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Organisationsentwicklung
zur Optimierung eines Nachwuchsprogramms für Ingenieure unter systemischer
Perspektive
von Jörg P. Kowalewski
1. Prolog
In dieser Arbeit möchte
ich mich mit den folgenden Fragestellungen beschäftigen und anhand
eines begleiteten OE-Projektes Instrumente und Wege zur Auftragsklärung
aufzeigen und dabei vor allem die Wirkung der Instrumente reflektieren:
-
Grundsätzlicher Umgang
mit dem Auftrag hinter dem Auftrag aus Sicht des Organisationsentwicklers.
-
Die ethischen, moralischen und
kaufmännischen Gesichtspunkte der Aufgabenklärung und Abgrenzung
als externer Berater.
-
Welche Funktion soll ein externer
Berater in einem OE-Prozess übernehmen? Die Auftraggeber haben die
unterschiedlichsten Motivationen, um einen Dritten zu beauftragen.
Es sind die Fähigkeiten,
Abläufe und Situationen aus einem externen Blickwinkel zu betrachten
und kritisch hinterfragen zu können. Die einschränkende Wirkung
der Betriebserblindung ist bei dem externen Berater noch nicht gegeben.
Darüber hinaus ist
es die in der Organisation nicht vorhandene Fachkompetenz, die ein externer
Berater einbringen kann.
Ein weiteres Mal der Wunsch,
einen externen Moderator damit zu beauftragen, ziel- und prozessorientierte
Arbeitsabläufe zu koordinieren, die nicht von Hierarchiestrukturen
gelenkt werden, die etwa in der Organisation gegeben sind.
Nicht selten jedoch kommt
es auch vor, dass ein externer Berater die Funktion des "Erfüllungsgehilfen"
ausüben soll. Mitunter ist es Ziel, Führungsaufgaben übernehmen
zu lassen, die der jetzige Funktionsinhaber aus der Sicht der Führung
nur unzureichend ausfüllt. In diesem Zuge könnte ein externer
Berater die Coachingfunktion für die Führung übernehmen
und korrektiv wirken, sprich Führungsaufgaben übernehmen. Nicht
selten gibt es den Auftrag hinter dem Auftrag.
Zum Beispiel wird ein OE-Prozess
zur Optimierung der Kommunikation innerhalb einer Abteilung auf Weisung
eines Bereichsleiters initiiert. Dieser Auftrag ist jedoch nicht mit dem
Leiter der Abteilung abgesprochen. Bei den ersten Kontakten mit dem zu
beratenden System stellt sich heraus, dass die Mitarbeiter der Abteilung
keine Defizite im Bereich der internen Kommunikation sieht, wohl aber auf
der Ebene des Abteilungsleiters zum Bereichsleiter. Es stellt sich heraus,
dass der Bereichsleiter den kooperativen Führungsstil des Abteilungsleiters
nicht mitträgt, sich jedoch außer Stande sieht, diese "Kritik"
direkt zu platzieren. Bei dieser Konstellation lautet der Auftrag hinter
dem Auftrag Führungsaufgaben zu übernehmen und beim Abteilungsleiter
Verhaltensänderungen bzgl. seines Führungsstils hervorzurufen.
Für jeden OE-Berater
entstehen mit Beginn eines OE-Projektes zentrale Fragestellungen, welche
Möglichkeiten es gibt, den Auftrag möglichst klar zu definieren,
bzw. mit vermuteten, verdeckten Aufträgen umzugehen.
2. Der Beginn / Die Ausgangssituation
Die Firma AMAG ist ein international
tätiges Unternehmen aus der Automobilzulieferindustrie, das in Deutschland
über 10 Standorte verfügt. Die Zentrale ist ansässig im
Rheinland.
Hier befindet sich die zentrale
Produktentwicklungsabteilung. Für das Unternehmen ist es von zentraler
Bedeutung, hochtalentierte Nachwuchskräfte von der Universität
zu rekrutieren, die eine qualifizierte Ingenieurausbildung besitzen. Das
Potenzial an geeigneten Absolventen ist jedoch eingeschränkt. Das
Angebot deckt den Bedarf aktuell und zukünftig bei weitem nicht ab.
Aus diesem Grund implementierte
die Gesellschaft im Jahre 1997 ein Förderprogramm für junge Ingenieure,
das 2 Jahre dauert und verschiedene Module beinhaltet. Seit 1997 haben
26 Absolventen teilgenommen, mit dem Ziel zukünftig als Fach- oder
Führungskraft zu arbeiten. Die Teilnehmer arbeiten in den verschiedenen
Niederlassungen im In- und Ausland in Form von Mitarbeit in laufenden Projekten,
als auch in Form von selbständig zu entwickelnden Projektthemen. Die
AMAG rekrutiert junge Absolventen direkt von der Universität. Der
Name des Programms lautet: PJI (Förderprogramm für junge Ingenieure).
Die Kosten für das Programm werden zu je 50% von der Zentrale und
den Gesellschaften getragen.
Verantwortlich für das
Förderprogramm ist die Abteilung "Zentrale Personalentwicklung". Deren
Leiterin, Frau F. ist unsere Ansprechpartnerin und nahm im Dezember 1999
über ein erstes Telefonat Kontakt zu Andrea Heer auf. Bis dahin war
Andrea Heer als externe Lieferantin für die Personalentwicklerin in
Erscheinung getreten.
Projektleiter für das
Programm PJI ist Herr G., der Mitarbeiter von Frau F. ist. Die Abteilung
"Zentrale Personalentwicklung" ist eingegliedert in den Zuständigkeitsbereich
"Personal" den Herr Z. leitet.
Das Organigramm sieht wie
folgt aus:
Mittlerweile hat der zweite
Jahrgang an Absolventen das PJI erfolgreich beendet. Im Rahmen eines Abschlussworkshops
wurden die Teilnehmer nach Ihrer Zufriedenheit mit dem Programm befragt.
Die Ergebnisse waren für die zentrale PE nicht zufriedenstellend.
Dies gab den Anlass, einen externen Berater mit der inhaltlichen und organisatorischen
Optimierung des PJI zu beauftragen. Da Andrea Heer als externe Personalentwicklerin
bereits einzelne Module des PJI durchgeführt hat, wurde sie per Dezember
1999 von Frau F. kontaktiert.
Dem ersten telefonischen
Kontakt schloss sich das erste Gespräch im Beratungssystem zwischen
Andrea Heer und Jörg Kowalewski an. Andrea Heer gab in einem ersten
Gespräch einen Überblick über das Unternehmen AMAG, die
Abteilung "Zentrale PE", das Programm PJI und die Hintergründe zu
der aktuellen Anfrage.
Die gemeinsamen Überlegungen
wurden geleitet von der Frage:
Kann aus der geschilderten
Situation ein systemisches OE-Projekt resultieren oder handelt es sich
hierbei um ein Projekt, in dem der Auftraggeber einen Fachberater zur Optimierung
von Ablaufdiagrammen sucht?
Wir waren uns einig, dass
für uns letzteres nicht in Frage kam. Zum einen aufgrund unserer fehlenden
fachlichen Qualifikation in Bezug auf Elemente des Qualitätsmanagement,
zum anderen aufgrund unseres Anspruchs, uns ein möglichst komplexes
Bild der Organisation zu verschaffen, um dann den Auftrag zu formulieren.
Zielsetzung des Auftraggebers
war es, die Qualität des PJI zu optimieren.
Was aber kann an einem Optimierungsprojekt
im Rahmen des Qualitätsmanagement systemisch sein?
In Anlehnung an Maturana
fanden wir unsere Antwort.
Wenn wir davon ausgehen,
dass wir uns die Welt und damit die Wirklichkeit durch unsere Beobachtungen
konstruieren, geht daraus hervor, dass es eine "Objektivität" nicht
geben kann. "Was immer gesagt wird, wird von einem Beobachter zum anderen
Beobachter gesagt, der es selbst sein könnte."
Auf die Qualität bezogen
konnte das für die AMAG bedeuten, den Blick auf diejenigen zu lenken,
die die Qualität beschreiben. Auf das PJI bezogen heißt das
konkret, die Beteiligten nach ihrer Einschätzung zum Programm zu befragen.
Im Einzelnen sind dies:
-
Absolventen
-
Projektleiter PJI
-
Leiterin zentrale PE
-
Niederlassungsleiter, die als
Mentoren fungieren
-
Leiter Personal
-
PE´ler zentrale PE
-
Projektleiter in den Gesellschaften
Unter dem Leitgedanken von Heinz
v. Foerster, "Vermehre die Möglichkeiten. Komplexität, nicht
Reduktion ist angesagt." beantworteten wir uns die Frage danach, ob dieses
Projekt systemischen Charakter haben kann. Wir beschlossen, einen möglichen
Projektablauf zu entwickeln, der eine intensive Analysephase zu Beginn
beinhaltete. Dieses Ziel erreichten wir, indem wir o.g. Zielgruppen im
Analyseschritt interviewen wollten. Das Ergebnis dieser Interviews würde
dann die Ist-Qualität des PJI darstellen, bzw. die "Nicht-Qualität"
des PJI wiedergeben.
Ergebnis der internen Überlegungen
des Beratersystems war das im Anhang beigefügte Angebot.
Aus der Reflexion der Situation
wurden Hypothesen zu einem möglichen Auftrag hinter dem Auftrag formuliert,
die für das anstehende Verkaufsgespräch von Bedeutung waren.
-
Will Frau F. einen persönlichen
Coach und Arbeitsplatzberater für ihren Mitarbeiter Herr G.?
-
Soll Andrea Heer den Job der
Führungskraft Frau F. machen und Herr G. zeigen, wie er seinen Job
richtig macht?
-
Welche Rückmeldungen der
Teilnehmer sorgen dafür, dass eine Optimierung angestrebt wird?
-
Wie sieht die Zielrichtung aus?
-
Was soll zukünftig im optimalsten
Fall von den Teilnehmern zurückgemeldet werden?
Diese Hypothesen bildeten die
Basis für die Konzeption der Vorgehensweise und Interventionen für
das Akquisegespräch. Eine zentrale Überlegung stellte die Problematik
dar, dass das Klientensystem einen Sog entwickelt und die Berater in das
eigene System hereinziehen will.
Dies jedoch würde unsere
eigentliche Kompetenz einschränken, Unbekanntes zu sehen, nach Unbekanntem
zu fragen, die abgedunkelten Seiten in den Fokus zu setzen.
Wir waren uns einig, dass
die beschriebene Gefahr bei Andrea Heer aufgrund der bereits vorhandenen
Kontakte größer ist. Daraus ergab sich eine klare Abgrenzung
unserer Rollen. Damit konnten wir m.E. ein Problem lösen, dass vor
allem einen selbständigen OE-Berater bei Akquisegesprächen beschäftigt.
-
Wie viel strukturelle Kopplung
an das System ist nötig, um den Auftrag zu gewinnen?
-
Wie viel ist schädlich,
um die Asymmetrie aufrecht erhalten zu können?
Hier schlagen sicherlich zwei
Herzen in der Brust des OE´lers. Das kaufmännische und das systemische
Herz.
Letztendlich macht es aber
genau diese Gradwanderung aus. In der Praxis kann eine fehlende Ankopplung
an das System dazu führen, dass der Kunde den Auftrag nicht an den
Berater vergibt. Die Konsequenzen für den freiberuflichen Berater
sind mitunter immens. Eine vorhandene Asymmetrie muss demnach dem Kunden
deutlich als Kompetenzbeweis dargestellt werden und als Mittel, um "blinde
Flecken" der Organisation zu entdecken.
Zu erwähnen ist m.E.
hierbei noch die einflussreiche Variable der aktuellen Auftragssituation
des Beraters. Kann er es sich leisten einen Auftrag abzulehnen oder zu
verlieren?
Zurück zu unserem Projekt.
Im Folgenden stellen wir das Ergebnis unserer Konzeption dar:
Für die Planung unseres
Verkaufsgesprächs formulierten wir im Beraterteam folgende Ziele und
leiteten unser Interventionsdesign ab:
| Ziel: |
Intervention: |
| Klarheit
über den Auftrag erlangen.
Möglichen verdeckten
Auftrag offenlegen und bei Bedarf als Berater davon distanzieren. |
Zirkuläres
Fragen
Hypothetische Frage: "Sollen
wir eine Arbeitsplatzberatung für Herrn G. machen?" Hiermit können
wir "frecher" einsteigen, weil wir eine "Als-ob-Realität" entwerfen,
die niemanden festlegt" (v. Schlippe/Schweitzer 1996: 117 u.155) |
| Angebotsskizzierung
präsentieren |
Folienpräsentation |
| Akzeptanz
für systemischen Ansatz erhalten |
Beispiel
Interviews nennen, als Erklärung dafür, dass Veränderungspotenzial
aus dem eigenen System kommen muss. Ansatz des ethischen Imperativs :"Handle
stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer
wird!" (v. Foerster 1994: 234) |
| Zielklärung
auf Auftraggeberseite. Wie sieht der gewünschte Zielzustand aus? |
Technik
des zweiten Futurs. Wir entwickeln Szenarien und Denkrahmen, die Wege zu
möglichen Veränderungen aufzeigen (Probst/Büchel 1994: 102) |
| Strukturelle
Kopplung an das System erreichen |
Kommunikation.
Spiegeln der Ansprechpartner bzgl. Sprachmustern usw. durch Andrea Heer.
Eine strukturelle Kopplung
an das System Kunde kann nur mittels Kommunikation (Verbal/nonverbal) erfolgen
(Luhmann 1993: 125). |
Das Beratersystem formulierte
die Rollen für das Gespräch und den anstehenden Prozess in unterschiedlicher
Weise.
Durch die Tätigkeit,
die Andrea Heer in der Vergangenheit bei ihrem Stammkunden durchgeführt
hatte, fiel ihr die Rolle zu, den Kontakt zum Klientensystem zu halten,
die strukturelle Kopplung zu gewährleisten.
Meine Rolle sollte es sein,
blinde Flecken zu durchleuchten, die charakteristische Verhaltensweisen
des Systems darstellten. Aus diesem Grund überschrieb das Beratersystem
meine Rolle als "Schlechtes Gewissen". Wir sahen sehr deutlich die Gefahr,
dass das Klientensystem die Berater einvernehmen will. Die Kultur des Klientensystems
"Zentrale PE" zeichnet sich durch intensive, persönliche Bindung aus.
Gekennzeichnet wird dies durch Rituale wie "Du-Gesellschaft", Umarmungen
zur Begrüßung auch bei Externen, wie Andrea Heer, Wangen-Kuss
zur Begrüßung u.ä.
Für uns als Beratersystem
hatte es eine hohe Bedeutung, dass wir eine Asymmetrie entwickeln und aufrechterhalten.
Die Erreichung dieses Ziels sahen wir durch die genannte Rollenverteilung
als erreichbar.
3. Das Verkaufsgespräch
Die Diskussion des ersten
Konzeptvorschlags fand in der Klientenorganisation statt und hatte das
Ziel, eine Entscheidung zu einer evtl. Zusammenarbeit zu treffen.
Beteiligte am Gespräch
waren:
-
Frau F.
-
Herr G.
-
Andrea Heer
-
Jörg Kowalewski
Im Rahmen des Analysegesprächs
wendeten wir als Beratersystem zwei wesentliche Techniken für die
Zielklärung an. Zum einen zirkuläre Fragen, zum anderen die Technik
des zweiten Futurs.
Wir erarbeiteten folgende
Ziele:
Frau F.:
-
Darstellung der Prozesse des
PJI; Ist-Situation.
-
Darstellung der optimalen Prozess-Situation,
inkl. Ableitung von notwendigen Maßnahmen zur Erreichung der Soll-Situation.
-
30% Aufwand-Reduzierung für
die zentrale PE im Rahmen des PJI
Herr G.:
-
Anzahl der notwendigen Mann-Tage
um ein Drittel reduzieren.
-
Analyse der fünf wichtigsten,
wertschöpfenden Kernprozesse im Rahmen des PJI unter Berücksichtigung
der Hauptziele.
Im Akquisegespräch stellte
das Beratersystem seinen Arbeitsansatz vor:
Wir hoben hervor, dass wir
uns nicht als Fachberater verstehen, sondern die Verantwortung für
den Prozess übernehmen.
Den systemischen Ansatz verdeutlichten
wir dadurch, dass die Beteiligten als Fachleute fungieren würden und
wir in der Rolle der externen Berater mittels der Beobachterrolle eine
Erweiterung der Blickwinkel bieten können.
Die vorgeschlagenen Interviews
mit den Beteiligten des PJI hoben wir ebenfalls als systemischen Baustein
hervor.
Dieses Gedanke fand bei beiden
Ansprechpartnern ein positives Echo. Sie selbst erkannten einen möglichen
zusätzlichen Nutzen unserer Arbeit mittels der Interviews. Ein Eindruck
über den Status der Abteilung "Zentrale Personalentwicklung" konnte
durch uns erfasst und wiedergegeben werden.
Unsere Skepsis bzgl. des
Auftrags hinter dem Auftrag blieb weiter vorhanden. Vor dem Gespräch
hatten wir im Beratersystem überlegt, wie wir mit der Situation umgehen
können, dass der Auftrag als "Pseudo - OE-Projekt" nur dazu dient,
dem Projektleiter Herr G. eine Arbeitsplatzberatung zu geben. Als Intervention
entschieden wir uns im Vornherein für die offensive Darstellung unserer
Hypothese. Diese Intervention führte ich im späteren Verlauf
des Gesprächs ein.
Mit der Frage:
Möchten Sie eine
Organisationsentwicklung oder eine Arbeitsplatzberatung für den Projektleiter?"
haben wir als Beratersystem
deutlich darstellen können, dass Letzteres nicht in unserem Interesse
liegt. Die Intervention gab uns sicherlich nicht die Gewissheit, dass dieser
Auftrag hinter dem Auftrag nicht existierte (...wie sich im Projektverlauf
bei "Flurgesprächen" noch zeigte, siehe Ende des ersten Workshops),
jedoch verstörte es das Klientensystem merklich.
Wir hatten das Thema offen
angesprochen, dass bis dato scheinbar tabuisiert wurde. Nun war es ausgesprochen
und das Kundensystem hatte die Chance, offen damit umzugehen. In diesem
Moment wurde es deutlich von Frau F. verneint.
Wir erzielten Übereinkunft
zu einer Zusammenarbeit und unterbreiteten folgendes Angebot
AMAG
Zentrale Personalentwicklung
Frau F.
Systemische Organisationsberatung
für das Förderprogramm für Ingenieure (PJI)
Erstgespräch in
Ihrem Hause
Sehr geehrte Frau F.,
vielen Dank für das
zielorientierte Gespräch mit Ihnen und Herrn G. Wir haben im folgenden
die wichtigsten Schritte des Gesprächs kurz dokumentiert und daraus
ein Angebot formuliert:
Ihre Ausgangssituation:
Seit 1997 gibt es bei der
AMAG ein zweijähriges Förderprogramm für Ingenieure, kurz
PJI genannt. Die Betreuung und Koordination/ Administration wird durch
einen Verantwortlichen der zentralen Personalentwicklung geleistet. Nach
Ihrer Einschätzung erfordert der derzeit zeitliche Aufwand zur notwendigen
Erfüllung der genannten Aufgaben 150 % einer Arbeitskraft.
Die Bedeutung des PJI schätzen
Sie für die AMAG als sehr hoch ein, da die aktuelle Arbeitsmarktsituation
nur wenig qualifizierte Ingenieure (Maschinenbau) hervorbringt. Die AMAG
hat in Zukunft einen hohen Bedarf an diesen qualifizierten Führungskräften.
Ziel:
Daraus ergibt aus Ihrer
Sicht folgendes Ziel für den bevorstehenden Beratungsprozess: Hauptziel
ist es, den im Rahmen des PJI auftretenden, administrativen Aufwand für
den Bereich zentrale Personalentwicklung merklich zu reduzieren bei gleichzeitigem
Ausbau des Qualitätsstandards. Konkret und messbar bedeutet dies für
Sie:
-
Darstellung der Prozessabläufe
des PJI Programms (Ist-Analyse), was sind im Moment die wertschöpfenden
Kernprozesse
-
Darstellung der optimierten
Prozesssituation (Soll-Analyse) inklusive der Entwicklung von Maßnahmen
-
merkliche Aufwandsreduzierung
der administrativen Tätigkeiten, Wunschvorstellung liegt hier bei
30 %.für Herrn G:
-
Reduzierung der Anzahl der Mann-Tage
um ein Drittel.
-
Herausarbeitung der fünf
wichtigsten Kernprozesse
Beratungsprozess und Prozessstruktur:
Den genauen Überblick
des Prozesses finden Sie in der Anlage. Zu den Inhalten der einzelnen Phasen
haben wir folgendes vereinbart:
Phase 1:
Strukturierte Interviews
werden mit Geschäftsführern (steering commitee), Personalleitern
und Projektverantwortlichen sowie Teilnehmern geführt. Herr G. wird
hierzu den Erstkontakt herstellen und uns dann die Kontaktadressen weiterreichen
zwecks Terminvereinbarungen. Angefragt sind folgende Damen und Herren:
Frau F., Herr G., Herr M., Herr H., Herr M., Herr M., Herr S., Herr M.,
Herr A.. Vereinbarungsgemäß werden Sie und Herr G. uns noch
Ihre Wünsche zu den Inhalten der Interviews schicken.
Phase 2:
Eintägiger Workshop
zur Erarbeitung der Prozessketten (Analyse des Ist-Zustandes). Angedachte
Teilnehmer: Frau F., Frau S., Frau H., Herr G., Termin und Ort sind vereinbart.
Phase 3:
Workshop zur Sammlung von
Ideen. Nach Durchführung der Interviews werden die Teilnehmer hierfür
festgelegt.
Phase 4:
Aufarbeitung der Ergebnisse
der Interviews und Workshops durch die Berater.
Phase 5:
Präsentation der Ergebnisse
durch Berater vor Ihnen und Herrn G. und gemeinsame Ableitung von adäquaten
konkreten Maßnahmen.
Leistungen der Berater:
Wir verstehen uns als systemische
Organisationsberater. Dies heißt für uns, dass wir so ganzheitlich
wie möglich alle beteiligten Personen, Funktionen und Organisationen
der AMAG in unsere Prozessberatung mit einbeziehen. Prozessberatung bedeutet
für uns, den zu Beratenden durch gezielte Methoden und Fragen sowie
den Blickwinkel eines externen auf seinem Weg zur Lösung zu begleiten
und unterstützen.
Ihre Investition:
Vereinbart wurden 6,5 Beratertage.
Tagessätze:
Workshoptag à xxxx,-
DM
Beratertag à xxxx,-
DM.
Fahrkostenpauschale.
Wir freuen uns über
Ihre Rückmeldung und sehen einer gemeinsamen und erfolgreichen Zusammenarbeit
entgegen.
Mit freundlichen Grüssen
Anlage: Übersicht Prozessablauf |
4. Die Interviews
Die Koordination der Terminvereinbarung
mit den Interviewpartnern übernahm Herr G.. Insgesamt vereinbarten
wir, dass 10 Interviews geführt werden sollten, möglichst im
Vorlauf zum ersten Workshop. Inhalt des Projektplans war, dass wir je drei
ehemalige / aktuelle Teilnehmer des PJI, drei Geschäftsführer
der regionalen Gesellschaften, zwei Projektvorgesetzte und zwei Personalleiter
interviewen.
Die Entwicklung der Fragebögen
gestalteten wir zielgruppenspezifisch. Wir führten die Interviews
grundsätzlich zu zweit durch, wobei ein Berater die Beobachterrolle
übernahm. Allgemein trafen wir auf viel Bereitschaft, aktiv an der
Optimierung mitzuwirken. Alle Beteiligten empfanden es zudem als Wertschätzung,
die Chance zu haben, einen direkten Einfluss auf die Gestaltung des PJI
zu nehmen.
Die Ergebnisse bereiteten
wir zur Präsentation beim zweiten Workshop auf.
Eine zentrale Fragestellung
am Ende der Interviewphase war für uns:
Die Beteiligten sind überwiegend
zufrieden mit dem Programm. Woher nimmt die zentrale PE ihren Eindruck,
dass die Teilnehmer unzufrieden sind? Ist das ein weiteres Zeichen für
einen Auftrag neben dem Auftrag?
Als zentralen Optimierungspunkt
nannten die Beteiligten die zeitliche Verfügbarkeit der Ansprechpartner
in der zentralen PE, nicht jedoch die Inhalte des Programms oder Prozesse
in der Betreuung.
Diese Beobachtung floss in
die Konzeption des ersten Workshops ein. Die Durchführung des ersten
Workshops fiel zeitlich mitten in die Durchführungsphase der Interviews.
D.h. wir stellten die Ergebnisse der Befragung im Rahmen des ersten. Workshops
noch nicht vor.
5. Beobachtungen aus den
Interviews

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6. Der erste Workshop
Bei der Konzeption des ersten,
halbtägigen Workshops bereiteten wir nur einen Teil der Interviewergebnisse
formlos auf und formulierten unsere zentralen Zielsetzungen für diese
Phase des Prozesses.
Als Grundsatz für alle
Konzeptionen der Workshops galt für uns, dass wir besonderes Augenmerk
auf die Entwicklung des Interventionsdesigns legten. Wir hielten es nach
Königswieser (1995: 53 f.) u.a., die darauf hinweisen, dass dem Intervenieren
Hypothesenbildungen vorausgehen müssen. Das Intervenieren hat nach
ihrer Auffassung eine Reflexionsschleife von: Informationen sammeln, Hypothesen
bilden, Interventionen planen als Vorlauf. Dieses Vorgehen war für
uns vor allem im Beraterteam sehr sinnvoll, jedoch auch sehr zeitintensiv.
Wir konnten in der Vorbereitung auf die IBS - Seniorberatungsgruppe zurückgreifen,
sowie auf die Seniorberatung durch den Partner von Andrea Heer, der den
Konzeptionsprozess beobachtete und als Beobachter zweiter Ordnung qualifizierte
Rückmeldungen gab, was sich als zusätzliche Erweiterung darstellte.
Er beobachtete uns bei der Konzeption des ersten und zweiten Workshops.
Unsere definierten Ziele
des ersten. Workshops:
-
Entwicklung eines Team-Ziels
für die zentrale PE
-
Erarbeitung der Ist-Abläufe
des PJI
-
Komplexität darstellen
-
Ein Auftrag hinter dem Auftrag?!
Was gibt es Neues zu beobachten?
Geplant war, dass neben Frau
F. und Herr G. auch Frau S. (Trainee PE) und Frau H. (Sekretariat Personal)
am Workshop teilnehmen. Unsere Ansprechpartner sahen in der Teilnahme eine
Chance, alle Mitarbeiter zu beteiligen und damit die Akzeptanz für
zukünftige Vorgehensweisen zu erhöhen.
Etwa zwei Wochen vor dem
Workshop erhielt Andrea Heer einen Anruf von Frau F.. In diesem Telefonat
kündigte Frau F. an, dass Herr Z., Leiter Personal und Vorgesetzter
von Frau F., überraschenderweise seine Teilnahme am Workshop bekannt
gegeben hat. Dies schien Frau F. sichtlich zu beunruhigen.
Sie wirkte bemüht, dies
werten zu können. Ihre Unsicherheit war vor allem daran zu spüren,
dass sie Andrea Heer den Tipp gab, dass wir als Berater "aufpassen" müssen
und uns dementsprechend gründlichst vorbereiten müssen.
Warum verhält sie sich,
wie sie sich verhält? Eine zentrale Frage, die uns als Berater natürlich
beschäftigte. Bis zum Workshop hatte ich das Glück, dass ein
Treffen meiner Seniorberatungsgruppe anstand. Im diesem Rahmen stellte
ich die Situation dar und fragte speziell nach Ideen, wie wir mit der angekündigten
Teilnahme des Leiters umgehen sollten. Nach Ideensammlung und Rücksprache
mit Andrea Heer entschieden wir, die Teilnahme des Leiters Personal mit
Wertschätzung zu beantworten.
In der Konzeptionsphase entschieden
wir uns für folgendes Interventionsdesign:
-
Gruppenarbeit zur Entwicklung
eines Teamziels zentrale PE (Welches Ziel verfolgt die zentrale PE mit
dem PJI?). Jeder Teilnehmer entwickelt einen Satz in Einzelarbeit und stellt
diesen vor. Aus den einzelnen Beiträgen wird eine einheitliche Formulierung
abgeleitet ("Wie definiert sich eigentlich das zu beratende System?").
-
In Gruppen über Meta-Plan-Karten
die Ist-Abläufe des PJI - Art der Tätigkeit; Ziel der Aktivität;
Verantwortlichkeit; Umfang. - erarbeiten.
-
Entwicklung der zentralen, wertschöpfenden
Kernprozesse des PJI.
Wir einigten uns, die Sequenzen
auf die Berater aufzuteilen, so dass eine Person sich jeweils auf die Beobachtung
des Klientensystems konzentrieren zu können.
Der Workshop verlief erfolgreich.
Vor allem der anfangs ungewohnte Schritt, das Ziel des PJI in der zentralen
PE zu formulieren, stieß auf viel Akzeptanz und brachte uns als Berater
wichtige Einblicke zu den vorhandenen Zieldimensionen der Teilnehmer und
zu den Ausblendungen.
Im Rahmen der Zielformulierung
für das PJI kam die Frage auf, wie ein solches Ziel genutzt werden
könnte. Hierbei wurde erarbeitet, dass dieses Ziel auch in der Kommunikation
mit Teilnehmern und weiteren Beteiligten genutzt werden könnte. In
diesem Moment intervenierte der Leiter Personal, Herr A, deutlich und bemerkte:
"die Diskussion können wir uns schenken. Das ist Auftrag des Steering
Commitee!"
Interessant war für
uns die Beobachtung, dass nur durch Herrn Z. die Institution des Steering
Commitees PJI genannt wurde. Dieses Gremium trifft grundsätzliche
Entscheidungen im Zuge des gesamten Programms.
Bis hierhin war uns die Existenz
nicht bekannt. In der Praxis müsste also dieses Steering Commitee
eine Zielformulierung, die wir mit den Teilnehmern entwickeln, für
die interne Kommunikation genehmigen. Die Art und Weise wie diese Intervention
durch die Leitung gesetzt wurde, machte uns als Berater nachdenklich und
gab uns damit eine Chance auf die abgedunkelte Seiten zu blicken.
Abschließend vereinbarten
wir Termin, Dauer und Inhalte des zweiten Workshops und trafen die Verabredung,
dass der Teilnehmerkreis weiter so Bestand haben sollte.
Einen weiteren Einblick in
einen Auftrag hinter dem Auftrag erhielten wir im direkten Anschluss an
den Workshop. Frau F. führte ein vertrauliches "Flurgespräch"
mit Andrea Heer. In diesem Gespräch äußerte Frau F. als
disziplinarische Vorgesetzte sich kritisch zu der aktuellen Leistung von
Herr G. ("Ich weiß gar nicht, was mit dem los ist..... Wir machen
hier seinen Job.... Das müsste eigentlich er alleine machen.....Der
hat sich so verändert....."). Ich selbst nahm nicht an diesem Gespräch
teil. Im Beraterteam haben wir diese Situation zum Anlass genommen, in
den Ablauf des zweiten Workshop die Thematik ‚Präzise Trennungen zwischen
Person und Funktion‘ zu behandeln.
Welche Beobachtungen konnten
im Beraterteam über die ‚Ausblendungen‘ getroffen werden?
-
Umgang der Teilnehmer mit konträren
Standpunkten wirkt ungeübt. Es wird ausgeblendet, was unterschiedliche
Standpunkte bringen können.
-
Umgang mit Zielen. Was können
uns Ziele bringen?
-
Wie sieht der Vergleich zum
Wettbewerb aus? Warum blicken wir nur auf uns?
-
Warum kennt keiner ein übergeordnetes
Ziel der zentralen PE?
-
Was kann uns ein übergeordnetes
Ziel für das PJI bringen?
-
Wie gehen wir mit Autorität
um?
7. Beobachtungen aus
dem Workshop

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8. Der zweite Workshop
Die Konzeption des Workshops
war für uns Berater sehr umfangreich. Einen ganzen Tag reflektierten
wir den ersten Workshop und die Ergebnisse der Interviews. Bei der Konzeption
erhielten wir Unterstützung durch einen Beobachter zweiter Ordnung.
Dieser gab uns wichtige Eindrücke
zu den bis dahin gemachten Beobachtungen. Wir entwickelten auf Basis unserer
im Mind-Map festgehaltenen Beobachtungen vor allem folgendes Interventionsdesign:
-
Präsentation der Interviewergebnisse.
Wir wollen dem System die "Hard Facts" liefern, die es in vergleichbaren
Situationen benötigt, um mit diesen konstruktiv zu arbeiten.
-
Einsatz des OE-Spiels "Vision
Tools"
-
Aufstellen der Spielfiguren,
sinnbildlich zu den Verhältnissen und Aufgaben, die die Beteiligten
am PJI haben.
-
Aufstellen der Ist- und der
Soll-Situationen.
-
Reflexion der Ist-Prozesse,
Ergebnisse des ersten Workshop.
-
Entwicklung eines Soll-Prozesses
mit der folgenden Priorität:
-
wertschöpfender Kernprozess
-
besonders bedeutend
-
nachgeordnete Bedeutung
oder alternativ nach:
-
Auflistung der wertschöpfenden
Kernprozesse und Ableitung der Unterprozesse, mit abnehmender Bedeutung.
-
Vorstellung von Analogien aus
dem Bereich von Prozessmusterwechseln im Vergleich zu Optimierungsprozessen
vorhandener Abläufe:
"Unabhängig von der Art, wie Sie jetzt das PJI managen, wie könnte
es auch noch gehen? Eine Bedingung dabei: Alles ist erlaubt. Es ist kein
Rahmen gesetzt."
-
Vision 2003. Technik des zweiten
Futurs, um Zielsituationen, Probleme und Problemlösungen zu simulieren.
-
Verwendung einer Metapher zum
Familienbild, um die Führungsstrukturen des Bereichs Personal/Zentrale
PE aus Beobachtersicht darzustellen. Als Vaterfigur wird hierbei Herr Z.
dargestellt. Zielsetzung hierbei war für uns die Irritation des Systems,
um somit die Handlungskompetenzen der Gruppe zu erweitern.
Im Laufe des Workshops stellen
wir fest, dass unsere Interventionen Wirkung erzielen. Die Führungsstrukturen
festigen sich. Ohne Anwesenheit der Leitung, in Person Herr Z, entsteht
eine konstruktive, offene Art mit der Sollaufstellung der Figuren zu arbeiten.
Es wurden Karten und Figuren
hin und her gestellt, jeder einzelne Teilnehmer äußerte seine
Meinung. In dieser Phase intervenierten wir durch eine spontane Rückmeldung
zu meiner Beobachtung, die ich während des Prozesses gemacht hatte.
Ich meldete eine Hypothese
zurück, die lautete: "Sie haben sich das Ziel gesetzt, den administrativen
Aufwand um 30 % zu reduzieren. Ich glaube, das stimmt nicht, sie wollen
gar nicht weniger Arbeit, sonst würden Sie sich von Aufgaben trennen."
Diese Intervention sorgt
dafür, dass eine Grundsatzdiskussion in Gang kommt.
Ich meldete den Teilnehmern
zurück, dass Sie einzelne Aufgaben und Funktionen lediglich verschieben,
nicht jedoch komplett abgeben, delegieren, bzw. wegfallen lassen, weil
es nicht dem Ziel dient.
Hierbei formulierte ich die
Hypothese, dass dieses Verhalten u.U. typisch für die zentrale PE
sein könnte. Es wird evtl. grundsätzlich nicht über die
Fähigkeit verfügt, abzugeben, zu delegieren. Diese Tatsache würde
jedoch dem Ziel unseres Prozesses widerstreben, nämlich den administrativen
Aufwand um ein Drittel zu reduzieren.
Diese Intervention stößt
auf Akzeptanz, sich nicht zu trennen sei ein Problem, womit sich die zentrale
PE des öfteren ein Bein stellt.
Im Laufe der Diskussion kommen
Tabuthemen auf den Tisch. Offen wird über die Frage diskutiert, ob
sich Herr G. von einzelnen Aufgaben nicht trennen will, weil er sie persönlich
bevorzugt, oder weil sie dem Ziel dienen. Herr G. entwickelt Verständnis
und weist darauf hin, dass er sich von Aufgaben trennen würde, wenn
es dem gemeinsamen Ziel (Ergebnis aus dem ersten Workshop) dienen würde.
Auf dem Weg zu diesem Gruppenergebnis
unterstützte uns die Darstellung der Trennung zwischen Funktion und
Person, die wir prozessorientiert in den Workshop-Verlauf eingearbeitet
haben. Jeder Teilnehmer spürte, dass an diesem Punkt eine Bereicherung
des Handwerkszeuges stattgefunden hat, das System hat sich weiterentwickelt.
Dieser Prozess bricht wieder
ein, als die Leitung in den Raum zurückkehrt und spürt, das die
vereinbarte Offenheit zur Gestaltung der Soll-Abläufe von den Teilnehmern
genutzt wird.
Die Dynamik scheint dem Leiter,
Herrn Z. zu weit zu gehen und er "zieht die Zügel an", indem er die
Änderungen als "Unsinn" darstellt. In den nächsten Schritten
weist er darauf hin, dass es ihm bis zum erreichten Zeitpunkt nicht schnell
genug ging, er sich jedoch zurückgehalten hat, um den Prozess nicht
zu stören. Nun aber müsse er dafür sorgen, dass "endlich
etwas Effektives rauskommt".
Vor dieser Äußerung
fand eine weitere Intervention statt, durch die der Standpunkt der Leitung
vom Berater angezweifelt wurde. Die externe Beratung hat die Autorität
angezweifelt, vorhandene Machtstrukturen und Rituale "verletzt". Das System
reagiert. Die Leitung interveniert deutlich, übernimmt die Führung
des Prozesses, die Teilnehmer folgen und ordnen ihre erarbeiteten Ergebnisse
unter. Sie kehren sie in ihr altes Verhaltensmuster zurück. Diese
Situation entspricht einem Machtinstrument, weil es Parallelen zur Machtdefinition
von Max Weber, 1984, aufzeigt: "Die Fähigkeit von Einzelnen oder Gruppen,
das Handeln anderer auch gegen Widerstand in einer gewünschten Richtung
zu beeinflussen.".
Diese Fähigkeit zeigt
sich im weiteren Verlauf dadurch, dass Herr Z. eine charmante und geschickte
Art hat, den Prozess an sich zu reißen und zu steuern.
Uns Beratern wurden die einzelnen
Situationen erst im Anschluss in dieser Komplexität deutlich.
Die Asymmetrie war deutlich
zu spüren. Eine Rückmeldung des Leiters, Herrn Z, an mich gibt
uns die Gewissheit, dass wir unser Ziel der Asymmetrie erreicht haben,
das wir durch die Rollenteilung erreichen wollten. Die Rückmeldung
beinhaltete den Hinweis auf ‚arrogantes Verhalten‘ des Beraters.
Diese Beobachtung stellt
einen wesentlichen Punkt unserer Beobachtungen im Anschluss an den Gesamtprozess
dar, welche wir in einem letzten Treffen zurückgemeldet haben.
Herr Z. übernahm offensiv
die Aufstellung der Funktionen in der Soll-Situation. Es ergab sich ein
Bild, dass dem aktuellen ähnlich war. Er selbst war nicht bereit,
sich von Funktionen zu trennen, bzw. Aufgaben in die regionalen Ebenen
zu delegieren.
Nachdem dieses Bild nicht
angezweifelt wird, gehen wir über zu der Aufgabe, die zukünftigen
Prozessabläufe zu entwickeln. Die Idee von Herrn Z. wird sofort übernommen,
jeden einzelnen Prozess nach den drei Dimensionen. ‚muss – soll – kann‘
zu unterteilen. Die Definition von Herrn Z. lautet: ‚Muss Prozesse müssen
auf jeden Fall durchgeführt werden, Soll-Prozesse sollten und wenn
dann noch Zeit ist auch ein bisschen Kann-Prozesse‘
Für die Neugestaltung
werden nur die Muss- und Soll-Prozesse festgehalten. Diese sollen als Basis
für die angestrebte Reduktion des Aufwandes dienen.
Das Ergebnis des Diskussions-
und Einteilungsprozesses liegt deutlich über dem angestrebten Ziel.
Die Zufriedenheit mit der erreichten Arbeitsbasis ist groß, die Teilnehmer
spüren, dass sie mit den Ergebnissen konkrete Maßnahmen einleiten
können, die zu einer Entlastung führen können.
Um diese geplante Entwicklung
zu unterstützen, listeten Andrea Heer und ich in der Nachbearbeitung
noch fachliche Tipps und Hinweise separat aus der Sicht der Personalentwickler
auf. Hier sehen wir uns in der Funktion als Fachleute und trennen dieses
deutlich von Beobachtungen zum System.
Wir Berater sind zufrieden
mit den Arbeitsergebnissen, da sie den vereinbarten Zielen entsprechen,
die im Auftrag formuliert waren.
In der Reflexion des zweiten
Workshops sortieren wir unsere Beobachtungen in Form von Hypothesen, um
diese an das System in einer Nachbesprechung weiterzuleiten. Auf der Seite
des Klientensystems nahmen Frau F., Herr G. und Herr Z. an diesem Gespräch
teil.
Die Wirkungen unserer Interventionen
im Laufe des gesamten Prozesses zeigten sich insofern, als dass unsere
Hypothesen auf große Resonanz stießen und die drei Personen
in einer sehr offenen und effektiven Art und Weise diskutierten.
Zum Ende dieses Gesprächs
wurde vereinbart, dass der Optimierungsprozess im Herbst 2000 fortgeführt
wird und zwischenzeitlich u.U. das Thema Teamentwicklung aktiv angegangen
wird.
9. Fachliche Ideen und
Tipps zur Optmierung:

Klicken Sie bitte auf das Diagramm, um es zu vergrößern!
10. Hypothesen für
die Nachbesprechung zum gesamten Prozessverlauf:

Klicken Sie bitte auf das Diagramm, um es zu vergrößern!
11. Fazit:
Als Erfahrungen aus dem hier
geschilderten Zusammenhang bleibt festzuhalten,
-
dass es wichtig ist, einen exakt
formulierten Auftrag zu vereinbaren, um bei Bedarf einen Auftrag hinter
dem Auftrag mit dem Kunden diskutieren zu können.
-
dass die Offenlegung von Hypothesen
eine sinnvolle Möglichkeit darstellt. Sie garantiert sicherlich nicht,
dass es keinen verdeckten Auftrag gibt, auf der anderen Seite haben Berater
sehr viel Beobachtungsspielraum, Tabus werden gebrochen, ein möglichst
dauerhafter Klärungsprozess kann beginnen.
-
dass externe Berater immer dann
geholt werden, wenn das System nicht mehr weiter weiß. Oftmals liegen
auch unangenehme Dinge an, die ein externer Berater besser "erledigen"
kann.
-
dass systemische Berater die
ethische Dimension eines Auftrags berücksichtigen müssen.
-
Wo setze ich meine Grenzen?
-
-
Bin ich bereit einen Alibi-OE-Prozess
zu übernehmen, um lediglich Outplacement Aufgaben zu erledigen?
-
-
Bin ich in der Lage einen offenen
Prozess so zu gestalten, dass Respekt und Toleranz den Beteiligten gegenüber
berücksichtigt bleiben?
Für jedes Organisationsentwicklungsprojekt
muss aufs Neue möglichst genau geklärt werden, welche Ziele mein
Kunde verfolgt. Hierzu hilft in vielen Fällen die "Wunderfrage", d.h.
Technik des zweiten Futurs.
Grundsätzlich erwarte
ich als Berater von meinen Kunden die Bereitschaft ein besprochenes Ziel
über verschiedene Wege erreichen zu können, die Betroffenen zu
Beteiligten zu machen, bzw. im Laufe des Prozesses die Bereitschaft erkennen
zu lassen, die Strategie ändern zu wollen und somit ‚lernbereit‘ zu
sein, zu werden oder zu bleiben.
Meines Erachtens muss ich
mir jedoch eingestehen, dass ich mit jedem Auftrag zum einen mein Wertesystem,
zum anderen die Kundensituation konstruiere und damit jederzeit die Chance
habe, mich selbst zu "betrügen".
Als Fazit bzgl. der Klärung
des Auftrages halte ich für mich als systemischen Organisationsentwickler
zwei wesentliche Grundsätze fest:
-
Holzauge sei wachsam. Der Auftrag
wird niemals ganz klar sein!
-
Es könnte auch immer ganz
anders sein!
12. Literaturverzeichnis:
Königswieser, R. und
andere (1995): Systemische Interventionen in der Beratung.
Maturana, H.R. /Varela, F.J.
(1987): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen
Erkennens.
Luhmann, N. (1993): In: Fischer,
H.R. und andere (HG.):Das Ende der großen Entwürfe.
Probst, G./Blüchel,
B.S.T. (1994): Organisationales Lernen. Wettbewerbsvorteil der Zukunft.
Watzlawick, P. und andere
(1990): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien.
Vogel, Ch. und andere (1994):
Werkbuch für Organisationsberater.
Von Schlippe, A. /Schweitzer,
J. (1996): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung.
Von Foerster, H. (1990):
Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Watzlawick, P. (Hg.): Die erfundene
Wirklichkeit. Wie wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus.

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Der Autor
Jörg P. Kowalewski
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Jg. 1971, absolvierte eine Bankausbildung, ehe er im Vertrieb als Vermögensberater
im Privatkundengeschäft tätig war. Entwickelte sich zur Führungskraft
weiter und führte eine Filiale einer deutschen Großbank. Koordinierte
für den Bereich Marketing einen Bereich der internen Kommunikation
zwischen Hauptverwaltung und Filialnetz. Im Bereich Personalentwicklung
und Training zuständiger Trainings Manager für die Themen Führungskräftenachwuchsprogramm,
Einführungsprogramme für neue Mitarbeiter und Verkaufstraining.
Besitzt Zusatzqualifikationen in den Bereichen Gruppendynamik und Transaktionsanalyse,
sowie als systemischer Organisationsberater. Seit 1999 tätig als Berater
und Trainer in den Bereichen Management, Marketing und Vertrieb und betreut
hierbei vor allem Großprojekte mit internationalem Charakter.
Batenbrockerstr. 42
45329 Essen
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Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002
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