von Stephan Baerwolff (Januar 2004)
Wenn ich im Folgenden einige Gedanken zur Therapieforschung äußere, geschieht dies aus der Perspektive eines systemischen Praktikers ohne spezielle Kenntnisse über, aber mit Interesse an Therapieforschung. Das Ziel dieses Beitrages wäre für mich erreicht, wenn einige "echte ExpertInnen" (oder informierte Laien wie ich) mir ihre Gedanken dazu mitteilen würden (dazu die e-mail-Adresse am Schluss). Für die Anregung eines solchen Austausches erscheint mir das gepfefferte Ferkel ein geeigneter Ort, da hier nicht nur "Fertiges", sondern auch Gedankenskizzen (hoffentlich) Platz haben.
Während dies für einen "ordentlichen" wissenschaftlichen Artikel unangemessen wäre, erlaube ich mir in diesem Kontext meinen Beitrag mit einer kleinen biographischen Notiz zu beginnen:
Mitte der 70er Jahre bekam ich als Student der Psychologie die Gelegenheit, meine Diplom-Arbeit im Rahmen eines umfangreichen Therapie-Vergleichsprojektes zu schreiben. Dies erschien mir umso interessanter, als ich die vorliegenden Daten auf differentielle Veränderungsmuster hin untersuchen sollte, eine Fragestellung, die Klaus Grawe gerade kurz zuvor in einer anderen Vergleichs-Studie mit viel versprechenden Ergebnissen bearbeitet hatte (GRAWE 1976). Meine anfängliche Begeisterung wich allerdings bald einer großen Ernüchterung je mehr ich mich in die "Feinheiten" der statistischen Methodik einarbeitete: So musste ich leider feststellen, dass die inhaltliche Interpretierbarkeit der Ergebnisse an Voraussetzungen geknüpft war[1], die bei dem mir vorliegenden Daten überwiegend nicht erfüllt waren, ein Problem, von dem in anderen Arbeiten aber nichts zu lesen gewesen war (obwohl es sich z.B. in der Untersuchung von Grawe genauso gestellt hätte). Nun stand ich vor der Entscheidung, entweder den Ansatz als methodisch ungeeignet zu verwerfen (und mich damit von meiner bereits geleisteten Arbeit sowie der Hoffnung auf die baldige Erlangung des Diploms zu verabschieden), oder aber die Probleme zu ignorieren und so zu tun, als spiegelten die Daten die "wirklichen" Effekte (und nicht möglicherweise nur statistische Artefakte) wider. Ich entschied mich für einen Mittelweg, indem ich die Daten vor dem Hintergrund der Problematik diskutierte: Dies war zäh und mühsam und ergab natürlich keine so schöne und prägnante "Erzählung" wie in Grawes Arbeit.
Nach diesen frustrierenden Erfahrungen kümmerte ich mich in den folgenden Jahren überhaupt nicht mehr um Therapieforschung, sondern stürzte mich als Berufsanfänger ganz in die klinische Praxis als Familien- und später systemischer Therapeut und Berater. Wie von Seiten der Wissenschaft vielfach beklagt, nahm man hier keine Notiz von den Anstrengungen der Therapie-ForscherInnen, ein Umstand, der durch die "konstruktivistische Wende" eher noch verstärkt wurde:
Eine neue Situation trat mit den Diskussionen um das Psychotherapeutengesetz und dem Bemühen des systemischen Ansatzes ein, hier als wissenschaftliches Verfahren Anerkennung zu finden: Trotz der grundsätzlichen Kritik an den vorgegebenen "Messlatten" versuchte man nun, die Wirksamkeit des systemischen Ansatzes auch anhand von Evaluationsstudien darzustellen. Ein Blick in Günter Schiepeks Arbeit, die dem wissenschaftlichen Beirat vorgelegt wurde (SCHIEPEK 1999), zeigt aber (wie schon die Übersicht bei VON SCHLIPPE und SCHWEITZER 1996 einige Jahre zuvor), dass der empirische Nachweis der Wirksamkeit systemischer Therapie äußerst dürftig ausfällt. Zum einen wurden hier viele Studien aufgenommen, die "systemisch-strukturelle", "systemisch-strategische", Familientherapie nach dem "Mailänder Modell" usw. untersuchten, Verfahren also, die dem heutigen Verständnis des systemischen Ansatzes (wie er von Schiepek brillant dargestellt wurde) gerade nicht entsprechen. Die methodische Qualität der wenigen aufgezählten Studien zur (im eigentlichen Sinne) systemischen Therapie (SCHIEPEK 1999; S. 389ff.) dürften dagegen hart gesottenen Empirikern kaum mehr als ein müdes Lächeln abringen. Es erscheint daher fast als Euphemismus, wenn von Schlippe und Schweizter davon sprechen, dass die empirische Befundlage "sicher noch nicht befriedigend sei" (VON SCHLIPPE und SCHWEITZER 1996, S. 285).
Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man statt Therapie-Vergleichsstudien Untersuchungen betrachtet, die den Blick auf den Therapieprozess richten. Diese aus der Analyse nicht-systemischer Therapien gewonnenen Ergebnisse erweisen nämlich gerade jene Faktoren als wirksam, die im Zentrum systemischer Therapie stehen. So wie SCHIEPEK (1999, S. 252ff.) dies für die vier Wirkfaktoren von Grawe gezeigt hat, möchte ich anhand der Wirkfaktoren von Lambert beispielhaft darstellen, dass der systemische Ansatz genau diese zu realisieren in der Lage ist und dies nicht nur "zufällig" geschieht, sondern weil das Vorgehen im Einklang mit den theoretischen Grundannahmen steht. Dabei beziehe ich mich auf die Übersichtsarbeiten von Miller u.a. (2000) sowie Hubble u.a. (2001).
Lambert folgert aus seiner Meta-Analyse von Therapiestudien, dass die Varianz des Therapieerfolgs durch folgende vier Faktoren aufgeklärt wird:
In den vorangegangenen Abschnitten habe ich die Einheit von Theorie und Praxis im systemischen Modell hervorgehoben. Dies bedeutet sicher nicht, dass sich etwa eine Intervention aus Maturanas Theorie "ableiten" ließe oder der durch eine systemische Verstörung angeregte Veränderungsprozess eines Klienten die "Richtigkeit" der Selbstorganisationstheorie "beweise". Vielmehr erscheint mir folgende Beschreibung passend: Modelle aus dem Feld systemischer Theoriebildung wie Maturanas biologische Erkenntnistheorie und Luhmanns Theorie sozialer Systeme haben z.B. die klinische Theorie Kurt Ludewigs angeregt, dessen Zentrum (das sogenannte Mitglieds-Konzept) dann wieder bestimmte therapeutische Vorgehensweisen nahe legt (und andere eher ausschließt), ohne dass es sich dabei um einen strengen Ableitungs-Zusammenhang handeln würde. Dennoch finde ich es wichtig, diesen Zusammenhang der verschiedenen Ebenen zu betonen, da es in letzter Zeit Bestrebungen gibt (gerade auch als Ergebnis empirischer Forschung), einzelne Bestandteile des systemischen Ansatzes (etwa die Ressourcenorientierung) aus dem theoretischen Kontext zu lösen und in einen völlig anderen zu verpflanzen. Dies kann man als Weiterentwicklung begrüßen, doch sollten SystemikerInnen darauf hinweisen, dass der systemische Ansatz nicht nur aus der Wunderfrage und anderem nützlichem Handwerkszeug besteht, sondern in Anknüpfung an verschiedene Theorien auch ein Bild vom Menschen, vom Veränderungsprozess usw. enthält und diese Elemente in einem sinnvollen Gesamtzusammenhang stehen[7]. Ansonsten besteht die Gefahr, dass andere Therapieschulen den systemischen Ansatz wie einen Steinbruch plündern, einzelne Stücke herausbrechen, sich einverleiben und dann im gesundheitspolitischen Diskurs vertreten, der Rest (der systemische Begründungszusammenhang) sei überflüssig. Da sich die Herkunft einzelner Methoden ohnehin schwer klären[8] und im Laufe der Zeit auch verschleiern lässt, wäre es noch leichter, der systemischen Therapie die Existenzberechtigung abzusprechen. Gegenüber diesem Horror-Szenario gälte es m. E., für die Einheit des systemischen Ansatzes zu werben, um die kontextabhängige Bedeutung der (z. B. methodischen) Einzel-Bestandteile zu sichern, wobei Therapieforschung ein Element dieses Prozesses darstellen könnte.
Um die bisherigen Ausführungen noch mal vereinfachend zusammenzufassen:
Möglicherweise schlummert im Unbewussten der einen oder anderen LeserIn noch die Frage, die sie sich beim Lesen der Überschrift dieses Beitrags gestellt hat: "Was mag das Frage- und Ausrufezeichen hinter dem Wort "unbegründet" bedeuten?" Sie stehen für zwei Seiten in mir, die die Aufgaben und Chancen systemischer Therapieforschung unterschiedlich beurteilen:
Das Fragezeichen steht für den Teil, der die Skepsis gegenüber der herkömmlichen Therapieforschung keineswegs für unbegründet hält. Dieser Teil fürchtet, dass sich der systemische Ansatz derart verbiegen müsste, um ins Raster empirischer Forschung zu passen, dass seine Identität berührt wird. So könnten die Forschungsdesigns eine Standardisierung des therapeutischen Vorgehens (Manualisierung) verlangen, die dem systemischen Selbstverständnis völlig zuwider läuft, sich flexibel an den Anliegen und Eigenarten der KundInnen auszurichten. Auch hinter anderen scheinbar methodischen Fragen verbergen sich Werte-Entscheidungen[9], die aber als solche nicht mehr diskutierbar sind, wenn man sich erst einmal den Zwängen der herkömmlichen Vergleichs-Forschung unterworfen hat. Die Anpassung an deren Standards liefert dann Daten, die eine Genauigkeit nur vorgaukeln können (siehe meine eigenen Erfahrungen am Anfang des Beitrags) und die für die Praxis irrelevant sind. Für die gesundheitspolitische Diskussion schließlich haben Outcome-Studien kaum Bedeutung, da auch positive Ergebnisse immer noch in Zweifel gezogen werden können und dem Ansatz trotz großer empirischer Anstrengungen die Anerkennung verweigert werden kann (siehe die Diskussionen um die Anerkennung der Gesprächstherapie). Demnach sollte sich systemische Therapieforschung lieber eigene Standards schaffen und mit eigenen Methoden Prozesse in "natürlichen" Kontexten erforschen.
Das Ausrufezeichen dagegen ist aufgrund der oben dargestellten Daten optimistisch, dass sich der Nutzen der systemischen Therapie auch in herkömmlichen Outcome-Studien zeigen ließe. Dieser Teil erkennt die Notwendigkeit an, sich mehr als bisher um den Nachweis der Wirksamkeit zu bemühen. Ihm ginge es nicht darum, in "Grand-Prix-Designs" die vermeintliche Überlegenheit des systemischen Ansatzes nachzuweisen und in den Wettbewerb um die höchsten Effektstärken einzutreten. Dennoch sollte man sich darum bemühen, den Nachweis der Wirksamkeit auf eine Weise zu führen, die von der herkömmlichen Therapieforschung ernst genommen wird (was eher langweilig ist, aber gesundheitspolitisch nötig). Dieser Teil ist optimistisch, dass auch die Standards herkömmlicher, nicht-systemische Therapieforschung (wie sie etwa von Grawe vertreten werden), genügend Spielraum bieten, eigene Akzente zu setzen[10]. Dabei ist das Ausrufezeichen nicht so naiv zu glauben, dass empirische Wirksamkeitsnachweise auch automatisch die Anerkennung der systemischen Therapie im gesundheitspolitischen Diskurs nach sich zögen, doch sollte man den dem entgegen stehenden Machtinteressen ihre Ablehnung so schwer wie möglich machen! Natürlich ist die Durchführung von Therapieforschung auch kein bloßer Willensakt, sondern an zahlreiche materielle Voraussetzungen gebunden, die dem systemischen Ansatz aufgrund seiner Nicht-Anerkennung im etablierten System Wissenschaft gerade nicht zur Verfügung stehen (universitäre Lehrstühle, Forschungsmittel). Hier hofft der optimistische Teil aber auf eine langsame Aufweichung dieses Teufelskreises.
Wie nun könnte ein Standpunkt aussehen, der beide Seiten integriert? Vereinfacht gesagt: "Das eine tun und das andere nicht lassen" könnte heißen, Forschung mit herkömmlichen Mitteln zu betreiben, diese kritisch zu hinterfragen und durch andere Methoden zu ergänzen[11]. Der von SystemikerInnen oft heraufbeschorene "Morgen, nachdem das Wunder passiert ist", sähe für mich dann so aus: SystemikerInnen könnten auf einige Outcome-Studien verweisen, deren Güteprofile denen der Menniger-Studie oder der von Sloane u.a., also hochgelobten Untersuchungen entsprechen und die zeigen, dass die systemische Therapie im Mittel ähnlich wirksam ist wie andere bewährte Verfahren. Dann könnte man sich beruhigt anderen, interessanteren Forschungsvorhaben zuwenden.
Vorerst erscheint mir dies aber leider wenig realistisch. Vielleicht sollten SystemikerInnen daher auch ihre wissenschaftspolitisch randständige Position anders bewerten und als Chance sehen[12]: Da die materiellen Voraussetzungen ohnehin fehlen, sich mit groß angelegten, spektakulären Forschungsvorhaben in den Konkurrenzkampf der Therapieschulen einzumischen, könnten sie "im Verborgenen" alternative Vorgehensweisen entwickeln und darauf hoffen, dass sich auch im etablierten Wissenschaftsbetrieb eine Kritik der herkömmlichen Forschung weiter entwickeln wird. Aus dieser Konvergenz könnten später neue Möglichkeiten resultieren. Auch diese bescheidenere Position steht aber natürlich in einem krassen Gegensatz zu dem bisher unter vielen SystemikerInnen verbreiteten generellen Desinteresse an Therapieforschung! Initiativen wie das Forschungsprojekt SYMPA (durchgeführt von der Jochen Schweitzer u.a. an der Uni Heidelberg) oder die Tagung zur Therapie- und Beratungsforschung in Heidelberg im nächsten Jahr finde ich daher sehr ermutigend.
Dabei könnte vielleicht eine Metapher helfen, dieses Tun angemessen einzuordnen, die ursprünglich von Kant stammt und später von Lyotard aufgegriffen wurde: Ihm zufolge ist die postmoderne Verfassung unserer Gesellschaft dadurch gekennzeichnet, dass es keine allgemeinverbindliche Meta-Erzählung mehr gibt, sondern auch in den Wissenschaften verschiedene Diskurse mit je unterschiedlichen Grundannahmen und Regeln koexistieren (was KonstruktivistInnen zu akzeptieren nicht schwer fällt). Metaphorisch gesprochen existiert das Gebiet der Wissenschaft also in Form eines Archipels, in dem die Inseln durch das Meer voneinander getrennt sind.
Liest man nun z.B. die Therapie-Studie von Klaus Grawe (GRAWE u.a. 1994), so gewinnt man leicht den Eindruck, hier solle den einzelnen Inseln mit ihren je eigenen Sprachen und Kulturen wieder ein allgemein verbindliche Code aufgezwungen werden[13]. Die Reaktion der Inselbewohner auf diesen als feindlichen Eroberungs-Versuch wahrgenommen Akt ist dann ein zähes Verteidigen der eigenen Inselwelt, eine Abschottung vor allem Fremden und eine Verherrlichung der regionalen Idiome als der eigentlich wertvollen Sprache (beispielhaft nachzulesen im Heft 5/1995 der psychoanalytischen Zeitschrift PSYCHE, das sich mit Grawes Studie auseinander setzt[14]).
Man könnte meinen, der Philosoph Wolfgang Welsch (WELSCH 1996) bezöge sich auf diesen Streit um die "richtige" Art der Therapieforschung, wenn er in seinem Konzept der transversalen Vernunft von der Pluralisierung der Vernunft ausgeht und die Anerkennung dieser Pluralisierung als grundlegenden Ausgangspunkt fordert[15]. Deshalb steht nicht mehr das Streben nach Einheit im Zentrum seines Denkens, sondern die Leitidee der diskursiven Gerechtigkeit (ebd. S. 701 ff.): Dies bedeutet, dass Vernunft ein "Spezifitäts-, Komplexitäts- und Alternativenbewusstsein aufweisen" muss und sich gegen Ausschlüsse alternativer Diskurse, gegen deren Majorisierung und Totalisierung wendet (ebd. S.703)[16]. Stattdessen sollte die Vernunft im Geflecht der Rationalitäten operieren und den Übergangsmöglichkeiten folgen, die diese aufgrund ihrer Verflechtung erlauben (ebd. S. 624 ff)[17].
Meines Erachtens sind diese Gedanken auch für die Therapieforschung äußerst bedeutsam: Den in einer Vergleichsstudie untersuchten Verfahren müsste Gerechtigkeit widerfahren, insofern die VertreterInnen der verschiedenen Schulen respektvoll z. B. die jeweiligen Kriterien für Therapieerfolg diskutieren und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden suchen. In einem solchen Dialog, der die unterschiedlichen Ausgangspunkte akzeptiert, könnten möglicherweise Übergänge gefunden werden, die in Richtung auf eine "Allgemeine Psychotherapie" weisen und die Entwicklung des psychotherapeutischen Feldes als Ganzem voranbringen, ohne dass die völlige Auflösung der Unterschiede zwischen den Therapierichtungen ein realistisches (oder auch nur erstrebenswertes) Ziel wäre. Grawes Versuch dagegen, die Therapieforschungsergebnisse seiner Interpretation entsprechend zur Auslöschung der existierenden Schulen und zur Implementierung einer "Allgemeinen Psychotherapie" nach seinem Verständnis zu nutzen, stellt m. E. ein Beispiel für die Totalisierung im Sinne von Welsch dar.
SystemikerInnen sind aufgrund ihrer Nähe zu konstruktivistischen Theorien für solche "imperialistischen" Gesten besonders sensibel und sollten insofern ihre Pluralitätskompetenz konstruktiv in den Prozess der weiteren Entwicklung der Psychotherapieforschung einbringen.
[1] Genauer gesagt ging es darum, dass Korrelationen von Veränderungswerten gebildet wurden, deren Interpretierbarkeit aber daran gebunden ist, dass sich die Varianzen der entsprechenden Ausgangsverteilungen nicht bedeutsam unterscheiden dürfen, da sonst nicht mehr entscheidbar ist, ob signifikante Korrelationen wirkliche Zusammenhänge oder nur statistische Regressionseffekte widerspiegeln, also Artefakte wären.
[2] Dieses Problem wurde auch schon früher gesehen, z. B. von HOLZKAMP (1972): Der Versuch, psychologische Forschung methodisch am Vorbild der Physik auszurichten führe paradoxerweise zur Irrelevanz der Ergebnisse.
[3] Steve de Shazer reichte seinen Artikel "The Death of Resistance" 17 mal vergeblich bei allen einflussreichen Journals ein und musste ihn 6 mal umschreiben, ehe er schließlich 1984 in Family Process erscheinen dufte!
[4] Dies gilt sicher eher für die Schüler von Carl Rogers (wie Tausch) als für den Gründervater der GT selbst, der immer mehr an der klienten-zentrierten Haltung als an operationalisierbarem TherapeutInnen-Verhalten interessiert war.
[5] Wie wenig Techniken "an sich" wirksam sind, zeigt eine Untersuchung, in der Agoraphobikern ermutigt wurden, sich einer Reizkonfrontations-Prozedur zu unterziehen. Dabei wurde dies einem Teil der KlientInnen als Beginn der Behandlung, den anderen als diagnostische Maßnahme dargestellt. Die Verringerung der Ängste war in der ersten Gruppe weitaus stärker! (GRAWE 1998, S. 29) Dies verweist auf die große Rolle des Bedeutungs–Kontextes, in dem Techniken stehen, und der sie mit den anderen Wirkfaktoren, besonders der Induktion von Hoffnung, verbindet.
[6] Nach der Aussage des Zauberers Dodo aus "Alice in wonderland": "Alle haben gewonnen und alle verdienen einen Preis."
[7] Was geschieht, wenn dies fehlt, zeigt ein Beispiel bei GRAWE 1998: Er hebt die Bedeutung non-verbalen Therapeutenverhaltens für die therapeutische Beziehung hervor und schreibt: "Es scheint also auch eine allgemeine Einstellung zu Patienten im Tonfall zum Ausdruck zu kommen." Schlussfolgernd heißt es kurz darauf: "Therapeuten in Ausbildung müssen, wenn sie sich nicht ohnehin nonverbal so verhalten, diese Verhaltensaspekte bewusst kontrollieren lernen, bis sie sie automatisch realisieren." (S. 314) Aufgrund des Fehlens einer Meta-Theorie, die es den Weiterbildungs-TeilnehmerInnen erleichtern würde, eine respektvolle Haltung ihren KlientInnen gegenüber einzunehmen, bleibt also nur das verhaltensorientierte Training!
[8] Die Wunderfrage, die ja Steve de Shazer zugeschrieben wird, wurde vorher in ähnlicher Form nicht nur von Milton Erickson, sondern sogar schon von Alfred Adler gestellt! (MILLER u.a. 2000, S. 158)
[9] Obwohl z. B. GRAWE u.a. (1994, S. 13) im Vorwort ihres Buches eine Studie erwähnen, wonach eine einzige therapeutische Sitzung den Medikamentenkonsum und die Zahl der Arztbesuche der KlientInnen in den nächsten 5 Jahren um 60% reduzierte, schließen sie alle Untersuchungen aus ihrer Studie aus, in denen die Behandlungsdauer weniger als 4 Sitzungen betrug (S. 59) und werten es als Zeichen mangelnder klinischer Relevanz, wenn weniger als 7 Sitzungen durchgeführt wurden (S. 74). Diese scheinbar harmlosen methodischen Entscheidungen bedeuten also de facto den Ausschluss von Kurztherapie!
[10] "Keinem Therapieforscher ist ja vorgeschrieben, welche Kriterien er an die Wirksamkeitsbewertung der von ihm untersuchten Therapieformen anlegt. Dafür besteht ein sehr großes Spektrum an Inhalten und Methoden." (GRAWE u.a. 1994, S. 170)
[11] Die Ähnlichkeit dieser Position mit meinem Tun als Diplomand mag man als Zeichen von sich-treu-bleiben oder von der Unfähigkeit, dazu zu lernen, interpretieren.
[12] Die folgenden Anregungen verdanke ich Michael Rufer.
[13] Die Existenz verschiedener "Sprachen" schreibt Grawe vor allem der Ignoranz oder dem Eigennutz der verschiedenen Therapieschulen zu (z. B. GRAWE u.a. 1994, S. 28), während er seine eigene Sichtweise als Meta-Perspektive versteht (ebd., S. 54). Dies verleiht ihm das Recht, wie ein selbst ernannter Richter von Insel zu Insel zu reisen und mit seiner Meßlatte (der Wahrheit) die Kulturen der einzelnen Inseln zu beurteilen.
[14] Als kleine Leseprobe: "In drei bis fünf katamnestischen Gesprächen können aufgrund der kommunikativen Kompetenz eines erfahrenen Psychoanalytikers derart viele Aufschlüsse gewonnen werden, mit denen kein Prä-Post-Test-Vergleich herkömmlicher Evaluation mithalten kann." (MERTENS, S. 431)
[15] "Seit Kants drei Kritiken, seit Max Webers Diagnose der Ausdifferenzierung und seit Wittgensteins Übergang vom Singular der Sprache zum Plural der Sprachspiele kann man von Vernunft nur noch sprechen, wenn man zugleich von ihrer Pluralisierung spricht." ..."Pluralisierung kennzeichnet den Generaltrend der gegenwärtigen Vernunftdebatte." (WELSCH 1996, S. 431 f.) "Vernünftigkeit nimmt angesichts der rationalen Pluralitäten erster Linie den Sinn von Pluralitätskompetenz an." (ebd., S. 433)
[16] "Totalisierungen liegen, über Majorisierung hinausgehend, dort vor, wo die Logik eines bestimmten Paradigmas nicht nur auf einige andere – auf ähnliche, angrenzende, verwandte - Paradigmen, sondern auf sämtliche Paradigmen übertragen wird und für diese verbindlich gemacht werden soll." (ebd., S. 706) "Sie (die Vernunft, S.B.) muß all denjenigen Strategien entgegentreten, die mit der Pluralität der rationalen Formen – vorgeblich im Namen der Vernunft – noch einmal nicht anerkennend, sondern tilgend, nicht exponierend, sondern eliminierend, nicht im Sinn von Gerechtigkeit, sondern mit dem Ziel der Auslöschung umzugehen gedenken. ... Sie suchen Vernunftansprüche und –strategien festzuhalten oder zu restituieren, die durch die moderne Entwicklung der Rationalität überholt wurden. Die Verfolgung solcher Ziele mag zwar noch immer traditionelle Wünsche befriedigen, aber den modernen Gegebenheiten und Aufgaben wird sie nicht mehr gerecht. Die Aussicht auf Versöhnung, das Versprechen neuer Einheit, das Fanal der Tilgung der Pluralität zugunsten neuer Totalintegration sind emotionale Verlockungen, die von den Vertretern der alten Sehnsüchte ausgestreut werden, ..." (ebd., S. 713)
[17] Welsch sympathisiert hier eher mit Deleuze als mit Lyotard: Während letzterer für eine radikale Heterogenität der Diskurse eintritt, die keinen Brückenschlag erlaubt, sieht Deleuze die verschiedenen Paradigmen trotzt ihrer Heterogenität durch Übergänge miteinander verflochten. Deshalb favorisiert er die Metapher des Rhizoms, eines Wurzeltypus, der den Charakter eines Netzwerkes hat und - sich laufend verändernd - Differenzen und Übergänge vereint (ebd., S. 356 ff.)
Literatur:
Grawe, Klaus: Differentielle Psychotherapie I. Bern (Huber) 1976.
Grawe, Klaus: Psychologische Therapie. (Hogrefe) 1998.
Grawe, Klaus; Donati, Ruth und Bernauer, Friederike: Psychotherapie im Wandel. Göttingen (Hogrefe) 1994.
Grawe, Klaus und Grawe-Gerber, Miriam: Ressorcenaktivierung. Psychotherapeut, 1999, S. 63-73.
Holzkamp, Klaus: Kritische Psychologie. Frankfurt a.M. (Fischer) 1972.
Hubble, Mark A.; Duncan, Barry L. und Miller, Scott D.: So wirkt Psychotherapie. Dortmund (modernes lernen) 2001.
Kanfer, Frederick H.; Reinecker, Hans S. und Schmelzer, Dieter: Selbstmanagement-Therapie. Berlin (Springer) 2000.
Ludewig, Kurt: Systemische Therapie. Stuttgart (Klett-Cotta) 1992.
Mertens, Wolfgang: Warum (manche) Psychoanalysen lange dauern (müssen). In Psyche, Mai 1995.
Miller, Scott D.; Duncan, Barry L. und Hubble, Mark A.: Jenseits von Babel. Stuttgart (Klett-Cotta) 2000.
Schiepek, Günter: Die Grundlagen der Systemischen Therapie. Göttingen (V&R) 1999.
Von Schlippe, Arist und Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen (V&R) 1996.
Welsch, Wolfgang: Vernunft. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1996.
Zurhorst, Günter: Eminenz-basierte, Evidenz-basierte oder Ökologisch-basierte Psychotherapie? Psychotherapeutenjournal, 2/2003
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Autor: Stephan Baerwolff eMail: sbaerwolff@12move.de |
Veröffentlichungsdatum: 1. Januar 2004
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