(Oktober 2002)

Die Welt verlor ihren gewitzten Beobachter

Heinz von Foerster starb am 2. Oktober 2002

Heiko Kleve

Foto: Jean Piaget Dr. Karl Müller, der Präsident der Heinz von Foerster-Gesellschaft in Wien, teilte am Abend des 2. Oktobers mit, dass Heinz von Foerster im Alter von 90 Jahren am Mittwoch in der Früh in seinem Haus in Pescadero nahe San Francisco verstorben ist.

Heinz von Foerster gehörte zu den Protagonisten einer transdisziplinären Bewegung, die ihre Impulse aus Natur-, aus Sozial- und Ingenieuerwissenschaften empfängt und manchmal auch "Konstruktivismus" oder sogar "radikaler Konstruktivismus" genannt wird. Heinz von Foerster selbst hat sich nie als einen solchen bezeichnet. Als "ent-fachter Beobachter" war ihm "jede Art von ‚-Ismus’ fremd", wie er es in einem Interview mit Theodor M. Bardmann einmal ausgedrückt hat. Unter der Fahne des "Konstruktivismus" sammelten sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Systemtheoretiker, Computerspezialisten, LogikerInnen, Pädagogen, PsychologInnen, FamilientherapeutInnen, SupervisorInnen, OrganisationsberaterInnen, MedientheoretikerInnen, Hirnforscher und auch PfhilosophInnen. In der disparaten Vielfalt dieses die Grenzen zwischen Wissenschaft und Lebenswelt überspringenden "-Ismusses" mögen Wohlmeinende bereits ein Indiz für die Brauchbarkeit seiner Grundthese sehen (die freilich – zumindest seit Kant – so neu in der Geistesgeschichte nicht ist): dass wir eine von uns unabhängige Wirklichkeit nicht erkennen können und dass wir die Welt, in der wir leben, selbst – in Wort und Tat – erzeugen: "konstruieren".

Heinz von Foerster wurde am 13. November 1911 in Wien geboren. Er studierte Physik. Während der Zeit des Nationalsozialismus konnte er als jüdischstämmiger Österreicher in einem Forschungsinstitut in Berlin überleben, da niemand darauf kam, dass er sich gerade in der "Höhle des Löwen" versteckt hatte. 1948 ging er in die USA und leitete ab 1958 bis zu seiner Emeritierung 1976 das berühmte "Biological Computer Laboratory" in Illinois. Das BCL war eine Schnittstelle zwischen Kognitionswissenschaften, Neurophysiologie und Informationstheorie. Aus der Kybernetik wurde dort eine Theorie sich selbst organisierender Systeme. Der Neffe Ludwig Wittgensteins hatte eine Vorliebe für Fragen, die der Natur ihrer Sache nach unentscheidbar sind – und darum denen, die sie stellen, die Möglichkeit zu einer Entscheidung erst geben. Zu den Maximen des gewitzten Tüftlers und seit seiner Jugend begeisterten Zauberkünstlers gehörte als wichtigste die: "Handle stets so, dass du die Anzahl deiner Wahlmöglichkeiten vermehrst".

In diesem Jahr erschien im Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg das Buch "Teil der Welt, - Fraktale einer Ethik. Ein Drama in drei Akten." In diesem Buch, das aus Interviews entstanden ist, die Monika Bröcker in den letzten Jahren mit Heinz von Foerster geführt hat, zieht der große Beobachter ein letztes Mal – wie wir jetzt wissen – Bilanz über sein Leben. Monika Bröcker kommt das Verdienst zu, Heinz von Foerster zu diesem aufwendigen Unternehmen ermuntert zu haben.

Heinz von Foerster war vielen Mitgliedern im Institut für Beratung und Supervision ein großer Lehrer und begeisternder Ermutiger. Er zählte zusammen mit Gregory Bateson, Louis Lowy, Virginia Satir, Niklas Luhmann und Francisco Varela, die ihm vorausgegangen sind, und Paul Watzlawick, Humberto Maturana, Frank Farrelly, Ernst von Glasersfeld und Rosmarie Welter-Enderlin zu den wichtigen AnregerInnen. Die meisten Mitglieder unseres Instituts haben ihn persönlich erlebt. Alle Mitglieder kennen das Video des Interviews, das Theodor M. Bardmann mit ihm vor Jahren geführt hat. Das Interview hatte seiner Zeit Bernd Woltmann-Zingsheim vermittelt. Es fand statt, als sich Heinz von Foerster auf der Heimreise von dem großen Heidelberger Kongreß zu Ehren von Helm Stierlin 1991 in Düsseldorf im Flughafenhotel befand. Es findet sich auf der CD-Rom "Systemtheorie verstehen. Eine multimediale Einführung in systemisches Denken", die Theodor M. Bardmann zusammen mit Alexander Lamprecht gestaltet hat. Sie ist 1999 im Westdeutschen und im Gabler Verlag erschienen.

Heinz von Foerster kannte unsere Arbeiten, er lobte eines unserer ersten Bücher vom 1991 über den Konstruktivismus: Theodor M. Bradmann, Heinz J. Kersting, Hans-Christoph Vogel, Bernd Woltmann: "Irritation als Plan. - Konstruktivistische Einredungen" mit den Worten: "Da haben endlich ein paar Leute den Konstruktivismus zum Konstruieren benutzt". Das Buch erschien im wissenschaftlichen Verlag des IBS. Es ist als Printmedium vergriffen, kann aber online gelesen werden.

Für ein von Theodor M. Bardmann und Sandra Hansen 1996 verfasstes, ebenfalls im IBS-Verlag erschienenes Buch: "Die Kybernetik der Sozialarbeit. Ein Theorieangebot" verfasste er das Vorwort. Das Institut und sein Verlag widmeten dieses Buch Heinz von Foerster zur Vollendung seines 85. Lebensjahres.

In dem Buch von Heinz J. Kersting: "Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung", das im Sommer 2002 im IBS-Verlag erschienen ist, findet sich ein wissenschaftliches Portrait über Heinz von Foerster mit dem Titel. "Heinz von Foerster – Beobachtung eines ent-fachten Beobachters".

Im Internet-Journal für systemisches Denken und Handeln "Das gepfefferte Ferkel" haben wir Heinz von Foerster mit einem Special zu seinem 90. Geburtstag im November 2001 geehrt. Damals konnte Heinz von Foerster noch nach Wien fliegen, um dort zu seinem Geburtstag den Viktor-Frankl-Preis des Viktor-Frankl-Fonds der Stadt Wien und den Ehrenring seiner Vaterstadt entgegen zu nehmen. Der Ehrenring ist die größte sichtbare Auszeichnung, die die Stadt Wien zu vergeben hat.

Monika Bröcker teilte uns im Frühjahr 2002 mit, dass Heinz von Foerster sich über die Wiener Ehrungen und über unser festliches Gedenken im Internet-Journal sehr gefreut hatte. Damals erfuhren wir aber auch, dass es ihm gesundheitlich nicht mehr sehr gut gehen würde. Als wir dann hörten, dass er den ihm im Jahr 2002 verliehenen Gregory-Bateson-Award in Heidelberg nicht mehr selbst in Empfang nehmen konnte, sorgten wir uns sehr um ihn. Heinz hat in der letzten Zeit sehr gelitten, so dass sein Sterben sicher eine Erlösung war. Am 5. Oktober fand die Memorial-Feier statt. Heinz von Foersters Asche wird auf dem Rattlesnake Hill verstreut werden.

Heinz von Foerster besaß verwandtschaftliche Berzüge nach Aachen hin und weilte auf seinen vielen Reisen durch Europa manchmal in unserer Stadt, so kam es zu wunderschönen Begegnungen mit ihm. Seine Freundichkeit, seine Großherzigkeit und sein waches Interesse an unseren Ideen und ganz besonders an uns als Menschen beschenkten uns sehr. Einigen von uns war er auch freundschaftlich verbunden.

Wir trauern um einen großen Menschen.

Weitere Informationen und Links zu Heinz von Foerster:
http://www.univie.ac.at/constructivism/HvF.htm
http://science.orf.at/


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