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Eine
teuflische Außensicht (Advocatus diaboli)
von Peter Lux
Trotz Weihwasser Selbst die katholische Kirche
kennt die Methode einer "konstruierten" Außensicht, um sich einer
Sache klarer und sicherer zu werden. Auf jeden Fall lädt sie vor einer
Heiligsprechung einen Gesandten des Teufels ein, der versuchen soll, Gegenargumente
vorzubringen, die einen Unterschied zu den heiligmachenden Taten des "Bewerbers"
herstellen sollen. Dies scheint mir eine weise Vorgehensweise zu sein,
zumal der "Chef" nicht persönlich zur Verfügung steht. Es begibt
sich also jemand in die Rolle des Gegenredners. Er/Sie darf - ja muss-
das ungestraft tun und hat sich auf das Querdenken, das Suchen nach dem
Gegensatz, dem Andersartigen einzustellen. Dieses gilt umso mehr, als es
sonst keinen systemexternen Irritator gibt. Gäbe es diesen, sähe
die Sache wieder anders aus.
Die Situation In der Erarbeitung von Qualitätszielen und -kriterien gelang es den TeilnehmerInnen einer Tagung in einem Setting von zwei sich beobachtenden Gruppen zunächst nur ansatzweise, die beabsichtigte Außensicht durch gegenseitige Infrage-Stellung der Gruppenergebnisse zu deren Präzisierung herzustellen Die Gruppen stellten sich
ihre Arbeitsergebnisse (Qualitätskriterien) zu unterschiedlichen Qualitätszielen
gegenseitig mit der Fragestellung vor:
Dieser Prozess wurde von
Nicht-Arbeitsgruppenmitgliedern beobachtet.
Bei der Konstruktion dieses
Settings lautete eine Hypothese:
![]() Beobachtungen: Es wurde gegenseitig Feedback gegeben, Änderungsvorschläge gemacht, allerdings waren die Ergebnisse im Sinne eines Qualitätscontrollings immer noch überarbeitungsbedürftig. Die Prozessbeobachter berichteten unter anderem, dass das vorgegebene Setting räumlich nicht umgesetzt wurde, sondern man eher "zusammenrückte"; was soweit ging, den Beobachter mit in den Kreis zu nehmen. In
einer späteren Feedback-Runde zum gesamten Erarbeitungsprozess wurde
die Gemeinsamkeit, Harmonie u.ä. der gesamten Arbeitsphase von den
TeilnehmerInnen positiv herausgestrichen.
Hypothesen: Zur Präzisierung eigener Arbeitsergebnisse ist eine kritische Infrage-Stellung dieser durch Dritte hilfreich, nützlich und in vielen Fällen erforderlich. Der Wunsch und das Streben nach Harmonie und Gemeinsamkeit in der Gesamtgruppe läßt nur bedingt eine kritische Außensicht zu. Die
Methode einer rekursiven Bearbeitung mit kollegialer Beratung (Beobachtung)
ist zu neu und ungewohnt , um in selbstorganisierten Gruppen die intendierten
Prozesse zu bewirken.
Interventionsplanung: Das weitere Vorgehen (Interventionen) musste die Nicht-Trivialität derartiger Systeme deutlicher berücksichtigen. Ziel sollte es sein, das System derart zu irritieren, dass es seine eigenen Potentiale zur "Problemlösung" erkennt und mobilisiert (vgl. Scala, 1997, S. 104 f). Die Funktion der In-Frage-Stellung bzw. der verstärkten Außensicht sollte durch ein Setting mit der Rolle eines "Advocatus diaboli" realisiert werden (vgl. Brümmer, 1998, S.12). Diese bewußt und explizit eingeführte Rolle dient als Instrument im Sinne einer geschützten und institutionalisierten Gegenrede, welche die erarbeiteten Ergebnisse in dem entsprechenden Setting in Frage stellen darf und soll. Hierbei sollen die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe als "MentorInnen für die Verteidigung" ihrer erarbeiteten Ergebnisse fungieren (vgl. Königswieser; Exner, 2001, S. 200 f.). Die Wahl dieser Interventionsform hatte zwei Gründe mit entsprechenden Annahmen:
Die Rolle des "Advocatus diaboli" wurde der Person übertragen, die am meisten Erfahrungen mit der Methode des Qualitätscontrollings hatte, aber auch fachlich/inhaltlich kompetent war, während eine andere Person (D) die Veränderungen in den Arbeitsergebnissen auf Flipcharts visualisierte. Die weiteren TeilnehmerInnen (B) beobachteten den Prozess. Ein externer Berater (E) übernahm die Beobachtung des Gesamtprozesses. Somit
entstand folgendes Setting:
![]() Zunächst wurde das Setting räumlich umgesetzt. Anschließend trug die Arbeitsgruppe (AG) ihr Qualitätsziel mit den Kriterien und Messungen vor. Darauf begann der "Advocatus diaboli", im Sinne der Methode des Qualitätscontrollings Ziel, Kriterien und Messungen zu hinterfragen und auf schlüssige Ableitungen zu prüfen. Dies tat er, indem er "laut dachte". Wurden nicht plausible Ableitungen erkennbar, verwarf er entweder eine der Ableitungen deduktiv oder induktiv, das heißt ...
Zeitweise hatte man tatsächlich
den Eindruck eines "Teufelskreises" bis nach ca. 60 Minuten ein vorläufiges
Endergebnis feststand.
Beobachtungen: Zunächst waren Irritationen spürbar: Der Spannungsbogen, der durch die offene, wertschätzende Arbeitsweise auf dem Weg von einem ersten Gruppenergebnis zu einem präzisierten, für ein Qualitätsmanagement geeigneten Instrument, konnte konstruktiv genutzt werden. Ein "case for action"
(vgl. Wimmer, 1999, S. 175 ff.), der die nötige Energie (Spannung)
und Motivation bei den Beteiligten zu einer weiteren Arbeit an einem konsequenten
Qualitätscontrolling lieferte, war vorhanden bzw. gefunden.
![]() Die Wichtigkeit und Beharrlichkeit der Gegenrede bzw. einer entsprechenden Außensicht wurde von den BeobachterInnen in der Feedback-Runde deutlich thematisiert und erkannt. Das Ringen um die richtigen Zusammenhänge wurde von allen Beteiligten als anstrengend aber sehr konstruktiv zurückgemeldet. Dem "Advocatus diaboli" wurde seitens des externen Beraters zurückgemeldet, dass es gelungen sei, die wertschätzende Haltung gegenüber den Ergebnissen der Arbeitsgruppe durchgängig vermittelt zu haben. Dies scheint eine der wichtigsten Voraussetzungen und Bedingungen für eine derartig gestaltete Intervention zu sein. Die Arbeitsweise in diesem
Setting "Advocatus diaboli" wurde im Anschluß an die Arbeitssitzung
zunächst von einer Teilnehmerin - später von anderen unterstützt
- für ähnliche Klärungssituationen explizit als Vorgehensweise
gewünscht.
Literatur: Brümmer, Hans(1998): Anleitungen zur Gruppenarbeit und zur Gesprächstechnik. Hannover: Fachhochschule Hannover, FB Elektrotechnik, FG Industrieelektronik. http://www.hans-bruemmer.de/publikationen/gruppenarbeit.pdf (Stand: 14.08.2002) Königswieser, Roswitha; Exner, Alexander (2001): Systemische Intervention. Architekturen und Designs für Berater und Veränderungsmanager, 6. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta Scala, Klaus (1997a): Intervention. In: Grossmann, Ralph (Hg.): Wie wird Wissen wirksam? iff-Texte, Band 1. Wien, Ney York: Springer, 1997, S. 104 – 105 Wimmer, Rudolf (1999): Wider den Veränderungsoptimismus. Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer radikalen Transformation von Organisationen. In: Baecker, D.; Hutter, M. (Hg.) (1999) Soziale Systeme. Systemtheorie für Wirtschaft und Unternehmen. Zeitschrift für sozialogische Theorie. 1/1999, S. 159 – 180 Ebenthal, Bernhard, Externer
Berater, Dipl. Theologe, Dipl. Sozialarbeiter, Supervisor DGSv, Organisationsberater
Veröffentlichungsdatum: 1. Februar 2003 |
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