Behinderung und Soziale Systeme

Anmerkungen zu einem schier unlösbaren Problem

von Peter Fuchs (Mai 2002)

Die folgenden Überlegungen sind kühl gehalten. Sie entziehen sich jener Emphase, die es in der modernen Gesellschaft möglich macht, mehr über Behinderung zu sagen als je zuvor, wenn es um die Integration, die Partizipation, die Emanzipation von behinderten Personen geht, und doch schweigen zu müssen, wenn die Belastung sozialer und psychischer Systeme durch Behinderung diskutiert werden soll. Die trockene, die klare Rede über Behinderung ist verpönt, wenn sie sich auf die Nachteile richtet, die im Kontext der Beziehung zwischen Behinderten, Nichtbehinderten und sozialen Systemen entstehen - auf allen Seiten. Es gibt so etwas wie eine moralbedingte Schieflage in der Beobachtung von Behinderung, eine verschwitzt humane Angestrengtheit, die auf Latenzen verweist, auf blinde Flecke der starken Art, betroffenheitsbedingt gewiß, aber gleichwohl hinderlich, wenn man nach einer Applikation avancierter soziologischer Theoriebildung auf die Domäne der Behinderung sucht. Man muß sich durch einen Berg moralingetränkter Problemfassungen wühlen, und das dann noch unter der Bedingung von political correctness, die für sich eine mörderisch göttergleiche Beobachtungsposition reklamiert, der Gesellschaft extern und deshalb wissend, was und was nicht moralisch verächtlich ist.[1]

Jenseits jedenfalls jeder Diktatur der Moral möchte ich im weiteren Theorie betreiben und ein Problem der Belastung sozialer Systeme diskutieren, das entsteht, wenn Behinderung in ihren Umwelten auftaucht. Im ersten Teil wird erläutert, wie die Inkompatibilität von Inklusion/Exklusion und der modernen Differenzierungsform der Gesellschaft in gewisser Weise Behinderung 'hervortreibt' und zum Problem macht; daran schließen Überlegungen an, die die Beziehung zwischen Behinderten und Sozialsystemen so thematisieren, daß ein Belastungsprofil an Fallbeispielen erkennbar wird. Schließlich wird die These vorgetragen, daß das Problem der Inklusion Behinderter statt Integration eine Welt der Besonderung erzeugt.

Inklusion/Exklusion

Behinderungen sind in der beobachtbaren Geschichte der Menschheit immer aufgetreten, und immer resultierte daraus sozialer Regelungsbedarf, Erklärungsnotwendigkeiten, Bezeichnungserfordernisse. Die körperliche und psychische Abweichung, die knappen Überlebensmöglichkeiten, soziale Untauglichkeiten in allerlei Hinsichten zwangen dazu, einen Modus des Umgangs mit dem Phänomen zu finden, und das geschah in verschiedenen Gesellschaften und zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden. Dabei gewinnt man den Eindruck, daß die sozialen Mechanismen der Problembewältigung (einmal abgesehen von der Entwicklung einer besonderen Semantik, der Ausprägung eines sozialen Aprioris bei der Beobachtung von Behinderung) eher marginal waren, daß aber seit etwa zweihundert Jahren die Zwänge zur Regulation des Problems immer schärfer werden, so daß sich heute gigantische Expertenkulturen, im wesentlichen abgezogen aus Medizin, Psychologie und Pädagogik, mit Behinderungen befassen, große Mengen an gesellschaftlichen Ressourcen binden und zu ihrer und (wie man vielleicht sagen kann) zur Reproduktion des Problems selbst benutzen.[2]

Wenn man nicht davon ausgehen will, daß die Gesellschaft sich plötzlich moralisiert habe oder daß es an der absoluten Zunahme der Zahl Behinderter liege (die, genau besehn, eine Zunahme der Beobachtungsmöglichkeiten ist), dann ist die gesellschaftliche Empfindlichkeit für das Problem, seine plötzliche Nichtignorabilität erklärungsbedürftig. Die These ist, daß es einen Direktzusammenhang zwischen dieser Nichtignorabilität, der funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems und dem Schema Inklusion/Exklusion gibt.[3]

Im Übergang von der stratifizierten (geschichteten, ständeförmigen) Gesellschaft zur funktional differenzierten Gesellschaft wird die Komplettbetreuung des Individuums (was die wesentlichen Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz anbetrifft) aufgelöst und auf verschiedene autonome Funktionssysteme wie etwa Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion, Kunst, Erziehung verteilt.[4] Das Individuum wird gleichsam diversifiziert, zum 'Dividuum', das als Einheit nur noch in der Familie behandelt werden kann. Die Sprengung der ständischen Existenz, die Gleichheit an die jeweilige Schicht und die Ungleichheitskompensation zwischen den Schichten an eine metaphysische Instanz bindet (also aufschiebt), erzwingt eine neue Form der Gleichheit, die Gleichheit gleicher Zugangsmöglichkeiten zu den Funktionszusammenhängen, die durch die primären Subsysteme der Gesellschaft realisiert werden. Jeder (und später in der gleichen Logik jede) muß an Politik, an Wirtschaft, an Recht etc. partizipieren können, und das bedeutet die Notwendigkeit und das (in der französischen Revolution emphatisch verkündete) Erfordernis genereller Inklusion.[5]

Inklusion ist als Formbegriff gebunden an das, was sie ausschließt: an Exklusion. Sie ist nur zu verstehen als eine Seite einer Differenz, als das, wogegen sie sich unterscheiden und bezeichnen läßt. Auf Inklusion setzend, setzt man (sozusagen schweigend) auf Exklusion mit. Das kann man schärfer stellen, aber für unsere Zwecke reicht die These aus, daß die Generalisierung von Inklusion die Aufmerksamkeitsschwelle im Blick auf Exklusionsprozesse senkt. Die Gegenseite der Präferenz für Inklusion rückt mit jener Generalisierung in die Möglichkeit, beobachtet zu werden, und zwar als nicht vereinbar mit der Differenzierungsform der Gesellschaft. Diese Beobachtungsmöglichkeit verschärft sich, wenn das Inklusionsgebot der modernen Gesellschaft konfrontiert wird mit der Faktizität quasi- naturaler Chancenungleichheit (Frauen, Behinderte) und mit der Faktizität sich einstellender Differenzen zwischen Inklusions- oder Partizipationsmöglichkeiten: Rothschild ist anders inkludiert als ein Hilfsarbeiter.[6] Die Inklusionsgleichheit ist gerade nicht Gleichheit der Inkludierten, und das führt zur Konvertierung faktischer Ungleichheiten in Ansprüche der Individuen mit allen Folgeproblemen, die wir heute unter Titeln wie Wohlfahrtsstaat, soziale Hilfe, soziale Bewegung, Emanzipation und wiederum politischer Korrektheit kennen.[7]

Das leuchtet besonders ein in der Engführung auf Behinderte, die - gleichsam augenfällig, für jeden ersichtlich und unbestreitbar - das Inklusionserfordernis konterkarieren, und das unter der Bedingung der Unmöglichkeit, sie selbst (in der Form des Versagens) als Ursache ihrer Inklusionsungleichheit aufzufassen. Ihre Exklusion ist, wenn man so will, in weiten Bereichen evident unschuldig, und deswegen kann gerade im Blick auf Behinderung Betroffenheit markiert werden, die die moderne Gesellschaftsform als idiosynkratisch im Blick auf Gleichheit beklagt, obwohl diese Form selbst die Inklusionsansprüche generiert. Weil man aber die Gesellschaft nicht verwerfen kann, wird es möglich, gigantische Kompensationsleistungen einzufordern. Seit wenigen Jahrzehnten wird überdies hart daran gearbeitet, die faktische Ungleichheit (gegen alle Evidenz) in gesellschaftliche Gleichheit (also totale Inklusion) zu transformieren.[8]

Von Beginn an standen entsprechende Versuche unter dem Problemdruck, strukturelle Besonderungen einführen zu müssen, Spezialeinrichtungen wie Sonderschulen, Sonderkindergärten, Heime etc.[9] Eine Welt des pädagogischen, medizinischen, psychologischen Expertentums etablierte sich und mit ihr die Wahrscheinlichkeit des Durchlaufens behindertenspezifischer (mithin an Besonderung) gebundener Karrieren. Die Inklusion Behinderter war (und ist noch weitgehend) die Inklusion in Exklusionsbereiche, eigentlich also die Institutionalisierung einer Dissimulation, oder, wie man sagen könnte, die Simulation von Inklusion. Im Sinne Serres[10] parasitieren diese Besonderungskulturen am Ausgangsproblem, nämlich an der morphogenetischen Kraft der Unvereinbarkeit von funktionaler Differenzierung und Inklusion/Exklusion-Schema. In der Logik unserer Überlegungen steht zu erwarten, daß die Inklusion in solche Exklusionsbereiche ihrerseits als Ungleichheit registriert und in die Form eines Anspruches auf 'wirkliche' Inklusion gebracht wird. In diesem Kontext boomt das Wort "Integration".[11]

Die allgemeine gesellschaftstheoretische Erklärung dafür, daß Behinderung zum nichtignorablen Problem der Moderne geworden ist, hat jedenfalls ihren besonderen Pfiff darin, daß das Inklusionsgebot (das kaum bestritten wird) im Blick auf Behinderungen faktisch nicht erfüllt wird oder zu Differenzierungen zwingt zwischen Personen, die weitgehend normalisierbar sind, und solchen, die es nicht sind, zwischen denjenigen, deren leichte Behinderung die Chance eröffnet, in die Normalwelt einzurangieren, und denjenigen, die etwa schwer geistig und damit auch immer mehrfachbehindert sind. Es gibt (schon auf der Ebene alltäglicher Erfahrung) entschiedene Widerstände gegen Inklusion: Die Eltern lernbehinderter Kinder wollen nicht, daß geistig behinderte Kinder auf Lernbehindertenschulen integrativ erzogen werden; die Eltern nicht behinderter Kinder sperren sich gegen die Aufnahme von geistig Behinderten in Normalkindergärten oder Normalschulen; die Lobbys der verschiedenen Behinderungsformen diskriminieren sich wechselseitig; die pädagogischen Angestellten von Besonderungseinrichtungen bestehen auf Schonräumen, in denen geballte pädagogische Kompetenz auf Behinderte appliziert werden kann, die (wie im Falle geistig Behinderter) dann doch in der Werkstatt für Behinderte verbleiben. Und die einschlägige Pädagogik setzt auf eine nuancierte ganzheitliche Erziehung, die nur deshalb nicht funktioniere, weil das Geschäft der Erziehung an irgendwelchen Zeitstellen harte Selektionskriterien erfordert, die so unverzichtbar wie schädlich seien.

Die Frage, warum Inklusion gerade hinsichtlich des Behinderungsphänomens in so starke Turbulenzen gerät, wird mit der These beantwortet, daß Behinderung soziale Systeme zumindest auf der Ebene der Interaktion so strapaziert, daß Exklusion (im Extremfall: Exkommunikation) erwartbar wird. Die Form dieser Strapazen ist bisher nicht hinreichend und vor allem nicht mit modernen Theoriemitteln analysiert worden.[12]

Soziale Systeme und Behinderung

Bewegt man sich im Duktus der Luhmannschen Systemtheorie[13], dann müssen soziale Systeme und psychische Systeme strictissime unterschieden werden. Sie stellen füreinander die jeweils relevante (unverzichtbare) Umwelt dar, sie sind füreinander relevante Lärmquellen, sie gewinnen sich einander die Differenzen ab, die sie zur Fortsetzung ihrer je eigenen Reproduktion als interne Information benötigen. Plausibel ist, daß diese je eigene Reproduktion angewiesen ist darauf, daß die externen Prozessoren (Bewußtsein oder Sozialsystem) eine brauch- und verwertbare Differentialität anbieten und nicht nur: sound and fury. Die Brauch- und Verwertbarkeit psychischer Differentialität für soziale Systeme ist gebunden an die (schließlich erwartbaren) Effekte von Sozialisation und Erziehung, man könnte auch sagen: an die Ent-arbitrarisierung oder Ent-idiosynkratisierung der Individuen. Der Strukturaufbau sozialer Systeme ist auf diese Begrenzung von Irritationsmöglichkeiten angewiesen. Strukturen brechen zusammen oder fangen zumindest an zu 'schlingern', wenn die Irritationen ein bestimmtes Maß überschreiten, wenn alle plötzlich verschiedene Sprachen sprechen oder niemand über Gedächtnis verfügt oder niemand Sinnüberschüsse produziert, gegen die sich Selektivität gewinnen läßt.

Nun wird man sagen können, daß im Laufe der soziokulturellen Evolution gegen viele Möglichkeiten der systemgefährdenden Irritation Abfangvorkehrungen entwickelt wurden, die relativ sicher stellen, daß viel Idiosynkratisches geschehen kann, ohne die Reproduktion (die Autopoiesis) sozialer Systeme tiefgreifend zu stören. In dieser Hinsicht wird es an Beispielen für die Strapazierfähigkeit sozialer Systeme nicht mangeln, und in dieser Hinsicht läßt sich die Rede Luhmanns von der 'Robustheit' autopoietischer Systeme nachvollziehen. Es läßt sich aber vermuten, daß diese Robustheit, diese Multikompatibilität, diese Elastizität in Schwierigkeiten gerät, wenn die relevanten Systeme in der Umwelt sich nur schwer oder gar nicht an den Funktionsbewandtnissen von Kommunikation orientieren können, oder wenn, anders formuliert, Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation berührt werden. Das ist nicht dann schon (oder jedenfalls kaum) der Fall, wenn jemand, der im Rollstuhl sitzt oder dem ein Arm fehlt, sich an Kommunikation beteiligt.[14] Aber es ist schon dann und dramatisch der Fall, wenn jemand nicht oder nur sehr eingeschränkt hören oder sprechen kann, wenn Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen auftreten, Sinnverarbeitungsmöglichkeiten nur reduziert zur Verfügung stehen oder die Binnenzeit psychischer Systeme nicht synchronisiert werden kann mit den routinierten Zeiterfordernissen eines sozialen Systems.[15]

Wir wissen noch nicht sehr viel über die infra- oder extrastrukturellen Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation, aber einige wenige Bedingungen liegen auf der Hand:[16]

Sobald eine oder mehrere dieser Möglichkeitsbedingungen für Kommunikation tangiert werden, gerät das soziale System auf nicht ignorable Weise unter Druck. Das läßt sich auf Interaktionsebene plausibilisieren.[18] Ich will das anhand zweier Fallbeispiele tun.

Die Probleme der Kommunikation mit T.

T. ist ein 25jähriger Mann, kleinwüchsig (Größe eines sechsjährigen Kindes etwa), der einerseits an den Folgen einer unspezifischen Chromosomenaberration leidet, andererseits an den Folgen einer postnatalen Encephalitis.[19] Er ist gehörlos, schwer geistig behindert, schwer körperlich behindert (Spastik), sehgeschädigt. Sekundäre Behinderungen sind eine gravierende Speiseröhrenstenose und eine mit der Neurodermitis vergleichbare Hauterkrankung, die vielleicht im Zusammenhang mit der genetischen Störung steht. Er hat (für den Beobachter) stark autistische Züge, verweigert unter anderem jede Form von Blickkontakt.

Jedes Sozialsystem, in dessen Umwelt er auftaucht, bekommt es zunächst mit dem Problem zu tun, daß er weder hören noch sprechen kann. Die Kommunikation kann ihn zwar thematisch behandeln (es wird über ihn geredet), aber sie kann sein Verhalten nur sehr schwer als die Produktion von Ereignissen (utterances) auffassen, die als Mitteilung (also Handlung) operativ anschlußfähig wären. Es ist immer fraglich, ob er über eine interne Kopie seines System/Umwelt-Verhältnisses verfügt,[20] mithin als Adressat von Kommunikation (als Person) bearbeitbar ist oder nicht. Das reduziert ihn, wenn man so sagen darf, in einem sehr genauen Sinne auf die Körpersphäre, was aber auch bedeutet, daß die anderen an Kommunikation partizipierenden Individuen möglicherweise für ihn auf Körper reduziert sind.[21]

Freilich kann Kommunikation auch dann (wie rudimentär auch immer) funktionieren, wenn Sprache nicht verfügbar ist. Dem Verhalten von T. lassen sich durch Beobachtung diskrete Einheiten abgewinnen, die als Signale gedeutet werden können: Aussstrecken der Arme = Ich will schlafen; heftiges Schlagen mit dem Kopf = Ich will meine Ruhe; starkes Kratzen am Hals = Ich bin unwillig. Daran kann angeschlossen werden durch Ins-Bett-bringen, durch Zufrieden-lassen, durch Strategien der Besänftigung. Aber die Beobachtung, die diese Einheiten erzeugt, ist sehr aufwendig, zeitraubend und mißverstehensanfällig. Vor allem fällt die Möglichkeit der Rückfrage, des repairing, der Metakommunikation aus. Die Kommunikation läuft sozusagen auf den Verdacht hin, daß etwas in T.'s Verhalten die Bezeichnung einer Information ist, eine Mitteilung, die intern auf dem Hintergrund anderer Möglichkeiten sinnförmig und damit anschlußfähig ist. Die Kommunikation muß von einer Differenz ausgehen und kann nicht betrieben werden unter der Bedingung der Indifferenz von Differenz und Identität.[22] Die Schwierigkeit besteht darin, daß T. unentwegt die Unterstellung der Differenz ent-plausibilisiert. Ihre Stabilisierung erfordert deshalb einen ungewöhnlichen Energieaufwand: Ein Als-Ob muß in der Kommunikation aufrecht erhalten werden, wenn T. denn überhaupt für Kommunikation noch als Person in Betracht kommen soll. Diese Daueranstrengung erklärt, warum für sie ein Spezialpersonal ausdifferenziert, das dafür bezahlt wird, sie auf sich zu nehmen.[23]

Die Unterstellung von Selbstreferenz bei T. wird erschwert dadurch, daß seine Verhaltenspromulgationen kaum den Schluß zulassen, er habe eine sinnförmige Mitteilung verstanden. Es ist nicht auszumachen, ob seine Anschlußreaktionen Effekte eines Verstehens oder Effekte von 'Dressur' sind, also einer Gewöhnung: Man nimmt das Lätzchen ab, er steht auf; man hält den Löffel hin, er öffnet den Mund; man hält die Socke hin, er hebt einen Fuß. Wenn er nicht aufsteht, nicht den Mund öffnet, nicht den Fuß hebt - kann man dann das Lätzchen-abnehmen, Löffel oder Socke hinhalten dringlicher gestalten, die Differenz von Mitteilung und Information verschärfen?[24] In jedem Fall wird Zeit in der Form von Geduld (und unablässiger Iteration) eingebaut werden müssen, die Sozialsystemen so normal nicht zur Verfügung steht.[25]

Der Zeitaufwand, die Notwendigkeit, jemanden zuständig zu machen, der sich kümmert, läßt sich vergleichen mit dem, was geschieht, wenn etwa in der Umwelt einer Familie ein Säugling auftaucht. Die daran geknüpften Strapazen werden aber ertragen (und sozial geschätzt), weil sie ein absehbares Ende nehmen mit zunehmender (altersbedingter) Inklusion, aber eben dies ist nicht der Fall bei T. Beim Kind wird die Strategie und die Praxis des Als-Ob erwartbar abgelöst durch faktische Inklusion, bei T. nicht, obwohl die gleiche Strategie und die gleiche Praxis stattfindet. Das Als-Ob kondensiert zur Dauersimulation einer kommunikativen Inklusion, die tatsächlich (oder sagen wir lieber: operativ) gar nicht oder nur hoch eingeschränkt) möglich ist.

Natürlich ist T. das Beispiel einer extremen Behinderung.[26] Aber es zeigt sehr deutlich, daß seine Anwesenheit in der Umwelt sozialer Systeme deren Freiheitsgrade entschieden und nicht befristet reduziert und zwar durch Verletzen der Funktionsgrundlagen von Kommunikation. Das soziale System wird genötigt, Aufmerksamkeiten umdirigieren, Zeitverluste tolerieren zu müssen, Mißverständnisse nicht ausräumen zu können, Selektionsverstärker (Pressionsmittel zur Übertragung von Sinnofferten) nur auf Körperbasis (also gewaltnah) einzusetzen oder laufend im Unentschiedenen halten zu sollen, ob Verhaltenspromulgationen als Erleben oder Handeln, als utterance oder nicht interpretiert werden dürfen.

Die Probleme der Kommunikation S.

Einfacher (gleichwohl instruktiv) ist der Fall eines im Augenblick 9jährigen Mädchens S.[27] Das Mädchen leidet unter einer erst sehr spät entdeckten Hochtonstörung auf beiden Ohren, die durch Hörgeräte nur relativ gut kompensiert wird. Es wird nach einer turbulenten und grausamen Lebensphase (bis zum 5. Lebensjahr) in ein Heim gegeben und nach beinahe zwei Jahren Heimerziehung von einer Familie aufgenommen. Es zeigt sich, daß von diesem Sozialsystem Familie eine Reihe von (so zunächst nicht erwarteten) Belastungen toleriert werden muß, von denen ich einige nur in der Form von Impressionen wiedergeben möchte:[28]

Das Fernsehgerät muß seit S.'s Ankunft in der Familie extrem laut gestellt werden. Das führte zu ständigen Konflikten mit den anderen Kindern, aber auch mit Familienmitgliedern, die in anderen Räumen lesen, musizieren oder sonst etwas tun wollten. Durch die späte Entdeckung des Hörschadens sind S. viele Begriffe nicht vertraut. Sie muß (trotz der Lautstärke) nachfragen, und das bei jedem zweiten Satz. Andere Kinder in der Familie halten sie deshalb nicht für dumm, aber nahezu alle reagieren gereizt, wenn laufende Prozesse durch Nachfragen (und erneutes Nachfragen) gleichsam 'schräg' interpunktiert werden. Es gelingt, im Blick auf Lautstärke technische Abhilfe zu schaffen (Spezialgeräte), aber S. muß dennoch weiter Erklärungen einfordern für Wörter, die sie nicht kennt. Es schleifen sich familiäre Blockadestrategien ein: "War nicht so wichtig ..."; "Wir erklären's Dir nachher ..."; "Vergiß es ...". Die Eltern, die selbst dieser Gefahr unterliegen, müssen die anderen Kinder zurechtweisen, was deren Geduld nicht unbedingt fördert. Eine Lösung wäre, das weiß jeder, ein anderes (nicht nur lauteres, sondern auch langsameres, artikulierteres Sprechen unter Vermeidung von Nebengeräuschen), aber die Kommunikation 'vergißt' sehr schnell.[29]

S. hört nicht immer (oder rechnet es dem Rauschen des Hintergrunds zu), wenn jemand zu sprechen beginnt. Sie sagt dann etwas und registriert nicht, daß sie jemanden anderen unterbrochen hat. Das führt zu einer gespannten Atmosphäre, weil sie dann unterbrochen wird, sich im Recht fühlt (sie hat ja nur gehört, was sie gehört hat, und sie kann nicht hören, daß sie etwas nicht gehört hat) und ihrerseits 'patzig' oder gar mit Tränen reagiert. Die feineren Reparaturmechanismen der Kommunikation hat sie nicht gelernt. Sie liegt, um es bildlich zu sagen, in ihren Anschlüssen immer leicht daneben. Sie 'verpaßt' den richtigen Zeitpunkt. Die Witze sind vorbei, wenn sie ihr noch einmal erklärt werden (wozu dann irgendwann niemand mehr große Lust hat). Die Schwester ihrer Altersklasse (jünger), mit der sie ein familieninternes Subsystem praktiziert, gerät in die Rolle der Übersetzerin und Verteidigerin. Sie muß immer zugleich dem 'Normalsystem' folgen und den Mißverständnissen von S., die sie dann zu korrigieren sucht. Das führt zu einer Überforderung.

Die 'behinderte' Sozialisation von S. hat ihr ein Gefühl für Hierarchien in einer Familie (aber auch außen) nicht vermittelt. Sie legt sich mit Geschwistern an, die zehn oder zwanzig Jahre älter sind. Sie rangiert nicht in die Hackordnung ein und zieht damit Aggression auf sich. Die Eltern, die (sozusagen pädagogisch) eingreifen müssen, werden ebenfalls zu Attraktoren für Aggression der älteren Geschwister. Es gibt plötzlich mehrere Erziehungsinstanzen.

In der Umwelt stößt S. auf Schwierigkeiten mit anderen Kindern. Solange ihre jüngere Schwester dabei ist, hat sie einen Dolmetscher. Alleingelassen (zum Beispiel auf Kindergeburtstagen), müssen ihr Spiele mehrfach erklärt werden oder entwickeln sich spontante Spielprozesse, in die sie sich zu spät einklinkt. Sie ist, wenn man so will, nicht synchronisiert und baut allmählich ein idiosynkratisches Weltverhältnis auf. Ringsum ist immer alles zu schnell, weswegen sie selbst schneller zu sein wünscht, aber auch beginnt, nicht mehr spielen zu können, weil sie jeden Spielverlust persönlich nimmt: Jemand anderer hat etwas gehört, was sie nicht gehört hat. Sie bestreitet das, was alle anderen wahrgenommen haben, und fühlt sich getäuscht. Für die anderen ist ihre Wut und Hilflosigkeit Anlaß, sie für eine notorische Spielverderberin zu halten. Spielen mit ihr macht keinen Spaß, und wenn es die Eltern machen, dann ist es Pädagogik. Sie erlebt sich als 'doof'.[30] Die Beteuerungen der Eltern, sie sei es nicht (und sie ist es ja auch nicht), werden durch 'reale' Erfahrungen konterkariert.

Auf dem Pausenhof der Schule wird S. wegen ihrer Hörgeräte gehänselt.[31] Die jüngere Schwester gerät in die Rolle der Verteidigerin. Beide aber wehren sich durch den Hinweis auf den Preis der Geräte.[32] Die Klassenlehrerin, darauf aufmerksam gemacht, weist die hänselnden Kinder zurecht, wodurch die Position von S. nicht günstiger wird. Sie steht unter dem pädagogischen Glassturz, eine Herausforderung für die anderen Kinder, nicht beobachtbare Wege der Kränkung zu suchen.

Ich könnte noch viele dieser Probleme aufzeichen, will aber hier nur festhalten, daß dieses Sozialsystem Familie sich nolens volens (und psychisch schmerzhaft) in ein neues (im Blick auf Freiheitsgrade reduziertes) Arrangement finden muß. Der Aufwand ist beträchtlich und wird psychisch ertragen, weil die Codierung des Systems, seine Referenz auf Intimität in der semantischen Form der Liebe, jedes Nichtertragen als Versagen zurechnen würde.[33] Es ist aber abzusehen, daß die Stabilisierung von Inklusion im Fall von S. 'Besonderungen' erzwingen wird, zum Beispiel den Besuch eines Spezialgymnasiums, vielleicht Psychotherapie, und schon jetzt: das Einschalten eines Integrationsbeauftragten, der das schwer Gängige gängiger machen soll, indem er die Umwelt (Schule etwa) in einer Weise stellt, die die belastete Kommunikation entlasten soll.[34]

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf ...

Die Beispiele sind im wesentlichen auf Interaktionsebene gearbeitet. Sie sollen plausibel machen, daß Behinderung in der Umwelt sozialer Systeme, sobald sie Funktionsbewandtnisse von Kommunikation tangiert, diese Systeme 'strapaziert'. Umgekehrt 'strapazieren' soziale Systeme genau die Individuen besonders stark, deren Konstellation von Einschränkungen, bezogen auf Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung, Zeitverhalten etc., jene Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation berührt.[35] Entscheidend ist in sozialer Systemreferenz, daß die auftretenden Belastungen eine Exklusionsdrift erzeugen und (historisch gesehen) das Wegsortieren der betreffenden Individuen auf einer Bandbreite von Eliminierung bis caritativer Behandlung bewirkten. Dieses Töten (und Sterbenlassen), Marginalisieren, Ausschließen, Wegschließen der Körper wird sozial erst dann auffällig, wenn die Differenzierungsform der Gesellschaft ein Exklusionsverbot bzw. Inklusionsgebot mit sich bringt, das die Exklusionsdrift stoppen oder umkehren muß, obgleich die Gründe für diese Drift sich selbstläufig reorganisieren. Der behinderte Mensch muß, ob er will oder nicht, kann oder nicht, ob es Sinn macht oder nicht, inkludiert werden. Jedes Mißlingen von Inklusion erscheint als schreiende Verletzung des Exklusionsverbotes, als Ungerechtigkeit, obschon (bei allen Behinderungen, deren Form Kommunikation belastet) dieses Mißlingen unvermeidbar erscheint.

Dabei, könnte die Soziologie sagen, täuscht die Rede vom Mißlingen darüber hinweg, daß im Blick auf besondere Belastungen sozialer Systeme immer Lösungsmöglichkeiten entstehen, die gewöhnlich unter dem Begriff Differenzierung beobachtet werden. Die anfallende Komplexität wird abgefangen durch die Ausdifferenzierung von Einrichtungen, die die sachlichen, zeitlichen und sozialen Bedingungen schaffen, unter denen belastete Kommunikation möglich ist, Einrichtungen, die zeitgedehnt operieren, Aufmerksamkeitspotentiale umlenken auf schwierige Adressaten für Kommunikation, Personal haben, das Routinen entwickelt hat im Umgang mit idiosynkratischem Verhalten, Einrichtungen, die sogar (in leider noch viel zu wenig eingesetztem Maße) vorsehen, daß das von Bedingungen belasteter Kommunikation betroffene Personal noch einmal beobachtet wird: Supervision. Auf einer hier nicht ansatzweise auflistbaren Bandbreite ist der Effekt der Belastung: Differenzierung und immer nur Differenzierung. Das Exklusionsverbot steigert die Komplexität der Gesellschaft durch die Notwendigkeit, an der Exklusionsdrift Institutionen zu installieren, die differenzieren, Exklusionsbereiche aufspannen, abweichende Karrieren produzieren und dagegen wieder Vorkehrungen treffen müssen, die wiederum Differenzierungen darstellen.[36] Die Pädagogik (sicher einer der Bannerträgerinnen des Exklusionsverbotes und selbst angetreten unter dem Gesetz des Inklusionsgebotes) fällt Sonder-, Heil- und Behindertenpädagogiken aus, und wenn sie intern bemerkt, daß sie damit desintegriert (desinkludiert), wird sie genötigt, eine integrative Pädagogik zu bauen, die mehr emphatisch als analytisch verfährt und auf Humanität setzt in einer art struggle for life gegen die Drift zur Exklusion, die sie nicht vermeiden kann. In den meisten Heimen, um nur ein Beispiel zu nennen, wird Taschengeld zugewiesen, werden rechtliche Betreuungs- bzw. Vormundschaftsverhältnisse notwendig, wird der Umgang mit Sexualität reguliert oder kanalisiert. Und man kann sehr schnell sehen, daß die davon nicht oder kaum betroffenen Personen (die Avantgarde der Emanzipation) eben die (im Sinne der Kommunikationsbelastung) leicht Behinderten sind - nicht die schwer geistig und körperlich Behinderten, nicht diejenigen, die einnässen und einkoten, nicht diejenigen, an denen die Normalkommunikation zusammenbricht, nicht einmal die hyperaktiven Kinder.

Zusammenfassung

Die These war, daß die moderne Differenzierungsform der Gesellschaft ein Inklusionsgebot (Exklusionsverbot) zeitigt, das die zuvor einfach verschwindenden (marginalisierten) behinderten Personen in einem nie gekannten Ausmaß in die Sichtbarkeit befördert. Der Versuch, die bis dahin Exkludierten nun auch zu inkludieren, trifft auf das Problem, daß Behinderung in der Umwelt von Sozialsystemen in diesen Systemen nichtignorable Belastungen hervorruft, die zur Ausdifferenzierung einer Expertenkultur zwingt, die die gleichsam naturläufige Exklusionsdrift stoppen soll. Damit ist ein katalytisches Dauerproblem bezeichnet, das die Reproduktion (und die weitere Tiefendifferenzierung) jener Expertenkulturen stimuliert. Sehr viele Leute leben mittlerweile auf dem Hintergrund der Exklusionsdrift, die sich nicht beseitigen läßt, aber beseitigt (oder unsichtbar) gemacht werden soll. Der emphatische Gebrauch des Wortes Integration täuscht darüber hinweg, daß alle Integration Freiheitsgrade davon betroffener Sozialsysteme erneut reduziert, also strapaziert statt entlastet. Sinn dieser Überlegungen war es, auf dieses Dauerproblem aufmerksam zu machen. Vielleicht läßt sich der humanisierende Nebel über dem Inklusions/Exklusions-Problem Behinderter dadurch auflösen. Dann würde der Blick frei auf die Möglichkeit von Analysen, die dieses Problem (das noch lange nicht durchschaut ist) präziser erfassen und damit auch die hier nur angedeutete Feinstruktur der Belastungen, die sich auf beiden Seiten ergeben: für Menschen mit Behinderungen und für Sozialsysteme.


Anmerkungen:

[1] Es ist nicht korrekt, solche Anmerkungen zu machen, aber man sollte political correctness immer mit 'politischer Korrektheit' übersetzen, damit der graue Geschmack von Pedanterie, Theoriebesessenheit, Ideologie und lebensfeindlicher Moral auf die Zunge tritt.

[2] Siehe zu einer instruktiven Ausnahme Fuchs, P./Krüger, M./Schneider, D., Die Widerständigkeit der Behinderten, Probleme der Inklusion und Exklusion in der ehemaligen DDR, in: Fuchs, P./Göbel, A. (Hrsg.), Der Mensch - das Medium der Gesellschaft?, Frankfurt a.M. 1994, S.239-263.

[3] Damit bieten wir eine andere Erklärung für die 'Entstehung' (Vermehrung der Beobachtung von Behinderung) an, als sie sich typisch in den vier Paradigmen der Behindertentheoren finden. Siehe für viele Bundschuh, K. Heilpädagogische Psychologie, München - Basel 1992, S.34f. Zur Inklusion/Exklusions-These vgl. Stichweh, R., Inklusion in Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, in: Mayntz, R. et al., Differenzierung und Verselbstständigung: Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme, New York - Frankfurt a.M. 1988, S.261-293; Luhmann, N., Inklusion und Exklusion, in: Berding, H. (Hrsg.), Nationales Bewußtsein und kollektive Identität, Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins der Neuzeit 2, Frankfurt a.M. 1994, S.15-45.

[4] Siehe etwa Fuchs, P., Die Erreichbarkeit der Gesellschaft, Zur Konstruktion und Imagination gesellschaftlicher Einheit, Frankfurt am Main 1992. Zum Zusammenhang Differenzierung und Individuum siehe Luhmann, N., Die gesellschaftliche Differenzierung und das Individuum, in: Olk, Th./Otto, H.-U. (Hrsg.), Soziale Dienste im Wandel 1, Helfen im Sozialstaat, Neuwied - Darmstadt 1987, S.121-137; Fuchs, P., Studie über japanische Kommunikation, in ders.: Die Umschrift, Zwei kommunikationstheoretische Studien, Frankfurt a.M. 1995 (im Druck).

[5] Siehe Fuchs, P./Schneider, D., Die Welt ist alles, was der Fall ist, Experimentelle Überlegungen zur Zukunft funktionaler Differenzierung, Ms. Neubrandenburg 1994 (in Vorbereitung). Es ist trivial, darauf hinzuweisen, daß sich auf diese Weise auch die revolutionären Bewegungen des 19. und die emanzipatorischen des 20. Jahrhunderts erklären lassen.

[6] Generalisierte Inklusion ist gleichsam der Motor gesellschaftlicher Ungleichheit der Inkludierten. Erst im Exklusionsbereich kommt es zu dem, was man Gleichheit nennen könnte.

[7] Siehe Luhmann, N., Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat, München - Wien 1981, S.28f.

[8] In Neubrandenburg haben wir das Gedankenexperiment durchgespielt, was alles erforderlich an einer Straßenkreuzung wäre, um jeder Form der Behinderung (und nicht nur der paradigmatischen des Rollstuhlfahrers) Mobilität (als Vorbedingung totaler Inklusion) zu ermöglichen. Es zeigte sich, daß die Blinden, die Rollstuhlfahrer und kleinwüchsige Personen recht leicht (wenn auch unter finanziellem Aufwand) berücksichtigt werden können, aber schon nicht mehr geistig Behinderte, extrem langsam gehende Menschen, stark mehrfachbehinderte Personen usw.

[9] Ebenso von Anfang an wurde diese Entwicklung beklagt. Es sei nicht gut, geistesschwache Kinder "von dem großen Haufen abzusondern", kann schon um 1820 formuliert werden. Siehe Traugott Weise, Betrachtung über geistesschwache Kinder, zit, nach Bleidick, U./Hagemeister, U., Einführung in die Behindertenpädagogik, Bd.1, Allgemeine Theorie der Behindertenpädagogik, vierte, völlig überarbeitete Auflage, Stuttgart - Berlin - Köln 1992, S.47. Siehe auch zu den hier einschlägigen Leitbegriffen Segregation, Isolation, Ghettoisierung Cloerkes, G., Einstellung und Verhalten gegenüber Behinderten, Eine kritische Bestandsaufnahme der Ergebnisse internationaler Forschung, Berlin 1985(3), S.425ff; ferner für den Typus leidenschaftlicher Darstellung Klee, E., Behindertenreport, Frankfurt a.M. 1974.

[10] Serres, M., Der Parasit, Frankfurt am Main 1981.

[11] Wir meinen hier nicht einen soziologischen Begriff der Integration etwa von Sozialsystemen selbst, sondern beziehen uns auf den Begriff, der in pädagogisch-emanzipatorischen Kontexten auftaucht. Am Rande sei erwähnt, daß alle Integrationsüberlegungen schärfer wären, wenn man sich dem Vorschlag Luhmanns anschlösse, Integration als Reduktion von Freiheitsgraden aufzufassen. Siehe zu Konsequenzen Fuchs, P., Behinderung von Kommunikation durch Behinderung, Ms. Neubrandenburg 1994 (erscheint 1995). Siehe zur Inflation des Begriffs im hier diskutierten Kontext Bleidick, U., Diskussion: Integration, Eine Auswahl aus der sonderpädagogischen Literatur, in: Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg.32, H.10., 1981, S.715-721.

[12] Siehe aber als ersten Versuch die Studie über Autismus in Fuchs 1995.

[13] Siehe vor allem Luhmann, N., Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984.

[14] Ich denke, dies ist der Grund, warum der Rollstuhlfahrer zum Paradigma des Behinderten geworden ist. Er ist, von der Seite der Kommunikation her gesehen, harmlos, und Inklusion ein sozusagen rein technisches Problem.

[15] Das kann man sehr leicht (in der Form von Krisenexperimenten) testen. Wenn man zum Beispiel in einer laufenden Interaktion plötzlich extrem leise spricht und auf Korrekturversuche nicht reagiert, oder wenn man ständig lauteres Sprechen einfordert, oder wenn man, unentwegt vor sich hinmurmelnd, thematisch unpassende Geschichten erzählt, oder wenn man behauptet, daß dort eine Kuh tief geflogen sei und sich durch den Rekurs auf Wahrnehmung nicht beeindrucken läßt etc.

[16] Ich verzichte hier des Arguments wegen auf Detailisierung und zeichne die Thesen übersummarisch auf. Siehe aber das Kapitel "Die Kommunikationsmaschine" in Fuchs 1995. Ausdrücklich weise ich daraufhin, daß ich hier die Referenz auf Kommunikation genommen habe, daß man aber natürlich die Thesen invertieren kann: Bewußtsein kommt nur dann in Gang und kann betrieben werden, wenn Kommunikation....

[17] Wichtig ist dieses 'auch'. Die Autopoiesis sozialer Systeme 'versteht' durch die Produktion einer Anschlußutterance.

[18] Die Kommunikation auf dieser Ebene sei zwischen Behinderten und Nichtbehinderten stereotyped, overkontrolled, inhibited, angstgeladen und neige zur Unbehaglichkeit. Siehe etwa Safilios-Rothschild, C., The Sociology and SocialPsychology of Disability and Rehabilitation, New York 1978, S.122.

[19] Ich kenne T. sehr gut und beobachte ihn seit 20 Jahren. Für beide Fälle, die ich schildere, gilt, daß ich aus Gründen der Plausibilisierung darauf verzichtet habe, eine radikale 'Umschrift' auf Kommunikation durchzuführen. Es geht mir im Augenblick nur um das Belastungsargument.

[20] Das wäre ein Fall einseitig bewußter Kommunikation. Siehe Fuchs, P., Kommunikation mit Computern?, Zur Korrektur einer Fragestellung, in: Sociologia Internationalis, H.1, Bd.29, 1991, S.1-30, und ders., Eine Zukunft der Gesellschaft, Ms. Groß Wesenberg 1995.

[21]Siehe zu gravierenden Folgen solcher Reduktion noch einmal Fuchs, Buhrow, Krüger 1994.

[22] Sie kann T. nicht naturförmig behandeln, nicht als Fichte, Stein, Meereswelle. Siehe zur Formulierung Schelling, F.W.J., Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie, in ders. Schriften von 1799-1801, Darmstadt 1982, S.309.

[23] Theoretischer kann man sagen, daß ein besonders eingerichtetes Gedächtnis erforderlich ist, hier durch ausgebildete und bezahlte Personen realisiert. Im übrigen ist auch das Pflegegeld eine Alimentierung, die Motive zur Aufrechterhaltung aufwendiger Kommunikation verschaffen soll.

[24] Dort liegt meiner Erfahrung nach eine große Gefahr. Das Dringlicher-machen von Sinnzumutungen kann sozusagen nur noch auf Körperlichkeit zugreifen, anstoßen, dicht an die Augen führen - Schlagen? Wer in Heimen gearbeitet hat, kennt genau diesen Übersprung: die Bekräftigung der Sinnzumutung durch Gewalt, wie immer klein oder groß sie ist, und sei es nur, daß man die Hände des Kindes, die man hält, fester drückt als man es je bei einem eigenen Kind täte.

[25] Um ein anderes Beispiel zu wählen: Wenn ältere Leute (und heute: junge) harthörig werden, dann werden die Familien gereizt.

[26] Damit aber auch das Beispiel einer zahlenmäßig nicht kleinen Gruppe, die nicht inkludiert (integriert) wird und die nicht eine schlagkräftige Lobby hat und die in Behindertenverbänden sich nicht selbst repräsentieren kann, deswegen auch selten repräsentiert wird. Über die Sexualität von Rollstuhlfahrern, Kindern mit Down-Syndrom kann man sich Gedanken machen, über die von T. dagegen?

[27] Diesen Fall kenne ich seit anderthalb Jahren, ebenfalls im Direktkontakt und mit der Chance laufender Beobachtung.

[28] Und noch einmal: Ich formuliere in sozialer Systemreferenz. Die Rückschlageffekte der skizzierten Probleme auf das Kind sind ohnehin evident.

[29] Vor etlichen Wochen hatte ich einen Hörsturz und entsprechend abenteuerliche Hörprobleme. Meine Bitte (in Senats- und Rektoratssitzungen, aber auch in der Familie), sich daran zu orientieren, also anders zu sprechen, laute Geräusche zu vermeiden etc. wurde immer akzeptiert, aber entsprechende Handlungen konnten immer nur Minuten durchgeführt werden. Dann sprachen die Leute wieder leiser, schepperte die nächste Tasse, schrie das eine Kind, plärrte dort das Saxophon, schmetterte meine Frau die Tür. Ich gab es sehr schnell auf, Schonung einzuklagen.

[30] Ich verweise nur auf den Zusammenhang der Wörter 'doof' und 'taub'.

[31] Und sei es nur, weil diese Geräte auf Grund von Rückkopplungen mitunter 'pfeifen'.

[32] Es wird, um das am Rande anzumerken, die Referenz auf ein anderes Medium (Geld) genommen.

[33] Familien, die Pflegekinder aufnehmen und sie wieder abgeben müssen, weil das System zusammenzubrechen droht, kennen zumindest das psychische Problem, das mit diesem Abgeben (und der Kommunikation darüber nach innen und nach außen) entsteht.

[34] Er müßte dann (und das wird er auch tun) für infra- oder extrastrukturelle Entlastungen der Kommunikation sorgen: Teppichboden im Unterrichtsraum (um das Hallen zu vermeiden) oder sich um die Finanzierung weiterer (sehr teurer) Geräte kümmern, die S.'s Anschluß an die Kommunikation verbessern.

[35] Das ist nur ein etwas umständlicher Ausdruck für die Prozesse struktureller Kopplung zwischen den Systemtypen.

[36] Ich beziehe das hier auf Behinderung, aber man sieht schnell, daß zum Beispiel die Inklusion der Frauen Institutionen und Institute schafft und erhält.



Foto: wörz/rtwe

Der Autor

Prof. Dr. rer. soc. Peter Fuchs, M.A.

  • Professor für Soziologie und Behindertenarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg

  • Führender Vertreter des Zweiges der Systemtheorie, der mit dem 1998 verstorbenen Niklas Luhmann in Verbindung gebracht wird. Peter Fuchs bemüht sich wie wenige andere um die Weiterentwicklung der Systemtheorie, was sich auch am Umfang seiner Publikationsliste ersehen lässt.

Veröffentlichungsdatum: 20. Mai 2002


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