Heinz von Foerster

Special (November 2001)


zum 90. Geburtstag


Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft

Soziale Arbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster

Theodor M. Bardmann

Sozialarbeit ist 'Schmuddelkram'. Etwas vornehmer ausgedrückt: Sozialarbeit ist eine 'Profession ohne Eigenschaften'. Das war sie seit ihren Anfängen und das ist sie bis heute geblieben. 'Ohne Eigenschaften' zu sein, heißt nach Robert Musil (vgl. 1978:151ff.), dem Erfinder dieses Titels, es zu allen Eigenschaften 'gleich nah und weit' zu haben, zu keiner Eigenschaft einen vorweg präferierten Bezug zu unterhalten. Eine eigenschaftslose Profession nimmt alle Eigenschaften als gleich gültig. Als Systemtheoretiker darf man einen solchen Zustand auch als 'Freiheit zur Selbstbestimmung' deuten, wobei Freiheit wiederum nichts weiter meinen kann als den 'Zwang zur Selbstreproduktion'. Eine 'Profession ohne Eigenschaften' ist in den Worten Heinz von Foerster ihr eigener Regler: Sie entscheidet in jedem Augenblick, wer sie ist (vgl. von Foerster 1993b:71), welche Eigenschaften sie an und welche sie ablegt, kurz: welche Form sie sich gibt.

Betrachtet man die Geschichte der Sozialarbeit oder auch nur ihre derzeitigen Veranstaltungen, so ging und geht es immer auch darum, nach 'passenden' Eigenschaften zu suchen, um sich eine 'professionelle Identität' zu geben. So wurden im Laufe der Zeit alle möglichen Moden und Marotten ausprobiert, doch nichts wollte als 'professioneller Kern' oder als 'professionelle Essenz' letztendlich genügen. Aus diesem Grunde sprachen viele Beobachter der Sozialarbeit nur eine 'halbe' Professionalität zu oder nannten sie 'semi-professionell'. Andere sprachen ihr Professionalität gänzlich ab. Manche vertrösteten sie darauf, in naher oder ferner Zukunft vielleicht einmal professionell zu werden. Es gab selbst solche Stimmen, die ihr 'Entprofessionalisierung' empfahlen, obwohl ihr professioneller Status noch gar nicht geklärt war.

Während dieser Debatten mußten die Sozialarbeiter ihre Arbeit trotzdem verrichten, und zwar ohne ihre professionelle Identität eindeutig bestimmt zu haben, ohne klar benannte Ziel-, Aufgaben- und Funktionsvorgaben erwirkt zu haben, ohne auf einheitlich abgestimmte Ansätze und Konzepte zurückgreifen zu können. Sie operierte, wie gesagt, 'schmuddelig', 'eigenschaftslos', in 'zwangsweise freier Selbstbestimmung'.

Der überwiegende Teil der Beobachter will oder kann sich aber die Sozialarbeit als 'Profession ohne Eigenschaften' nicht vorstellen. Er wird deshalb nicht müde, ihr immer wieder neue Eigenschaften anzutragen, um sie endlich auf einen klaren, professionellen Kurs zu lotsen. Was aber, wenn die Sozialarbeit - jenseits der theoretischen, kritischen und belehrenden Kommentare - ihre Identitätsfrage bereits beantwortet hat? Was, wenn Sie sich für die Eigenschaftslosigkeit entschieden hat? Meine These lautet: Eigenschaftslosigkeit ist die hervorragende und maßgebliche professionelle Eigenschaft der praktischen Sozialarbeit. Ihre 'Schmuddeligkeit' ist nicht ihr Makel, sondern ihr Markenzeichen, nicht ihr Defizit, sondern ihre Kompetenz. Fast möchte ich sagen: Eigenschaftslos zu sein ist ihr Erfolgsrezept, Schmuddeligkeit ihr Prinzip, wenn ich nicht ganz genau wüßte, wie erfolg- und prinzipienlos sie unter Umständen ist.

Eine solche These, die uns eine Paradoxie beschert, läßt sich nur mit einer paradoxieerfahrenen Denkform plausibel machen, einer Denkform, die mithin ebenso ver-rückt (vgl. von Foerster 1984, 1986) ist wie die Praxis der Sozialarbeit selbst. Dank Heinz von Foerster und seinen großartigen kybernetischen Beiträgen gibt es mittlerweile eine solche Denkform, und die soll hier zur Stützung unserer These und zur Reflexion der praktischen Leistungen der Sozialarbeit herangezogen werden. Heinz von Foerster möge uns verzeihen, wenn wir im folgenden versuchen, seine wohlkalkulierte Kybernetik in den Kontext der 'schmuddeligen' Sozialarbeit einzuschleusen. Aber vielleicht war ja die Sozialarbeit immer schon eine 'krypto-kybernetische' Veranstaltung, die ihre Eigenheit zwar ahnen, aber aufgrund herrschender Theoriemuster nicht aussprechen durfte. Nachdem nun aber diese opaken 'observing systems' (von Foerster 1981, deutsch:1985) am wissenschaftlichen Horizont erschienen sind, könnte die Sozialarbeit recht ungeniert ihr 'coming-out' feiern. Was dabei auf ihren Monitoren auftauchte, soll im folgenden in rasanter Kürze ausgemalt werden.

Ich warne aber gleich vor: Getreu dem Motto, das Heinz von Foerster uns schenkte: "Schaffe Möglichkeiten!" (vgl. von Foerster 1993a:49), wird - anders als gewohnt - kein düsteres Bild der Defizite, Fehler und Restriktionen erscheinen, sondern ein hoffnungsvolles Bild, das von Möglichkeiten, Chancen und Freiheiten zeugt. Schönfärberei? Klar! Aber: "Honi soit qui mal y pense!"1

  1. Heinz von Foersters erkenntnistheoretisch angelegte Theorie der Beobachtung (vgl. von Foerster 1993a:25ff.;1993d:116ff.) verdanken wir die Bekanntschaft mit einer kuriosen Figur: der Figur des Beobachters, der nur deshalb etwas sieht, weil er seinen eigenen 'blinden Fleck' (von Foerster 1993a:26f.) nicht sieht. Die Merkwürdigkeit des Beobachters besteht nicht einfach nur darin, daß er immer irgend etwas übersieht, sondern darin, daß er die Bedingung seines eigenen Sehens, den 'blinden Fleck', nicht sieht. Ja, er darf ihn nicht sehen, weil sonst könnte er überhaupt nichts sehen/übersehen. Jede Beobachtung geschieht, wenn sie geschieht, blind, d.h. unter Absehung des 'blinden Flecks'. Jede Bestimmung ist eine Bestimmung im Unbestimmten und jede Entscheidung ist eine Entscheidung im Unentscheidbaren. Und damit ist im Grunde bereits alles gesagt.

    Heinz von Foerster verfrachtet die Selbst- und Weltbeobachtung von der Ebene 1. Ordnung, auf der es um die direkte Bezeichnung von Dingen und Sachverhalten geht, auf die Ebene der Beobachtung 2. Ordnung, auf der Beobachter daraufhin beobachtet werden, wie und unter welchen Bedingungen sie die Welt beobachten. "Beobachte den Beobachter!" lautet seine Anweisung (vgl. von Foerster 1993d:116ff.), und erst auf dieser Ebene rekursiver Beobachtungsverhältnisse gerät die skandalöse Blindheit eines Beobachters in den Blick. Sie ist skandalös, weil sie selbst noch den Beobachter des Beobachters betrifft, sich also auf dritter, vierter, fünfter bis x-ter Ebene wiederholt und damit jede, wirklich jede Hoffnung auf einen festen Bezugspunkt der Beobachtung zerstört. Wo immer man startet, wohin immer man denkt, in der Zirkularität landet man immer wieder nur im Zirkel.

    Dies gegeben ist es bemerkenswert, daß die berufliche Sozialarbeit als erste die Beobachtung des Beobachters in Form der Supervision professionell institutionalisiert hat. Supervision kann sich - nach etlichen Oszillationen ihrer Perspektivität (vgl. Belardi 1992) - gerade nicht mehr als Beratung oder als Import von fremdem Expertenwissen in den eigenen professionellen Kontext verstehen, sondern nur noch als Anleitung zur Selbstbeobachtung, -analyse und -beratung, sozusagen als Animation, den 'blinden Fleck' aufzuhellen, ohne ihn letztlich aufheben zu können. Man sucht, indem man sich die unterschiedlichsten Beobachtungsbrillen auf die Nase setzt (vgl. Schreyögg 1994), gemeinschaftlich nach Lösungen für Probleme, die jemand als Mensch (Beobachter) mit den eigenen und fremden Sichtweisen im Arbeitskontext hat. Man weiß, daß die Lösungen, die man findet, die Probleme der nächsten (Beobachtungs-)Runde sein werden. Man weiß auch, daß das, was jemand aus dem herauszieht, was in einer Supervisionssitzung zu seinen Problemen gesagt wird, ausschließlich zu seiner Verfügung steht und nicht als vorbildlich für andere Supervisanden oder als mustergültig für andere Situationen zu behandeln ist. Supervision ist, und das hat sie mit der kybernetischen Beobachtungstheorie gemein, nicht lösungs-, sondern problemorientiert, sie gibt keine abschließenden Antworten, sondern lehrt den Umgang mit immer wieder nachschießenden Fragen und Problemen. Sie verdient das Präfix 'Super' denn auch heute nicht mehr, weil sie beansprucht, überlegene, bessere, verbindliche Sichten zu erzeugen, sondern ganz im Gegenteil: weil sie nach der Durchtestung klinischer, psychoanalytischer, gesprächspsychotherapeutischer, personen- und institutionenzentrierter, gruppendynamischer, kommunikationstheoretischer und schließlich system- und kulturanalytischer Perspektiven 'am eigenen Leib' die Beobachtungsabhängigkeit und Relativität von Beschreibungen (Diagnosen, Anamnesen und Therapiekonzepten) begriffen hat, um fortan einen 'systematisch unsystematischen', sprich: 'respektlosen' und 'offensiv eklektizistischen' Umgang mit Beschreibungen zu üben. Hauptsache ist, es begünstigt die Arbeitssituation der Supervisanden. Man will nicht mehr wissen, wie es 'wirklich' ist, welche Beschreibungen 'stimmen', sondern mit welchen Beschreibungen ein Beobachter im Dickicht arbeitsweltlicher Zusammenhänge effektiver operieren kann2

    Heute kann sich die Supervision in dieser Orientierung auf Heinz von Foerster berufen und das Kernproblem professioneller Berufsarbeit, das es über Supervision zu bearbeiten (nicht zu lösen!) gilt, auf die Rekursivität, Verschränktheit und Verwobenheit unterschiedlicher, oft gegensätzlicher und widerstreitender, auf keine endgültigen Anfangs-, End- oder Konsensformeln mehr zu reduzierender Beobachtungsweisen beziehen. Der Beobachter, der sich in einer Kaskade von Beobachtern eingereiht weiß, nimmt Abschied von der Idee der Einheit, Eindeutigkeit oder Einstimmigkeit, um sich dem Abenteuer der Polyvalenz und Multiperspektivität sozialer Wirklichkeiten zu stellen3.


  2. Heinz von Foerster setzt seinen Beobachter exakt an die Stelle, an der die alteuropäisch-humanistische Tradition entweder von der Realität als objektive Gegebenheit oder von letzten Werten, Gründen und Prinzipien spricht, wo sie also ontologisch, objektivistisch oder normativ und wertgeladen wird. Abschied von der Realität nimmt Heinz von Foerster, indem er vom 'Prinzip der undifferenzierten Kodierung' ausgeht, das besagt: "Die Erregungszustände einer Nervenzelle kodieren nur die Intensität, aber nicht die Natur der Erregungsursache" (von Foerster 1993a:31). Damit läßt er jeden Beobachter seine Wirklichkeit im ausschließlichen Bezug auf eigene Berechnungen berechnen. Völlig getrennt von der Außenwelt und ohne auf ein 'Original' zurückgreifen zu können, entwirft der Beobachter sein Bild von der Welt. Die Realität bleibt ihm kognitiv unzugänglich, zugänglich ist ihm nur seine selbstkonstruierte Wirklichkeit. Das Band, das ihn mit der Welt und ihren Gegenständen verband, ist durchschnitten. 'Objekte', das sind dem in sich kreisenden Beobachter nur noch die relativ stabilen Ergebnisse seines pausenlos rechnenden Gehirns (vgl. von Foerster 1993c:103ff.). Erst wenn der Beobachter dies vergißt, entsteht die Realität als eine objektive, die ihn zur Akzeptanz ihres 'Soseins' zwingt und keine Alternativen mehr zuläßt.

    Das Prinzip der Objektivität gebietet, so Heinz von Foerster (vgl. 1993f:63f; 1993g:88f.), den Beobachter vom Beobachteten zu trennen und seine Eigenschaften aus den Beschreibungen herauszuhalten. Objektivität erreichen wir nur, indem wir den Beobachter als rekursive, selbstreferentielle Rechenmaschine in den Bereich des 'blinden Flecks' bugsieren und dort belassen. Tritt er aber daraus hervor, wird jede klare und direkte Sicht auf die Gegenstände dieser Welt durch Zirkel, Paradoxien und andere Unentscheidbarkeiten 'verschmutzt'.

    Die Sozialarbeit konnte es sich nie leisten, den Beobachter im 'blinden Fleck' der Beschreibungen verschwinden zu lassen und hatte es deshalb in aller Regel mit unklaren, widerstreitenden, ja unversöhnlichen Wirklichkeiten zu tun. Zudem waren die Wirklichkeiten, mit denen sie es zu tun bekam, zu ungünstig und veränderungswürdig, als daß man sich mit dem Sosein des Gegebenen hätte arrangieren können4. Um diese Wirklichkeiten aber aufzubrechen und zu verändern, mußte sie den Beobachter, den Verschmutzer aller Klarheit und Gültigkeit, aus seinem Versteck locken. Sie mußte ihn hinter den Beschreibungen, die ihn verdecken, hervorholen und in die Zirkularität seiner Weltkonstruktion verstricken.

    "So ist es! Das ist der Stand der Dinge! Kein Weg führt daran vorbei!", das ist die plumpe, oft vernehmliche Ausrede eines Beobachters, der sich mit diesen Worten in die Dunkelheit seines 'blinden Flecks' verabschieden möchte. Mit der Frage: "Wer sagt das?", wissen supervisionstrainierte Sozialarbeiter aber den Beobachter wieder einzuführen, um die angeblich objektive, sachliche, wahre und realistische Beschreibung der Situation als seine und nur eine Sicht der Dinge zu enttarnen, zu stören und schließlich womöglich in eine neue Form zu bringen5.

    Sozialarbeiter mußten dem herrschenden 'Realitätssinn' immer wieder mit einem gerüttelten Maß an 'Möglichkeitssinn' entgegentreten, um mit denen, die 'in der Klemme' sitzen, nach Auswegen und neuen Lösungen zu suchen. "Warum so und nicht anders?" Diese Frage begleitet ihren Berufsalltag und richtet sich eben nicht nur an die Klienten, sondern auch an sie selbst, ihre Art zu beobachten: Selbstklientifizierung in der Form von Selbsterfahrung, Reflexion, Training und eben auch Supervision zeichnet die Soziale Arbeit in ganz besonderer Weise aus, doch der Preis für diese Auszeichnung ist freilich die Schmuddeligkeit, weil sich so zu den Verstrickungen des Gegenübers auch noch die eigenen Verstrickungen gesellten und beide gemeinsam im allgemeinen Gerangel um 'Realitäts- und Normalitätsdefinitionen‘ trotzdem zu einer tragfähigen Wirklichkeitskonstruktion finden sollten.


  3. Auch Werte, Normen und Ideale können nach dem Auftritt von Beobachter beobachtenden Beobachtern nur noch als kontingente Beobachtungsformeln einer grundsätzlich nicht abschließbaren, weil rekursiven Selbst- und Weltbeobachtung verstanden werden. Damit fällt jedem Beobachter, der ohne äußere Anhaltspunkte selbst noch die Werte und Normen für sein Handeln (er)finden muß, das volle Risiko wie die volle Verantwortung für seinen autonom erstellten Wertehaushalt zu. Denn, so Heinz von Foerster (1993a:47): "Autonomie bedeutet Verantwortung!" Damit sind wir bei ethischen und moralischen Fragen angelangt.

    Heinz von Foerster vertritt die Idee, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt, da man im Moment ihres Ausspruchs ins Moralisieren 'abrutscht'. Wer über Ethik spricht, wird Moralisateur, meint nicht mehr nur sich selbst, sondern andere. Aus der ethischen Proposition des 'Ich soll!' wird die moralische Proposition des 'Du sollst!'. Es kann also nicht darum gehen, Ethik im Reden zu explizieren, sondern es geht darum, sie im Handeln implizit zu leben.

    Mit seiner Art, Theorie zu bauen, mit seinem Denken in Zirkeln und Rekursionen, sprich: mit seiner Form der Begründung der Unbegründbarkeit von jeweiligen Weltsichten und Werturteilen, hat Heinz von Foerster - eben als Konstrukteur von Theorie - bereits praktisch vorgemacht, was er - paradox genug - in seinem 'ethischen Imperativ' auch noch expliziert: "Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst!" (von Foerster 1993a:49). Die Anzahl der Möglichkeiten wächst in eben dem Maße, wie wir es mit einer Theorie zu tun bekommen, die die Fallen der Trivialisierung und Möglichkeitsreduktion markiert: Die Bezugnahme auf Realität und/oder Moral.

    Die Sozialarbeit hat, auch das macht einen Gutteil ihrer Schmuddeligkeit aus, nicht nur gegenüber den Zwängen einer 'objektiv gegebenen Realität', sondern auch gegenüber den Pflichten einer 'unverbrüchlichen Moral' stets ein äußerst ambivalentes Verhältnis unterhalten. Einerseits betreiben Sozialarbeiter ihre Arbeit als ein eindeutig moralgeladenes Unternehmen, bei dem man sich selbst und anderen immer wieder unverzichtbare und unverletzliche Werte, Normen und Ideale einredet. Andererseits aber zeigen Sozialarbeiter eine deutliche moralische Abgeklärtheit und Nüchternheit, an der selbst noch die zähesten Moralisierungsversuche von außen abzuprallen scheinen. Sozialarbeiter sind moralanfällig und -immun zugleich. Und vielleicht ist das schon ein Teil der Übersetzung der 'impliziten Ethik' bzw. des 'ethischen Imperativs' des Heinz von Foerster!

    Wer sonst als die Sozialarbeiter weiß besser, daß jedes Wertsystem und jede Moral, gleich welcher Couleur, seine je eigenen Opfer mitproduziert? Wer sonst als die Sozialarbeiter wissen besser, daß Werte und Normen die Arbeit zwar orientieren, aber auch mächtig behindern können? Wer sonst als die Sozialarbeiter wäre darin geübter, die moralische Frage noch auf die Moral selbst zu beziehen und zu fragen, ob die Unterscheidung von gut und schlecht ihrerseits gut oder nicht vielmehr schlecht ist? Sozialarbeiter haben auch in bezug auf die Moral Zirkularität geübt, um festzustellen, daß man mit den besten Absichten Übles anrichten kann und daß es manchmal besser ist, das Schlechte zu wählen, weil nur so das Gute zu erreichen ist. Solche Erfahrungen ließen Sozialarbeiter immer schon zwischen Gut und Böse jonglieren und statt auf die moralisch integere Motivation auf die Brauchbarkeit der praktischen Effekte zu achten. Hier und da war auch mal ein Pakt mit dem Teufel zu schließen, um das Leben der Klienten ein wenig zu bereichern.

    Kein geltendes Werte- und Normensystem nimmt Sozialarbeitern die Verantwortung für ihr Tun und Lassen mehr ab, wenn sie sich selbst erst einmal als Beobachter im Nacken sitzen. Deshalb gehört es auch zu ihrer - trotz aller moralischen Verlautbarungen - impliziten Ethik, sich auf eine kritische Distanz zu den üblichen moralischen Ansprüchen zu halten, wie sie von Klienten, Institutionen, beobachtenden Dritten oder auch anderen Sozialarbeitern formuliert werden. Eben diese Distanz wissen sie zu nutzen, um das eigene Handeln selbstverantwortlich auf seine Folgen hin zu reflektieren6.

    Wie ein Geburtshelfer entbindet der Beobachter des Heinz von Foerster die Sozialarbeit aus dem objektivistischen und moralischen Corpus Alteuropas und zertrennt die Schnüre sowohl zu einer vorgegebenen Realität, als auch zu einer unumstößlichen Moral. Er macht Sozialarbeiter damit in einem grundsätzlichen Sinne frei: Er befreit sie als Beobachter ihrer eigenen Beobachtungen selbst noch von den eigenen Gewißheiten und Überzeugungen. Wenn Sozialarbeiter heute gemeinsam mit ihren Klienten nach neuen Möglichkeiten der Wirklichkeitskonstruktion oder nach einer gemeinsamen Plattform geteilter Normen und Werte suchen, können sie dies ohne Rücksicht auf eigene Wichtigkeits- und Richtigkeitsgesichtspunkte tun.

    Überzeugungsentbunden darf selbst in den 'Mülltonnen der eigenen und gesellschaftlichen Realitäts- und Normalitätsvorstellungen‘ nach brauchbaren Lösungen gesucht werden. Bei der Beobachtung einer unbeobachtbaren Welt, bei der Beschreibung einer unbekannt bleibenden Realität, bei der Entscheidung unentscheidbarer Fragen kann es auch für Sozialarbeiter keine sicheren Bezüge und festen Gründe mehr geben, und man machte sich verdächtig, wollte man für andere etwas verbindlich machen, was für einen selbst längst nicht mehr verbindlich ist, wollte man andere von etwas überzeugen, von dem man selbst nicht mehr überzeugt sein kann.

    Nicht zuletzt die Klienten selbst haben mit den Wechselfällen ihrer Karrieren der Sozialarbeit immer wieder vor Augen geführt, daß sich in dieser Welt nur in Provisorien leben läßt und daß sich die Vielfalt der Möglichkeiten weder mit Verweisen auf Gott, Natur, Vernunft oder Gesellschaft bändigen und auf einen sicheren 'one best way' reduzieren läßt.


  4. Als Effekt der 'cybemetics of cybernetics' des Heinz von Foerster ist uns Realität nur noch als 'second order reality' zugänglich, die sich, nolens volens, dadurch auszeichnet, daß sie kontingent, d.h. immer auch anders beobachtbar ist. Kontingenz befällt nun nicht nur unseren Realitätssinn und unseren Wertehaushalt, sondern schließlich auch noch unser Menschenbild.

    Als es noch Objekte ohne Gänsefüßchen gab, wurde der Mensch Subjekt genannt und selbst von Kybernetikern als eine bevorzugte Instanz der Wirklichkeitskonstruktion, als 'Sitz' aller Beobachtungsoperationen ausgezeichnet. Für helfende Berufe war der Mensch eine Art 'heilige Kuh' bzw. 'goldenes Kalb', dem man Opfer brachte und Hege und Pflege angedeihen ließ. Letztlich, das hätten Kybernetiker wie Sozialarbeiter wohl gleichermaßen unterschrieben, ginge es in ihrer Arbeit um Menschen, ihre Würde und ihr Wohl. Nach einer Kybernetik zweiter Ordnung aber gerät auch noch der Mensch als Gegenstand, Ziel und Grund der eigenen Arbeit in die Turbulenzen rekursiver Beobachtungsverhältnisse und es steht zu befürchten, daß er nicht unbeschadet daraus wieder hervorgehen wird. Wie läßt sich der Mensch noch beschreiben, wenn wir um die Kontingenz und Arbitrarität all unserer Unterscheidungen und Bezeichnungen wissen (vgl. Fuchs, Göbel 1994)?

    Auch hier weiß Heinz von Foerster raffinierte Antworten: Der Mensch ist eine 'nicht-triviale, selbstreferentielle Maschine' (vgl. von Foerster 1993e:206ff.), eine 'black box', und somit etwas 'Unentscheidbares und Unbestimmbares'. Der Mensch, so könnte man auch sagen, ist der sich selbst nie zu Gesicht bekommende Beobachter, der blinde Fleck seiner selbst. Mit all diesen Formulierungen sind Beschreibungen gewählt, die im Grunde auf Beschreibungen verzichten (vgl. von Foerster 1993d:116ff.). Das hat Methode, denn mit anderen als nichtssagenden Formulierungen liefen unsere Beschreibungen auf Trivialisierungen hinaus. Die black-box-Metapher beläßt den Menschen im Zustand der Unbestimmtheit und unterstellt, daß wir, nicht zuletzt aufgrund unseres eigenen Menschseins, unseres Beobachter-unter-Beobachterseins (vgl. Baecker 1994), prinzipiell nicht wissen können, was es mit dem Menschen auf sich hat und was in ihm vorgeht. Im Anschluß an die Beobachtungstheorie und das kybernetische black-box-Konzept des Heinz von Foerster hat Niklas Luhmann (1985:41, vgl. auch Luhmann 1983:204f.) deshalb empfohlen, vom Menschen lieber zu schweigen, ihn quasi zu exkommunizieren (vgl. Luhmann 1994), statt dilettantisch, sprich: trivialisierend über ihn zu reden.

    Sozialarbeiter können aber kein Schild in ihre Schaufenster hängen: "Menschlichkeit wegen Theorieumbau zur Zeit nicht im Programm!" Sie müssen Menschlichkeit üben und sich der Menschen annehmen, wie dilettantisch und trivialisierend auch immer. Der Mensch ist und bleibt, schreiend, schlagend, wehklagend, verstummend oder von aller Welt verlassen, Hilfe suchend oder Hilfe verweigernd, das Objekt sozialarbeiterischer Bemühungen. Seine Bedeutsamkeit kann von Sozialarbeitern, im Gegensatz zu Soziologen, nicht erst registriert werden, wenn eine Komplettvernichtung der Spezies in Aussicht und damit die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft in Frage steht (vgl. Fuchs 1994). Die Sozialarbeit rührt jedes Einzelschicksal, das ihre Sensoren ihr melden, aber das bedeutet nicht, daß sie sich deshalb in einem selbst- und womöglich klientenvergessenen Hilferausch (vgl. Baecker 1992) verlöre.

    Lang bevor Kybernetik oder Systemtheorie in Mode waren, ersannen sich Sozialarbeiter einen Trick, mit dem sie sich des Menschen annehmen konnten, ohne ihn zu vereinnahmen. Sie verständigten sich darauf, Sozialarbeit einerseits dort beginnen zu lassen, wo es darum geht, hilflosen Menschen zu helfen, sich selbst zu helfen (vgl. Scherpner 1974) und die sozialarbeiterische Definitionsmacht und Einflußnahme andererseits beim 'Selbstbestimmungsrecht des Klienten' (vgl. Salomon 1928) enden zu lassen. Zusätzlich galt das Motto, "den Klienten dort abzuholen, wo er steht!" und die Arbeit mit ihm "an seinen Ressourcen" auszurichten.

    Hilfe zur Selbsthilfe und das Selbstbestimmungsrecht des Klienten sind quasi vorausgeschickte Übersetzungen der kybernetischen black-box-Idee7. Im Schoße Alteuropas mußten diese Prinzipien freilich noch als moralische Ansprüche normiert werden. Heute sind sie das praktische und programmatische Pendant zur selbstreferentiellen Operationsweise aller in die Sozialarbeit involvierten Systeme. Es ist keine Frage der Moral mehr, die Autonomie und Selbstverantwortlichkeit des Anderen zu respektieren, sondern eher eine Frage des praktisch-professionellen Augenmaßes und der strategischen Intelligenz, mit komplexen, nicht trivialen Systemen umzugehen.

    Wenn Sozialarbeiter von den Fehlschlägen und der Erfolglosigkeit linearer Interventionsversuche erzählen oder wenn sie von dem Witz und der Verschlagenheit, der Gerissenheit und Raffiniertheit, dem Starrsinn und der Wendigkeit ihrer Klienten berichten, bezeugen sie damit kein Manko ihrer professionellen Qualifikation, sondern nur, daß der Mensch für jede Überraschung gut und in jedem Augenblick bereit ist, sich fremden Sinnzumutungen zu entziehen. Sie kommentieren im Grunde die unaufhebbare Selbstbezüglichkeit ihres Gegenübers und die prinzipielle Unmöglichkeit, mit eigenen Operationen in deren Operationsbereich einzugreifen. Deshalb können Bezeichnungen und Beschreibungen, mit denen Sozialarbeiter ihren Klienten als Person oder Fall begreifen, nur als vorläufige, ungewisse und riskante Versuche der Invisibilisierung einer an sich unbegreiflichen und haltlosen Komplexität begriffen werden. Aus der praktischen Erfahrung wie aus der kybernetischen Theorie heraus können Sozialarbeiter heute wissen, daß sie nicht wissen, wovon sie reden, wenn sie von Menschen, Personen oder Fällen reden, denn: Jede Person, jeder 'Fall' ist doch nur eine in die Falle der Trivialisierung geratene black box!8

    Wie in bezug auf Wissen und Werte greift auch in bezug auf den Menschen das Prinzip der Überzeugungsentbundenheit9. Das meint: Sozialarbeiter müssen nicht mehr davon überzeugt sein, daß der Mensch die letzte oder höchste, jedenfalls tragende Wirklichkeitskonstante ist, doch sie finden auch keinen Grund mehr, nicht trotzdem 'so zu tun als ob ...', um Mögliches zu ermöglichen: Man benutzt die Formel Mensch als eine Art Hebel, um andere zur Annahme von ansonsten prekären Sinnzumutungen zu bewegen (vgl. Fuchs 1994). Indem man mit moralischen Untertönen an das eigene Menschsein, was immer das sei, erinnert, rührt man die Spenderherzen oder bewegt etwas in den Köpfen der Klienten10. Es gehört mit anderen Worten zur Schmuddeligkeit der Sozialarbeit hinzu, den Menschen einerseits als Turbulenzquelle und Perturbator par excellence ernst zu nehmen, und ihn andererseits, sozusagen wider besseren Wissens, als Kontingenzunterbrecher, als Stopper von Beliebigkeit, als Marke, bei der der Spaß am Konstruieren sein Ende finden möge, in das Gerangel um Wirklichkeitskonstruktionen einzubringen11.


  5. Die Beobachtung des Beobachters verweist uns immer wieder nur auf black boxes und unterminiert damit letztlich alle Hoffnungen darauf, jemals zu endgültigen Beschreibungen von sich selbst oder anderen Menschen zu gelangen. Wozu dann aber das Bemühen um Verständigung? Wozu all die Versuche, sich in andere Menschen 'hineinzuversetzen', ihr Welterleben 'nachzuerleben', ihr Selbst- und Weltverstehen zu verstehen? Was wird aus der vielbeschworenen Intersubjektivität', wenn Zirkularität und Geschlossenheit den Weg 'nach draußen', den Weg zum 'Du' unmöglich machen? Wohin mit all der Empathie und all dem Hinhören-, Nachfragen-, Erklären- und Aufklärenwollen, was Sozialarbeiter so sehr auszeichnet? Die kompromißlose und brutale Nachricht einer kybernetischen Theorie der Verständigung muß lauten: "Wir verstehen einander nicht! Der Austausch findet nicht statt! Wir bleiben in jeder Beziehung getrennt!"

    Das Prinzip der undifferenzierten Kodierung, der blinde Fleck und die selbstreferentielle, zirkulär geschlossene Berechnung immer nur eigener Berechnungen trennt uns radikal von unserem Gegenüber, so daß Sozialarbeiter ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Gespräch mit anderen Menschen, nur noch unter dem Motto: "Sage mir, was du denkst, und ich denke mir, was du meinst!" nachgehen können. Wir können, so Heinz von Foerster (vgl. 1993c:110), stets nur ein eigenes Verstehen vom fremden Verstehen konstruieren, und je nachdem, wie kühn wir sind, ein nicht unähnliches Verstehen im jeweils anderen unterstellen. Viel dicker aber wird das dünne Eis nicht, auf das uns Heinz von Foerster schickt.

    Für Sozialarbeiter, die in ihrer Praxis Verständnis für so manches aufbringen müssen, wird auch ein solch ver-rücktes Verständnis von Verständigung Anschlüsse finden. Es rundet im Grunde nur ab, wofür sie sich an anderen Stellen in ihrer Praxis bereits entschieden haben:

    Auch wenn man es im Alltag immer wieder vergißt, kann es beim Verstehen des Gegenübers nicht mehr um Durchblicke, Einblicke, oder Einsichten in fremde Köpfe gehen, sondern nur noch um Inszenierungen vor dem eigenen geistigen Auge, die sich im Medium der Beobachtung zweiter Ordnung (Reflexion/Supervision) auf ihre Brauchbarkeit und Anschlußfähigkeit hin überprüfen und entsprechend korrigieren lassen. Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter für einen Beobachter gesagt! Von hier aus gesehen kann keiner sich noch anheischig machen, ohne lächerlich zu wirken, mehr zu traktieren, als die Realität seiner eigenen Konstruktionen.

    Gerade im Kontext von Beratung und Therapie eröffnen derartige Einredungen unwahrscheinliche Möglichkeiten. Es müssen keine sachgerechten Direktiven oder einzig richtigen Ratschläge mehr verteilt werden, es reicht, Impulse zur Selbständerung zu geben, die gerade in der Nichtinstruktion bestehen: Provokation, Paradoxierung, Symptomverschreibung, zirkuläres Fragen und vieles andere mehr kann nun den sozialarbeiterischen Methodenkoffer bereichern.


  6. Als 'entfachter' Kopf hat Heinz von Foerster sich um keine disziplinären Grenzen gekümmert und gerade weil er keinen Respekt vor den Fächergrenzen hatte, konnte er ein transdisziplinäres Theoriefeuer 'entfachen', das im Rahmen der Wissenschaft für vielfältige, heute noch gar nicht absehbare Irritationen sorgt. Vielleicht steckt in dieser bemerkenswerten Respektlosigkeit gegenüber allen geschlossenen Deutungssystemen - last but not least - eine weitere innere Verbundenheit von Kybernetik und Sozialarbeit.

    Auch Sozialarbeiter schnüffeln in unzählige Theorie- und Disziplingefilde hinein, ohne sich jedoch von einer Theorie oder Disziplin vollständig infizieren zu lassen. Zum Ärger mancher 'disziplinierter' Köpfe gehen Sozialarbeiter 'schluderig' mit wissenschaftlichen Angeboten um. So will es jedenfalls den wissenschaftlichen Fach-Vertretern scheinen. Aus der Perspektive der Sozialarbeit aber sieht die Sache anders aus: Nur sehr wenige wissenschaftliche Angebote bestehen die Qualitätsprüfung praktischer Anwendbarkeit und Brauchbarkeit! Deshalb waren und sind unsere Sozialarbeiter auch hinsichtlich ihrer Wissenschaftlichkeit mit guten Gründen und im besten Sinne theorielose, d.h. theoretisch unorthodoxe und wissenschaftlich respektlose Schmuddelkinder geblieben. Sie arbeiten sich auf ihre Art souverän durch einen wachsenden Wust an 'Abfällen' hindurch, nicht zuletzt auch wissenschaftlichen 'Abfällen', und sie werden sich auch hier die Freiheit nicht nehmen lassen, selbst zu entscheiden, was für sie brauchbar ist und was nicht.

    Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung kann Sozialarbeitern weder Erklärung noch Orientierung, weder Moral noch Identität liefern. Sie gibt keine Antworten und hat keine Lösungen parat. Das einzige, was sie zu bieten hat, aber vielleicht liegt gerade darin ihr diskreter und betörender Charme, ist ein zwangloser Zwang zur Freiheit12.


Anmerkungen

1 Mit diesem Spruch: "Ein Schurke sei, wer Böses dabei denkt!" verlieh die englische Königin den Strupfbandorden.

2 Dies ist das erklärte Programm der SupervisorInnenausbildung des Instituts für Beratung und Supervision (IBS) in Aachen (vgl. Kersting 1992, insbes. S. 73ff.).

3 Statt einer Beobachter- läßt sich auch eine Parasitenkaskade im Sinne Michel Serres (1981) vorstellen, um das System Sozialer Arbeit zu beschreiben (vgl. Bardmann 1990). In beiden Fällen geht es um eindeutige Uneindeutigkeit und damit um die Unmöglichkeit, aus Sozialer Arbeit etwas anderes als 'Schmuddelkram' zu machen.

4 Allein wenn wir an die Arbeit mit stigmatisierten und diskriminierten Gruppen denken, fällt sogleich auf, daß es zur Sozialarbeit nicht passen will, eine 'Abweichung' als objektive Gegebenheit, als intrinsische Qualität oder als unveränderliche Wesenseigenschaft ihrer Träger festzuschreiben. Die Sozialarbeit optiert gegen Realitätsfixierungen und für die Veränderung, Aushandlung und Gestaltung von Wirklichkeitsbeschreibungen. 'Normalisierung' nannte man eines ihrer Programme. Das war zwar auch, aber nie nur 'Anpassung abweichender Normalitäten an herrschende Standards', sondern immer auch 'Anpassung herrschender Standards an abweichende Normalitäten'. Die vielfältigen praktischen Bemühungen der Sozialarbeit, gerade unterprivilegierten Ausdrucksformen einen Raum zur Artikulation zu bieten, zeigen, daß Sozialarbeiter keine 'lauen Pluralisten' sind, die sich mit Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden zufrieden geben, sondern sich eher als 'Radikalpluralisten' verstehen, die den Zweifel an feststehendem Sinn, Eindeutigkeit und Letztgültigkeit von Realitätsentwürfen in ihrem Handeln tagtäglich praktisch in Frage stellen.

5 Mit Heinz von Foerster muß jede Aussage die Bedingung mitangeben, unter der sie Klarheit gewinnt und Gültigkeit besitzt, d.h. sie muß letztlich den Beobachter benennen. Der läßt sich allerdings in rekursiven Beobachtungsschleifen unschwer in Wohlgefallen auflösen, womit dann jede Klarheit und alle Gültigkeit verschwände. An dieser Stelle können Beobachter 'durchdrehen und ihre Welt chaotisch, irrsinnig, absurd, weit mehr noch also als 'schmuddelig' werden lassen. Sie können sich allerdings auch - und zwar genau vor diesem Hintergrund! - für eine - freilich paradoxe - Selbstfundierung entscheiden, um für sich und andere Klarheiten und Gültigkeiten zu erzeugen: Man entscheidet sich zu dieser und keiner anderen Aussage. Solange man seine paradoxe Fundierung nicht vergißt, kann man sich in bezug auf all seine Aussagen lernfähig halten, auch wenn man sie hier und jetzt als gültig vertritt.

6 Im Modellstudiengang für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der FH Niederrhein in Mönchengladbach wird eben den Veranstaltungen, in denen es um eine gemeinsame Reflexion der je eigenen Problemsicht, Werthaltung und Handlungsstrategie geht, besonders große Bedeutung beigemessen (vgl. Klüsche 1992).

7 Da die Sozialarbeit nicht nur Case Work, d.h. helfende Arbeit am Einzelfall, sondern auch Social Groupwork (vgl. Krapohl, Simon 1991) leistet, begegnet ihr das black-box-Phänomen nicht nur auf personaler, sondern auch auf sozialer Ebene. Das Problem liegt bis heute für viele Sozialarbeiter (wie auch für manche Kybernetiker) darin, den Blick vom Menschen auf die Gruppe, besser: auf die Ebene der sozialen Systembildung umzustellen, um auch auf dieser Ebene eine Form der selbstreferentiellen und zirkulär geschlossenen Operationsweise zu beobachten (vgl. Luhmann 1987). Die Komplexität sozialer Systeme läßt sich bezeichnenderweise nicht auf den Eigensinn und die Eigendynamik von Personen reduzieren, sondern erwächst ihren Interaktionen. Auch auf der Ebene sozialer Systeme operieren Sozialarbeiter also mit einer black box, so daß sie im Grunde stets mit mehreren black boxes hantieren, aus denen ihnen, sobald sie Aufhellungsversuche starten, gleich wieder mehrere neue black boxes entgegenspringen (vgl. Glanville 1988).

8 Der Mensch wird Person (im Sinne von Luhmann 1991) bzw. Fall, indem in gewissen Weisen über ihn geredet wird und so 'Erwartungskollagen' angefertigt werden. Offizielle Varianten dieses Verfahrens sind Diagnosen, Fallbeschreibungen, Persönlichkeitsprofile, Krankheitsbilder, Kriminalitätskarrieren, Aktennotizen usw. Mit Hilfe dieser Techniken, die nichts weiter sind als 'Fetische der Realität', macht man aus prinzipiell unvorhersagbaren, unerklärlichen Objekten diskrete Entitäten, die Voraussagen zu erlauben scheinen. Sozialarbeiter können auf derartige Fetische nicht verzichten, wohl aber darauf, sie zu fetischisieren!

9 Die Überzeugung ist doch nur die Intimfeindin der Überraschung und wer sich als Sozialarbeiter (mit Hilfe unumstößlichen Wissens, geltender Gesetze und starrerPrinzipien) gegenüber Überraschungen verschließt, der verschließt sich gegenüber den Menschen.

10 Und mal im Ernst: Wohin kämen wir denn, wenn nicht einige Dilettanten (oder sind es nur als Dilettanten getarnte Opportunisten?) uns ab und an an die Positiva des Menschseins, (die Negativa gottlob ausblendend) erinnerten: an Gewaltfreiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Vernunft, Phantasie, Toleranz, Solidarität und Zärtlichkeit?

11 Wo der Mensch als 'moralische Keule' eingesetzt wird wuchert Emotionalität und Selbstgerechtigkeit, steigt die Streitbarkeit und Feindseligkeit. Deshalb ist bei einem solchen Einsatz Vorsicht geboten!

12 Zum guten Schluß noch ein Gedicht (frei nach Zarah Leander):

Kann denn Freiheit Sünde sein?
Darf es niemand wissen, daß man nichts weiß,
daß man alles Wissen vergißt? – Zum Glück!
Freiheit kann nicht Sünde sein!
Und wenn sie es wär, so wär's mir egal!
Lieber will ich sündigen mal,
als ohne Freiheit sein!


Literatur:

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Der Autor:

Prof. Dr. Theodor M. Bardmann


Veröffentlichungsdatum: 27. November 2001


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