von Heiko Kleve
Das systemische Denken ist in unterschiedlichen Spielarten seit Jahrzehnten in der Sozialen Arbeit gängig. SozialarbeiterInnen sind seit sie als professionelle ExpertInnen versuchen, ihre KlientInnen zur Selbstveränderung anzuregen, seit sie also in Berufsarbeit Hilfe zur Selbsthilfe leisten, von ihrer Grundorientierung sozial-systemisch ausgerichtet; sie haben nicht nur die Person des Klienten im Blick, sondern auch dessen soziales Umfeld, dessen Mitgliedschaften in soziale Systeme. Nach den Klassikerinnen der sozialen Diagnose, des Casework, Mary Richmond und Alice Salomon, geht es in der Sozialen Arbeit sowohl um Verhaltens- als auch um Verhältnisänderung. Die KlientInnen werden im Kontext ihrer sozialen Umwelt gesehen, und dementsprechend wird die Hilfe geleistet, nämlich individual- und sozialsystemorientiert.[1]
Wenn wir diesen doppelten Fokus betrachten, in der Hilfe sowohl am Individuum als auch an dessen sozialer Umwelt anzusetzen, trifft es nicht zu - wie jedoch nicht selten vermutet wird -, dass die Sozialarbeit ihre sozial-systemische Orientierung der Familientherapie verdankt, die in den letzten Jahrzehnten die sozialarbeiterische Theorie und Praxis zweifellos sehr befruchtet hat. Der Sachverhalt stellt sich genau genommen umgekehrt dar, wie Fritz B. Simon, systemischer Therapeut und Theoretiker festhält: Die systemische Therapie bzw. Familientherapie habe "ihre Wurzeln zum großen Teil in der Sozialarbeit und in der Schizophrenieforschung [...]: beides sind Bereiche, die die Erfahrung vermitteln, daß das menschliche Individuum nicht 'kleinste therapiefähige Einheit' ist".[2]
Diese Aussage wird trotz der bereits beschriebenen sozialarbeiterischen Doppelorientierung möglicherweise dennoch verwundern. Denn frühe Konzepte der Sozialen Arbeit (z.B. Casework) waren eher psychoanalytisch unterfüttert. Und vielen SystemikerInnen erscheint gerade die Psychoanalyse, zumindest bezüglich der Beachtung des Sozialsystemischen, äußerst blind. Wenn wir uns jedoch sozialpädagogische Konzepte anschauen, die beispielsweise auf Arbeiten des psychoanalytischen Sozialpädagogen Siegfried Bernfeld fußen, dann fällt ins Auge, dass auch hier durchaus sozialsystemisch gedacht wurde. Bernfeld interessiert sich nämlich für den 'sozialen Ort' und für dessen Bedeutung für 'Neurose', 'Verwahrlosung' und Sozialpädagogik und fragt nach den "sozialen Determinanten des seelischen Geschehens".[3]
Der soziale Ort ist im Grunde genommen das, was man im systemischen Denken den Kontext nennen würde, nämlich die zeitliche (historische), soziale (etwa gesellschaftliche, organisatorische oder interaktionelle) und sachliche (z.B. milieuspezifische) Prägung bzw. Einbettung des individuellen Verhaltens. Obwohl Bernfeld 1929 selbst einräumte, dass der soziale Ort, mithin dieser sozialsystemische Gesichtspunkt des Kontextes in der Psychoanalyse und in der an ihr ausgerichteten Sozialarbeit "bisher wenig intensiv beachtet wurde"[4], muss man dennoch zugestehen, dass bereits Sigmund Freud, etwa in der Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921), versuchte, die sozialpsychologische Präzision seiner psychoanalytischen Betrachtungen zu schärfen.
Allerdings soll hier sogleich angemerkt werden, dass Freuds Blick auf das soziale Geschehen vom einzelnen Individuum ausgeht, während die systemische Perspektive die Interaktionen zwischen den Individuen bzw. die Kommunikationen und ihre Wirkungen in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Das Soziale erschließt sich für Freud durch die Betrachtung des "Seelenleben[s] des Einzelnen", in dem "ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht [kommt]".[5] Psychoanalytisch wird also in erster Linie das sozial Internalisierte betrachtet, das vom Sozialen geformte, geprägte, eingeschriebene Individuelle, bzw. das aktuell im Individuum manifestierte Historische (z.B. hinsichtlich der frühkindlichen Prägungen innerhalb der Familie). Im Gegensatz dazu ist der systemische Fokus auf das aktuelle Zwischen der Individuen ausgerichtet. Dabei geraten nicht so sehr die Individuen als selbstständige Einheiten in den Blick, sondern deren Handlungen werden als Elemente komplexer Kommunikationszusammenhänge angesehen. Innerhalb dieser Zusammenhänge, die wir auch soziale Systeme nennen können, werden den Handlungen soziale Bedeutungen verliehen, binden sich diese Handlungen ein in schwer zu analysierende zirkuläre Kausalitätsketten, in Muster und Schleifen.
Kommunikationszusammenhänge bzw. soziale Systeme sind also der Kontext für das Verhalten von Menschen, in ihnen wird sozialer Sinn, wird Bedeutung zugeschrieben, wird verstanden oder missverstanden, entstehen Konflikte oder Lösungen. Im Folgenden soll es um die Betrachtung derartiger Kontexte gehen, und zwar zum einen in theoretischer und zum anderen in methodischer Hinsicht (siehe dazu II.). Schließlich werden der theoretische und der methodische Fokus um einen dritten erweitert, und zwar um den Fokus jener persönlichen Haltung, welche insbesondere das systemische Denken heraus fordert. Diese Haltung, so konnte ich vor allem in Zusammenarbeit mit Britta immer wieder erfahren und als Modell von ihr lernen, ist wohl die systemische Grundhaltung schlechthin; es ist eine Haltung, die ich kontextuelle Sensibilität nennen möchte (siehe dazu III.).
Systemisches Denken ist kontextuelles Denken, ist ein Denken, das sensibel die sozialen Kontexte, in denen Verhalten Sinn und Bedeutung verliehen wird, betrachtet und seine Praxis darauf einstellt. Die Bedeutung des Kontextes für die Wahrnehmung und die zwischenmenschliche Kommunikation hat insbesondere der amerikanische Anthropologe sowie Informations- und Systemtheoretiker Gregory Bateson hervorgehoben und beispielsweise anhand einer Theorie des Spiels und der Phantasie (Bateson 1955) dargestellt. Nach Bateson kann ein Kontext mit einem Bilderrahmen verglichen werden: "Der Bilderrahmen sagt dem Betrachter, daß er bei der Interpretation des Bildes nicht dieselbe Art des Denkens anwenden soll, die er bei der Interpretation der Tapete außerhalb des Rahmens einsetzen könnte".[6] Wenn wir bei dem Beispiel von Bateson bleiben, können wir sagen: Das Bild lässt sich einem anderen Kontext zuordnen als die Tapete; für das Bild innerhalb des Rahmens gelten andere Regeln der Bedeutung oder Bewertung als für die Tapete.
Ein Kontext kann aber auch (metaphorisch) als eine Geschichte bezeichnet werden, die nach bestimmten Regeln erzählt wird oder in der Aussagen und Beschreibungen feste Bedeutungen zugeschrieben werden. Darüber hinaus lässt sich ein Kontext als ein "Muster in der Zeit" verstehen.[7] Immer wiederkehrende Handlungen werden in spezifischen Situationen oder zu konkreten Zeitpunkten bzw. -abschnitten mit bestimmten Bedeutungen verbunden. In anderen Situationen oder zu anderen Zeitpunkten wären die gleichen Handlungsabläufe möglicherweise völlig bedeutungslos, erschienen als verrückt oder böswillig.
Kontexte, so sagten wir bereits, verleihen Verhalten Sinn; erst durch dieses Sinnverleihen ist es möglich, dass Kommunikationen Personen als bewusste Handlungen zugerechnet (attribuiert) werden. Denken wir beispielsweise an einen Anhalter, der am Straßenrand steht und den vorbeifahrenden Autos winkt, um mitgenommen zu werden. Dieser Mensch kann lange an der Straße stehen, wenn eine Fahrerin oder ein Fahrer, sein Verhalten nicht demselben Kontext zuordnet wie er selbst, nämlich Per-Anhalter-Fahren. Solange die AutofahrerInnen sein Winken nicht als Mitteilung der Information, dass er mitgenommen werden will, verstehen, weil sie seine (ritualisierten, einer bestimmten Regel folgenden) Gesten aus welchen Gründen auch immer nicht kennen, werden sie ihn höchstwahrscheinlich ein wenig merkwürdig finden. Wenn sie anhalten, nehmen sie ihn sicher nicht dorthin mit, wohin er möchte, sondern ziehen eher in Erwägung, die Polizei, die Psychiatrie oder andere Institutionen der sozialen Kontrolle zu benachrichtigen, um diesen so seltsam am Straßenrand herumhampelnden Menschen in Gewahrsam zu nehmen.
Wie das Beispiel zeigt, müssen Personen, um miteinander erfolgreich (entsprechend ihrer Intentionen) interagieren zu können, von denselben Kontexten ausgehen, d.h. Verhaltensweisen mit einem ähnlichen Potential von möglichen Bedeutungen beobachten können. Sie müssen, anders gesagt, die gleichen sinnhaften Regeln (für das Interaktionsspiel) akzeptieren. Immer wenn dies nicht der Fall ist, kommt es zu Verwirrung oder schlimmer: zur Unterstellung von Böswilligkeit oder Verrücktheit. "'Mad or bad?' - 'Verrückt oder böse?', das ist die Frage, die sich stellt, wenn jemand den Rahmen der gewohnten Spielregeln verläßt und ihre Gebote und Verbote mißachtet".[8] Auf diese Bedeutung des Rahmens von Verhalten weisen auch Paul Watzlawick und seine KollegInnen hin. Verhalten, z.B. innerhalb psychologischer Experimente, bleibe völlig unerklärlich oder erschiene pathologisch, wenn es nicht in Relation bzw. innerhalb seines sozialen Kontextes gesehen werde.[9] Zusammenfassend lässt sich daher sagen, Kontext ist der "Bezugsrahmen bzw. Zusammenhang, worin Verhaltensweisen und verbale wie averbale Mitteilungen ihre Bedeutung erlangen".[10]
Daher ist es in der systemisch orientierten Sozialarbeit eine zentrale Methode, zunächst einmal Kontextklärungen durchzuführen, um die Erwartungen, die aus den jeweiligen Kontexten auch auf die aktuelle Beratung Einfluss haben, zu thematisieren oder zumindest zur Kenntnis zu nehmen. So müssten in jeder Beratung mindestens acht Kontexte mit den KlientInnen geklärt werden, acht Kontexte, in denen das Verhalten der KlientInnen spezifischen Sinn hat und die weiterhin Auswirkungen haben auf das jeweils aktuelle Geschehen der Beratung. Diese Kontexte sind im Einzelnen:
Neben der knapp dargestellten theoretischen und methodischen Bestimmung des Kontextes, zeichnet sich die systemische Sozialarbeit insbesondere durch ihre besondere Haltung aus. Denn systemisches Denken lässt sich - wie jedes methodische Konzept, z.B. auch die klientenzentrierte Beratung, die psychoanalytisch orientierte Sozialarbeit etc. - dreifach dimensionieren: in Theorie, Methode und Haltung. Während wir bisher vor allem theoretische und einige methodische Ideen zum Kontext in der systemischen Sozialarbeit kennen gelernt haben, sollen nun schließlich einige Aspekte zur systemischen Haltung der kontextuellen Sensibilität bzw. kurz: der Kontextsensibilität aufgezeigt werden, die natürlich auch methodische, im Folgenden eher didaktische Implikationen haben. Kontextsensibilität, wie ich finde, die systemische Haltung schlechthin, beobachtet man am besten bei erfahrenen SystemikerInnen, die dann zugleich Modell werden können, um die eigene diesbezügliche Haltung zu schulen, um mithin kontextsensibilisierende und -explizierende Methoden professionell zu habitualisieren, also zur alltäglichen Gewohnheit werden zu lassen.
Ich hatte und habe das große Glück, Britta als Modell, als Vorbild erleben zu dürfen. Und so war und ist gerade Britta für mich Vorbild und Modell für das Erlernen der Kontextsensibilität. Da ich insbesondere in zwei Kontexten, in Seminaren, also in Interaktionskontexten und im übergeordneten institutionellen Kontext, der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, also im hochschulischen Organisationskontext eng mit Britta zusammen arbeite, will ich insbesondere anhand des Seminarkontextes exemplarisch zeigen, was es heißt, kontextsensibel zu sein. Alles, was ich also hier formuliere, sind Versuche, das zu abstrahieren, was ich bei Britta gelernt, erfahren und erleben durfte.
Seminare gehören entsprechend der soziologischen Systemtheorie zu den sozialen Interaktionssystemen,[12] d.h. in ihnen wird in Form von face-to-face-Beziehungen, also unter Anwesenden kommuniziert. Von Britta habe ich gelernt, dass Seminare eine ganz besondere Kontext-Form sind, in denen man als Lehrende/r sehr sensibel agieren sollte, will man sowohl bezüglich der SeminarteilnehmerInnen als auch bezüglich der eigenen Person erfolgreich sein. Dies soll anhand von vier Punkten ansatzweise verdeutlicht werden:
Erstens kommt es auf den Herkunftskontext der SeminarteilnehmerInnen an. Dabei geht es um ein methodisches Grundpostulat, das auch in der praktischen Sozialarbeit entscheidend ist, nämlich darum, dort anzufangen, wo die TeilnehmerInnen stehen, sie dort abzuholen, wo sie sie sich befinden. Dies hört sich zunächst einmal banal und floskelhaft an, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht. Denn aus den Berichten von Britta und inzwischen auch aufgrund meiner eigenen Erfahrung in der Lehre weiß ich, dass der Erfolg eines Seminars unmittelbar mit der Umsetzung dieses Postulats zusammen hängt. Nun lassen sich jedoch verschiedene Ebenen unterscheiden, verschiedene Orte, an denen die TeilnehmerInnen jeweils stehen und von denen sie abgeholt werden sollten.
Zum einen spielt der emotionale Ort eine bedeutende Rolle, der Ort also, der die Gefühle beherbergt, die die TeilnehmerInnen beim Besuchen des Seminars begleiten. Allerdings hängt es wiederum vom spezifischen Seminarkontext, von der Art des Seminars ab, ob und inwiefern der emotionale Ort aufgesucht werden kann. Handelt es sich um ein über mehrere Semester laufendes Projektseminar, in dem auch selbsterfahrungsbezogen gearbeitet wird, in dem daher besonders auf gruppendynamische Prozesse ein Auge zu richten ist, sollte der emotionale Ort auf jeden Fall gründlich erkundet werden. Im Gegensatz dazu wird ein Seminar, das über ein Semester mit zwei Semesterwochenstunden stattfindet, den emotionalen Ort wenn überhaupt, dann eher oberflächlich streifen können. Wenn ein Aufsuchen dieses Ortes allerdings möglich ist, dann kann dies fortlaufend geschehen durch Ankommensrunden oder Blitzlichter, in denen die TeilnehmerInnen gebeten werden zu verbalisieren, wie sie angekommen sind oder in welchen Stimmungen sie sich gerade befinden. Denn diese Stimmungen, diese Gefühle prägen ihre Erwartungen - und natürlich auch umgekehrt: die Erwartungen prägen ihren emotionalen Ort, bestimmen ihre Gefühle.
Die Erwartungen gehen auf den kognitiven Ort zurück, der zum anderen eine entscheidende Rolle spielt. Der kognitive Ort beherbergt das, was die SeminarteilnehmerInnen bisher wissen, und zwar nicht nur zum Thema des Seminars, sondern auch bezüglich der Dozentin/des Dozenten; wobei dieser Aspekt nicht unbedingt expliziert werden muss, ist jener ausgesprochen wichtig bei der Seminardurchführung. Es gilt nämlich, bei dem Wissen der SeminarteilnehmerInnen anzukoppeln, daran aufzubauen, neues Wissen an bereits existierendes anzuschließen, so dass alle Techniken, die dazu dienen, die SeminarteilnehmerInnen als ExpertInnen des jeweiligen Themas ernst zu nehmen und zur Mitarbeit einzuladen, anwendbar sind (z.B. Gruppen-Brainstorming, Metaplan-Technik, Kleingruppenarbeit zu entsprechend vorbereiteten Fragen etc.). Gerade mit der Haltung, die SeminarteilnehmerInnen am kognitiven Ort abzuholen, an dem sie stehen, habe ich ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht. Überdies ermöglicht eine solche Vorgehensweise ein erlebnisorientiertes Unterrichten, das induktiv ansetzt, also an den konkreten Erfahrungen der TeilnehmerInnen, um von diesen ausgehend neues Wissen zu entwickeln, erfahr- und erlernbar zu machen.
Zweitens kommt es auf eine für die TeilnehmerInnen nachvollziehbare Seminarstruktur an. Das, was behandelt wird, muss sich schlüssig für die TeilnehmerInnen aus der Logik des Seminars bzw. aus der Logik ihres eigenen bisherigen Wissens und des noch zu erlernenden Stoffes ergeben. Die Struktur steckt den Lernrahmen ab, setzt Grenzen und schafft damit Räume des Erfahrens und Lernens, auch vor allem Räume der Orientierung, der Sicherheit. Dieser - Struktur genannte - roten Faden ist ein ausgesprochen entscheidendes Kriterium, welches den Erfolg von Seminaren unmittelbar tangiert. So ist es beispielsweise ratsam (etwa in über längere Zeiträume laufenden Projektseminaren), diese Struktur gemeinsam, mithin demokratisch/aushandlungsorientiert mit den TeilnehmerInnen zu erarbeiten. Das erhöht die Selbstbindung der Seminarmitwirkenden, die zukünftige Bereitschaft, kontinuierlich an dem Erarbeiteten dran zu bleiben und dabei erfolgreich sein zu wollen. Denn dafür, wofür man selber steht, was man selber mit entworfen hat, wird man eher Energie und Zeit einsetzen, als für Vorgesetztes, welches man nicht mitgestalten konnte.
Drittens ist eine positive Grundhaltung den TeilnehmerInnen und der Seminarstruktur gegenüber geboten, wenn ein Seminar erfolgreich laufen soll. Mit positiver Grundhaltung ist in diesem Sinne etwas gemeint, was man in der systemischen Beratung auch als Lösungs- oder Ressourcenorientierung bezeichnet, nämlich auf die Stärken, auf die Potentiale sowohl der TeilnehmerInnen als auch der inhaltlichen Möglichkeiten der Seminarstruktur zu bauen. Es geht also genau genommen darum, den uns oft noch anhaftenden Defizitblick zu Gunsten eines Ressourcenblicks, zu Gunsten einer wertschätzenden Perspektive zu verlassen - positiv formuliert: auf die Stärken zu bauen, diese zu bündeln, um - wie man heute so schön sagt: Synergieeffekte zu erzielen.
Viertens ist eine - man könnte fast sagen: alles entscheidende Komponente - die Herstellung der Beziehungsebene. Nach Paul Watzlawick u.a. können wir bekanntlich in der Kommunikation zwischen Inhalts- und Beziehungsebene unterscheiden, wobei diese jene bestimmt.[13] Und nicht anders verhält es sich in Seminaren. Wenn die Beziehungsebene zwischen der Dozentin/dem Dozenten und den TeilnehmerInnen und auch zwischen den TeilnehmerInnen nicht auf eine konstruktive, wohlwollende, wertschätzende, kreative Weise hergestellt wurde, wird auch der spannendste Inhalt nicht effektiv vermittelt, erlernt, erfahren werden können. Erst auf dem Hintergrund förderlicher Beziehungen., in denen die Rollen eindeutig und nachvollziehbar zugeschrieben sind, lässt sich Wissen nachhaltig, d.h. wieder abrufbar und einsetzbar vermitteln. Wenn die Beziehungsebene sowohl zwischen TeilnehmerInnen (und zwar als symmetrische Form) als auch zwischen der Dozentin/dem Dozenten (und zwar in komplementärer Form) hergestellt ist, dann kann selbst zunächst "trocken" wirkender, aber wichtiger Lernstoff attraktiv und spannend vermittelt werden.
Meines Erachtens sind die vier genannten Aspekte zentrale Leitgedanken bei der Kontextsensibilität in der Lehre. Eine solche Kontextsensibilität ist vor allem in der Ausbildung der Sozialen Arbeit ausgesprochen wichtig, weil sie zugleich auch für die SeminarteilnehmerInnen als Modell dienen kann, kontextsensibel in der Praxis zu werden. Mir zumindest war das Modelllernen bei Britta eine der wichtigsten Möglichkeiten, um meine eigene kontextuelle Sensibilität zu schulen. Genau dafür möchte ich mich Britta herzlich hiermit bedanken. Vielen Dank, liebe Britta, dass du mich eingeladen hast, bei dir zu lernen!
Autor: Heiko Kleve, geb. 1969, Dr. phil. in Soziologie, Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Konflikt-Mediator (ASFH). Gastprofessor für Soziale Arbeit (Sozialarbeitswissenschaft) an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin und freiberuflich tätig in der Jugendhilfe, der Fort- und Weiterbildung und der Mediation. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft, zu konstruktivistischen, systemischen und postmodernen Ansätzen in der Sozialen Arbeit, letzte Buchveröffentlichung: Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit (Freiburg/Br.: Lambertus 2000).
[1]Siehe zur Unterscheidung von Individualorientierung und Sozialsystemorientierung Heiko Kleve (1999): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Aachen: Kersting, S. 120ff./124ff.
[2]Fritz B. Simon (1983): Die Epistemologie des Nullsummen- und Nichtnullsummenspiels, in: Familiendynamik, Heft 4, S. 349f.
[3]Siegfried Bernfeld (1929): Der soziale Ort und seine Bedeutung für Neurose, Verwahrlosung und Pädagogik, in: ders. Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse. Band 2. Hrsg. von Lutz von Werder und Reinhart Wolff. Frankfurt/M.; Berlin; Wien: Ullstein (1974), S. 209.
[4]Ebd., S. 210.
[5]Sigmund Freud (1921): Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: ders.: Gesammelte Werke XIII. Frankfurt/M.: Fischer.
[6]Gregory Bateson (1955): Eine Theorie des Spiels und der Phantasie, in: ders.: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt/M: Suhrkamp (1981), S. 254.
[7]Gregory Bateson (1979): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Frankfurt/M.: Suhrkamp (1982), S. 24.
[8]Fritz B. Simon (1995): Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbstorganisation der Verrücktheit. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, S. 139f.
[9]Paul Watzlawick u.a. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber, S. 20f.
[10]Fritz B. Simon; Helm Stierlin (1984): Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Kritischer Überblick und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart: Klett-Kotta, S. 198.
[11]Vgl. ausführlich dazu Kleve (1999), a.a.O., S. 249ff. oder ders. (2000): Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus, S. 122ff.
[12]Vgl. Niklas Luhmann (1975): Interaktion, Organisation, Gesellschaft. Anwendungen der Systemtheorie, in: ders.: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 8-20.
[13]Vgl. Paul Watzlawick u.a. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber.
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