Franz Kafka: Die Verwandlung

Eine systemische Literaturinterpretation

von Tilly Miller (Februar 2002)

Über Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" gibt es unzählige Interpretationen, zum Teil psychoanalytisch und biografisch motiviert. Warum also nicht noch eine weitere hinzufügen? Ich werde im Folgenden mit einer systemischen Perspektive aufwarten.

Bereits im Titel seines Werkes finden wir einen zentralen systemischen Begriff: die Verwandlung. Die Professionellen in den sozialen Berufen sind wahre Verwandlungs-Akrobaten. Sie wollen bei ihrem Klientel Entwicklungen forcieren, wollen untaugliche Muster in taugliche umwandeln, wollen Unfähigkeiten in Stärken umwandeln usf. Dass sie dabei Widerstände in allen möglichen Formen, aus allen möglichen Richtungen (Person-Umwelt) begegnen, gehört zum Alltagsgeschäft. Lernen und Entwickeln bedeutet, eine neue Balance auf einer nächst höheren Stufe zu gewinnen. Das alte Lebensmuster ist brüchig geworden, die Balance gerät aus den Fugen, das Neue ist unklar, angstbesetzt und man weiß nicht, wie man zu dem neuen Ufer kommen soll und was es für einen bereithält.

Kafkas Roman liest sich als verschlüsselter Entwicklungsroman. Im Zentrum steht die Verwandlung nicht nur von Gregor Samsa, dem Antihelden, sondern es geht um die Verwandlung der ganzen Familie Samsa. Der Roman vermag typische Verlaufsformen von Verwandlungen aufzuzeigen.

Gregor Samsa ist von Beruf Reisender im Tuchgewerbe. Zu seiner Familie gehört Greta, seine Schwester, sowie die Eltern Samsa. Gregor ist der Ernährer der Familie und verschafft ihr Wohnen und Auskommen.

Das geht so lange, bis Gregor immer mehr seine Unzufriedenheit mit seiner beruflichen Situation wahrnimmt. Er empfindet seinen Beruf als ziemlich anstrengend. "Tag aus, Tag ein auf der Reise ... Die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr." Gregor spürt zunehmend seinen Unwillen. Außerdem hat er seinen Beruf nicht selbst gewählt. Gregors Vater hatte Jahre zuvor sein Geschäft eingebüßt, hatte sich verschuldet und musste sich mit unliebsamen Gläubigern herumschlagen. Bei einem der Gläubiger ist Gregor nun in Stellung, um die Schulden abzutragen und den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. Das tat er bislang pflichtbewusst und ohne zu Murren, sah er doch ein, dass er der einzig infrage kommende Versorger der Familie war. Seine Schwester gilt als zu jung um zu arbeiten. Sie ist 17 Jahre alt! Sie soll sich lieber nett kleiden, lange schlafen und Violine spielen; die Mutter leidet an Asthma und dem Vater ist auch nicht zuviel zuzumuten. Er schläft lieber.

Eine parasitäre Familie delegiert die Pflichten und die Verantwortung an ein Familienmitglied. Gregor fühlt sich der Familie zugehörig und erfüllte bislang treu die an ihn gestellten Erwartungen.

Eines Morgens wacht Gregor auf und fühlt sich zu einem ungeheuren, etwa hundegroßen Käfer verwandelt. Der pflichtbewusste Gregor mutiert sozusagen zum Käfer und damit zur Behäbigkeit und zum Nichtsnutz. Als ob sein inneres Ich die Gestalt eines Tieres angenommen hat, das sich nun präsentiert, und bei dem keiner mehr wegsehen kann. Kafkas Käfer-Parabel lässt sich zunächst als Symbolik einer Ich-Verwandlung verstehen. In Anlehnung an die Maslowsche Bedürfnispyramide fordert Gregors Entwicklungsweg einen Zuwachs an Autonomie. Sie verweist auf eine Schrittfolge von der engen familialen Ablösung hin zur Ich-Werdung.

Systemisch ausgedrückt geht es um eine Ausbalancierung zwischen den Aspekten "Bindung" und "Autonomie". In diesem Prozess der Ausbalancierung wird Gregor plötzlich ein Käfer, fühlt als Käfer, selbst seine Geschmacksnerven sind die eines Käfers und er bewegt sich fort wie ein Käfer. Gregor lebt noch im Muster der Zugehörigkeit und von daher ist es nicht verwunderlich, wenn der Ort seines Verwandlungsprozesses die Familie ist. Um den Aspekt der Versorgung auch für sich zu vereinnahmen, wählt er den Weg des Käfers. Erst darüber wird er in seiner Versorgungsbedürftigkeit von den anderen wahrgenommen. Die Familie ist erschreckt und ist auch über Gregor empört, doch sie kommt deswegen keineswegs aus dem Häuschen. Sie nimmt die Verwandlung hin, zwar mit Ekel und Widerwillen, aber dennoch. Man holt keine Hilfe, sondern reagiert.

Dem Leser wird nun die Verwandlung auf der System-Ebene vorgeführt. Greta übernimmt in lieblos-grausamer Art die Sorge für ihren Bruder. Sein Zimmer verwahrlost, das (Fr)essen ist so scheußlich, dass Gregor, der Käfer, es nicht mehr anrührt und dabei magerer und magerer, schwächer und schwächer wird. Niemand scheint es zu merken. Sie reden kaum mit ihm. Die Mutter möchte ihn einmal sehen, vielleicht getrieben von einem Rest Mutterliebe, doch als sie ihn sieht, fällt sie in Ohnmacht. Der Vater geht rüde mit ihm um, jagt Gregor in sein Zimmer zurück, beschmeißt ihn mit Äpfeln, wobei einer in Gregors Rücken stecken bleibt und dort verfault. Alle zeigen ihre Lieblosigkeit, ihre Achtlosigkeit, zeigen auf der ganzen Linie, dass sie mit einem solch grässlichen Untier nichts anzufangen wissen und lesen dabei in Ruhe Zeitung. Ja, sie ruhen sich aus und beklagen ihr Unglück und nicht etwa das Gregors. Die Verwandlung zeigt sich in einem ersten Schritt lediglich affektiv; der gelebte Habitus wird zunächst kaum verändert. Das System bleibt noch in seiner Struktur, jedoch es ist verstört und aufgerüttelt.

Gregor wird zum Spiegel des Systems. Das Tier steht nicht nur als Symbol für die Verwandlung des Ichs. Das Tier drückt auch das Behäbige, schmarotzerhafte der Familie aus. Alle sind sie schmarotzende Käfer, die sich über Gregor hergemacht haben. Bei seinem Anblick sehen sie in den Spiegel und reagieren wütend und abfällig.

Gregor befindet sich in einem Übergangsstadium zwischen Zugehörigkeit und Loslösung. Er ist immer noch rührend um seine Familie besorgt, möchte sie nicht wirklich stören, schon gar nicht mit seinem Äußeren und verhüllt sich, um seiner Schwester seinen Anblick zu ersparen. Sein wichtigster Aufenthaltsort ist das Kanapee, worunter er sich verkriecht. Er sucht die Dunkelheit. Es ist, also ob er in den Tunnel geht, den er erst durchschreiten muss, wenn es zu einer Metamorphose kommen soll.

Nachdem nun der Hauptverdiener ausgefallen ist, muss sich die Familie um ihre Existenz kümmern. Das System kommt nun auch strukturell in Bewegung. Der Vater rechnet vor, dass noch Geld da sei, Angespartes (Gregor kann die Worte des Vaters genau hören). Man hatte von Gregors Geld, von dem er monatlich nur ganz wenig für sich behielt, etwas angespart. Der Vater hatte nicht im Mindesten daran gedacht, mit dem, was übrig blieb, seine Schulden bei Gregors Chef zurückzuzahlen, damit Gregor von seinen Pflichtaufgaben und der anstrengenden Tätigkeit eher freikam. Doch trotz des Angesparten muss hinzuverdient werden. Der Vater trägt plötzlich eine blaue Uniform, die ihn als Diener einer Bank zu erkennen gibt. Der Vater, bislang ein notorischer Schläfer, gelangt zu neuer Aktivität. Die Mutter näht nun Wäsche für ein Modegeschäft und die Schwester arbeitet als Verkäuferin und lernt sogar abends Stenographie und Französisch, um später einmal eine bessere Stellung zu erreichen.

Die Familie zeigt zudem "systemische Anziehungskraft". Wie ein Magnet zieht sie ihresgleichen an. Drei bärtige Männer tauchen auf, die sich in der Wohnung einmieten. Man vermietet das Schlafzimmer der Eltern. Diese ziehen in Gretas Zimmer und sie, Greta, ist die nächste, der man Opfer aufbürdet. Das Muster lautet: Die Kinder müssen sich opfern! Greta muss nun im Wohnzimmer schlafen und hat somit keinen eigenen Raum mehr. Das Wohnzimmer dient den Bärtigen sogar noch als Esszimmer wie auch als Abendsalon. Schurken sind sie alle drei! Einer der Dreien entpuppt sich als Zechpreller. Auch hier das Missbrauchsthema, jetzt verdichtet durch die Potenzierung des Männlichen.

Die Familie sinkt immer weiter in ihre Abgründe. "Weg muss es" ruft die Schwester und meint damit ihren Bruder. Sie wollen ihn loshaben. Auf keinen Fall wollen sie ihn mitversorgen und sprechen ihm seine Zugehörigkeit ab. Gregor tut ihnen ein letztes Mal einen Gefallen. Er stirbt! Einsam, vollkommen abgemagert und ausgedörrt. Die Familie wird von ihm erlöst und er löst sich von der Familie. Symbolisch betrachtet hat Gregor damit das Käferstadium überwunden - ein Stadium der Dunkelheit, des müßigen Vorwärtskommens, der Unsicherheit und Scham, des Unbehaustseins. Der Käfer ist tot! Es lebe das entfaltete Ich, ließe sich entwicklungspsychologisch folgern.

Gregors Anteile an der misslichen Familiensituation

Die Familie Samsa zeigt Polaritäten. Gregor scheint in sich alles Gute, Sensible, Fürsorgliche der Familie zu vereinen, die anderen dagegen alles Schlechte, Schmarotzende und Niederträchtige. Gregor, so ließe sich folgern, hat soviel Gutes in sich, dass für die anderen nichts mehr übrig bleibt und umgekehrt. Ein Familienverbund tugendhafter Arbeitsteilung! Die Balance zwischen Geben und Nehmen ist gestört. Es besteht eine Ausbeutungsstruktur.

Was ist nun Gregors Anteil an der misslichen Familiensituation? Gregor war zu gut, er tat zu viel, er ließ sich ausbeuten, übertrug den anderen keine Pflichten, verschonte sie, forderte nichts von ihr, forderte nicht ihren Anteil ein, beteiligte sie nicht an der Verantwortung, er grenzte sich nicht zureichend ab. Dadurch verstärkte er die Unkultur seiner Familie. Er nahm sie nicht wirklich wahr, sondern lebte zunächst mit einer die dunklen Seiten verleugnenden Konstruktion. Sein Lebensmuster war: Ich sorge für euch! Dadurch übernimmt er die traditionelle Versorgerposition des Vaters und gerät systemisch gesehen auf einen falschen Platz, auf dem er sich nicht gemäß seinen Bedürfnissen entwickeln kann. Gregor lebt zu stark den Aspekt des Gebens und zu wenig den Aspekt des Nehmens. Es muss lernen, sich und seine Bedürfnisse mehr wahr zu nehmen, ist gefordert überhaupt seine Situation und die seiner Familie mehr in den Blick zu nehmen und für sich mehr in Anspruch zu nehmen. Erst wenn er nehmen kann, kommt er ins Teilen (Verantwortung teilen, Aufgaben verteilen).

Das Familien-Muster ist Fleiß und Pflichtbewusstsein versus Ausbeutung und Treulosigkeit. Funktioniert der Fleißige nicht mehr, wird er fallengelassen. Doch kaum passiert das, kommt die Restfamilie an ihre Potenziale. Jedoch das nächste Opfer, die Tochter, ist bereits vorprogrammiert. Tatsächlich können alle arbeiten. Nicht dass sie die Familie moralisch besser gebärdet, aber zumindest sorgen jetzt die einzelnen für ihren Unterhalt, was als Entwicklungsschritt zu werten ist. Die Ausbeutungsstruktur als solche gehört wohl zur Autopoiesis der Familie Samsa und dürfte weiter tradiert werden; eine Möglichkeit dafür bietet die Arbeitswilligkeit der Tochter.

Kafkas Erzählung lässt sich als eine Allegorie von Entwicklungsschritten auf der Ich-Ebene und auf der System-Ebene lesen. Sie zeigt sowohl die Tragiken im Kontext von Verwandlungen wie auch Lösungen. Ihnen voraus gehen Spannungen. Sie sind sozusagen die Voraussetzung für eine Verwandlung. Gleichzeitig sind die Lösungen immer nur vorläufig, - bis zur nächsten Verwandlung. Dass die Lösungen In Kafkas Erzählung nicht idealisiert werden, mag vielleicht ein rezeptionsästhetisches Problem sein, jedoch ist es keinesfalls ein systemisches.


Literatur:


Franz Kafka: Die Verwandlung. dtv. München 1997. 119 S. EUR 4.00. Erzählung.


Autorin

Prof. Dr. Tilly Miller

  • Professorin für Politikwissenschaft und Sozialpädagogik/Sozialarbeit an der Kath. Stiftungsfachhochschule München;
  • Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Systemische Sozialarbeitstheorien, Netzwerke, Erwachsenenbildung, Empowerment, Team, Leitbild;
  • Mitglied in der Redaktion der Zeitschrift "Erwachsenenbildung";
  • Mitglied des Caritasrates der Erzdiözese München/Freising;
  • Zahlreiche Veröffentlichungen, Kongressbeiträge und Workshops zu den genannten Arbeitsgebieten;
  • Web:
    www.ksfh.de/wir-ueber-uns/lehrende/profile/einzelansicht/anzid/473/
  • eMail: tilly.miller@ksfh.de


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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