Heinz von Foerster

Special (November 2001)


zum 90. Geburtstag


Die Rolle des Beobachters

oder: Der Zuschauer erfindet sich seine Welt

Heinz von Foerster im Gespräch mit Bernhand Pörsken

Dr. phil. Bernhard Pörsken, studierter Germanistik, Journalist und Biologe, Dozent für Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald, hat im Carl-Auer-Systeme Verlag in diesem Jahr einen spannenden Band mit Gesprächen zum Konstruktivismus veröffentlicht.

Ursprünglich nannte Pörsken diesen Interviewband sehr treffend "Abschied vom Absoluten" (ISBN 3-89670-192-4). Da dieser Abschied wohl schon in einem anderen Buch gefeiert worden ist, wird das Buch in Zukunft aus Titelschutzgründen unter neuer ISBN 3-89670-227-0 zum gleichen Preis von 39.90 DM bzw. 20.35 Euro erscheinen. Der Titel wird dann lauten "Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus", was ebenfalls den Inhalt sehr genau trifft. Es kommen in diesem Buch wichtige Protagonisten des Konstruktivismus und der Systemtheorie 2. Ordnung zu Wort.

Bernhard Pörsken hatte vor Jahren bereits schon einmal ein langes Gespräch mit Heinz von Foerster geführt. Das Interview war damals geplant als ein Beitrag, der aus Anlass des Weltkongresses für Psychiatrie in Hamburg im Hamburger Sonntagsblatt erscheinen sollte. Aus dem Gespräch wurde ein ganzes Buch: "Die Wahrheit ist die Wahrheit eines Lügners: Gespräche für Skeptiker". Es erscheint in diesem Jahr bereits in 4. Auflage ebenfalls im Carl-Auer-Systeme Verlag (ISBN 3-89670-2149 zum Preis von 39,80 DM bzw. 20,35 Euro).

In einem Buch, das im Untertitel "Gespräche zum Konstruktivismus" heißt, darf ein Gespräch mit Heinz von Foerster natürlich nicht fehlen. Bernhard Pörsken eröffnete den Band selbstverständlich mit einem Gespräch mit Heinz von Foerster, der bei vielen Gelegenheiten in den letzten Jahren im deutschen Sprachraum auf seine charmante und zauberhafte Weise den Konstruktivismus er- und beredet hat. Zuweilen wird er der "Sokrates des Konstruktivismus" genannt.

Weitere interessante Gespräche führte Bernhardd Pörsken mit Ernst von Glasersfeld, Humberto Maturana, Gerhard Roth, Siegfried J. Schmidt, Helm Stierlin, Francisco Varela und Paul Watzlawick. Die Gespräche umkreisen die Themen der Gesprächspartner: Kybernetik, Hirnforschung, sprachliche Determinierung des Denkens und die Verbindung von Kognitionstheorie und ethischem Handeln. In allen Gesprächen wird deutlich, dass das wissenschaftliche Ideal der Objektivität allenfalls eine Metapher, wenn nicht gar ein Mythos des alteuropäischen, abendländischen Denkens ist.

Im Zentrum steht als folgenreiche Irritation die Zentralfigur des Beobachters der Beobachter.

Konstruktivismus erscheint als die Philosophie des (Er-)Möglichen. Bei aller grundsätzlichen Skepsis gegenüber Gewissheiten und Dogmen räumen diese Bespräche auf mit dem Gerede von der ethischen Beliebigkeit menschlichen Handelns, das manchmal den KonstruktivistInnen unterstellt wird. Im Gegenteil: Der Einzelne ist unvermeidlich mit seiner Weltsicht und den damit einhergehenden Konstruktionen verantwortlich.

Aus Anlass des 90. Geburtstages von Heinz von Foerster stellen wir im Folgenden aus diesem Buch einen Auszug aus dem Gespräch mit Heinz von Foerster vor:

PÖRSKEN: Jede Theorie, jede Haltung oder Weltanschauung ruht auf ihren eigenen Aphorismen und Schlüsselsätzen, die, wenn man sie zu Ende und in die Tiefe denkt, das Wesentliche beinhalten. Von Psychoanalytikern hört man die auf Freud zurückgehende These, der Mensch sei "nicht Herr im eigenen Haus" und das Unbewusste die prägende Kraft. Die marxistische Zentralformel lautet: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein." Bei dem Behavioristen Skinner entdeckt man die deterministische These: "Die Variablen, deren Funktion menschliches Verhalten ist, liegen in der Umwelt." Ein Schlüsselaphorismus des Konstruktivismus und Ihrer Welt von Ideen findet sich, so scheint mir, in einem Buch Ihres Freundes, des Biologen Humberto Maturana: "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt."

VON FOERSTER: Dieses Entree, das Sie wählen, scheint mir sehr interessant - denn es ist ja immer auch die Frage: Mit welchen Sätzen und Ansätzen steigt man in einen Bereich des Denkens ein? Wo, wie und wann beginnt man, um eine Geschichte zu erzählen? Und was geschieht dann? Schlagen die Leute mit der Faust auf den Tisch und halten alles für Unsinn, oder lächeln sie einem zu und sind begeistert? Allerdings wird man wohl, wenn man Maturanas Theorem nackt und ohne die in ihm enthaltenen Konsequenzen betrachtet, keine besondere Bewunderung ernten: Niemand wird sagen: "Wow! Was für ein Satz!" Eher hört man vielleicht: "Mein Gott, wenn das der Fundamentalsatz einer Philosophie ist, dann gehe ich lieber ins Kino oder trinke eine Cola." Dieses Theorem erscheint ohne Kontext womöglich lächerlich, ärgerlich oder dumm.

PÖRSKEN: Wie sehen - ganz allgemein gefragt - einige erkenntnistheoretische Konsequenzen aus, wenn man diese Äußerung ernst nimmt und versucht, eine Welt von Gedanken auf ihr aufzubauen?

VON FOERSTER: Das, was ein Mensch erkennt, so lautet eine Schlussfolgerung, lässt sich nicht mehr externalisieren und als das Gegebene begreifen. Dieser Satz unterminiert unsere Sehnsucht nach Objektivität und Wahrheit, wenn man bedenkt, dass es zu den Merkmalen einer objektiven und wahren Beschreibung gehört, dass die persönlichen Eigenschaften des Beobachters nicht in diese eingehen, sie beeinflussen und bestimmen. Sie darf nicht, heißt es, durch seine Vorlieben und persönlichen Idiosynkrasien, seine politische oder philosophische Haltung oder irgendeine andere Clubzugehörigkeit verzerrt und gestört werden. Aber dieses ganze Konzept ist, so würde ich sagen, ein Wahnsinn, absolut unmöglich. Wie kann man so etwas fordern - und trotzdem ein Professor bleiben?! In dem Moment, in dem man versucht, die Eigenschaften des Beobachters zu eliminieren, entsteht ein Vakuum: Dann gibt es niemanden mehr, der beobachtet - und der davon erzählt.

PÖRSKEN: Der Beobachter ist diejenige Größe, die aus keinem Prozess des Erkennens rausgekürzt werden kann?

VON FOERSTER: Genau, immer muss es da jemanden geben, der richt, schmeckt, der hört und sieht. Und mir ist nie recht klar geworden, was die Anhänger objektiver Beschreibungen überhaupt beobachten wollen, wenn sie einem Menschen seine persönliche Sicht der Dinge untersagen.

PÖRSKEN: Wenn wir, wie Sie vorschlagen, das Erkennen strikt an den Erkennenden koppeln - welchen Sinn und welche Funktion haben dann noch die Schlüsselbegriffe des Realismus wie Wirklichkeit, Tatsache und Objekt?

VON FOERSTER: Sie werden, wenn man sie überhaupt noch gebraucht, zu Krücken, Metaphern, Shortcurts, Abkürzungen. Sie lassen sich verwenden, um etwas zu sagen und einen Bezug zu etablieren, ohne sich weiter und in einem tieferen Sinn mit den involvierten Fragen zu beschäftigen. Man kann sich mit ihrer Hilfe schnell auf eine bestimmte Bezugsstelle - einen Ort, ein Objekt, eine Eigenschaft, die sich vermeintlich in der Welt befindet - beziehen und entsprechende Aussagen machen. Gefährlich wird es, wenn man übersieht, dass es sich um Krücken und Metaphern handelt, und meint, die Welt werde tatsächlich und in Wirklichkeit in unseren Beschreibungen abgebildet. Das ist der Augenblick, in dem Streit und Feindschaft und Kriege um die Frage entstehen, was der Fall ist und wer sich im Besitz der Wahrheit befindet.

PÖRSKEN: Welche Erkenntnisse oder vielleicht auch Erfahrungen haben Sie selbst dazu gebracht, den Beobachter in das Zentrum Ihres Forschers und Fragens hineinzurücken? Gibt es da ein intellektuelles Schlüsselerlebnis?

VON FOERSTER: Dieses Erlebnis liegt schon sehr lange zurück. Mit zwölf oder dreizehn Jahren begannen mein Vetter Martin und ich - wir wuchsen beide wie zwei unzertrennliche Brüder auf - zu zaubern. Wir erfanden unsere eigenen Kunststücke, verblüfften mit großer Begeisterung die staunenden Erwachsenen - und erkannten nach einiger Zeit, dass die Zauberei nichts mit mechanischen Sachen, doppelten Böden, Tricks und Spiegeltäuschungen zu tun hat, die jeder Mensch kennt: Entscheidend ist vielmehr, dass eine Atmosphäre erzeugt wird, in der Unglaubliches, Unerwartetes, noch nie Gesehenes passiert. Der Zuschauer ist es, der sich dann eine Welt erfindet, in der Mädchen zersägt werden und Elefanten durch die Luft fliegen. Was mich auf den Beobachter aufmerksam werden ließ, war die Frage: Wie muss ich in einer Gruppe von Menschen eine Atmosphäre aufbauen, in der Wunder gesehen werden können? Welche Geschichte erzähle ich, wie erzähle ich sie so, dass sie die anderen übernehmen, um auf ihre Weise das Wunder des fliegenden Elefanten oder des zersägten Mädchens zu produzieren? Als Kind und als Jugendlicher zaubert man einfach, man staunt darüber, was einem die Zuschauenden von dem, was sie gesehen haben, erzählen, und fragt sich womöglich, was in ihren Gehirnen passiert. Das alles beschreibt man dann später - vielleicht im Alter von 50 Jahren - als das Beobachterproblem.

PÖRSKEN: Der Zauberer ist, wenn ich richtig verstehe, ein praktizierender Konstruktivist; er erzeugt Vorstellungen, er konstruiert Realitäten, die den Gesetzen der Gravitation und den Regeln der Wahrscheinlichkeit und des Alltags widersprechen.

VON FOERSTER: Das ist der Punkt. Das Zaubern war für mich die Ursprungserfahrung des Konstruktivismus: Man erfindet gemeinsam mit anderen eine Welt, in der Elefanten verschwinden und Mädchen zersägt werden, um dann plötzlich unverletzt wieder aufzutauchen. Was mich und meinen Vetter so amüsiert hat, war, dass die Zuschauer, die vermeintlich alle ein und dasselbe Ereignis - das Kunststück - gesehen hatten, in der Pause oder nach der Vorstellung oft ganz verschiedene Geschichten erzählten, die nichts oder doch nur sehr wenig mit dem zu tun hatten, was wir oder auch andere Zauberer getan hatten. Herr Müller, Herr Meier und Fräulein Katharina produzierten offensichtlich jeweils ihr eigenes Ereignis. Sie sahen zersägte Mädchen, die selbstverständlich nicht zersägt worden waren - und auch die Elefanten waren natürlich nicht zum Verschwinden gebracht worden. Diese Erfahrungen waren es, die mich auf die Psychologie des Beobachtens und die Kreation einer Welt aufmerksam machten: Was passiert, fragte ich mich, in dem Prozess des Beobachtens? Sitzt dieser Beobachter auf dem berühmten Locus observandi eines Hermann von Helmholtz und beschreibt die Welt in einem Zustand völliger Neutralität?

PÖRSKEN: Was meinen Sie? Was tut er? Was geschieht?

VON FOERSTER: Die übliche Auffassung ist: Er sieht die Welt, er nimmt sie wahr, er sagt, wie es ist. Er befindet sich, so glaubt man, auf diesem merkwürdigen Locus observandi und betrachtet - frei von persönlichen Einflüssen, dem individuellen Geschmack und seinen besonderen Eigenschaften - eine von ihm unabhängige Wirklichkeit. Ich behaupte dagegen, dass dieser Beobachter, der schaut, vor allem in sich hineinschaut. Was er sagt, ist seine Auffassung von dem, wie es ihm zu sein scheint. Und ein guter Zauberer ist in der Lage, zu erspüren, welche Welt der andere in diesem Moment gerne für die wirkliche halten würde und hilft mit, dass es ihm gelingt, diese zu erzeugen.

PÖRSKEN: Der Akt des Zauberns setzt sich ja, etwas technisch gesprochen, aus drei Faktoren zusammen: dem Zauberer, dem Ereignis und den Zuschauern. Wenn wir nun einen Solipsisten, einen Realisten und einen Konstruktivisten bitten, das, was hier geschieht, zu beschreiben, so würden wir ebenso jeweils sehr unterschiedliche Berichte zu hören bekommen. Die Solipsisten würden uns erzählen, dass nichts von dem Beschriebenen wirklich ist und alles die Schimäre unseres Geistes, der sich eben den Zauberer und eine tatsächliche nichtexistente Welt nur vorstellt. Realisten würden betonen, dass Beobachten im Grundsatz nichts anderes ist als die Abbildung der Wirklichkeit auf der Leinwand unseres Bewusstseins - und dass der Beobachter, der Zuschauer, hier eben durch die Tricks des Zauberers getäuscht wird: Er ist einer Illusion verfallen, die die Wirklichkeit des Gegebenen nicht adäquat repräsentiert. Der Konstruktivismus, den Sie vertreten, steht zwischen Realismus und Solipsismus: Es gibt da etwas, so würden Sie vermutlich sagen, es passiert wirklich etwas, das scheint unbezweifelbar; aber ebenso sicher ist, dass jeder die Wirklichkeit dieses Ereignisses auf die ihm eigene Weise beschreibt und seine eigene Welt konstruiert.

VON FOERSTER: Mein dunkles Gefühl ist, dass uns die Sprache an dieser Stelle unseres Gesprächs ein Schnippchen schlägt und die wunderlichsten Blasen treibt: Sie wissen, von was ich sprechen will. Und ich weiß auch so ungefähr, was ich sagen möchte. Und doch bin ich mir nicht sicher, ob diese erkenntnistheoretische Einordnung und die Art und Weise der sprachlichen Einbettung auch einem Dritten und Vierten erlaubt zu verstehen, was Sie und ich meinen. Das bedeutet: Wir müssen für einen Moment über die Sprache sprechen, die wir gebrauchen, um das zu sagen, was wir meinen. Schon der Satz "Es gibt da etwas" scheint mir mit den Präsuppositionen des Realismus vergiftet. Und meine Befürchtung ist, dass in der Position, die Sie mir zuweisen, doch wieder ein Hintertürchen offen steht, um dieser schrecklichen Idee der Ontologie erneut Einlass zu gewähren. Man kann, folgt man dieser Positionierung, eben doch wieder von der Existenz einer Außenwelt sprechen. Und die Referenz auf die Außenwelt und das Gegegebene lässt sich wunderbar verwenden, um die eigene Verantwortung für das, was man sagt, zu eliminieren. Das ist der tiefe Schrecken der Ontologie. Man führt die unschuldig erscheinende Formel: "Es ist so ... es gibt ..." Aber wer gibt? Wer behauptet. Dass etwas der Fall ist.

PÖRSKEN: Diese Distanzierung von einer vorfabrizierten Terminologie und die spürbare Aversion gegen eine saubere und gewissermaßen stubenreine Katalogisierung Ihrer Ideen sind mir wichtig, weil sie auf ein fundamentales Problem hindeuten: Wie lässt sich über den Akt des Beobachtens, den Beobachter und das Beobachtete auf eine Weise sprechen, die die Dynamik der Vorgänge irgendwie mit enthält?

VON FOERSTER: Das ist ein unglaublich schwieriges Problem, denn wir arbeiten mit einem Medium - das ist die Sprache. Und unser Gebundensein an dieses Medium verführt uns immer wieder dazu, auf eine Weise zu sprechen, die eine unabhängig von uns existente Welt suggeriert. Das ist ein großer Wunsch von mir: Ich möchte lernen, meine Sprache so zu beherrschen, dass Ethik, ganz gleich, ob es um Politik, Wissenschaft, Poesie oder was auch immer geht, implizit bleibt und es mir gelingt, meine eigene Person stets als Bezugsquelle meiner jeweiligen Beobachtungen sichtbar zu machen. Ich würde gerne eine Sprache oder eine Form der Kommunikation erfinden - und vielleicht können das nur Poesie, Musik, Gesang oder Tanz -, die etwas in einem anderen auslöst, sodass der Verweis auf eine Außenwelt oder die Wirklichkeit und ein "Es ist..." nicht mehr notwendig sind; diese Referenzen werden dann, so stelle ich mir vor, einfach nicht mehr gebraucht. Man muss jedoch, damit dies gelingt, sehr tief in dieser Welt verankert sein. Und stets bleibt das Problem: Welche andere Form erfinden wir, die das Problem der Form mit behandelt?

PÖRSKEN: Die Frage lautet aus meiner Sicht: Wie spricht oder schreibt man auf eine Weise, die die These von der Beobachterabhängigkeit allen Erkennens in jedem Moment des Sprechens sichtbar macht? Wie lässt sich zeigen, dass es sich in unseren Beschreibungen der Welt nicht um die Beschreibungen einer äußeren Welt handelt, sondern um die Beschreibungen eines Beobachters, die dieser für Beschreibungen der äußeren Welt hält?

VON FOERSTER: Es geht um den Dialog zwischen mir und dem anderen, der auf die Referenzen nach außen verzichtet. Wenn man nur für einen Moment sagt: Das bist du, der diese Sicht produziert, das ist nicht draußen, das ist nicht irgendeine so genannte objektive Wirklichkeit, auf die man sich beziehen kann, dann entsteht eine merkwürdige Hervorhebung der jeweiligen Persönlichkeit, die etwas sagt. Aus den allgemeinen Urteilen "Es ist so!" werden Sätze, die mit "Ich finde, dass ..." beginnen. Man verwendet, wieder etwas geschwollen gesagt, den selbstreferenziellen Operator "Ich finde" und verzichtet auf den existenziellen Operator "Es ist". Auf diese Weise entsteht eine vollkommen andere Beziehung, die einen freien Dialog gestattet.

PÖRSKEN: Wenn Sie nicht auf der Basis einer in der universitären Welt etablierten Sprachform mit Hilfe eines klassischen Begriffssystems über Subjekt und Objekt und den Prozess des Erkennens – den Beobachter, das Beobachtete und das Beobachten – reden wollen, wie und auf welche Weise sprechen wir dann?

VON FOERSTER: Eine allgemeine Lösung habe ich nicht, aber ich möchte gerne ein kurzes Theaterstück vorführen, das ich einmal verfasst habe und das vielleicht dazu geeignet ist, sich etwas aus den Fängen vorgegebener Formen zu befreien. Dieses Theaterstück spielt seinerseits in einem Barocktheater mit Publikum: Und allmählich verlöschen die Lichter, der wunderschöne, rote Samtvorhang geht auf - und der Blick auf die Bühne ist frei: Man sieht einen Baum, einen Mann und eine Frau, die ein Dreieck bilden. Der Mann zeigt auf den Baum und sagt: "Dort steht ein Baum!" - Darauf die Frau: "Woher weißt du, dass dort ein Baum steht?" - Der Mann: "Weil ich ihn sehe!" - Darauf sagt die Frau mit einem kleinen Lächeln: "Aha." Und der Vorhang fällt. - Das ist, so behaupte ich, das Theaterstück, das seit Jahrtausenden diskutiert, nicht verstanden oder sogar bekämpft wird. Tatsächlich erhellt es die Debatten um die Fragen der Erkenntnis und die Rolle der Welt.

Wem wollen wir vertrauen, auf wen wollen wir uns beziehen? Auf den Mann oder die Frau? Seit Urzeiten beherrscht uns die unentscheidbare Frage, ob wir uns eher mit dem Mann verbünden sollen oder eher mit der Frau. Der Mann behauptet eine beobachterunabhängige Existenz des Baumes und der Umwelt; die Frau macht darauf aufmerksam, dass er von dem Baum nur weiß, weil er ihn sieht, dass das Sehen primär ist. Jetzt müssen wir uns fragen, welche dieser beiden Haltungen wir für uns akzeptieren wollen. Der Mann macht diese externen Referenzen; die Frau weist ihn darauf hin, dass die Wahrnehmung dieses Baumes an seine Beobachtung gebunden ist. Allerdings geht es in diesem kleinen Theaterstück nicht, was man meinen könnte, allein um Objektivität und Subjektivität bzw. um verschiedene erkenntnistheoretische Positionen; viel wichtiger ist etwas anderes: Der Mann separiert sich von der Welt; die Frau verbindet sich mit dem, was sie beschreibt.

PÖRSKEN: Das ist jetzt ein anderer Gegensatz, der hier ins Spiel kommt: Er hat nicht mehr primär mit der Unterscheidung von Subjektivität und Objektivität zu tun, sondern mit der Frage, ob ich mich mit der Welt verbinde oder ob mich meine erkenntnistheoretische Position dazu zwingt, mich als getrennt von der Welt zu sehen, als einen Menschen, der von einem imaginären Locus observandi aus beobachtet.

VON FOERSTER: Der Mann in diesem kleinen Theaterstück schaut wie durch ein Schlüsselloch auf das vorüberziehende und sich entfaltende Universum, die Bäume, die Dinge, die anderen Menschen. Er braucht sich nicht verantwortlich zu fühlen, er ist der Vertreter einer Art Schlüsselloch- oder Guckkastenphilosophie, er ist ein Voyeur. Nichts kümmert ihn, es berührt ihn ja nicht. Indifferenz wird entschuldbar. Die Frau weist darauf hin, dass es immer ein Mensch ist, der etwas sieht und betrachtet. Der Haltung des unbeteiligten Beschreibers steht die Haltung des Mitfühlenden und Beteiligten gegenüber, der sich selbst als Teil der Welt begreift und von der Prämisse ausgeht: Was immer ich tue, verändert die Welt! Ich bin die Welt, und die Welt ist ich!

PÖRSKEN: Welche Konsequenzen hat diese Erfahrung oder Erkenntnis von Verbundenheit?

VON FOERSTER: Das, was wir die Welt nennen, ist mit einem Mal nichts Feindliches mehr, sondern erscheint als ein Organ, als ein Teil des eigenen Körpers, der sich nicht abtrennen lässt. Das All und das Selbst fallen zusammen. Man wird verantwortlich für seine Handlungen, man kann sich nicht mehr auf die Position des passiven Registrators zurückziehen, der ein starres und vermeintlich zeitloses Dasein beschreibt. Man wird sich bewusst, dass jede Aktion - ja schon das Heben eines Armes - ein neues Universum entstehen lässt, das es so noch nie gegeben hat. Wenn man das weiß - oder vielleicht besser: Wenn man das spürt und fühlt -, dann existiert keine Statik mehr, sondern alles ist in einem fortwährenden Wandel begriffen; jede Situation ist neu, nichts ewig. Nie ist es wieder so, wie es war.

PÖRSKEN: Mir ist diese Beschreibung eines beobachterabhängigen Universums sehr sympathisch - und doch stellen sich sofort auch Einwände ein: Wir erleben die Welt als etwas Gewordenes und sind konfrontiert mit einer Statik der Verhältnisse, die auch etwas ausgesprochen Beruhigendes besitzt. Diese Ordnungen sind verlässlich, sie geben uns Orientierung, sie erlauben es uns, Pläne zu machen und der Zukunft mit bestimmten Erwartungen zu begegnen. Was ich sagen will: Diese Haltung, die Sie da beschreiben, widerspricht unserer Alltagserfahrung, und sie ist in einer psychologischen Hinsicht unattraktiv.

VON FOERSTER: (lacht) Stimmt genau, da bin ich völlig Ihrer Meinung.

PÖRSKEN: Sie stimmen mir zu? Wollen Sie mich nicht von der Richtigkeit eines beobachterabhängigen Weltzustandes überzeugen?

VON FOERSTER: Um Gottes willen, ich denke gar nicht daran, Sie zu überzeugen, denn das würde Ihre Auffassung zum Verschwinden bringen. Sie wäre ja dann weg. Was ich nur versuchen kann, ist, den Zauberer zu spielen, so dass es Ihnen möglich wird, sich selbst zu überzeugen: Vielleicht gelingt es mir, Sie dazu einzuladen, die Ihnen attraktiv erscheinende Sicherheit für einen Moment als eine Unterminierung der Offenheit zu begreifen. Denn auch die Sicherheit und die vermeintliche Statik der Verhältnisse bringen einen Menschen womöglich zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens in große Schwierigkeiten: Er erkennt dann nicht, dass die Verhältnisse, die ihn bedrängen, auch ganz anders sein könnten und dass er die Kraft besitzt, sie zu verändern.

PÖRSKEN: Sie wollen nicht überzeugen, aber was ist dann Ihr Ziel in einem Disput oder einem Gespräch?

VON FOERSTER: Ich möchte mit einer kleinen Geschichte antworten, sie handelt von der Welt des Taoismus, die mich in meiner Kinderzeit fasziniert. Mein Onkel Erwin Lang geriet schon bald nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in russische Gefangenschaft, wurde nach Sibirien transportiert und konnte 1917 - als die russische Weltmacht zusammenbrach - in Richtung Osten fliehen. Er reiste bis nach China und landete schließlich in der deutschen Siedlung Tsingtau, wo er dem Gelehrten Richard Wilhelm begegnete, dem Übersetzer des 1 Ging, der ihn in die Ideen des Taoismus einführte. Über seine Vermittlung und eine Empfehlung gelangte Erwin Lang auch in ein zwei Tageswanderungen entferntes taoistisches Kloster. Dort fragte er - immer noch in der Ungewissheit, ob der Krieg vielleicht noch nicht zu Ende war, ob und wo noch gekämpft wurde - einen der Mönche nach Zeitungen. Natürlich, so antwortete dieser, haben wir Zeitungen; man sei im Besitz einer riesigen Bibliothek. Mein Onkel war erstaunt und erkundigte sich, ob er vielleicht die österreichische Neue Freie Presse bekommen könne. Natürlich, sagte der Mönch, man sei im Besitz von Zeitungen aus der ganzen Welt. Er führte ihn in das Archiv des Klosters, suchte ein wenig herum - und brachte ihm die aktuellste Ausgabe der Neuen Freien Presse, die sie in diesem Kloster hatten. Sie stammte vom 15. Februar 1895. Erwin Lang war natürlich einigermaßen konsterniert und wies darauf hin, dass dieses Exemplar über 20 Jahre alt sei. Der Mönch schaute ihn an und sagte: "So what?! Was sind 20 Jahre?" In diesem Moment begann mein Onkel, den Taoismus zu verstehen: Zeit spielte in dieser Welt keine Rolle, Aktualität schien nicht weiter wichtig.


Veröffentlichungsdatum: 27. November 2001


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