Systemisches Case Management

Eine effektive und effiziente Methode lebensweltlich und sozialräumlich orientierter Fallarbeit

von Heiko Kleve (Juli 2004)

Umbau des Sozialstaates und Case Management

Der deutsche Sozialstaat befindet sich auf einem radikalen Reformkurs. Davon ist freilich auch die Soziale Arbeit als sozialstaatlich mitkonstituierte Profession betroffen; von ihr wird erwartet, dass sie ihre Leistungen nach den ökonomischen Kriterien der (bestenfalls messbaren) Effektivität, also Zielwirksamkeit und Effizienz, also Kostengünstigkeit ausrichtet. Des Weiteren soll die Soziale Arbeit dabei helfen, die Normen des neo-liberalisierten Sozialstaates in die Gesellschaft zu implementieren: die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit der Bürger bei der Lösung und Bewältigung ihrer psycho-sozialen Probleme.

Diese Umgestaltung unserer Wohlfahrtsgesellschaft lässt sich aus sozialarbeiterischer Perspektive weder eindeutig verurteilen noch freudig begrüßen, sie zeigt uns vielmehr ein ambivalentes Gesicht. Eine Seite der Ambivalenz ist ein schleichender Abbau bzw. eine merkliche Verschlechterung sozialstaatlicher Leistungen; dies sollten wir im Interesse unserer Klienten sowie unserer Profession entschieden kritisieren. [1] Die zweite Seite der Ambivalenz ist jedoch eine professionelle Herausforderung. Der sich neu gestaltende Sozialstaat wird von der Sozialen Arbeit, stärker als die bisherige sozialstaatliche Konstellation, verlangen, dass sie ihre normative Funktion, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, ernst nimmt und radikal umzusetzen versucht. Demnach wird von der Sozialen Arbeit erwartet, dass sie ihre Hilfen so konzipiert und anbietet, dass die Bürger befähigt werden, (wieder) kompetent zu werden, um ihr Leben in Eigenregie zu meistern, dass sie ihre persönlichen und sozialen Ressourcen erkennen und einsetzen, sich sozialräumlich, früher wurde gesagt: innerhalb des Gemeinwesens engagieren und mit anderen solidarisch sind. Soziale Arbeit soll weniger direkte Hilfe leisten als dafür Sorge tragen, dass soziale Bezüge der Lebenswelten und/oder der öffentlichen Sozialräume zur Prävention und Intervention sozialer Probleme genutzt werden. In diesem Kontext ist Case Management eine Möglichkeit für eine so orientierte Fallarbeit.

Geschichte des Case Managements

Anfang der 1970er Jahre wurde das Konzept des professionellen Fallmanagements insbesondere in den USA im Zuge der sogenannten De-Institutionalisierung psycho-sozialer Dienste entwickelt. Damals wurde erkannt, dass die stationäre Unterbringung von kranken, alten und sozial auffälligen jungen oder erwachsenen Menschen nicht dazu beiträgt, dass diese Menschen ihre Schwierigkeiten und Probleme so lösen können, dass sie wieder in ihre Gemeinwesen zurückkehren können; vielmehr wurde offenbar, dass die Klienten und Patienten durch die stationäre professionelle Versorgung zur Unselbstständigkeit und Inaktivität verurteilt werden. Außerdem kosteten diese Leistungen dem Staat und damit den Steuerzahlern sehr viel Geld. Deshalb wurde versucht, die stationären Angebote allmählich abzubauen und die Menschen wieder in ihre Lebenswelten zu entlassen.

Dies wiederum überforderte jedoch viele Klienten und Patienten sowie deren Angehörige, da freilich auch jetzt – bestenfalls mit dem Ziel der zunehmenden Verselbstständigung – flankierende soziale Unterstützungen benötigt wurden. Und so entstand das Case Management, um eine lebensweltlich orientierte soziale Unterstützung zu bieten, um Menschen bei der eigenverantwortlichen Gestaltung des Lebens zu unterstützen, um notwendige informelle und professionelle Hilfeleistungen zu initiieren, zu koordinieren, ja – gemeinsam mit den Klienten – zu managen. [2]

Die heutige Situation in der Bundesrepublik Deutschland gleicht in einigen Hinsichten der us-amerikanischen Entwicklung: Auch bei uns werden seit einigen Jahren zunehmend die stationären Unterbringungen – ob in der Kinder- und Jugendhilfe oder im Seniorenbereich – infrage gestellt, und es wird nach lebensweltorientierten Alternativen gesucht. Hauptgrund für den Abbau stationärer Leistungen ist zumeist jedoch nicht Reformfreude und fachlicher Ehrgeiz, sondern der Druck, Geld zu sparen. Des Weiteren sollen in Zukunft die Menschen, die von sozialstaatlichen Leistungen besonders abhängig sind, vor allem Sozialhilfeempfänger bzw. Langzeitarbeitslose, ebenfalls in Richtung zunehmender Eigenverantwortung und Selbstaktivität orientiert werden. Auch hierfür soll Case Management nützlich sein, sollen durch Sozialarbeiter individuelle und passgenaue soziale Unterstützungen kreiert, initiiert, durchgeführt und ausgewertet werden, die bestenfalls dazu führen, dass die Klienten ihr Leben wieder ohne sozialstaatliche Unterstützungen meistern können.

Systemisches Case Management

Systemisches Case Management geht von den beschriebenen Orientierungen des aus den USA stammenden und in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre bekannten Case Managements aus und nutzt die vielfältigen systemisch-konstruktivistischen Entwicklungen in Theorie, Therapie, Beratung, Supervision und Organisationsentwicklung für eine soziale Fallarbeit mit Einzelnen und Familien. [3] Wesentlich dabei ist jedoch auch eine Kritik an der unreflektierten Übernahme betriebswirtschaftlicher Orientierungen in der Sozialen Arbeit. Angesichts der Autopoiesis biologischer, psychischer und sozialer Systeme ist uns Systemikern eine gehörige Portion Skepsis eigen, ob das, was durch das Case Managemet gesteuert, moderiert und erreicht werden soll, überhaut jemals so erreichbar ist, wie dies geplant wird. Systemisches Case Management akzeptiert die Unvorsehbarkeit sozialer Praxisverläufe und rechnet mit Kontingenz, also mit der Möglichkeit, dass alles anders kommen kann als erwartet.

Grundlage für ein Systemisches Case Management sind die sechs Schritte der helfenden Kommunikation. [4] Danach ermöglicht diese Methode eine differenzierte und genaue Falleinschätzung (assessment) sowie Hilfeplanung und -durchführung (service planning, intervention), die nicht von Professionellen allein, sondern in dialogischer, wertschätzender und akzeptierender Kooperation mit den Klienten durchzuführen ist: In den ersten drei Schritten wird der konkrete Fall, also die Problemlage eines Klienten mithilfe – erstens - der Kontextualisierung (z.B. durch ein Genogramm und Soziogramm) eingeschätzt, es werden – zweitens - aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten die Probleme beschrieben und persönliche wie soziale Ressourcen aufgespürt; drittens erfolgt eine Phase der Hypothesenbildung, in der alle möglichen und auch scheinbar unmöglichen Ursachen für die Problematik überlegt werden; dieser Schritt dient in erster Linie der Ideenfindung und Überleitung für die nächsten beiden Schritte. In der vierten Phase erfolgt eine Zielplanung, es wird gemeinsam überlegt, was, wie, wann, wo, mit wem und wozu erreicht werden soll, um fünftens die nötigen Schritte, um diese Ziele zu erreichen, zu vereinbaren und zu gehen. Sechstens steht schließlich eine Evaluation an, in der die Effektivität und die Effizienz des Prozesses zu überprüfen und zu dokumentieren ist.

Freilich verweisen die einzelnen Schritte nur theoretisch linear aufeinander und sind praktisch zirkulär miteinander vernetzt, so dass es zu Rückbezügen, Parallelitäten und Verquiekungen kommt. Die lineare Darstellung ist der Systematik geschuldet; die Praxis verlangt jedoch, dass das sequentiell auseinander Gezogene zirkulär und äußerst komplex wieder zusammen gebracht wird.

Um das Systemische Case Management kennen zu lernen, seine Brauchbarkeit für unterschiedliche Arbeitsfelder zu überprüfen, anzuwenden und einzuüben bietet das IBS Aachen ab 2005 eine von unterschiedlichen Berufsverbänden (Deutsche Gesellschaft für Sozialarbeit, Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe) zertifizierte Weiterbildung in Systemischem Case Management an. Die Teilnehmer können mit dieser Weiterbildung ein IBS-Diplom und ein Zertifikat der genannten Berufsverbände erwerben.


Anmerkungen:

[1] Siehe mein Statement dazu: Die Notwendigkeit der Sozialen Arbeit in der modernen Gesellschaft, abrufbar unter: http://www.asfh-berlin.de/hsl/freedocs/113/notwendigkeit.pdf [14.05.2004].

[2] Vgl. grundsätzlich zu diesem Konzept: Wolf Rainer Wendt (1997): Case Management im Sozial- und Gesundheitsweisen. Eine Einführung. Freiburg/Br.: Lambertus.

[3] Siehe dazu: Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe-Grosser, Matthias Müller (2003): Systemisches Case Management. Falleinschätzung und Hilfeplanung in der Sozialen Arbeit mit Einzelnen und Familien – methodische Anregungen. Aachen: Kersting.

[4] Siehe zuerst dazu: Britta Haye, Heiko Kleve (2002): Die sechs Schritte helfender Kommunikation. Eine Handreichung für die Praxis und Ausbildung Sozialer Arbeit, in: Sozialmagazin, Heft 12, S. 41-52; dazu auch Heiko Kleve, Britta Haye, Andreas Hampe-Grosser, Matthias Müller (2003), a.a.O., S. 111-135.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2004


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