiziert (und wenn man den Gerüchten glauben darf, zur Zeit wieder Abstand davon nimmt) und zum anderen die bereits erwähnte ideologische Haltung. Zum
1. Punkt zitiere ich aus der Stellungnahme der Systemischen Gesellschaft
:
Nehmen wir an, Hellinger würde in Zukunft nicht mehr in Großveranstaltungen sondern nur im vertrauten Rahmen einer kleineren Gruppe arbeiten. Dann kämen wir zum zweiten und sicherlich zentraleren Punkt: wie unterscheidet man "verbraucherfreundliche", die Menschenwürde achtende seriöse Therapie von zweifelhaften Formen ? Welche "Haltung" braucht ein Therapeut vielleicht auch ein Pädagoge, ein Seelsorger usw. ? Ich möchte für meinen Teil diese Frage zuspitzen auf die Alternative zwischen dem "Bekenntnis" zur reflektierten Achtsamkeit und professioneller Bescheidenheit auf der einen Seite, sowie fundamentalistischer (Leicht-)Gläubigkeit und missionarischer Besserwisserei auf der anderen. Die Tatsache, dass das Wörtchen "Glauben" - wenn auch etwas verborgen - auf der von mir so definierten kritischen Seite steht, macht den Diskurs auch im kirchlichen Bereich so spannend. Er führt nämlich geradewegs auf die Frage zu: Wo nutzt und wo schadet welcher Glaube ? Doch setzen wir noch mal bei Hellinger an. Was glaubt er und welches Glaubenssystem vermittelt er seinen Anhängern ? Geht man davon aus, dass Bert Hellinger früher als Missionar tätig war, so läßt sich u.U. folgern, dass das auch immer noch der Kern seines Wirkens ist. Der Missionar wird zum Guru, wenn er ein geschlossenes Denk- und Überzeugungssystem aufgebaut hat, wenn er selbst von dessen ausschließlich positiven Wirken überzeugt ist, wenn er sich im Besitze der Wahrheit wähnt und sich einem kritischen Dialog mit Andersdenkenden geschickt entzieht oder den Dialog nur in Bekehrungsabsicht nutzen will. Um dies noch einmal zu verdeutlichen, zitiere ich Ausschnitte aus einem Artikel des Aachener Psychoanalytikers Michael Hilgers (erschienen Okt. 2000 im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt ): "Mit
einer Mischung aus theologischen Phrasen und mystischen Geschichten, einfachen
Wahrheiten und absoluten Werturteilen, behauptet Bert Hellinger, umfassende
Hilfe für alles und jeden bieten zu können. Respekt und Demut
gegenüber Eltern und Familienangehörigen fordernd, behandelt
Hellinger seine Patienten anmaßend und unverschämt, respektlos
und in der Attitüde des Allwissenden."
Hilgers führt dazu aus: "Der krebskranke Patient erfährt vor allem eines : Er selber ist es, der an seiner Erkrankung Schuld ist. Die medizinisch bizarre Idee, die Wahl zwischen Leben und Tod zu haben, gilt der Beschimpfung des Kranken, der sich daraufhin ergibt. Der tut dann, was verlangt wird, um wenigstens nicht von der Gruppe ausgestoßen zu sein, wenn er schon das Gefühl hat, aus dem Leben gestoßen zu werden. So verwundert es nicht, dass Hellinger korrigierende Erfolgskontrollen seiner Behandlung ablehnt. 'Das nimmt nur Kraft weg', womit er sicher nicht falsch liegt, denn die Kraft, die weggenommen würde, wäre in erster Linie die Selbstherrlichkeit, mit der er ans Werk geht. " Was
ist das für eine Ordnung, die Hellinger meint, die er beispielsw.
in seinem Buch "Ordnungen der Liebe" immer wieder direkt oder indirekt
darlegt.
Neben einer latenten Frauenfeindlichkeit und einem alten patriarchalischen Führungsmodell wird hier vor allen Dingen eine schrecklich vereinfachende psychologisierende Erklärung von Krebserkrankungen geliefert. Die berufs- oder szenenspezifische Verzerrung bei Erklärungsversuchen komplexer Probleme oder Krankheiten wird leider auch in der Öffentlichkeit zu wenig hinterfragt. Macht man eine kleine Umfrage zu den vermuteten Ursachen von Krebs und beginnt man beispielsweise beim Bioladen-Händler, so wird man sicherlich etwas von Umwelteinflüssen und Schadstoffen in der Nahrung hören. Geht man dann weiter zu einem Hellinger-Anhänger, wird der einem überzeugt von schuldhaften Verstrickungen im Familiensystem berichten. Fragt man den Genetiker, wird er auf den alles entscheidenden Einfluss der Erbfaktoren verweisen. Fragt man schließlich einen Medizinstatistiker nach den Ursachen für die wachsende Zahl von Krebserkrankungen, wird er in erster Linie die gestiegenen Alterserwartungen benennen (da Krebs im wesentlichen eine Alterskrankheit ist, kommt er automatisch bei einer Bevölkerung mit hoher Alterserwartung häufiger vor).. Es ist wie in der kleinen Geschichte, von den fünf Menschen, die im Dunkeln einen Elefanten ertasten und von ihrer speziellen Wahrnehmung (leider meist falsch) auf die Beschaffenheit des ganzen Elefanten schließen. Hellingers Ordnungsvorstellungen werden im o.g. Spiegelartikel so beschrieben : "Jeder soziale Körper, ob Staat, Organisation oder Familie ist in naturgegebenen hierarchischen Ordnungen organisiert. Kein Mensch löst sich ungestraft von seiner Sippe. Die Frau folgt dem Mann, Kinder haben keine Rechte gegenüber ihren Eltern, der Erstgeborene hat Vorrang vor dem Zweitgeborenen. Begriffe wie Ehre, Demut und Sühne bestimmen das Weltbild des Ex-Geistlichen. Verletzt ein Mitglied die Ordnung, verstrickt es sich in Schuld und Krankheit. Scheidung und Tod sind die Folge. Klienten, die die Lösung zur Wiederherstellung der Ordnung nicht akzeptieren, haben verspielt : 'Er wird sterben', 'Er geht nicht raus aus der Verstrickung'. Die Heilung erfolgt durch eine Art kathartische Unterwerfungsgeste. Als Lösung muß die Klientin vor dem Darsteller ihres Vaters auf die Knie. Die Patientin weint. 'Den Kopf runter', sagt Hellinger 'bis auf den Boden. Arme nach vorne, Handfläche nach oben. Und jetzt sag : Lieber Papi, ich gebe Dir die Ehre' ". Das Glaubensgebäude Hellingers zeigt sich als konservativ katholisch patriarchalisches Weltbild, das als gottgegeben richtig wahrgenommen wird. Es ähnelt dem anderer christlich fundamentalistischen Eiferern, die überall auf der Welt gegen Abtreibung, Scheidung, Homosexualität und Emanzipation der Frau zu Felde ziehen und die Lösung von diesen Geißeln der Welt in einer von ihnen proklamierten "natürlichen" Ordnung sehen. In der Märzausgabe (03) von "Psychologie heute" zeigt Klaus Weber die Verstrickungen der Hellingerischen Terminologie in faschistisches und antisemitisches Gedankengut auf : "Hellinger benutzt in seinen Texten ideologische Figuren, die direkt an die faschistische Ideologie anknüpfen und er arbeitet therapeutisch an der "freiwilligen" Zustimmung leidender Menschen zu ihrem "Schicksal" und damit an ihrer Selbstunterwerfung." Die stürmische Entwicklung der letzten 50 Jahre hat die Welt pluralistischer, komplexer und globalisierter gemacht. Die Weltbilder von Gemeinschaften können nicht weiter in der Abgeschiedenheit einer Insel oder eines Bergtales konstant und stabil bleiben, sondern sehen sich zunehmend den Fragen und dem Wettbewerb mit anderen Weltbildern ausgesetzt. Die Missionare, die unterwegs sind, um den einen und wahren Glauben zu verkünden, stoßen immer häufiger auf andere, die das gleiche für sich in Anspruch nehmen. Die Vernetzung und Internationalisierung bedeutet den Verlust der Eindeutigkeit zugunsten einer Vieldeutigkeit. Aus einem Universum wird ein Multiversum. Aus der einen Wahrheit werden viele Wahrheiten. Wissenschaft und Philosophie haben dies schon lange Zeit vorhergesehen. In der Tradition von Kant und Popper hält sich die kritisch rationale Erkenntnis, dass jede These falsifizierbar sein muß. In der modernen Physik fand man heraus, dass auch Naturgesetze nur in einem bestimmten Kontext gültig sind und in anderen nicht. Die Relativitätstheorie und Quantenmechanik schufen viele für das Alltagsdenken paradoxe Erkenntnisse. Neurobiologie und Erkenntnistheorie kamen schließlich zu dem Schluss, dass Nervensystem und neuronale Verschaltungen autonom, d.h. selbstorganisiert arbeiten und somit die Idee einer objektiven Erkenntnismöglichkeit verworfen werden muß. Uns bleibt also der Dialog, die scientific community, der Fortschritt durch reflexiven Zweifel. Auf der Strecke bleibt der Wunsch nach Eindeutigkeit, nach Einfachheit und nach Gewißheit. Dies ist für viele Menschen nicht nur kränkend sondern auch zutiefst verunsichernd und ängstigend. Besonders die Benachteiligten und Verlierer der globalisierten Entwicklung wenden sich also vermehrt denen zu, die wieder einmal und immer wieder Gewißheit, Ordnung und Wahrheit ex cathedra verkünden. Die Entwicklung des politisch fundamentalistischen Islam ist auch hier ein aktuell bedrohliches Beispiel. Empfehlenswert ist hierzu das Buch des Nobelpreisträgers V.S. Naipaul "Eine islamische Reise", der an vielen Beispielen aufzeigt, wie dieser Prozess zur Radikalisierung führt. Das tagtäglich erlebte Unrecht soll eben rasch durch die Einführung der Scharia, das feudalistisch korrupte Staatswesen durch den Gottesstaat, die gestörten und verunsicherten Identitäten durch den festen Glauben genesen. Die Geschichte hat des öfteren schon die häßliche Seite der im Prinzip wohlmeinenden Weltverbesserer und Utopisten aufgezeigt. Ob nun die klassenlos glückliche Gesellschaft eines Marx, die schließlich zu Stalin oder Honecker führten, ob der Gottesstaat eines Khomeini, ob die Parole "am Deutschen Wesen soll die Welt genesen" oder die Kreuzzüge vergangener oder evtl. auch künftiger Zeiten : Die Verführung, Andersgläubige oder gar Widerständler gegen die eigenen, das Paradies versprechenden Zielideen zu verfolgen und zu bekämpfen und somit selbst zum Täter zu werden, ist offenbar riesengroß. Auch in der modernen westlichen Welt erschafft der Hunger nach Orientierung und einfachen Antworten für komplexe Probleme immer wieder Menschen, die dies mehr oder weniger autoritär und ohne Irrtumsvorbehalt anbieten. Zumindest in der Protestantischen Tradition nimmt die Erkenntnis der Irrtumsfähigkeit einen bedeutsamen Raum ein. Hierzu möchte ich aus der Dürener theologischen Erklärung des früheren Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, zitieren : "Gott spricht zu uns im Worte irrtumsfähiger Menschen, die keine Weltanschauung anbieten, sondern ihr Vertrauen und die Erfahrungen ihres Vertrauens bezeugen." Im Kommentar zu der Erklärung heißt es weiter: "Das Wort Gottes läßt so Freiheit zur Entscheidung. - Indem das Wort Gottes diesen Raum der Freiheit läßt, erweist es sich gerade als menschenfreundliches Wort Gottes." Die vielen Jünger, die einem Hellinger folgen, sind wohl auch von der eigenen Macht fasziniert, das "Richtige" zu sehen, zu verkünden und den Menschen Heil zu bringen - wie sie es wohl selbst glauben. Den so genannten "Stellvertretern", die in der Gruppe oder auf der Bühne in der Aufstellungsarbeit die Rollen der Familienangehörigen einnehmen, suggerieren sie auf eine esoterisch anmutende Art Unfehlbarkeit. Hierzu wird eine Theorie des umstrittenen Physikers Rupert Sheldrake über "morphogenetische Felder" herangezogen. Daraus bastelt man die Idee, dass diese Stellvertreter in der Aufstellung ein "wissendes Feld" darstellen, die sie zum Sprachrohr einer unbewußten "wahren" Lösung werden läßt. Natürlich hat der einzelne Mensch auf der Bühne keine Chance auf eigene Meinung und Gefühl gegen die geballte Kraft einer gesamten "wissenden Gruppe" inklusive des Meisters. Der Meister selbst hat schließlich noch genügend Spielraum, die Aussagen des "wissenden Feldes" auf seine Art zu interpretieren. Solche Anleihen lassen es dann nicht verwunderlich erscheinen, dass die Aufstellungsarbeit von der Esoterikszene nur zu gern aufgenommen wird, was beispielsweise auch von G. Weber kritisiert wird. In einem Artikel aus dem "Focus" Magazin Nr. 26/2002 wird beispielsweise beschrieben : "Reinhold Kopp´s Karriere ist nicht untypisch für einen alternativen Psychoheiler. Vor 10 Jahren hängte der damals 30-jährige seinen ursprünglichen Beruf (Friseur) an den Nagel, ging nach Indien und erlernte Yoga. Zurück in München ließ er sich als Psychoheilpraktiker nieder und offerierte Behandlungen nach verschiedenen esoterischen Methoden. Die beruflichen Kenntnisse von einst befähigen Kopp außerdem - behauptet er jedenfalls -, aus dem Zustand der Haare eines Klienten auf dessen Seele zu schließen und dies so zu bearbeiten, dass selbst Glatzenträger wieder Locken sprießen. Momentan der Hit in seinem Angebot sind jedoch Aufstellungen. Kopp : "Die haben sehr zugenommen". Bis zu 40 Interessenten kommen in seine Wochenendgruppen und inszenieren dort unter seiner Anleitung reihum ihre Probleme. Besonders unter Frauen ist die wundersame Seelenkur beliebt. Etwa ¾ der Klienten sind weiblich. In nur 10 bis 60 Minuten führt eine Aufstellung angeblich sicher zum Erfolg. Reinhard Kopp formuliert im Brustton der Überzeugung : "Bei Aufstellungen kommt immer, immer, immer die Wahrheit ans Licht". Seine Münchener Kollegin, Christine Alex, ebenfalls gut im Geschäft, verspricht ihren Kunden : "Sie erhalten in kurzer Zeit einen maximalen Erkenntnisgewinn". Die Armada von praktizierenden "Nach Bert Hellinger" (der Name des Meisters gilt als Markenzeichen), begnügt sich jedoch nicht mehr damit, bloß Familienprobleme zu beheben, auch um zerstrittene Paare, um Eltern mit Erziehungsproblemen und verzweifelte Lehrer wirbt man. Mit Organisationsaufstellungen soll der lukrative Markt der betrieblichen Weiterbildung erschlossen werden. Collin Goldner fragt in seinem Buch "Die Psychoszene" : Wer lobt eigentlich Hellingers Arbeit ? Dazu gehört der Ganzheitsmediziner Ingfried Hobert, der sie zusammen mit Bachblütentherapie, Kinesiologie und schmanistischen Ritualen zu den Heilweisen für das neue Jahrtausend zählt. Der schwäbische Johanniterhof bietet Familienaufstellung mehrfach an, angeboten von Leuten aus der Osho-Bewegung. Auch die schwäbische Reinkarnations-Therapeutin und Geistheilerin Iris Shanti Sautter veranstaltet einwöchige Familienaufstellungs-Seminare auf Korfu. Der Leiter der Hellinger-Ausbildung an der Bayrischen Gesellschaft für ganzheitliche Medizin ist Peter Griester, vormals Gemüsegärtner und Körpertherapeut im Esoterikzentrum Colomann. Hugo
Stamm kommt in einem Artikel des Züricher Tagesanzeigers zu dem Ergebnis
: Die meisten Hellinger-Therapeuten kommen aus der Esoterikszene und arbeiten
sonst als Reikimeister, Heiler, Astrologen, Tarotberater, Atemtherapeuten
usw.."
Mehr Sorgen als das Blühen Hellingerisches Wirken in der Esoterikszene, wo statt dessen sonst eben Reinkarnations-Therapie und Rebirthing angeboten würde, macht die Verbreitung in traditionellen Feldern von Therapie und Beratung. So argumentiert auch G. Weber immer wieder damit, dass hunderte von niedergelassenen Psychotherapeuten, Erziehungs-, Ehe- u. Lebensberatern und andere Profis aus dem psychosozialen Leben schließlich die Seminare besuchten oder eine entsprechende Weiterbildung machten. Dies ist ein weiteres Argument für die Notwendigkeit der kritischen Reflexion therapeutisch, beraterischer Arbeit in einer möglichst interdisziplinären Team- oder Supervisionsgruppe. Auch an den Volkshochschulen grassieren die Versuche arbeitsloser Lehrer oder unterbeschäftigter Heilpraktiker mit Aufstellungsarbeit ins Geschäft zu kommen. Ich möchte Sie ermutigen, hier bei Anfragen eine differenziert kritische Stellung zu beziehen. Wenn wir eingangs unterschieden haben zwischen der fragwürdigen ideologischen Haltung Hellingers einerseits und der durchaus seriös anwendbaren Methode andererseits, so sollten wir abschließend den Rahmen definieren, unter dem Familienaufstellungen oder auch Team- und Organisationsaufstellungen sinnvoll sind. Hierzu möchte ich noch mal zurückgreifen auf die Stellungnahmen der beiden systemischen Verbände in Deutschland (Systemische Gesellschaft (SG) und Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie ( DGSF )) : "Die systemische Therapie, ein aus der Familientherapie hervorgegangener Ansatz der Psychotherapie, beruht auf einem Verständnis des Menschen, welches ihn als Individuum und zugleich unausweichlich soziales Wesen betrachtet. Probleme, Störungen und psychische Beeinträchtigungen, die zum Aufsuchen einer Therapie motivieren, werden in Zusammenhang mit mißglückten Situationen verstanden, die im menschlichen Miteinander und in Beziehungen passieren. Systemische Therapie strebt es an, diese sozialen Zusammenhänge zu verstehen und zu verändern. Therapeutische Veränderung bedarf dabei eines behutsamen und respektvollen Umgangs und keiner leichtfertigen Anpassung an normative Vorstellungen. Im Wissen darüber, dass hilfesuchende Menschen gegenüber Psychotherapeuten in aller Regel verunsichert und daher leicht suggestiv beeinflußbar sind, muß ein psychotherapeutischer Prozeß, der unmäßige Verängstigung und einseitige Abhängigkeit vermeiden will, mit emphatischer Sensibilität, gerade für diesen Umstand durchgeführt werden. Respekt vor der Eigenart und der Autonomie der Hilfesuchenden ist in hohem Maße erforderlich. Familienaufstellungen können als eine Methode innerhalb der systemischen Therapie eingesetzt werden, wenn folgende systemische Grundprinzipien gewahrt bleiben :
Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003 |
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