von Heinz Kersting (Juli 2002)
"Niemand kann nicht nicht
kooperieren"
(frei nach Paul Watzlawick)
Wenn TeilnehmerInnen in Weiterbildungs-Kursen zusammenkommen, sind sie sich fremd. Wollen sie fremd bleiben, versagen sie sich eine wichtige Quelle des Lernens. Wird die Vielfalt der Erfahrungen der anderen TeilnehmerInnen in den Blick genommen, potenziert sich das eigene Lernen. Nur wer die Erfahrungen der anderen schätzt und würdigt, ist in der Lage, mit anderen zusammen zu arbeiten.
Wo viele ihre Lernerfahrungen bündeln, wird das Miteinander-Lernen zur Lernkultur. Die Menschen kooperieren, um eine Aufgabe zu erfüllen. Theoretisch handelt es sich beim Lernen von Kooperation um eine Kybernetik zweiter Ordnung. Denn Kooperation lernen, heißt immer auch das Lernen zu lernen (vgl. Die Kybernetik der Supervision (Kersting, 2001); Kersting 2002). In wechselseitiger Kommunikation kooperieren die Lernenden im gemeinsamen Werk, sie lernen und kooperieren und sie lernen gleichzeitig kooperieren.
Darum haben wir uns als AusbilderInnen in den Aus- und Weiterbildungen (zur BeraterIn, zur SupervisorIn, zur OrganisationsentwicklerIn, zur GruppenleiterIn, zur ProjektmangerIn) am Institut für Beratung und Supervision in Aachen (IBS) zum didaktischen Ziel gesetzt, möglichst viele Lernsysteme zu schaffen, in denen die Mitglieder der Systeme nicht umhin kommen, zusammen zu arbeiten (vgl. Seliger 2000).
Selbstverständlich versuchen wir zu Beginn jeder Aus- und Weiterbildung, die übliche Fremdheit in Gruppen zu überwinden mit Hilfe von Übungen zum Kennenlernen (vgl. z.B.Praxis Spiel + Gruppe 1/2000). Wichtig ist uns, dass in den ersten Kursabschnitten, die TeilnehmerInnen in immer wieder wechselnden Untergruppen zusammen arbeiten müssen. Wir fördern so das Zusammentreffen von Menschen, die sich vorher fremd waren und wir achten darauf, dass sich nicht immer wieder die gleichen Arbeitsgruppen bilden.
In fast allen Ausbildungskursen haben wir als ständiges Element während der Kursabschnitte die Lerntriade eingeführt. Diese Lerngruppen werden zu Beginn jeder Kurseinheit einer Aus- und Weiterbildung gebildet und bestehen während der ganzen Kurseinheit. Bei der nächsten Kurseinheit (unserer zumeist längerfristigen Aus- und Weiterbildungen) wechselt die Besetzung der Triade. Diese Lerngruppen erhalten jeden Tag eine Zeit von mindestens 90 Minuten, um in der geschützten Kleingruppe sich über das Kursgeschehen auszutauschen, sich Feed-back zu geben oder abgesprochene Lernkontrakte zu überprüfen. Das, was in der Lerntriade besprochen wird, bleibt Eigentum der Lerntriade, es sei denn die Kleingruppe beschließt gemeinsam, etwas aus der Triade ins Plenum zu bringen.
Da die meisten unserer Aus- und Weiterbildungen BeraterInnenausbildungen sind, üben sich die KursteilnehmerInnen auf diese Weise in jedem Kursabschnitt mit wechselnden PartnerInnen bereits ein in die Aufgabe, die sie mit dieser Aus- und Weiterbildung angezielt haben. Sie lernen beraten und lernen sich beraten zu lassen. Die Fähigkeit, selbst für sich Rat suchen zu können, halten wir für eine der wichtigen Voraussetzungen für die BeraterInnentätigkeit. Zugleich lernen sie mit anderen zu kooperieren, was wir ebenfalls für eine der notwendigen Kompetenzen von BeraterInnen ansehen. Beratung geschieht – vor allem in den von uns bevorzugten systemischen Settings – in der Regel zu zweit. Genau diese Fähigkeit, in der Beratung zu kooperieren und nicht zu konkurrieren, muss ausdrücklich gelernt werden. Für den Erwerb der Kompetenz zum "Teamberaten" – in Anlehnung an das "Teamteaching" – bietet die von Kursabschnitt zu Kursabschnitt wechselnde Lerntriade ein günstiges und geschütztes Lernfeld.
In all unserenlängerfristigen Aus- und Weiterbildungen haben wir sogenannte Studiengruppen eingerichtet, die neben den Kursabschnitten der Gesamtgruppe in regelmäßigen Abständen bis zum Ende der Ausbildung tagen. Es handelt sich um Peergruppen. Die Kursbegleitung kontrolliert nur, ob die Gruppen sich treffen, auf die Inhalte nimmt sie keinen Einfluss. Je nach Ziel der Aus- und Weiterbildung variieren die Inhalte. In beratungsorientierten Ausbildungen steht oft die gegenseitige Beratung im Vordergrund, aber auch Themen der Ausbildung, Literaturstudium, Besprechen von Hausarbeiten oder gemeinsame Akquise von Kunden werden zu Inhalten der gemeinsamen Kooperation.
Meistens werden diese Studiengruppen im zweiten Kursabschnitt – oft in einem langen, manchmal mühsamen gruppendynamischen Prozess – gebildet. Dabei können Erfahrungen der Wahl und der Ablehnung, der Konkurrenz und der Bevorzugung gemacht werden. Immer werden diese Erfahrungen in der Gesamtgruppe aufgearbeitet. So kann deutlich werden, welche Variablen das Kooperieren beinhaltet. In manchen Kursen wählen die Studiengruppen auch die SprecherInnen des Kurses. Diese VertreterInnen kooperieren dann mit der Kursleitung hinsichtlich didaktischer Planung und in Organisationsfragen.
In den meisten Aus- und Weiterbildungen im IBS kommen die TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland, Belgien und Luxemburg. Interessant für uns ist, dass die räumliche Nähe der TeilnehmerInnen nur selten das Kriterium für die Wahl der Zusammensetzung der Studiengruppe ist. Oft ist es die wechselseitige Sympathie, nicht selten jedoch der Wunsch von den unterschiedlichen Kompetenzen der Gruppenmitglieder zu profitieren. Sehr bald schon steht – unserer Erfahrung nach – das Thema der Kooperation im Mittelpunkt der Verhandlung.
In der Ausbildungsgruppe selbst nutzen wir die existierenden Studiengruppen häufig für Übungen zum Beispiel von Gruppen- oder Teamsupervision, bzw. Gruppenberatungen. So wird es für uns möglich, an bestehenden Gruppen leichter Phänomene der Beratung aufzeigen zu können als an ad hoc für Rollenspiele zusammengestellten Gruppen. Diese Übungen sind für die Gruppen immer auch ein Ernstfall ihres Studiengruppengeschehens, der zurückwirkt auf die Kooperation ihrer Gruppe.
In den Weiterbildungen zur OrganisationsentwicklerIn haben die Studiengruppen außerdem noch eine ganz besondere Funktion. Diese Gruppen bilden für die Dauer eines Jahres eine kleine Beratungsfirma, die ein Projekt akquiriert und durchführt, so als ob die Gruppe eine reale Firma auf dem Beratungsmarkt wäre. In der Gruppe müssen alle Fähigkeiten zur Kooperation aufgewandt werden, um das Projekt zu einem guten Erfolg zu bringen. Die einzelnen Fähigkeiten hinsichtlich Akquise, ein Angebot zu erstellen, Kalkulieren, Präsentieren, Teilschritte im Projekt durchzuführen, Evaluieren usw. müssen in der Gruppe zusammenspielen. Hier bietet sich eine Fülle an Möglichkeiten, Kooperation einzuüben und zu erlernen. Da die Kunden in der Regel sofort vergessen, dass es sich um eine Anfängergruppe handelt, ist hier unmittelbar der Ernstfall eines Organisationsentwicklungs-Projektes gegeben, der nur mit Hilfe einer vorzüglichen Kooperation der PartnerInnen zu meistern ist. Aus diesem Grund ordnen wir einer jeden Studiengruppe eine SeniorbeaterIn zu, die sich im Laufe dieses Jahres etwa sieben Mal mit der Projektgruppe zu Metaberatungen trifft. Neben der Reflexion der konkreten Arbeit steht ganz besonders die Kooperation der "Firmenangehörigen" im Fokus der Seniorberatung. Da Kommunikation und Kooperation selbst häufige Themen und Beratungsgegenstände in Organisationsentwicklungen sind, wird hier die Kybernetik der Kybernetik in der Seniorberatung als einer Beobachtung zweiter Ordnung besonders deutlich. Kooperation erlernen ist eines der Ziele in der Organisationsberatung und sie soll durch die Organisationsentwicklung gelernt werden. Gleichzeitig lernen die angehenden OrganisationsberaterInnen im Projekt selbst das Kooperieren, das in der Seniorberatung reflektiert wird. Diesem Kooperationslernen kann die TeilnehmerIn nur entkommen, indem sie die Weiterbildung abbricht.
Interessant für uns ist, dass einige dieser "Firmen" tatsächlich später zu echten Firmen wurden. Das gemeinsame Erlernen von Kooperation hatte die Basis für erfolgreiche Zusammenarbeit gelegt.
Wenn die kleinen Firmen in den Kursmodulen in der Gesamtgruppe von ihren Projekten berichten, bilden die übrigen Mitglieder der Kursgruppe immer zwei reflecting teams, die die berichtenden Mitglieder der Firma aus der Vogelperspektive beobachten, und hinterher im Miteinander-Reflektieren den Berichtenden Feed-back geben.
Die Mitglieder des ersten reflecting Teams teilen sich ihre Beobachtungen so auf:
Die Mitglieder des zweiten reflecting Teams teilen sich ihre Beobachtungen folgendermaßen auf:
Nach dem Bericht tauschen nacheinander die Mitglieder der jeweiligen reflecting Teams ihre Beobachtungen aus der Vogelperspektive mit einander aus. Die Gruppe hört zu. In diesen Beobachtungen finden sich immer wichtige Hinweise auf die gegenwärtige Kooperation der Gruppe und Anregungen zu deren Verbesserung. Nach diesem Muster verfahren wir manchmal auch in den Kursmodulen der anderen Aus- und Weiterbildungen. In der Ausbildung zur Organisationsberatung benutzen wir sehr konsequent diese Beobachtung zweiter Ordnung, da wir der Meinung sind, dass Organisationsentwicklung mit einer guten Kooperation steht und fällt.
In allen übrigen Aus- und Weiterbildungen am Institut für Beratung und Supervision Aachen ist Gruppensupervision ein wesentlicher Bestandteil des Curriculums. Diese Supervisionen werden in der Regel von SupervisorInnen geleitet, die nicht zur engeren Kursleitung gehören. In diesen Supervisionen wird neben der Reflexion der in der Weiterbildung zu erlernenden Praxis die Supervisionsgruppe selbst als Medium des Lernens genutzt und dieses Miteinanderlernen immer wieder reflektiert. Die Mitsupervisandlnnen werden dann wechselweise zu MitsupervisorInnen (vgl. Foole, Kamphorst, Zier 1974). In dieser sehr intensiven Form des Miteinanderkooperierens wird sehr vieles gelernt, was ohne weiteres in die alltäglichen Kooperationssituationen transferiert werden kann.
In der Supervisionsausbildung benutzen wir zusätzlich das am IBS entwickelte Instrument der Triadenlehrsupervision (vgl. Krapohl/Quint/Krapohl 1997). Drei LehrsupervisandInnen arbeiten zusammen mit einer LehrsupervisorIn. Der Ablauf sieht folgendermaßen aus: Einer der TeilnehmerInnen der Gruppe bittet einen der anderen LehrsupervisandInnen für einen echten Fall aus seiner beruflichen Praxis um Supervision. Diese erteilt dann unter der Beobachtung der anderen LehrsupervisandIn und der LehrsupervisorIn echte Supervision. Anschließend wird die erteilte Supervision gemeinsam reflektiert. In der Triadenlehrsupervision müssen alle Fähigkeiten, die für einer brauchbare Kooperation erforderlich sind, angewandt werden. So kommen unterschiedliche Kompetenzen zum Tragen, die verschiedenen Sichtweisen von Situationen verhelfen die Ambiguitätstoleranz zu vermehren, Kritikannahmefähigkeit und Kritikbereitschaft sind wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Triadenlehrsupervision und müssen, wenn sie nicht vorhanden sind, eingeübt werden. Außerdem wird das Konkurrenzverhalten reflektiert und in eine ermutigende Kraft für die Kooperation umgewandelt.
Wir sind der Meinung, dass die Kooperation der Mitglieder der gesamten Kursgruppe das wichtigste Potential für das Lernen der Gruppe darstellt und eine fördernde Voraussetzung für den persönlichen Erfolg bietet, um das angestrebte Lernziel zu erreichen. Zum Meistern fast aller Situationen in der Aus- und Weiterbildung ist Kooperation erforderlich. Aus diesem Grund legen wir als AusbilderInnen auf die Reflexion der Kooperation ein ganz besonderes Augenmerk.
In all unseren Aus- und Weiterbildungen lehrt nicht eine einzelne Person sondern immer ein Team (Teamteaching). Darum achten wir ganz besonders darauf, dass die Mitglieder der Trainerteams MeisterInnen der Kooperation sind. Wir glauben, dass das meiste, was Menschen lernen nicht durch Information und Belehrung geschieht, sondern sich im Analogielernen ereignet.
Die Vorbildfunktion der TrainerInnen hinsichtlich ihrer Kooperation ist darum äußerst wichtig. Das entscheidende Qualitätsmanagement unseres Instituts bezieht sich immer auf die die Kooperationskompetenz der AusbilderInnen.
Foole, H., Kamphorst, I. Zier, H.: Gegenseitige Praxisberatung. In: Siegers, F.M.J. (Hg): Praxisberatung in der Diskussion. Lambertus, Freiburg 1974: 181-202.
Kersting, H.J.: Die Kybernetik der Supervision. Oder: Warum der Schäl gerne vier Vögel wäre. In: Das Gepfefferte Ferkel. Online-Journal für systemisches Denken und Handeln, www.ibs-networld.de, 9/2001.
Kersting, H.J.: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. Kersting-IBS, Aachen 2002: 17-48.
Krapohl, L., Krapohl, C., Quint, W.: Triadenlehrsupervision. In: Eckhardt, U.-L., Richter, K. Schulte, H. G.(Hg.): System Lehrsupervision. Kersting-IBS, Aachen 1997: 81-95.
Praxis Spiel + Gruppe 1/2000.
Seliger, R.: Systemisches Training – Bausteine für eine lernende Organisation. In: Kersting, H.J., Neumann-Wirsig, H. (Hg.): In Aktion: Systemische Organisationsentwicklung und Supervision. Kersting-IBS, Aachen 2000: 147-168.
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AutorDr. päd. Heinz J. Kersting
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Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002
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