Gemäß dem Philosophen Wolfgang Welsch, der die deutsche Postmoderne-Diskussion der 1980er und 90er Jahre maßgeblich beeinflusst hat, ist keine "Wirklichkeitsbeschreibung tragfähig [...], die nicht zugleich die Plausibilität der Gegenthese verfolgt."[1] Denn "Ambivalenz ist das mindeste, womit man bei den gegenwärtigen Weltverhältnissen rechnen muß."[2] Die 22. Einstellung des Gepfefferten Ferkels steht mit den beiden Titelbeiträgen im Kontext dieses Ambivalenzgedankens. Denn wir präsentieren Ihnen zwei Aufsätze, in denen aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen recht gegensätzlich bewertet und eingeordnet werden.
So vertritt Jesús Hernández Aristu in seinem Beitrag Sozialarbeit in der Postmoderne die These, dass wir in einer Zeit radikaler Pluralität leben, in der sich die lebensweltlichen und funktionssystemischen Kontexte der Menschen grundsätzlich wandeln. Dem entgegengesetzte Sichtweisen referiert Claudia Winkler, wenn sie mit ihrem Beitrag Moderne Gesellschaften und Geburtenrückgang zur Lektüre des Buches Liebe in den Zeiten der Weltgesellschaft von Karl Otto Hondrich einlädt. Hondrich, der Soziologie-Professor an der Universität in Frankfurt am Main war und kürzlich verstarb, widerspricht den gängigen soziologischen Thesen von Individualisierung und Pluralisierung. Vielmehr erblickt er in aktuellen Wandlungen der Arbeit oder der Geschlechterverhältnisse eine Bewegung in Richtung traditionaler Bindungen. Wir alle seien stärker rückgebunden an unsere Familie oder unsere Ahnen, als wir gemeinhin glauben.
Aufmerksamen Leserinnen und Lesern des Gepfefferten Ferkels wird an dieser Stelle vielleicht auffallen, dass mit dem Beitrag über Hondrichs Buch indirekt an die letzte Einstellung angeschlossen wird, in der das Thema "Systemische Aufstellungen" im Mittelpunkt stand. Denn dort hat Wilfried Nelles darauf hingewiesen, dass man mit Hondrichs Thesen die Ergebnisse von Familienaufstellungen, die ja ebenfalls Rückbindungen anschaulich machen, soziologisch fundieren kann.
In der Rubrik Soziale Arbeit stellen wir Ihnen zwei Beiträ¤ge vor: Jürgen Weihrauch postuliert in seinem Text Komm mir in die Quere, aber steh mir nicht im Weg! für einen konsequent ressourcenorientierten Ansatz für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe. Es ist äußerst anregend und hinsichtlich der Gestaltung des Heimalltags sehr gewinnbringend, vom Autor zu erfahren, wie es möglich wird, mit Kindern und Jugendlichen so zu arbeiten, dass kommunikative Muster des Problematisierens nachhaltig verlassen werden können. Franz Hochstrasser stellt uns sein Referat Sozialarbeit: Zukunftsbezogen Handeln zur Verfügung, das er erarbeitet hat für die Internationale Konferenz "Die Soziale Arbeit im Lichte der europäischen Strafvollzugs-Standards: Theorie und Praxis" (Wologda, Russland, 23. - 24. April 2007) und in dem er für eine sozialarbeiterische "Zukunftskompetenz" plädiert.
In der neuen Rubrik Systemische Innovationen präsentieren wir Ihnen Beiträge, die aus unserer Sicht unbekanntes Terrain betreten, die Ansä¤tze offerieren, die als richtungsweisend betrachtet werden können: Unser Redaktionsmitglied Andreas Hampe-Grosser berichtet über Family Group Conferencing (FGC) - neben dem äußerst innovativen Verfahren auch über eine Tagung dazu, die am 14. Oktober 2006 in Kopenhagen stattfand und an der er als deutscher Vertreter dieses Ansatzes teilnahm. Aus unserer Sicht ist der Verwandtschaftsrat, wie dieses Konzept im deutschsprachigen Raum auch genannt wird, das Innovativste in Sachen Soziale Arbeit mit Familien, was derzeit auf dem Markt sozialer Dienstleistungen zirkuliert; denn es erfordert eine völlig neue Haltung von Fachkräften. Björn Riegel stellt in seinem Aufsatz Mehr Vielfalt durch Rauchstopp ein hypnosystemisches Konzept der Raucherentwöhnung vor, das er entwickelt, erprobt und evaluiert hat. Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass ein solcher Ansatz zu aktuellen Diskursen um die Veränderung der gesellschaftlichen Haltung zum Rauchen ausgesprochen gut passt. Und schließlich präsentieren wir einen Beitrag von Joachim Stamm, Systemische Integration, der ein sehr erfolgversprechendes Konzept entwickelt hat zur Arbeitsmarktintegration, das als konstruktive Alternative zu den gängigen Konzepten im Kontext von Hartz IV angesehen werden kann.
In der Rubrik Supervision und Coaching bieten wir Ihnen einen Text von unseren Beiratsmitglied Bernd Schmid, Träume im Coaching, der vorführt, welche Perspektiven sich mit der Arbeit an Träumen eröffnen.
Schließlich haben wir vier Rezensionen von Büchern aufgenommen, die wir unseren Leserinnen und Lesern empfehlen können:
Wie immer, liebe Leserinnen und Leser, wünscht Ihnen die Redaktion eine erkenntnisreiche und spannende Ferkel-Lektüre!
Auch diesmal freuen wir uns sehr über die Mitteilung von Leseeindrücken, ja über Rückmeldungen jeder Art.

Prof. Dr. Heiko Kleve
Verantwortlicher Redakteur
Berlin im Juni 2007
1 Wolfgang Welsch (1990): Ästhetisches Denken. Stuttgart: Reclam, S. 192
2 Ebd.
Das gepfefferte Ferkel - Online-Journal für systemisches Denken und Handeln - Juni 2007
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